{"id":134139,"date":"2025-06-06T15:19:48","date_gmt":"2025-06-06T13:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134139"},"modified":"2025-06-06T17:03:51","modified_gmt":"2025-06-06T15:03:51","slug":"zum-150-geburtstag-von-thomas-mann-diese-elendsmischung-aus-vermufften-seelentuemern-und-massenklamauk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134139","title":{"rendered":"Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann: \u201eDiese Elendsmischung aus vermufften Seelent\u00fcmern und Massenklamauk\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Sind wir die letzten Kinder einer hochintellektualisierten Bourgeoisie?&ldquo;, fragte Klaus Mann in einem seiner Essays prophetisch &ndash; in den fr&uuml;hen 1930er-Jahren. Das Zeitalter des europ&auml;ischen B&uuml;rgertums, wie es sein Vater Thomas Mann repr&auml;sentierte, ist sicherlich vorbei. Das heutige B&uuml;rgertum des Westens &ndash; in der globalen Welt &ndash; die Herrschaft des Konsums, der Standardisierung, um aus jedem Einzelnen einen optimalen Konsumenten zu machen, ist damit nicht mehr vergleichbar. Von <b>Ramon Schack<\/b>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf welchem geistigen Niveau sich dieses Milieu einst bewegte &ndash; moralisch und sittlich war das nicht der Fall, oder nur sehr bedingt -, wird in diesem Interview deutlich, welches G&uuml;nter Gaus 1965 mit Golo Mann f&uuml;hrte:<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/otqooqgPj2Q?si=IMaQGACJn6RGjH6A\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>&Uuml;ber Jahrzehnte wurde das Erbe der Manns, dieser &bdquo;amazing family&ldquo;, wie es ein britischer Aristokrat einst auszudr&uuml;cken pflegte, in Manns Geburtsstadt L&uuml;beck geradezu stiefm&uuml;tterlich behandelt. Heinrich Mann wurde im Kalten Krieg in Westdeutschland sowieso marginalisiert, daf&uuml;r war er zu links, Klaus Mann hat es nie gegeben. Doch das alles hat sich &ndash; zumindest dort &ndash; sehr positiv ver&auml;ndert.<\/p><p>Allerdings ist anl&auml;sslich des 150. Geburtstages von Thomas Mann, geboren am 6. Juni 1875, nur wenig Erw&auml;hnenswertes zu nennen in der Presseschau. Nat&uuml;rlich kann man die Homosexualit&auml;t Manns beziehungsweise dessen angeblich unterdr&uuml;ckte Homosexualit&auml;t als Sensation vermarkten, aber das bewegt sich im Bereich von Klatsch und Tratsch. Die politische Analyse seines Werkes wird von Wunschdenken und ideologischer &Uuml;berheblichkeit gepr&auml;gt, dabei war Thomas Mann ein Kind seiner Zeit. Seine Hinwendung vom Monarchisten und Deutschnationalen zum Verteidiger der Weimarer Republik, als diese schon fast am Ende war, in Ordnung, aber da waren seine Kinder und sein Bruder hellsichtiger.<\/p><p>Immerhin formulierte Thomas Mann 1932:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Darum verabscheue ich das tr&uuml;be Amalgam, das sich &sbquo;Nationalsozialismus&lsquo; nennt, dieses Falsifikat der Erneuerung, das, hirn- und ziellose Verwirrung in sich selber, nie etwas anderes als eben Verwirrung und Ungl&uuml;ck wird stiften k&ouml;nnen, diese Elendsmischung aus vermufften Seelent&uuml;mern und Massenklamauk.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Zeilen sollte man noch einmal lesen, denn hier entlarvt Thomas Mann den fatalen Hang der Deutschen zur Romantik, welchem er selbst jahrzehntelang erlegen war und der auch heute noch von vielen Zeitgenossen propagiert wird.