{"id":13438,"date":"2012-06-06T08:27:15","date_gmt":"2012-06-06T06:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13438"},"modified":"2015-03-05T14:16:00","modified_gmt":"2015-03-05T13:16:00","slug":"stefan-kuhl-der-sudoku-effekt-hochschulen-im-teufelskreis-der-burokratie-eine-streitschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13438","title":{"rendered":"Stefan K\u00fchl: Der Sudoku-Effekt &#8211; Hochschulen im Teufelskreis der B\u00fcrokratie. Eine Streitschrift"},"content":{"rendered":"<p>Vergleichbarkeit, Zweigliedrigkeit, &bdquo;European Credit Transfer and Accumulation System&ldquo; &ndash; kurz ECTS &ndash;, Modularisierung, Workload, Akkreditierung, Evaluation, Qualit&auml;tssicherung, das sind nur einige der Schlagworte, die sich mit einer Studienreform verbinden, die in Deutschland zusammenfassend als Bologna-Prozess bezeichnet wird.<br>\nDer Bielefelder Soziologieprofessor <strong>Stefan K&uuml;hl<\/strong> hat in seiner Streitschrift[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] den Versprechen der Bologna-Reform die &ndash; f&uuml;r manche &ndash; &uuml;berraschenden negativen Folgen gegen&uuml;ber gestellt. In der Einleitung seines Buches kommt er zu folgendem Res&uuml;mee:<br>\n&bdquo;Es bildeten sich so immer mehr die Konturen einer Kunstw&auml;hrung heraus, die mit Eigenschaften des Transfers, Sammelns, Speicherns und Tauschens aufgeladen wurde. Gerade unter Planungsgesichtspunkten erhielt die Kunstw&auml;hrung ECTS so eine hohe Attraktivit&auml;t, weil pl&ouml;tzlich viele vorher eher im Dunkeln von Seminaren, Vorlesungen und Studierstuben ablaufenden Prozesse wenigstens von ihrem Zeitaufwand her berechen-, kontrollier- und planbar erschienen. Das Ergebnis war jedoch eine bis dahin nicht gekannte Komplexit&auml;tssteigerung in der Konzeption und Durchf&uuml;hrung von Studieng&auml;ngen an den Universit&auml;ten, die sich mit dem Begriff des &bdquo;Sudoku-Effekts&ldquo; am besten erfassen l&auml;sst.&ldquo;<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Komplexit&auml;tssteigerung als Folge einer Hochschulreform &ndash; eine Einleitung<\/strong><\/p><p>&hellip;Wenn man die Abschlusserkl&auml;rung der Bildungsminister liest, die sie auf ihrer Konferenz in Bologna kurz vor der Wende zum 21. Jahrhundert verk&uuml;ndeten, f&uuml;hlt man sich fast an einen religi&ouml;sen Text erinnert, wenn beispielsweise unter dem Titel &bdquo;Europ&auml;ischer Hochschulraum&ldquo; nicht weniger als ein &bdquo;Europa des Wissens&ldquo; versprochen wird, in dem den &bdquo;B&uuml;rgern die notwendigen Kompetenzen f&uuml;r die Herausforderungen des neuen Jahrtausends&ldquo; vermittelt werden sollen (Bologna-Erkl&auml;rung 1999: 1f.)&hellip;<\/p><p>Die Kritik an der Bologna-Reform erscheint angesichts dieser Versprechen fast als Blasphemie. Mit Formulierungen wie ein &bdquo;Studieren alla bolognese&ldquo; machen sich die Kritiker &uuml;ber eine Reform lustig, die ihrer Meinung nach Studierende zu Wissensmarionetten verkommen l&auml;sst. Wenn man von den &bdquo;Bildungs-Taliban&ldquo; h&ouml;rt, die im Namen von Bologna die Universit&auml;ten systematisch zerst&ouml;ren, die Diagnosen von &bdquo;Humboldts Albtraum&ldquo; liest und sieht, wie der unaufhaltsame &bdquo;Niedergang der Universit&auml;t&ldquo; an die Wand gemalt wird, kann man fast den Eindruck gewinnen, dass die durch die europ&auml;ischen Bildungsminister angesto&szlig;enen Ver&auml;nderungen an den Hochschulen als &auml;hnlich gef&auml;hrlich eingesch&auml;tzt werden wie eine &Uuml;bernahme der Hochschulen durch islamische oder christliche Fundamentalisten&hellip;<\/p><p><strong>Die Versprechen der Bologna-Reform<\/strong><\/p><p>Auf den ersten Blick &uuml;berraschen diese Kontroversen, denn die Ziele der Studienreform alla Bologna sind so formuliert, dass niemand dagegen sein kann&hellip;<\/p><p>Weil die Universit&auml;ten lediglich sicherstellen m&uuml;ssten, dass die in ihren Fachbereichen erbrachten Studienleistungen mit denen anderer Universit&auml;ten vergleichbar sind, sie gleichzeitig aber alle Freiheiten zur Ausbildung eigener Profile h&auml;tten, w&uuml;rde sich &ndash; so die Hoffnung der Bildungsplaner &ndash; der <strong>Wettbewerb zwischen den Universit&auml;ten um gute und motivierte Studierende<\/strong> verst&auml;rken. Da die M&ouml;glichkeiten der Ministerien, &uuml;ber Rahmenstudienordnungen auf die Gestaltung von Studieng&auml;ngen Einfluss zu nehmen, stark reduziert werden, k&ouml;nnten sich die Universit&auml;ten ohne aufwendige staatliche Genehmigungsformen mit attraktiven Studieng&auml;ngen dem Wettbewerb um Studierende nicht nur aus Europa, sondern gerade auch von au&szlig;erhalb des europ&auml;ischen Hochschulraums stellen. Diejenigen Hochschulen, die ihre Studieng&auml;nge am konsequentesten umbauen, w&uuml;rden, so das pathetische Versprechen, &bdquo;langfristig im Wettbewerb um die &sbquo;besten K&ouml;pfe&lsquo; gewinnen&ldquo;&hellip;<\/p><p><strong>Die &uuml;berraschenden Folgen der Bologna-Reform<\/strong><\/p><p>Das Mittel der Wahl zur Herstellung der Vergleichbarkeit ist &ndash; neben einem zweigliedrigen Aufbau des Hochschulstudiums in ein grundst&auml;ndiges Bachelorstudium und ein aufbauendes Masterstudium &ndash; besonders die <strong>verpflichtende Einf&uuml;hrung eines Punktesystems<\/strong>, mit dem der Zeitaufwand der Studierenden f&uuml;r jede Veranstaltung, jede