{"id":134413,"date":"2025-06-13T10:04:30","date_gmt":"2025-06-13T08:04:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134413"},"modified":"2025-06-13T16:57:51","modified_gmt":"2025-06-13T14:57:51","slug":"nicht-in-unserem-namen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134413","title":{"rendered":"Nicht in unserem Namen"},"content":{"rendered":"<p>Am heutigen 13. Juni beginnt in Wien ein Ereignis, das lange als undenkbar galt: J&uuml;dinnen und Juden aus aller Welt versammeln sich &ndash; Rabbiner, Shoah-&Uuml;berlebende, Intellektuelle, Mizrachi-Aktivisten, linke Diaspora-Stimmen &ndash;, um &ouml;ffentlich, selbstbewusst und organisiert den Zionismus zu kritisieren. Nicht aus Hass, sondern aus Verantwortung. Nicht als Tabubruch, sondern als R&uuml;ckbindung an das Ethos j&uuml;discher Geschichte. Der <em>Erste J&uuml;disch-Antizionistische Kongress <\/em>ist kein Randph&auml;nomen. Er ist das moralische Symptom eines Umbruchs &ndash; und eine Einladung, endlich neu &uuml;ber die Begriffe zu sprechen, die seit Jahrzehnten politische Kritik l&auml;hmen. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4123\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-134413-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=134413-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250613_Nicht_in_unserem_Namen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wien, die Stadt Herzls, wird zur B&uuml;hne eines j&uuml;dischen Einspruchs. <\/p><p><strong>Ein Geburtsort wird zur Grenze <\/strong><\/p><p>Es ist kein Zufall, dass dieser Kongress gerade hier stattfindet. Wien war der Ausgangspunkt der zionistischen Bewegung, Theodor Herzls geistige Heimat, wo die Idee eines j&uuml;dischen Staates erstmals politischen Raum gewann. Doch Wien war auch der Ort, an dem Herzl scheiterte: 1897 wollte er hier den ersten Zionistenkongress abhalten &ndash; doch die j&uuml;dische Gemeinde lehnte ab. Zu gef&auml;hrlich, zu radikal, zu spaltend erschien die Idee. <\/p><p>Heute, &uuml;ber ein Jahrhundert sp&auml;ter, kehrt die Debatte zur&uuml;ck. Nicht als historische Fu&szlig;note, sondern als Gegenwartsanalyse. Denn was damals als j&uuml;dische &bdquo;Normalisierung&ldquo; gedacht war &ndash; die Gr&uuml;ndung eines eigenen Staates &ndash;, hat sich, so die Stimmen in Wien, in ein internationalistisches Projekt verwandelt, das Gewalt, Ausschluss und Apartheid rechtfertigt. Der Zionismus, sagen sie, hat sich von der j&uuml;dischen Ethik entfernt. Und mehr noch: Er hat das moralische Erbe des Judentums usurpiert &ndash; &bdquo;in unserem Namen&ldquo;, aber ohne unser Einverst&auml;ndnis. <\/p><p><strong>Eine pluralistische R&uuml;ckeroberung<\/strong><\/p><p>Der Kongress versteht sich deshalb nicht als Angriff, sondern als R&uuml;ckeroberung. Als Versuch, die Vielfalt j&uuml;discher Stimmen wieder h&ouml;rbar zu machen. In einer Welt, in der Israel zur alleinigen Stimme &bdquo;der Juden&ldquo; erkl&auml;rt wird, ist das ein Akt politischer Hygiene.<\/p><p>&bdquo;Wir wollen sichtbar machen, dass Zionismus nicht gleich Judentum ist. Dass man Israel kritisieren kann &ndash; aus einer zutiefst j&uuml;dischen Haltung heraus&ldquo;, sagt Dalia Sarig, Mitorganisatorin und Sprecherin der Wiener Antizionistischen Initiative. Sie spricht leise, aber entschieden. Der Vorwurf, antisemitisch zu sein, sei zur Waffe geworden &ndash; gegen Juden, die sich weigern, Komplizenschaft mit Unterdr&uuml;ckung zu leisten. <\/p><p>Und so sitzen sie nun in Wien, Stephen Kapos, Holocaust&uuml;berlebender aus Ungarn, der heute f&uuml;r die Rechte der Pal&auml;stinenser k&auml;mpft. Ilan Papp&eacute;, Historiker aus Haifa, der die Nakba nicht als Mythos, sondern als dokumentierte ethnische S&auml;uberung beschreibt. Yakov Rabkin, orthodoxer Intellektueller aus Kanada, der das ideologische Projekt Zionismus theologisch als Irrweg begreift. Reuven Abergel, Mizrachi-Aktivist, der an die Entrechtung orientalischer Juden in Israel erinnert. Und Iris Hefets, geb&uuml;rtige Israelin, Psychoanalytikerin in Berlin, deren Kritik an Israels Kriegen ihr den Vorwurf des &bdquo;j&uuml;dischen Selbsthasses&ldquo; eingebracht hat. <\/p><p>Was sie verbindet, ist nicht eine Ideologie, sondern ein moralischer Reflex. Die &Uuml;berzeugung, dass j&uuml;dische Geschichte nicht dazu dient, neues Unrecht zu legitimieren. Und dass das &bdquo;Nie wieder&ldquo;, auf das sich europ&auml;ische Politik so gerne beruft, nicht selektiv gedacht werden darf.