{"id":134113,"date":"2025-06-08T13:00:14","date_gmt":"2025-06-08T11:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134113"},"modified":"2025-06-11T10:29:19","modified_gmt":"2025-06-11T08:29:19","slug":"die-israelische-realitaet-und-der-deutsche-mythos-warum-deutschland-ein-anderes-israel-verteidigt-als-es-existiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134113","title":{"rendered":"Die israelische Realit\u00e4t und der deutsche Mythos \u2013 Warum Deutschland ein anderes Israel verteidigt, als es existiert"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich Israel nach au&szlig;en als westlich-demokratische Bastion pr&auml;sentiert, verfestigt sich im Inneren ein autorit&auml;rer Block, der offen das Ende der s&auml;kularen Staatsordnung anstrebt. Gleichzeitig h&auml;lt die politische Klasse Deutschlands nahezu unbeirrt an einem idealisierten Bild Israels fest. Dieses Idealbild erscheint nicht nur ritualisiert, sondern auch bewusst entkoppelt von der Realit&auml;t israelischer Innenpolitik. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3303\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-134113-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=134113-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/flyer\/250606-Israelische-Realitaet-deutscher-Mythos-NDS_Detlef_Koch.pdf\">als gestaltetes PDF vor<\/a>. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>1. Die Weltuntergangs-Theokratie des Rabbi Ginsburg<\/strong><\/p><p>Am 22. Mai 2025 ver&ouml;ffentlichte die hebr&auml;ische Ausgabe der israelischen Tageszeitung <em>Haaretz <\/em>einen Artikel, der &ndash; gemessen an seiner theologischen und gesellschaftspolitischen Sprengkraft &ndash; kaum &uuml;bertroffen werden kann. Den Original-Text finden Sie <a href=\"https:\/\/archive.md\/yI4Dy\">unter diesem Link<\/a>, eine &Uuml;bersetzung finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/250522-Haaretz-Artikel-uebersetzung.pdf\">unter diesem Link<\/a>. Im Zentrum steht eine Predigt des einflussreichen Rabbis Yitzhak Ginsburg, einem charismatischen Vordenker des messianischen Rechtsextremismus in Israel. Ginsburg entwirft in seinen Schriften und &ouml;ffentlichen Ansprachen die Vision eines radikal-theokratischen Staates, der das bestehende s&auml;kular-zionistische Gemeinwesen nicht reformieren, sondern &uuml;berwinden und ersetzen soll &ndash; durch eine Herrschaftsform, die sich ausschlie&szlig;lich auf die Halacha, das j&uuml;dische Religionsgesetz, st&uuml;tzt. <\/p><p>Das Sprachbild, das Ginsburg zur Veranschaulichung dieses Ziels verwendet, ist ebenso bildstark wie verst&ouml;rend. In seinem Vortrag vergleicht er den modernen Staat Israel mit einer Walnuss: Der heilige Kern &ndash; das &bdquo;wahre Volk Israel&ldquo; &ndash; sei von vier unreinen &bdquo;Schalen&ldquo; (Klippot) umgeben, die es mit Gewalt zu zerschlagen gelte. Diese Schalen stehen f&uuml;r zentrale Institutionen des s&auml;kularen Staates, also eines Staates, der Religion und Staat streng trennt: die Medien, das Rechtssystem, die Regierung und das Milit&auml;r. Sie seien Ausdruck einer s&auml;kularen Ordnung, die dem g&ouml;ttlichen Plan widerspreche und daher beseitigt werden m&uuml;sse. <\/p><p>Am deutlichsten formuliert Ginsburg dies im Blick auf die israelische Armee. Diese sei zwar notwendig, m&uuml;sse jedoch von &bdquo;verdorbenen moralischen Werten&ldquo; gereinigt und in ein Instrument g&ouml;ttlicher Vergeltung &uuml;berf&uuml;hrt werden. Der s&auml;kulare Grundsatz der &bdquo;Reinheit der Waffen&ldquo; &ndash; also das Gebot, Gewalt nur verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig und moralisch gerechtfertigt anzuwenden &ndash; sei eine &bdquo;falsche Doktrin&ldquo;, die der g&ouml;ttlichen Ordnung zuwiderlaufe. Stattdessen fordert Ginsburg eine neue Generation von &bdquo;Nussknackern&ldquo;: einfache Juden, die sich nicht mehr an die Regeln der IDF binden, sondern sich dem g&ouml;ttlichen Willen unterwerfen und im Zweifelsfall selbst zu Vollstreckern der g&ouml;ttlichen Gerechtigkeit werden.