Pr&uuml;fung, jede Laborphase, jedes Praktikum im Voraus genau kalkuliert werden soll. Dieses System mit dem etwas umst&auml;ndlichen Namen &bdquo;European Credit Transfer and Accumulation System&ldquo; &ndash; kurz ECTS &ndash; soll es erm&ouml;glichen, Studienleistungen, die beispielsweise an der Universit&eacute; Paris-X-Nanterre erbracht wurden, problemlos mit Studienleistungen an der Universit&auml;t Bielefeld und der Oxford University zu vergleichen &ndash; und weitergehend dann auch gegenseitig zu verrechnen&hellip;<\/p><p>Ob die hehren Ziele der Bologna-Reform erreicht werden, ist heftig umstritten und wird vermutlich noch l&auml;ngere Zeit umstritten sein&hellip;Einen Effekt hat die Bologna-Reform jedoch sowohl aus Sicht der Verfechter als auch der Kritiker auf alle F&auml;lle hervorgerufen &ndash; <strong>eine bis dahin nicht dagewesene Steigerung der Komplexit&auml;t<\/strong>. Die Komplexit&auml;t der Studiengangsplanung wird inzwischen von Beobachtern mit der sozialistischen Planwirtschaft verglichen. &bdquo;Wie weiland in der staatlich gesteuerten &Ouml;konomie des Ostblocks&ldquo; vergeblich versucht wurde, &bdquo;die Karotten  und Stahltr&auml;gerernte der n&auml;chsten f&uuml;nf Jahre bis auf die einzelne Wurzel und bis auf die konkrete Tonne Stahl&ldquo; vorauszuberechnen, werde jetzt, so Armin Nassehi (2009), vergeblich versucht, f&uuml;r alle Studieng&auml;nge einen &bdquo;vollst&auml;ndig durchgeplanten Studienverlauf&ldquo; zu erstellen&hellip;<\/p><p>(Man braucht) keine ausgefeilte Methodik, um die Komplexit&auml;tseffekte der Bologna-Reform zu bestimmen. Eine &ndash; zugegebenerma&szlig;en willk&uuml;rliche &ndash; Anschauungsempirie wird in den meisten F&auml;llen ausreichen.<\/p><p>Erstens: Bologna stellt ganz neue Anforderungen an das &bdquo;Studierendenverwaltungswesen&ldquo;. Die Effekte der Komplexit&auml;tssteigerung k&ouml;nnte man messen, indem man an den einzelnen Universit&auml;ten die <strong>Zunahme von Stellen im Bereich der Pr&uuml;fungs&auml;mter, der Studiengangsverwaltung oder der Justiziariate<\/strong> erfasst. Aber h&auml;ufig reicht schon der sogenannte &bdquo;Schlangentest&ldquo; aus. Schon bei dem Gang durch ein Institut oder eine Fakult&auml;t kann man anhand der Schlangen vor den T&uuml;ren mit einem Blick erkennen, wo die Engp&auml;sse in der Betreuung von Studierenden liegen. Die l&auml;ngsten Schlangen von Studierenden bildeten sich bisher vor den T&uuml;ren derjenigen Professoren, die entweder besonders popul&auml;r sind oder wegen ihrer Pr&auml;senz auf Fachkongressen, auf Gutachterreisen oder in Massenmedien so selten anwesend ist, dass sie in ihren wenigen Pr&auml;senzzeiten an der Uni eine gro&szlig;e Menge von Studierenden abfertigen m&uuml;ssen. Der Bologna-Prozess scheint in vielen Universit&auml;ten jetzt jedoch dazu gef&uuml;hrt zu haben, dass sich die l&auml;ngsten Schlangen nicht mehr vor den T&uuml;ren des Lehrpersonals bilden, sondern vor den T&uuml;ren des Pr&uuml;fungsamtes. Wer es nicht glaubt, m&ouml;ge einfach einmal selbst den Test an seiner Universit&auml;t machen.<\/p><p>Zweitens: Studierende sind f&uuml;r Lehrende &bdquo;Black Boxes&ldquo;. Man wei&szlig; nicht genau, was in ihren K&ouml;pfen vor sich geht, womit sie sich gerade besch&auml;ftigen, was sie umtreibt. Jedoch k&ouml;nnen die Fragen, die sie an die Lehrenden richten, als grober Indikator f&uuml;r das dienen, was sie gerade besch&auml;ftigt. Den Komplexit&auml;tsgrad eines Studiengangs kann man deshalb daran erkennen, mit welchen Fragen Studierende gerade zu Beginn eines Seminars, einer Vorlesung oder einer &Uuml;bung auf den Lehrenden zukommen. Man k&ouml;nnte dabei den Eindruck gewinnen, dass sich durch die Einf&uuml;hrung der Bachelor- und Masterstudieng&auml;nge die Fragen zu einem nicht unerheblichen Teil <strong>von inhaltlichen Aspekten der Veranstaltung zu Fragen der Anrechenbarkeit<\/strong> verschoben haben. Nicht selten scheinen sich Lehrende ganze Sitzungen lang mit Fragen der Art zu besch&auml;ftigen, ob man in dieser Veranstaltung auch zwei Leistungspunkte mehr erwerben kann, ob statt einer Hausarbeit auch das noch durch die Studienordnung verlangte Referat gehalten werden darf oder an wie vielen Sitzungen man teilnehmen muss, um die aktive Teilnahme best&auml;tigt zu bekommen.<\/p><p>Drittens: Den Komplexit&auml;tsgrad kann man auch daran ausmachen, wie gut Lehrende ihre Studieng&auml;nge kennen. Die Regelungs- und Vernetzungsdichte der sich vervielf&auml;ltigenden Bologna-Studieng&auml;nge scheint inzwischen so hoch zu sein, dass <strong>Lehrende h&auml;ufig selbst die eigenen Studieng&auml;nge nicht mehr verstehen<\/strong>. Angesichts der Komplexit&auml;t der Studieng&auml;nge k&ouml;nnen Fragen nach Leistungsnachweisen, nach Verrechenbarkeit von Modulen oder nach zu belegenden Veranstaltungen im Rahmen eines Studiengangs von den Professoren h&auml;ufig selbst nicht mehr beantwortet werden. Wenn &uuml;berhaupt, durchschauen nur noch die Spezialisten in der Studienberatung und in den Pr&uuml;fungs&auml;mtern die Besonderheiten der jeweiligen Studieng&auml;nge. Wer dies einmal &uuml;berpr&uuml;fen will, muss einfach nur versuchen, sich von einem beliebigen Lehrenden den Bachelor- oder Masterstudiengang erkl&auml;ren zu lassen, in dem er oder sie regelm&auml;&szlig;ig unterrichtet.