<\/p><p>&bdquo;Democracy will win&ldquo; &ndash; diese Aussage Manns aus dem Jahr 1938 wird aktuell gerne dazu verwendet, den Schriftsteller als eine Art Vordenker unseres politischen Systems und transatlantischer Verankerung zu instrumentalisieren. Dabei wird nat&uuml;rlich unterschlagen, dass Mann mit seiner Familie wie viele andere europ&auml;ische Intellektuelle die USA aufgrund der Ver&auml;nderung des politischen Klimas dort nach dem Zweiten Weltkrieg verlie&szlig;.<\/p><p>Auch der ber&uuml;hmte Ausspruch Manns, in dem er den Antikommunismus 1943 als die &bdquo;Grundtorheit unserer Epoche&ldquo; identifizierte, wird dabei wesentlich seltener zitiert.<\/p><p>Sicherlich kann sich jeder aus dem 80-j&auml;hrigen Leben dieses Mannes, der vier Jahre nach der Reichsgr&uuml;ndung 1875 das Licht der Welt erblickte, Zitate aus dessen mannigfaltigen Schriften herauspicken wie Rosinen aus einem Brot. Monarchisten w&uuml;rden dabei ebenso f&uuml;ndig werden wie Nationalisten, Alt-Liberale, Sozialdemokraten, Philo- und Antisemiten, Pazifisten und Kriegstreiber.<\/p><p>Thomas Mann polarisiert bis heute. Anl&auml;sslich seines 100. Geburtstages, am 6. Juni 1975, nannte Adolf Muschg etwa den Dichter der &bdquo;Buddenbrooks&ldquo;, des &bdquo;Zauberbergs&ldquo; und des &bdquo;Doktor Faustus&ldquo; eine &bdquo;ungeliebte Gro&szlig;macht&ldquo;. Auch trotzige Ablehnung machte sich bemerkbar. Hans Erich Nossack sah Thomas Manns Stil als &bdquo;warnendes Beispiel daf&uuml;r, wie man auf keinen Fall schreiben darf&ldquo;, ja als &bdquo;Inbegriff der Unehrlichkeit und Feigheit&ldquo;, Peter R&uuml;hmkorf sprach von einer &bdquo;Gro&szlig;b&uuml;rgerlichkeit, die mir beinahe physisch zuwider ist&ldquo;.<\/p><p>Inzwischen, ein halbes Jahrhundert sp&auml;ter, sind solche &Auml;u&szlig;erungen, die wahrscheinlich auch unter dem Aspekt Neid und Missgunst zu verbuchen sind, nahezu verklungen. In seinen ber&uuml;hmten Ansprachen aus dem Exil in Kalifornien zog Thomas Mann alle Register. Er sprach vom &bdquo;Teufelsdreck&ldquo; des Nationalsozialismus und bezeichnete Hitler als einen &bdquo;k&uuml;mmerlichen Geschichtsschwindler und Falschsieger&ldquo;, als &bdquo;stupiden V&ouml;lkerm&ouml;rder&ldquo;, &bdquo;widerw&auml;rtig&ldquo;, &bdquo;eine hohle Nuss&ldquo;, &bdquo;idiotisch obsz&ouml;n&ldquo;, die &bdquo;absto&szlig;endste Figur, auf die je das Licht der Geschichte fiel&ldquo;. Deutschland beschrieb er als &bdquo;Amokl&auml;ufer unter den V&ouml;lkern&ldquo;, und gerade diese Aussage d&uuml;rfte angesichts der Positionierung Berlins in einer sich rasant ver&auml;ndernden Welt auf jene Waagschale gelegt werden, auf der ansonsten Manns Worte ihren Platz finden, zumindest im &ouml;ffentlichen Gedenken der Republik unserer Tage. So viel ist aber sicher &ndash; Thomas Mann ist und bleibt einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Literaturnobelpreistr&auml;ger und politischer Kommentator. Als Kronzeuge f&uuml;r die heutige Zeit sind sein Leben und Wirken nur sehr bedingt tauglich.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock AI Generator<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Sind wir die letzten Kinder einer hochintellektualisierten Bourgeoisie?&ldquo;, fragte Klaus Mann in einem seiner Essays prophetisch &ndash; in den fr&uuml;hen 1930er-Jahren. Das Zeitalter des europ&auml;ischen B&uuml;rgertums, wie es sein Vater Thomas Mann repr&auml;sentierte, ist sicherlich vorbei. 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