<\/p><p>Dass es sich bei diesen Ideen nicht um blo&szlig;e Theorie handelt, belegt die parallele Ver&ouml;ffentlichung repr&auml;sentativer Umfragedaten. Einer im M&auml;rz 2025 erhobenen Studie zufolge bef&uuml;rworten 82 Prozent der j&uuml;dischen Israelis die Zwangsumsiedlung der gesamten Bev&ouml;lkerung des Gazastreifens. Fast die H&auml;lfte &ndash; 47 Prozent &ndash; stimmte der Aussage zu, es sei gerechtfertigt, bei der Eroberung feindlicher St&auml;dte alle Bewohner zu t&ouml;ten &ndash; eine direkte Anlehnung an das biblische Massaker in Jericho unter Josua. <\/p><p>Diese Zahlen deuten auf eine tiefgreifende Radikalisierung breiter Teile der israelischen Gesellschaft hin &ndash; nicht nur an den R&auml;ndern, sondern im Zentrum. Ginsburgs Ideen finden nicht nur in militanten Siedlerkreisen wie der sogenannten Hilltop Youth[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Widerhall. Sie beeinflussen auch nicht nur politische Akteure wie Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir, die hohe &Auml;mter in der israelischen Regierung bekleiden und wiederholt Positionen vertreten haben, die sich direkt auf Ginsburgs Theologie der Vergeltung und der ethnischen Reinheit zur&uuml;ckf&uuml;hren lassen. Die &bdquo;j&uuml;dische&ldquo; Bev&ouml;lkerung ist von dieser &bdquo;ethnischen Reinheit&ldquo; berauscht. <\/p><p>Besonders brisant ist der Umstand, dass Ginsburg kein isolierter Au&szlig;enseiter ist. Sein Lehrhaus &bdquo;Od Yosef Chai&ldquo; in der Siedlung Yitzhar wurde zeitweise mit &ouml;ffentlichen Mitteln gef&ouml;rdert, seine Publikationen erschienen mit Unterst&uuml;tzung staatlicher Institutionen. Obwohl er offen zur Untergrabung der israelischen Ethno-Demokratie[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] aufruft, genie&szlig;t er in gro&szlig;en Teilen des religi&ouml;sen Establishments Respekt &ndash; nicht wegen seiner Inhalte, sondern wegen seiner &bdquo;konsequenten Prinzipientreue&ldquo;. Diese Mischung aus Unterst&uuml;tzung durch offizielle Stellen, klaren Ideen und Zustimmung in der Gesellschaft macht seine Gedanken besonders gef&auml;hrlich, weil sie wie berechtigt wirken. Die Vision, die Ginsburg entwirft, ist nicht nur eine theologische Abrechnung mit dem gez&auml;hmten zionistischen Projekt. Sie ist ein politisches Programm zur Ersetzung der bisherigen Ethno-Demokratie durch ein fundamentalistisches Gottesregime &ndash; inspiriert nicht zuletzt von der Islamischen Republik Iran, mit der Ginsburgs Konzept strukturelle Parallelen aufweist. Der Dritte Tempel in Jerusalem ist in dieser Vision nicht blo&szlig; ein religi&ouml;ses Symbol, sondern das institutionelle Zentrum eines neuen j&uuml;dischen Gottesstaates, der das bestehende Israel abl&ouml;st &ndash; oder, in Ginsburgs Worten, &bdquo;freilegt&ldquo;. <\/p><p>Diese Entwicklungen markieren eine historische Z&auml;sur: W&auml;hrend sich Israel nach au&szlig;en als westlich-demokratische Bastion pr&auml;sentiert, verfestigt sich im Inneren ein autorit&auml;r-messianischer Block, der offen das Ende der s&auml;kularen Staatsordnung anstrebt. Ginsburg ist nicht ihr einziger Prophet &ndash; aber vielleicht ihr radikalster. <\/p><p><strong>2. Wie Deutschland den israelischen Staat portraitiert &ndash; Mythen, Mantras und die Immunisierung gegen Kritik <\/strong><\/p><p>W&auml;hrend sich in Israel zunehmend ein autorit&auml;rer, ethno-religi&ouml;ser Staatsumbau vollzieht, h&auml;lt die politische Klasse Deutschlands nahezu unbeirrt an einem idealisierten Bild Israels fest. In Reden, Pressekonferenzen und offiziellen Stellungnahmen wird Israel regelm&auml;&szlig;ig als &bdquo;einzige Demokratie im Nahen Osten&ldquo; gew&uuml;rdigt, als &bdquo;Rechtsstaat mit westlicher Wertebindung&ldquo; oder gar als &bdquo;Schutzmacht gegen Antisemitismus&ldquo;. Diese Zuschreibungen erscheinen nicht nur ritualisiert, sondern auch bewusst entkoppelt von der Realit&auml;t israelischer Innenpolitik. <\/p><p>Am 14. M&auml;rz 2025 etwa erkl&auml;rte Bundeskanzler Olaf Scholz auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem: &bdquo;Israel ist eine lebendige Demokratie und ein Staat, dessen Werte uns verbinden.