<\/p><p><strong>Die Ursachen der Komplexit&auml;tssteigerung<\/strong><\/p><p>Wie ist es zu dieser Komplexit&auml;tssteigerung im Zuge der Bologna-Reform gekommen?<\/p><p>Komplexit&auml;tssteigerung entsteht&hellip; dadurch, dass pl&ouml;tzlich ganz andersartige Elemente &ndash; beispielsweise neben den Veranstaltungen auch ECTS-Punkte oder Module &ndash; bei Entscheidungen zus&auml;tzlich mit in Betracht gezogen werden m&uuml;ssen und diese Elemente auch noch auf ganz verschiedene Art und Weise miteinander in Beziehung gesetzt werden m&uuml;ssen&hellip;<\/p><p>Die Komplexit&auml;tssteigerung im Bologna-Prozess wurde dadurch erzeugt, dass die in ECTS-Punkten berechneten Seminare, &Uuml;bungen, Vorlesungen, Klausuren, Hausarbeiten und m&uuml;ndlichen Pr&uuml;fungen in &bdquo;thematischen Containern&ldquo; &ndash; sogenannten Modulen &ndash; zusammengefasst werden und alle diese verschiedenartigen Elemente auf vielf&auml;ltige Art und Weise miteinander kombiniert werden k&ouml;nnen, ohne jedoch beliebige Kombinationsm&ouml;glichkeiten zuzulassen. Im Sinne einer &bdquo;flexiblen Studiengangsgestaltung&ldquo; sollen <strong>Module<\/strong> nicht jeweils nur mit einem anderen Modul kombiniert werden, weil ein Modul im Idealfall in verschiedenen Studieng&auml;ngen verwendet werden soll. Aber auch die Kombination von jedem Modul mit jedem anderen Modul &ndash; im Prinzip eine stark komplexit&auml;tsreduzierende Ma&szlig;nahme &ndash; wird untersagt, weil es wenig Sinn macht, Studierenden im Rahmen eines Studiengangs die beliebige Kombination so unterschiedlicher Module wie &bdquo;Probleme des Genitivs und Dativs&ldquo;, &bdquo;Anwendungen der Integralrechnung&ldquo;, &bdquo;Geschichte des Nationalstaates&ldquo; und &bdquo;Enzymbildung&ldquo; zu erm&ouml;glichen&hellip;<\/p><p><strong>Die B&uuml;rokratisierung komplexer Beziehungsm&ouml;glichkeiten<\/strong><\/p><p>Die Komplexit&auml;tssteigerung durch die Einf&uuml;hrung von in ECTS-Punkten berechneten und in Modulen zusammengefassten Veranstaltungen und Pr&uuml;fungen w&auml;re &hellip; kein Problem, wenn sie entsprechende Mechanismen der Selbstorganisation ausl&ouml;sen w&uuml;rde. Aber genau diese Mechanismen der Selbstorganisation scheinen sich im Rahmen der Bologna-Reform nicht auszubilden. Die Ursache daf&uuml;r ist, dass die Kombination von Lerneinheiten nicht den Selbstorganisationsf&auml;higkeiten von Studierenden &uuml;berlassen werden kann. Schlie&szlig;lich kann man, so die nachvollziehbare Logik, es den Studierenden ja nicht selbst anheimstellen, wie sie die verschiedenen an einer Universit&auml;t angebotenen Veranstaltungen und Pr&uuml;fungen miteinander kombinieren, sondern man muss in Studien- und Pr&uuml;fungsordnungen, in F&auml;cherspezifischen Bestimmungen und in Modulhandb&uuml;chern genau definieren, wie die jeweils mit Zeitstunden hinterlegten Module &ndash; und die in sie eingebetteten Veranstaltungen und Pr&uuml;fungen &ndash; miteinander kombiniert werden d&uuml;rfen und wie nicht. Statt curricularem Laisser-faire, wo Studierende alles mit allem kombinieren k&ouml;nnten, m&uuml;ssten, so die Argumentation, den Studierenden die Wahlm&ouml;glichkeiten durch &bdquo;Ordnungen&ldquo; genau vorgegeben werden.<br>\nDiese verbindliche Festlegung von Kombinationsm&ouml;glichkeiten, auf deren Anerkennung man sich nicht nur innerhalb der Universit&auml;t, sondern auch au&szlig;erhalb der Universit&auml;t verlassen kann, hat einen Namen: <strong>B&uuml;rokratie<\/strong>&hellip;<\/p><p>Die Herausforderung in Bezug auf das Management der Komplexit&auml;t besteht darin, dass die sich mit der Bologna-Reform vervielf&auml;ltigenden Kombinationsm&ouml;glichkeiten von Veranstaltungen und Pr&uuml;fungen, deren Zeitaufwand jeweils in der neuen Berechnungseinheit &bdquo;ECTS-Punkte&ldquo; ausgedr&uuml;ckt und in Modulen zusammengefasst wird, in den Ordnungen rechtssicher fixiert werden m&uuml;ssen. Wer sich die Dimension eines solchen Unterfangens vor Augen f&uuml;hren will, muss nur die im Rahmen der Bologna-Reform in Form von Studien- und Pr&uuml;fungsordnungen, F&auml;cherspezifischen Bestimmungen und Modulhandb&uuml;chern festgehaltenen diesbez&uuml;glichen Regelungen einer einzigen Hochschule in ihrer Papierfassung auf einen Stapel legen und diesen dann mit den Studien- und Pr&uuml;fungsordnungen aus der Zeit vor Bologna vergleichen.<br>\nAngesichts der Vervielf&auml;ltigung von rechtssicher fixierten Regelungen wird die Bologna-Reform h&auml;ufig als massive B&uuml;rokratisierung der Universit&auml;ten wahrgenommen. Ein &bdquo;starrer Schematismus&ldquo; mit &bdquo;aufgebl&auml;hten Verwaltungen&ldquo;, &bdquo;exzessiven Modularisierungen&ldquo;, &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssigen Akkreditierungen&ldquo;, &bdquo;vervielfachten Graduierungen, &bdquo;unn&ouml;tigen Evaluierungen&ldquo;, &bdquo;verwirrenden Zertifizierungen&ldquo; und &bdquo;zahllosen Reglementierungen&ldquo; &uuml;berziehe, so die Klage, &bdquo;wie ein Schimmelpilz die europ&auml;ischen Universit&auml;ten&ldquo; (Liessmann 2009: 7). Die Zurechnung von Leistungspunkten f&uuml;r jeden Handgriff der Studierenden verlange von Universit&auml;ten inzwischen nicht nur eine &bdquo;hochkomplexe Logistik&ldquo;, sondern auch &bdquo;ausgepr&auml;gte b&uuml;rokratische F&auml;higkeiten&ldquo; von Studierenden und Lehrenden (Steinert 2010: 311). Angesichts des &bdquo;<strong>B&uuml;rokratismus<\/strong>&ldquo; an den Hochschulen wird es h&auml;ufig nur noch als Hohn wahrgenommen, dass die Bologna-Reform &ndash; mit ihrer Reduzierung der staatlichen Vorgaben &ndash; immer noch als eine Entscheidung gegen die B&uuml;rokratisierung der Hochschulen verkauft wird (vgl. Gaston 2010: 37).<\/p><p>Aber wie ist es im Rahmen der Bologna-Reform zu dieser B&uuml;rokratisierung in den Hochschulen gekommen? Weswegen hat die Zur&uuml;cknahme detaillierter staatlicher Regulierungen nicht zu einer Abnahme, sondern zu einer Zunahme von Verregelungen gef&uuml;hrt?<\/p><p><strong>Jenseits der Suche nach den &uuml;blichen Verd&auml;chtigen<\/strong><\/p><p>&hellip;Die europ&auml;ischen Bildungsminister, die Assoziation europ&auml;ischer Hochschulen und der Dachverband der nationalen Studierendenvertretungen in Europa, die alle die Grundprinzipien der Bologna-Reform unterst&uuml;tzen, f&uuml;hlen sich durch den Vorwurf, dass der Bologna-Prozess von einem &bdquo;&ouml;konomistisch&ldquo; verengten Konzept von Bildung ausgehe, schlichtweg nicht angesprochen, weil sie die Bologna-Reform als ein breites Bildungskonzept verstehen, in dem es darum geht, Studierende in ganz unterschiedlichen Feldern zu f&ouml;rdern und zu fordern&hellip;<\/p><p>Sicherlich: Die Rolle, die die <strong>Anlehnung an Wirtschaftslogiken<\/strong> in der Umgestaltung des Hochschulwesens zurzeit spielt, darf nicht untersch&auml;tzt werden. Viele Hochschulleitungen &uuml;bernehmen &ndash; mehr oder minder gedr&auml;ngt durch die Bildungsministerien &ndash; aus der Wirtschaft Managementkonzepte wie Leistungsvereinbarungen, Qualit&auml;tssicherung oder Controlling &ndash; in der Regel, ohne sich vorher &uuml;ber die paradoxen Effekte, die diese Managementkonzepte in den Unternehmen produziert haben, zu informieren. Die Einrichtung von durch Externe besetzten &bdquo;Aufsichtsr&auml;ten&ldquo; an Universit&auml;ten in verschiedenen europ&auml;ischen L&auml;ndern f&uuml;hrt wegen der in der Regel fehlenden Detailkenntnisse der R&auml;te, der seltenen Ratssitzungen und der Abh&auml;ngigkeit von der Zuarbeit der Stabsstellen der Hochschulen erst einmal nur zur erheblichen St&auml;rkung der Hochschulleitung, aber vermutlich sickert die eine oder andere Formulierung von einem aus einem Unternehmen oder einer Gewerkschaft stammenden Hochschulrat schon einmal in die Strategieentscheidung eines Rektorats ein. Und auch der W&uuml;rgereiz, den manche Universit&auml;tsangeh&ouml;rige angesichts von teilweise aus der Wirtschaft &uuml;bernommenen Begriffen wie &bdquo;Employabilit&auml;t&ldquo;, &bdquo;Kompetenzorien-tierung&ldquo; und &bdquo;Kundenzentrierung&ldquo; oder anderen zusammengesetzten Sprachblasen-Collagen bekommen, ist nachvollziehbar.<br>\nAber eines darf nicht &uuml;bersehen werden: <strong>Geplant und verabschiedet werden die Regelungen f&uuml;r Studieng&auml;nge zu allererst auf der Ebene der einzelnen Institute, Fachbereiche und Fakult&auml;ten<\/strong>&hellip;Der prim&auml;re Ansprechpartner f&uuml;r die B&uuml;rokratisierungstendenzen der neuen Studieng&auml;nge sind also die Institute, Fachbereiche und Fakult&auml;ten, aus denen h&auml;ufig die lautesten Klagen &uuml;ber die Entwicklungen an den Hochschulen zu kommen scheinen&hellip;<\/p><p><strong>Die These von den ungewollten Nebenfolgen<\/strong><\/p><p>Die Komplexit&auml;tsexplosion an den Hochschulen, die damit verbundene B&uuml;rokratisierung des Studiums und auch die in den meisten F&auml;llen damit einhergehende Verschulung kann, so die These, nicht vorrangig auf die Intentionen oder auch nur Ungeschicklichkeiten einzelner Personen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden. Kaum ein Studiengangsplaner setzt sich hin und &uuml;berlegt, wie er die Wahlm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Studierende zum Beispiel in einem Masterstudiengang m&ouml;glichst auf null reduzieren kann. Keine Arbeitsgruppe zur Studienreform entwickelt bewusst Strategien, um Studierenden im Rahmen ihres Studiums m&ouml;glichst viele Kontakte zum Pr&uuml;fungsamt zu erm&ouml;glichen. Kein Dekanat bringt bewusst eine Kurzbeschreibung eines Studienganges in die Fakult&auml;tskonferenz ein, die so kompliziert ist, dass die Details nur noch von den Spezialisten in der Studienberatung verstanden werden k&ouml;nnen.<br>\nDie Komplexit&auml;tssteigerung mit einer damit einhergehenden B&uuml;rokratisierung der Studieng&auml;nge kann vielmehr &ndash; ein Konzept des Soziologen Robert Merton verwendend &ndash; als &bdquo;ungewollte Nebenfolge&ldquo; der Einf&uuml;hrung eines neuen Instruments der Studiengangsplanung und -steuerung identifiziert werden: der Einf&uuml;hrung der <strong>ECTS-Punkte als einer Art Kunstw&auml;hrung<\/strong> zur Bestimmung des Arbeitsaufwandes von Studierenden. Diese urspr&uuml;nglich lediglich f&uuml;r den Vergleich und Transfer von Studienleistungen zwischen zwei Universit&auml;ten geschaffene Kunstw&auml;hrung wurde im Rahmen des Bologna-Prozesses mit immer mehr zus&auml;tzlichen Eigenschaften aufgeladen. Die ECTS-Punkte k&ouml;nnen von Studierenden in kleinen, bei den Pr&uuml;fungs&auml;mtern angesiedelten elektronischen Schlie&szlig;f&auml;chern gesammelt werden, sie k&ouml;nnen &ndash; Stichwort &bdquo;lebenslanges Lernen&ldquo; &ndash; auch &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum gespeichert werden, um sie sp&auml;ter einmal als Element f&uuml;r Qualifikationen