&ldquo; Der Satz wurde von zahlreichen deutschen Medien aufgegriffen &ndash; nicht etwa kritisch, sondern zustimmend. Zwei Wochen zuvor hatte Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock im Bundestag Israel als &bdquo;unseren engsten Partner in der Region und den einzigen Rechtsstaat&ldquo; bezeichnet &ndash; eine Formulierung, die angesichts der zeitgleich ver&ouml;ffentlichten Berichte &uuml;ber systematische Vertreibungen und Milit&auml;rgewalt in Gaza keinerlei Verst&ouml;rung hervorrief. <\/p><p>Auch unter der neuen Regierung von Friedrich Merz blieb der rhetorische Grundton gleich. In einem FAZ-Interview vom 2. Mai 2025 betonte Merz: &bdquo;Die Wertegemeinschaft mit Israel ist f&uuml;r Deutschland unverhandelbar.&ldquo; Was genau mit diesen &bdquo;Werten&ldquo; gemeint ist &ndash; und ob sie mit der Realit&auml;t eines Staates vereinbar sind, in dem Minister systematisch arabische Ortschaften ausl&ouml;schen wollen und Justizreformen demokratische Kontrollmechanismen aushebeln &ndash;, bleibt ungesagt. Entscheidend ist nicht die inhaltliche Substanz, sondern der symbolische Akt der zustimmenden Beschw&ouml;rung. <\/p><p>Diese politische Rhetorik bleibt nicht folgenlos. Sie pr&auml;gt auch den medialen Diskurs. Leitmedien wie die <em>FAZ<\/em>, die <em>Welt<\/em>, der <em>Tagesspiegel <\/em>oder das &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunksystem bedienen die immer gleichen Narrative: Israel als &bdquo;Stabilit&auml;tsanker&ldquo;, als &bdquo;verl&auml;sslicher Partner&ldquo;, als &bdquo;pluralistische Gesellschaft unter Bedrohung&ldquo;. Der Verweis auf Hamas, Terror, Raketen und &bdquo;unsere historische Verantwortung&ldquo; dient dabei regelm&auml;&szlig;ig als argumentative Abrissbirne gegen jede Form von struktureller oder menschenrechtlicher Kritik an israelischer Politik. <\/p><p>Auff&auml;llig ist, wie stark die deutschen Deutungsmuster entkoppelt sind von israelischen Selbstbeschreibungen und gesellschaftlichen Realit&auml;ten. W&auml;hrend in Israel selbst ein mehrheitlicher Teil der sich selbst als j&uuml;disch verstehenden Bev&ouml;lkerung offen rassistische, theokratische oder von Ausl&ouml;schungssehnsucht befl&uuml;gelte Positionen vertritt, wird in Deutschland die Vorstellung gepflegt, Israel sei trotz &bdquo;innerer Polarisierung&ldquo; ein funktionierender Rechtsstaat mit intakter Gewaltenteilung. Dabei ist l&auml;ngst dokumentiert, dass zentrale demokratische Prinzipien &ndash; von der Gleichheit vor dem Gesetz bis zur Meinungs- und Pressefreiheit &ndash; in den besetzten Gebieten systematisch ausgeschlossen sind und auch innerhalb der Gr&uuml;nen Linie zunehmend ausgeh&ouml;hlt werden. <\/p><p>Dieser Widerspruch zwischen Realit&auml;tslage und politisch-medialem Narrativ l&auml;sst sich als strategische Immunisierung[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] gegen Kritik deuten. Wer in Deutschland Israels Systemcharakter in Frage stellt, l&auml;uft Gefahr, mit Antisemitismusvorw&uuml;rfen &uuml;berzogen zu werden &ndash; selbst wenn die Kritik sich explizit auf v&ouml;lkerrechtliche, menschenrechtliche oder innerisraelische Quellen st&uuml;tzt. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer politischen Kommunikationsstrategie, die sp&auml;testens mit der offiziellen &Uuml;bernahme der IHRA-Definition von Antisemitismus institutionell verankert wurde. Diese Definition &ndash; inklusive ihrer umstrittenen Beispiele zur Delegitimierung Israels &ndash; wird zunehmend als De-facto-Zensurmechanismus gegen pal&auml;stinasolidarische, aber auch innerj&uuml;dische kritische Stimmen genutzt. <\/p><p>So entstehen doppelte Ausl&ouml;schungen: die Ausl&ouml;schung der Realit&auml;t vor Ort &ndash; durch ihre Ausblendung &ndash; und die Ausl&ouml;schung abweichender Stimmen im Diskursraum &ndash; durch Ausgrenzung. Der deutsche Diskurs &uuml;ber Israel beruht somit auf einem moralpolitischen Dogma: Kritik ist nur erlaubt, wenn sie zustimmend bleibt. Wer dieses Dogma infrage stellt, gef&auml;hrdet nicht nur seine Glaubw&uuml;rdigkeit, sondern zunehmend auch seine berufliche Existenz &ndash; wie zahlreiche F&auml;lle von ausgeladenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, diffamierten K&uuml;nstlern und ge&auml;chteten Journalistinnen belegen. <\/p><p>Besonders bemerkenswert ist dabei, dass selbst zentrale j&uuml;dische Kritiker des Zionismus &ndash; von Hannah Arendt &uuml;ber Yeshayahu Leibowitz bis zu Judith Butler &ndash; im deutschen Diskurs systematisch ignoriert oder umgedeutet werden. Ihre Positionen gelten als randst&auml;ndig, obwohl sie in Israel und in der j&uuml;dischen Diaspora eine lange Tradition repr&auml;sentieren. Die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus, von Israelkritik und Antisemitismus schafft so nicht nur ein verzerrtes Bild des j&uuml;dischen Denkens, sondern untergr&auml;bt auch die pluralistischen Grundlagen des demokratischen Diskurses.<\/p><p>In dieser Konstellation erscheint die deutsche Reaktion auf israelische Realit&auml;t nicht als Ausdruck freundschaftlicher Loyalit&auml;t, sondern als aktives Mitwirken an einer politischen Fiktion. Indem deutsche Regierungsvertreter Israel ungepr&uuml;ft als Demokratie affirmieren, obwohl das Land systematisch nichtj&uuml;dische Minderheiten entrechtet, verschleiern sie nicht nur die wachsenden autokratischen Tendenzen, sondern machen sich auch mitschuldig an deren Legitimierung. Das ist ein Widerspruch: Ausgerechnet das Land, das sagt, es trage wegen des Holocaust eine besondere Verantwortung, unterst&uuml;tzt heute einen Staat, der mit dieser Begr&uuml;ndung Gewalt gegen andere Volksgruppen rechtfertigt. Finde den Fehler!<\/p><p>Wer sich dieser Dynamik entziehen m&ouml;chte, muss die Frage stellen, ob das gegenw&auml;rtige deutsche Israel-Narrativ nicht selbst zu einem Instrument der Realit&auml;tsverweigerung geworden ist &ndash; und wie die Wahrheit &uuml;ber Israel in Verbindung mit dem politischen Zionismus in Deutschland ethisch vertretbar vermittelt werden muss. <\/p><p><strong>3. Wie ist der Zionismus k&uuml;nftig zu bewerten &ndash; und was bedeutet das f&uuml;r Deutschlands moralische Position? <\/strong><\/p><p>Zionismus &ndash; ein Begriff, der in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit mit Judentum und somit mit historischer Schuld, kollektiver Loyalit&auml;t und der Staatsr&auml;son der Bundesrepublik verschmolzen ist &ndash; bedarf dringend einer begrifflichen und politischen Revision. Denn der politische Zionismus des 21. Jahrhunderts hat mit der Emanzipationsbewegung des sp&auml;ten 19. Jahrhunderts, als deren gerechtfertigten Ursprung man ihn gern versteht, nur noch wenig gemein. <\/p><p>Was einst als j&uuml;dische Selbstschutzstrategie in einer antisemitischen Welt begann, ist heute zur ideologischen Grundlage eines Staates geworden, der sich in weiten Teilen ethnisch exklusiv, theokratisch aufgeladen und v&ouml;lkerrechtlich r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt verh&auml;lt. Es ist ein Nationalismus, der nicht auf Gleichheit, sondern auf Unterschieden, nicht auf Einbeziehung, sondern auf Ausschluss beruht &ndash; gerechtfertigt durch eine religi&ouml;s-ethnische Erz&auml;hlung, die f&uuml;r Nichtjuden im &bdquo;j&uuml;dischen Staat&ldquo; strukturell keinen gleichberechtigten Platz vorsieht. <\/p><p>Die Gleichsetzung von Zionismus und Judentum zur Antisemitismusabwehr, wie sie insbesondere in der deutschen Politik zur Doktrin geworden ist, erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur analytisch unhaltbar, sondern moralisch verwerflich. Sie immunisiert den Zionismus gegen jede Form gerechtfertigter Kritik &ndash; auch dann, wenn diese von j&uuml;dischen Stimmen selbst ge&auml;u&szlig;ert wird. Ilan Papp&eacute;, Shlomo Sand, Amira Hass, Gideon Levy, Yehuda Shaul, Breaking the Silence, B&rsquo;Tselem, Rabbiner der Neturei Karta, j&uuml;dische Holocaust&uuml;berlebende in den USA &ndash; sie alle geraten in Deutschland unter Verdacht, wenn sie den Zionismus kritisieren. Das ist keine Debattenkultur, das ist Dogma. <\/p><p>Eine ethisch fundierte Bewertung des Zionismus muss sich daher zun&auml;chst von der falschen Alternative emanzipieren, die da lautet: Entweder Zionismus gleich Judentum oder Antisemitismus. Diese Schwarz-Wei&szlig;-Logik verkennt, dass Zionismus geschichtlich wie gegenw&auml;rtig nicht nur eine Schutzideologie, sondern auch eine Gewaltordnung ist. Die Nakba von 1948, die systematische Vertreibung und Enteignung Hunderttausender Pal&auml;stinenser, war keine bedauerliche Begleiterscheinung, sondern eine bewusste Strategie gebietsbeanspruchender Vorherrschaft &ndash; getragen von einem Siedlerkolonialismus, der seine Rechtfertigung aus dem zionistischen Gr&uuml;ndungsmythos bezog.<\/p><p>Heute zeigt sich der politische Zionismus in Form eines exklusiven Souver&auml;nit&auml;tsanspruchs, der auf ethnischer &Uuml;berlegenheit und theologischer Unverhandelbarkeit beruht &ndash; ein Anspruch, der durch Siedlungsexpansion, Gesetzgebung, Staatsb&uuml;rgerrecht und milit&auml;rische Gewalt fortdauernd durchgesetzt wird. Und nicht nur in den besetzten Gebieten: Auch innerhalb der &bdquo;Gr&uuml;nen Linie&ldquo; werden arabische Israelis systematisch benachteiligt &ndash; rechtlich, wirtschaftlich, institutionell.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist es dringend geboten, in Deutschland zwischen Judentum und Zionismus zu differenzieren. Diese Unterscheidung ist keine terminologische Spitzfindigkeit, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Sie erlaubt, die berechtigte Sorge um j&uuml;disches Leben und die berechtigte Kritik an einem v&ouml;lkerrechtswidrigen Staatsprojekt zugleich ernst zu nehmen. Sie verhindert die moralische Erpressung, in deren Namen pal&auml;stinensische Rechte suspendiert, j&uuml;dische Dissidenten diffamiert und demokratische Diskurse unterdr&uuml;ckt werden. <\/p><p>Aus dieser Neubewertung ergeben sich klare politische Konsequenzen: <\/p><ul>\n<li>3.1. <strong>Keine automatische Gleichsetzung von Israelkritik mit Antisemitismus: <\/strong>Deutschland muss sich von der IHRA-Definition als politischem Kampfmittel verabschieden und stattdessen auf juristisch trennscharfe, kontextbezogene Antisemitismusdefinitionen zur&uuml;ckgreifen, wie sie etwa von j&uuml;dischen Organisationen wie Jewish Voice for Peace oder in der Jerusalem Declaration on Antisemitism entwickelt wurden. <\/li>\n<li>3.2. <strong>Ende der Diskurszensur in staatlichen und zivilgesellschaftlichen R&auml;umen: <\/strong>Kritik an Israel und am Zionismus muss an Schulen, Universit&auml;ten, in der Kulturpolitik und in der Erinnerungskultur m&ouml;glich sein &ndash; auch wenn sie radikal, provokant oder antinationalistisch formuliert ist. Nur dort, wo auch Dissens erlaubt ist, verdient eine Demokratie ihren Namen. <\/li>\n<li>3.3. <strong>Ausrichtung der deutschen Au&szlig;enpolitik an Menschenrechten statt an Staatsr&auml;son: <\/strong>Milit&auml;rische Zusammenarbeit, R&uuml;stungsexporte und diplomatische Flankierung eines Staates, der unter permanenter Anklage wegen schwerster Menschenrechtsverbrechen steht, k&ouml;nnen nicht durch historische Schuld begr&uuml;ndet werden &ndash; sie konterkarieren sie. <\/li>\n<li>3.4. <strong>Solidarit&auml;t mit jenen Kr&auml;ften, die in Israel selbst gegen Besatzung, Rassismus und Theokratie k&auml;mpfen: <\/strong>Der wahre Freund Israels ist nicht, wer seine Regierung bedingungslos