nutzen zu k&ouml;nnen. Sie k&ouml;nnen transferiert werden, um sich Leistungen, die man an einer Universit&auml;t erworben hat, an einer anderen Universit&auml;t anrechnen zu lassen. Und sie k&ouml;nnen gegen ein definiertes Produkt &ndash; einen Bachelor- oder Masterabschluss &ndash; getauscht werden&hellip;<\/p><p>Es ist nicht zu bestreiten, dass die Umstellung auf ein zweigliedriges Studium, die Zusammenfassung von Veranstaltungen und Pr&uuml;fungen in Modulen, die Ersetzung von Abschlusspr&uuml;fungen durch studienbegleitende Pr&uuml;fungen und die Definition von kompetenzorientierten Lernzielen &ndash; sogenannte &bdquo;learning outcomes&ldquo; &ndash; jeweils eigene Herausforderungen f&uuml;r die Hochschulen mit sich bringen. Aber die <strong>Schwierigkeiten der Hochschulen mit diesen neuen Elementen sind erst in Kombination mit der Einf&uuml;hrung von ECTS-Punkten als einer neuen Kunstw&auml;hrung zu verstehen&hellip;<\/strong><\/p><p><strong>Kleine Punkte, gro&szlig;e Wirkung &ndash; Zur Einf&uuml;hrung einer neuen Kunstw&auml;hrung<\/strong><\/p><p>ECTS-Punkte &bdquo;sind&ldquo;, so die Formulierung im typischen B&uuml;rokratendeutsch &ndash; oder sollte man B&uuml;rokrateneurop&auml;isch sagen &ndash; &bdquo;ein quantitatives Ma&szlig; f&uuml;r die Gesamtbelastung des Studierenden&ldquo; (KMK 2004: 3). Schon bei dieser technokratisch klingenden Definition setzte bei einigen Lehrenden, die nur an der Abhaltung eines guten Unterrichts f&uuml;r ihre Studierenden interessiert sind, das Interesse am Verstehen und Nachvollziehen dieser Kunstw&auml;hrung aus. Es dauerte deswegen einige Zeit, bis alle Lehrenden und Studierenden m&uuml;hsam erlernt hatten, dass diese zur allgemeinen Verwirrung auch h&auml;ufig Leistungspunkte genannten Einheiten keine besch&ouml;nigende Bezeichnung f&uuml;r Noten darstellen, sondern dass mit ihnen die <strong>Zeitstunden gemessen<\/strong> werden, die ein &bdquo;durchschnittlicher Student&ldquo; mit der Vorbereitung des Lehrstoffs, der Pr&uuml;fungsvorbereitung, der Abfassung einer Hausarbeit, der Absolvierung eines Praktikums und der Anfertigung einer Abschlussarbeit verbringt&hellip;<\/p><p>Durch die ECTS-Punkte soll es also &ndash; so jedenfalls die Vorstellung der Bildungsplanung &ndash; m&ouml;glich sein, jede Stunde, die ein Studierender mit seinem Studium verbringt, im Voraus zu kalkulieren. Dabei wird &ndash; in der Regel, ohne systematisch empirische Erhebungen &uuml;ber faktisches Studierverhalten in verschiedenen Studieng&auml;ngen herangezogen zu haben &ndash; davon ausgegangen, dass der Student Otto Normalverbraucher und die Studentin Erika Mustermann in Deutschland, Ungarn, Rum&auml;nien oder Belgien durchschnittlich im Semester 900 Stunden studieren (30 Leistungspunkte, wobei ein Leistungspunkt f&uuml;r 30 Stunden steht), w&auml;hrend &ouml;sterreichische, spanische und kroatische Normalstudierende lediglich 750 Stunden pro Semester mit ihrem Studium verbringen (30 Leistungspunkte pro Semester, wobei ein Leistungspunkt f&uuml;r 25 Stunden steht). Die so errechneten Stunden pro Semester werden dann auf die Stunde genau auf die Anforderungen, die an einen Studierenden mit Unterricht, Unterrichtsvorbereitung, Pr&uuml;fungsvorbereitung, Pr&uuml;fung und Praktika in einem Semester gestellt werden, heruntergebrochen&hellip;<\/p><p><strong>ECTS-Punkte &ndash; Das zentrale Element zum Verst&auml;ndnis der Hochschulreform<\/strong><\/p><p>Vor der Einf&uuml;hrung des ECTS-Systems bestand das Interesse der Universit&auml;ten lediglich darin, sicherzustellen, dass Studierende eine vorgeschriebene Anzahl von Vorlesungen, Seminaren, &Uuml;bungen, Hausarbeiten, Klausuren und m&uuml;ndlichen Pr&uuml;fungen erfolgreich absolvierten. Gez&auml;hlt wurde lediglich in der vermutlich f&uuml;r Au&szlig;enstehende kompliziert klingenden Einheit der &bdquo;Semesterwochenstunden&ldquo; &ndash; also den Stunden, die ein Studierender w&auml;hrend des Semesters pro Woche in Veranstaltungen verbringt&hellip;<\/p><p><strong>Die Renaissance der Arbeitswerttheorie an den Hochschulen<\/strong><\/p><p>Mit der Einf&uuml;hrung des ECTS-Systems und der damit einhergehenden Verrechnung von Leistungen in Zeitstunden wurde jetzt &ndash; f&uuml;r Beteiligte, die ihr Studium in den siebziger Jahren absolviert haben, vermutlich bewusst, f&uuml;r die meisten Beteiligten jedoch unbewusst &ndash; eine alte volkswirtschaftliche Idee, die Arbeitswerttheorie, in die Praxis umgesetzt (vgl. dazu Keller 2008: 49f.; Liessmann 2008: 110). Nach der auf Karl Marx &ndash; und davor besonders auf den National&ouml;konomen David Ricardo &ndash; zur&uuml;ckgehenden volkswirtschaftlichen <strong>Arbeitswerttheorie<\/strong> wird der Wert einer Ware nicht durch die auf dem Markt zu erzielenden Preise bestimmt, sondern einzig und allein durch die Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung notwendig ist. Mit Karl Marx l&auml;sst sich die Idee hinter den ECTS so formulieren, dass der &bdquo;Wert einer Ware&ldquo; &ndash; hier also einer Studienleistung &ndash; durch &bdquo;die zu ihrer Herstellung erforderliche Arbeitsmenge&ldquo; bestimmt wird. Deswegen m&uuml;sse der &bdquo;Wert der Arbeit&ldquo; &ndash; bei Marx der Arbeitslohn, beim ECTS die Bescheinigung von Studienleistungen &ndash; &bdquo;gleichfalls durch die Arbeitsmenge bestimmt werden, die zu seiner Herstellung erforderlich ist&ldquo; (Marx 1953: 487)&hellip;<\/p><p>Das Problem bei der Einf&uuml;hrung von &bdquo;ECTS-Punkten&ldquo; als neue Kunstw&auml;hrung besteht darin, dass man sie nicht einfach nur f&uuml;r das Eintragen in Anwesenheitslisten in Vorlesungen, das Absitzen in Seminaren, das Nachweisen von am Schreibtisch verbrachten Lesezeiten oder das Abfassen von Papieren vergeben kann. Schlie&szlig;lich geht es in Universit&auml;ten auch nach der Post-Bologna-Logik nicht vorrangig um den Nachweis von Anwesenheiten, sondern um den Nachweis des Erlernten, Reflektierten und Angewendeten. Deswegen muss &ndash; so jedenfalls die Vorstellung der Bologna-Vordenker &ndash; noch mal abgepr&uuml;ft werden, ob die in ECTS gemessene aufgewendete Zeit des Studierenden auch wirklich zum Wissenserwerb gef&uuml;hrt hat. &Uuml;ber schriftliche Klausuren, Multiple-Choice-Klausuren, Referate, Arbeitsberichte, m&uuml;ndliche Pr&uuml;fungen oder Hausarbeiten m&uuml;sse, so die an den meisten Universit&auml;ten dominierende Vorstellung, von den Studierenden bewiesen werden, dass die mit dem Studium verbrachte Zeit &bdquo;Effekte&ldquo; hat. Nur f&uuml;r einen solchen durch Pr&uuml;fungen <strong>zertifizierten Wissenserwerb<\/strong> d&uuml;rften dann letztlich ECTS-Punkte vergeben werden&hellip;<\/p><p><strong>In welchen Einheiten werden Leistungen erworben und getauscht? Zur Bedeutung der Module<\/strong><\/p><p>Aus nachvollziehbaren Gr&uuml;nden ist es jedoch kompliziert, den mit jedem einzelnen ECTS-Punkt verbundenen Wissenserwerb abzupr&uuml;fen. Bei 180 Leistungspunkten, die man f&uuml;r das Eintauschen gegen einen Studienabschluss in einem Bachelorprogramm braucht, w&uuml;rde das in drei Jahren 180 Einzelpr&uuml;fungen bedeuten. Aber auch die Abpr&uuml;fung jeder mit zwei, drei oder vier Leistungspunkten bemessenen &Uuml;bung, Vorlesung oder Seminarveranstaltung w&uuml;rde bei einem Bachelor zu drei&szlig;ig bis f&uuml;nfzig Einzelpr&uuml;fungen in drei Jahren f&uuml;hren. In einigen Universit&auml;ten mag das unter Bologna-Bedingungen inzwischen Realit&auml;t geworden sein (leider ist das an sehr vielen Hochschulen der Fall (WL)), aber an den meisten Universit&auml;ten wird dies gerade auch aufgrund der Belastung f&uuml;r das korrigierende Lehrpersonal als nicht machbar eingesch&auml;tzt.<br>\nAllein durch die Verrechnung aller Studienleistungen in &bdquo;ECTS-Punkte&ldquo; und die Konditionierung der Vergabe von ECTS-Punkten an eine bestandene Pr&uuml;fung ist eine <strong>Sogwirkung f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Modulen<\/strong> entstanden, in denen thematisch &auml;hnliche Vorlesungen, Seminare und &Uuml;bungen zusammengef&uuml;gt werden und das dort zu vermittelnde Wissen durch eine einzige Pr&uuml;fung abgenommen werden kann (siehe dazu schon R&uuml;ttgers 1997: 3). Diese Module m&uuml;ssen, so die Vorgabe in den meisten L&auml;ndern, mit Inhalten und Qualifikationszielen, mit Lehrformen, mit Voraussetzungen f&uuml;r die Teilnahme, mit Verwendbarkeit des Moduls und mit den Voraussetzungen f&uuml;r die Vergabe von Leistungspunkten beschrieben werden. Es muss also bis ins Detail festgelegt werden, welche Vorlesungen, welche Seminare und welche &Uuml;bungen im Rahmen des Moduls belegt werden m&uuml;ssen, welche Klausuren zu schreiben sind, welche Essays und Hausarbeiten abzufassen sind und wie viel Zeit die Studierenden f&uuml;r die Vor- und Nachbereitung von Sitzungen verbringen sollen. <strong>Der Wert der Kunstw&auml;hrung ECTS zeigt sich also erst, wenn das Lernpensum in Module gegossen ist<\/strong>.<br>\nAuch wenn die ECTS-Punkte der Einf&uuml;hrung von Modulen in einer Reihe von europ&auml;ischen Staaten den Weg bereitet haben, darf nicht &uuml;bersehen werden, dass sich hinter der Modularisierung ein seit l&auml;ngerer Zeit propagiertes hochschuldidaktisches Konzept verbirgt (vgl. dazu Huber 2001: 50ff.). Schon in den Reformdiskursen nach dem Zweiten Weltkrieg hat es immer wieder die Forderung gegeben, unterschiedliche Veranstaltungstypen und Lernformen in thematisch orientierte Module zusammenzufassen (siehe nur die durch die Studentenbewegung in den sp&auml;ten 1968er Jahren inspirierten &Uuml;berlegungen von Weizs&auml;ckers 1970). Aber w&auml;hrend der Modulgedanke in vielen L&auml;ndern in der Nachkriegszeit lediglich ein Gedankenspiel war, das h&ouml;chstens in Pilotprojekten von Reformuniversit&auml;ten einmal ausprobiert wurde, hat die Einf&uuml;hrung der Kunstw&auml;hrung ECTS dem Modularisierungsgedanken europaweit den entscheidenden Schub versetzt&hellip;<\/p><p><strong>Zum Management einer Kunstw&auml;hrung &ndash; Die Rolle von Akkreditierung, Qualit&auml;tssicherung und Evaluation<\/strong><\/p><p>Wie bei jeder W&auml;hrung muss auch bei den Leistungspunkten verhindert werden, dass die Tauscheinheit einfach von jedem selbst hergestellt wird. Dabei scheint das Risiko nicht so sehr darin zu bestehen, dass sich jeder Studierende in m&uuml;hsamer Heimarbeit seine ECTS-Punkte selbst &bdquo;bastelt&ldquo;. Eine Gefahr wird vielmehr darin gesehen, dass Billiganbieter ihre eigenen ECTS-Punkte auf den Markt bringen. Schlie&szlig;lich braucht es ja lediglich eine Einrichtung, die Studierenden gegen entsprechende monet&auml;re Entlohnung Leistungspunkte ausstellt, ohne dass f&uuml;r das Erreichen dieser Leistungspunkte ein entsprechender Aufwand aufgebracht werden musste.