unterst&uuml;tzt, sondern wer Israel darin unterst&uuml;tzt, eine Demokratie zu werden &ndash; auch gegen religi&ouml;se Extremisten wie Ginsburg und gegen deren parlamentarische Kollaborateure. <\/li>\n<\/ul><p>Deutschland steht damit an einem moralischen Scheideweg. Entweder bleibt es Gefangener eines Narrativs, das den Zionismus sakralisiert und damit immunisiert &ndash; oder es wagt die politische Aufrichtigkeit, zwischen historischem Gedenken und gegenw&auml;rtiger Verantwortung zu unterscheiden; zwischen der Verteidigung j&uuml;dischen Lebens und der unbedingten Loyalit&auml;t zu einem Staat, der sich zunehmend als autorit&auml;r, rassistisch und religi&ouml;s-exklusiv geriert. <\/p><p>Solange Deutschland die gewaltvolle, ethno-nationalistische Spielart des Zionismus als Ausdruck &bdquo;westlicher Werte&ldquo; best&auml;tigt, verr&auml;t es seine eigene demokratische Substanz. Glaubw&uuml;rdigkeit beginnt dort, wo der Mut w&auml;chst, auch den &bdquo;eigenen Freunden&ldquo; die Wahrheit zuzumuten. Ein Staat, der Menschen systematisch entrechtet, kann nicht zugleich als demokratisches Vorbild hofiert werden. Die politische und mediale Weigerung, diese Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, ist Ausdruck einer tiefgreifenden Legitimationskrise &ndash; nicht Israels, sondern Deutschlands. <\/p><p><em>Glaubw&uuml;rdigkeit in den universellen Menschenrechten beginnt dort, wo sich T&auml;ter und Opfer aus der Geschichte lernend gegenseitig im Ringen um diese Rechte ermahnen, wenn sie vom Pfad der Tugend abweichen.<\/em><\/p><p><small>Ttielbild: Andy.LIU \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Hill Top Youth bezieht sich auf die Gewohnheit der Siedler, immer die H&uuml;gel in Pal&auml;stina zuerst zu besiedeln.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Eine Ethno-Demokratie ist ein Staat mit Wahlen und Parlament, bei dem aber eine Volksgruppe (hier zionistische Juden) bevorzugt wird. Andere Gruppen haben weniger Rechte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Ein Verhalten oder eine Taktik, bei der Kritik gezielt so abgewehrt wird, dass sie gar nicht mehr ernst genommen oder als unzul&auml;ssig dargestellt wird &ndash; zum Beispiel, indem man Kritiker automatisch als voreingenommen oder feindlich hinstellt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend sich Israel nach au&szlig;en als westlich-demokratische Bastion pr&auml;sentiert, verfestigt sich im Inneren ein autorit&auml;rer Block, der offen das Ende der s&auml;kularen Staatsordnung anstrebt. Gleichzeitig h&auml;lt die politische Klasse Deutschlands nahezu unbeirrt an einem idealisierten Bild Israels fest. Dieses Idealbild erscheint nicht nur ritualisiert, sondern auch bewusst entkoppelt von der Realit&auml;t israelischer Innenpolitik. Von <strong>Detlef<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134113\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":134114,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,169,107,54],"tags":[302,1557,1792,305,835,303,826,2039,2374,687,1703,1281],"class_list":["post-134113","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-gestaltete-pdf","tag-gaza","tag-israel","tag-kolonialismus","tag-menschenrechte","tag-nationalismus","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-siedlungspolitik","tag-staatsraeson","tag-ungleichheit","tag-voelkerrecht","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/shutterstock_2373770925.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=134113"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":134323,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134113\/revisions\/134323"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/134114"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=134113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=134113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=134113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}