<br>\nDie Rolle des <strong>H&uuml;ters einer Bildungsw&auml;hrung<\/strong> kann von verschiedenen Institutionen &uuml;bernommen werden. Das am l&auml;ngsten erprobte Verfahren besteht darin, dass der Staat jeden Studiengang genehmigt und die Studierenden automatisch in diesen mit einem staatlichen G&uuml;tesiegel ausgestatteten Studieng&auml;ngen ECTS-Punkte erwerben k&ouml;nnen. Eine andere mit der Etablierung des europ&auml;ischen Hochschulraumes geschaffene M&ouml;glichkeit besteht darin, die Genehmigung von Studieng&auml;ngen an halbstaatliche oder gar private <strong>Akkreditierungsagenturen<\/strong> auszulagern. ECTS-Punkte k&ouml;nnen in dem Fall nur dann zwischen Universit&auml;ten getauscht und am Ende gegen einen Studienabschluss eingel&ouml;st werden, wenn sie im Rahmen eines offiziell akkreditierten Studiengangs erworben wurden. Man kann aber auch &ndash; so die dritte M&ouml;glichkeit &ndash; die Genehmigung der Studieng&auml;nge in die Hand von Hochschulen geben, darauf vertrauend, dass gerade die staatlichen Universit&auml;ten schon kein Schindluder mit der Vergabe von ECTS-Punkten treiben werden&hellip;<\/p><p>Die Genehmigung eines Studiengangs durch Bildungsministerien, Akkreditierungsagenturen oder Universit&auml;ten allein reicht aber nicht aus. Schlie&szlig;lich wird dadurch lediglich sichergestellt, dass die Planung eines Studiengangs inklusive der Berechnung der Arbeitsstunden der Studierenden den Bologna-Kriterien entspricht. Ob sich im allt&auml;glichen Betrieb beispielsweise eine zu laxe Vergabe von ECTS-Punkten einschleicht, die Arbeitsbelastung in einzelnen Modulen durch &uuml;berdimensionierte Anforderungen eines Lehrenden &uuml;berdimensional anw&auml;chst oder der Erwerb von ECTS-Punkten in der Praxis nicht ausreichend durch Pr&uuml;fungen abgesichert wird, kann nur durch eigene Sicherungsmechanismen der Universit&auml;t kontrolliert werden.<br>\n<strong>Die Etablierung einer Kunstw&auml;hrung an den Universit&auml;ten wurde deswegen mit einer Diskussion &uuml;ber Mechanismen des &bdquo;Qualit&auml;tsmanagements&ldquo; an Universit&auml;ten verquickt&hellip;<\/strong><\/p><p>Das Qualit&auml;tsmanagement an Universit&auml;ten kann sich deswegen &ndash; abgesehen von der Gew&auml;hrleistung, dass &uuml;berhaupt irgendeine Form von Evaluation in den Lehrveranstaltungen stattfindet &ndash; nur auf die Einhaltung formaler Standards konzentrieren. Somit sind durch die Europ&auml;ische Union finanzierte Handreichungen auch voller Aussagen, dass durch ein universit&auml;tsweites Qualit&auml;tsmanagement sichergestellt werden muss, dass der Zeitaufwand f&uuml;r jeden ECTS-Punkt realistisch eingesch&auml;tzt wird, dass der ben&ouml;tigte Zeitaufwand der Studierenden regelm&auml;&szlig;ig &uuml;berpr&uuml;ft wird und dass bei Diskrepanzen die kalkulierten ECTS-Punkte, die Lernziele oder die Lernmethoden angepasst werden m&uuml;ssen. Es wird zur &bdquo;guten Praxis&ldquo; erkl&auml;rt, dass alle Module eines Studiengangs mit &bdquo;geeigneten Lernzielen&ldquo; beschrieben werden und f&uuml;r jede Komponente eines Moduls klare Informationen &uuml;ber die zu vergebenden Kreditpunkte verf&uuml;gbar sind (European Communities 2009: 18 und 26). Mit diesem Verfahren wird zwar nicht sichergestellt, dass die Studierenden w&auml;hrend ihres Studiums etwas lernen, aber es kann &uuml;berzeugend nach au&szlig;en signalisiert werden, dass die ECTS-Punkte sich zur Verrechnung in diesem Studiengang oder mit anderen Studieng&auml;ngen eignen&hellip;<\/p><p><strong>Was kann man mit einer Kunstw&auml;hrung machen? Die &bdquo;Aufladung&ldquo; mit zus&auml;tzlichen Eigenschaften<\/strong><\/p><p>Erst in den Jahren nach der Bologna-Erkl&auml;rung zeichnete sich ab, dass das ECTS-System nicht nur ein Transfersystem f&uuml;r einzelne Leistungen sein soll, sondern auch daf&uuml;r genutzt werden kann, alle Anforderungen in einem Studium in ECTS-Punkten zu be- und verrechnen. Durch die Abbildung aller erwarteten Leistungen in Form dieser Zeitw&auml;hrung wurde es m&ouml;glich, die Kunstw&auml;hrung daf&uuml;r zu nutzen, dass alle Studierenden &ndash; nicht nur diejenigen, die an mehreren Hochschulen studiert haben &ndash;, am Ende ihre Punkte gegen ein definiertes Endprodukt, einen Bachelor- oder Masterabschluss, tauschen konnten.<br>\nVoraussetzung f&uuml;r diesen <strong>Tausch gegen einen Abschluss<\/strong> ist, dass diese ECTS-Punkte auch gesammelt werden k&ouml;nnen. Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurde deswegen von vielen Universit&auml;ten die M&ouml;glichkeit eingef&uuml;hrt, dass die Studierenden ihre Punkte in kleinen, bei den Pr&uuml;fungs&auml;mtern angesiedelten elektronischen Schlie&szlig;f&auml;chern sammeln konnten. Aus einem Transfer-System wurde so zus&auml;tzlich immer mehr auch ein Akkumulations-System, weswegen fr&uuml;h schon eine Umbenennung von ECTS &ndash; &bdquo;European Credit Transfer System&ldquo; &ndash; in EUROCATS &ndash; &bdquo;European Credit Accumulation and Transfer System&ldquo; gefordert wurde (vgl. z.B. Dalichow 1997: 44)&hellip;<\/p><p>Es bildeten sich so immer mehr die Konturen einer Kunstw&auml;hrung heraus, die mit Eigenschaften des Transfers, Sammelns, Speicherns und Tauschens aufgeladen wurde. Gerade unter Planungsgesichtspunkten erhielt die Kunstw&auml;hrung ECTS so eine hohe Attraktivit&auml;t, weil pl&ouml;tzlich viele vorher eher im Dunkeln von Seminaren, Vorlesungen und Studierstuben ablaufenden Prozesse wenigstens von ihrem Zeitaufwand her berechen-, kontrollier- und planbar erschienen. <strong>Das Ergebnis war jedoch eine bis dahin nicht gekannte Komplexit&auml;tssteigerung in der Konzeption und Durchf&uuml;hrung von Studieng&auml;ngen an den Universit&auml;ten, die sich mit dem Begriff des &bdquo;Sudoku-Effekts&ldquo; am besten erfassen l&auml;sst<\/strong>.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Bei dem oben stehenden Text handelt es sich um Ausz&uuml;ge aus der Einleitung des Buches von Stefan K&uuml;hl &bdquo;Der Sudoku-Effekt &ndash; Hochschulen im Teufelskreis der B&uuml;rokratie&ldquo;, einer Streitschrift, die im Februar 2012 im <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts1958\/ts1958.php\">transcript Verlag<\/a> erschienen ist. Das Buch umfasst 172 Seiten und kostet 19,80 Euro.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120607_der_sudoku_effekt.jpg\" alt=\"\"><\/p><p>Wir danken Stefan K&uuml;hl f&uuml;r seine Erlaubnis Ausz&uuml;ge aus seinem Text auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlichen zu d&uuml;rfen.<\/p><p>F&uuml;r die bei Textausz&uuml;gen unumg&auml;nglichen sprachlichen und gedanklichen Spr&uuml;nge bin ich verantwortlich. Ich habe versucht die Kernaussagen des Einleitungskapitels herauszufiltern.<br>\nWer sich ein Gesamtbild machen m&ouml;chte, sollte das ganze Buch lesen. <\/p><p><strong>Anmerkung:<\/strong> Ich teile die Kritik an der B&uuml;rokratisierung des Studiums durch die Bologna-Reform, meine jedoch, dass diese &bdquo;kafkaeske&ldquo; (Stefan K&uuml;hl) B&uuml;rokratisierung an den Hochschulen, jedenfalls nicht nur &ndash; mehr oder weniger ungewollt &ndash; der Kunstw&auml;hrung ECTS oder der Modularisierung der Studieng&auml;nge geschuldet ist. Sonst m&uuml;ssten ja &uuml;berall in Europa an den Hochschulen die gleichen beklagenswerten Zust&auml;nde herrschen. Das mag f&uuml;r die frankophonen L&auml;nder noch zutreffen, in Gro&szlig;britannien, wo es ja seit eh und je den Bachelor und den Master gibt, oder in Italien oder Spanien ist dies weit weniger der Fall. Besonders in Deutschland wurde der Bologna-Prozess in starkem Ma&szlig;e von der im Jahr 2000 auf dem Fr&uuml;hjahrsgipfel der Staats- und Regierungschefs beschlossenen sog. Lissabon Strategie &uuml;berlagert. Als deren Ziel wurde ausgegeben, bis 2010 &bdquo;die Union zum wettbewerbsf&auml;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen.&ldquo;<\/p><p>Der von Stefan K&uuml;hl ausgemachte Sudoku-Effekt ist m.E. vor allem auch Ausdruck einer &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung&ldquo; (Heribert Prantl) des Denkens, das nahezu alle Politikfelder erfasst hat und das einhergeht mit einem &bdquo;Verlust der Urteilskraft&ldquo; (Konrad Paul Liessmann) an unseren Hochschulen.<br>\nDie &Uuml;bertragung betriebswirtschaftlicher Prinzipien auf Lehre und Studium verlangt eben nach Messen, Vergleichen, Output-Kennziffern, Workload-Berechnungen, Pr&uuml;fungen, Evaluierungen oder Akkreditierungen etc.<br>\nStefan K&uuml;hl wendet sich zwar dagegen, von einem &bdquo;neoliberalen Umbau&ldquo; der Hochschulen zu reden, weil sich die Hochschulangeh&ouml;rigen damit nicht angesprochen f&uuml;hlen,  was er aber beschreibt und kritisiert, ist nichts anderes als die &Uuml;bertragung der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2538\">Wettbewerbs- und Marktideologie<\/a>  auf Lehre und Studium. <\/p><p>Siehe zum Bologna-Prozess auf den NachDenkSeiten u.a.:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2535\">Lernen im Gleichschritt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3978\">Humboldts Begr&auml;bnis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3031\">Die W&uuml;ste w&auml;chst<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4429\">Jubil&auml;um ohne Jubel &ndash; 10 Jahre Bologna<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4128\">Bundesregierung sieht Korrekturbedarf bei der Bologna-Reform<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergleichbarkeit, Zweigliedrigkeit, &bdquo;European Credit Transfer and Accumulation System&ldquo; &ndash; kurz ECTS &ndash;, Modularisierung, Workload, Akkreditierung, Evaluation, Qualit&auml;tssicherung, das sind nur einige der Schlagworte, die sich mit einer Studienreform verbinden, die in Deutschland zusammenfassend als Bologna-Prozess bezeichnet wird.<br \/> Der Bielefelder Soziologieprofessor <strong>Stefan K&uuml;hl<\/strong> hat in seiner Streitschrift[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] den Versprechen der Bologna-Reform die &ndash; f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13438\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[320],"class_list":["post-13438","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-bolognaprozess"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13438","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13438"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13438\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25294,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13438\/revisions\/25294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13438"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13438"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13438"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}