<\/p><p><strong>&bdquo;Nie wieder&ldquo; f&uuml;r alle<\/strong><\/p><p>Gerade hier liegt die politische Sprengkraft des Kongresses. Denn er fordert, was Europas politische Klasse seit Jahren vermeidet: eine universelle Anwendung der Lehren aus dem Holocaust. Nicht als Relativierung, sondern als Verpflichtung. Wer sich auf die Schoah beruft, so die Argumentation, darf nicht schweigen, wenn heute ein anderes Volk systematisch entrechtet, bombardiert, blockiert wird. &bdquo;Ich bin Holocaust&uuml;berlebender&ldquo;, sagt Stephen Kapos in seinem Er&ouml;ffnungsstatement. &bdquo;Ich wei&szlig;, was es hei&szlig;t, wenn ein Mensch entmenschlicht wird. Was in Gaza geschieht, verletzt alles, wof&uuml;r unsere Geschichte stehen sollte.&ldquo; <\/p><p>Ein Satz, der die Linien verschiebt. Nicht, weil er provokant w&auml;re &ndash; sondern weil er sich weigert, Geschichte als Besitz zu behandeln. Die Shoah, so der Tenor, ist kein diplomatisches Kapital, sondern ein moralisches Versprechen. Und dieses Versprechen endet nicht an ethnischen Grenzen.<\/p><p>Hier setzt auch die zentrale Parole des Kongresses an: <em>&bdquo;Nie wieder &ndash; f&uuml;r alle&ldquo;<\/em>. Ein Satz, der so einfach klingt, dass man seine Radikalit&auml;t fast &uuml;berh&ouml;rt. Denn er stellt das europ&auml;ische &bdquo;Ged&auml;chtnisarrangement&ldquo; infrage, das Israel zur Exklave des moralisch Unber&uuml;hrbaren macht. Der Wiener Kongress aber sagt: Gerade weil wir Juden sind, d&uuml;rfen wir nicht schweigen. Gerade weil wir verfolgt wurden, sind wir verpflichtet, andere zu verteidigen. <\/p><p><strong>Antizionismus = Antisemitismus<\/strong><\/p><p>Der Vorwurf der Veranstaltungsgegner ist altbekannt: Antizionismus sei verkappter Antisemitismus. Dass dieser Vorwurf ausgerechnet gegen Shoah-&Uuml;berlebende, Rabbiner, und israelische Dissidenten erhoben wird, offenbart, wie hohl er geworden ist.<\/p><p>Antizionismus ist kein Hass auf Juden &ndash; sondern eine Kritik an einer politischen Ideologie, die Religion in Staat verwandelt, Moral in Milit&auml;rdoktrin, Geschichte in Besitzanspruch. Und wer all das nicht kritisieren darf, der verliert das, was das Judentum immer auszeichnete: seine prophetische Stimme. &bdquo;Antizionismus ist kein Widerspruch zum Judentum&ldquo;, erkl&auml;rt Yakov Rabkin. &bdquo;Er ist eine R&uuml;ckkehr zu dessen ethischen Fundamenten.&ldquo; <\/p><p>Der Kongress betont das mit aller Deutlichkeit. Er grenzt sich ab von jedem Antisemitismus, jeder Shoah-Verharmlosung, jeder Gewaltverherrlichung. Aber er l&auml;sst nicht zu, dass Kritik an einem Nationalismus &ndash; und das ist der Zionismus &ndash; per se als antisemitisch gebrandmarkt wird.<\/p><p>Die Debatte, so scheint es, ist an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr l&auml;nger um Worte, sondern um W&uuml;rde gef&uuml;hrt wird. <\/p><p><strong>Schweigen und Resonanz <\/strong><\/p><p>Die Reaktionen auf den Kongress sind erwartbar &ndash; und doch bezeichnend. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien schweigt, jedenfalls offiziell. Hinter vorgehaltener Hand wird von &bdquo;Selbsthass&ldquo; gesprochen, von &bdquo;Verrat&ldquo;, von &bdquo;Schande&ldquo;. Der konservative Nationalratspr&auml;sident Wolfgang Sobotka nannte Dalia Sarig bereits im Vorjahr eine &bdquo;antisemitische J&uuml;din&ldquo; &ndash; ein Vorwurf, der in seiner Verkehrung an Absurdit&auml;t kaum zu &uuml;berbieten ist. <\/p><p>Die gro&szlig;e &ouml;sterreichische Presse bleibt auff&auml;llig zur&uuml;ckhaltend. Kein Leitartikel, keine Debatte. Das Feuilleton duckt sich weg. Stattdessen berichten internationale Plattformen, pal&auml;stinensische Medien, linke j&uuml;dische Netzwerke &ndash; ein medialer Atlas, der zeigt, wie wenig Raum f&uuml;r j&uuml;dische Pluralit&auml;t im deutschsprachigen Diskurs bislang war. <\/p><p>Gleichzeitig aber: Solidarit&auml;tsbekundungen aus aller Welt. Von j&uuml;dischen Gruppen in London, Montreal, Johannesburg. Von Holocaust-&Uuml;berlebenden in Frankreich. Von progressiven amerikanischen Rabbis. Eine neue j&uuml;dische Diaspora scheint sich zu formieren &ndash; nicht um sich abzugrenzen, sondern um endlich wieder sprechen zu k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Epilog: Aufrecht in der Dissonanz <\/strong><\/p><p>Es gibt keine einfachen S&auml;tze in dieser Debatte. Aber es gibt notwendige. Und einer davon lautet: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Nicht in unserem Namen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Nicht in unserem Namen soll Besatzung zum Schutz erkl&auml;rt werden. Nicht in unserem Namen soll Apartheid zur Staatsr&auml;son werden. Nicht in unserem Namen soll die Erinnerung an den Holocaust dazu dienen, andere zum Schweigen zu bringen. <\/p><p>Der erste J&uuml;disch-Antizionistische Kongress in Wien ist keine Randerscheinung. Er ist ein Auftakt. Vielleicht nicht zum politischen Umbruch &ndash; aber zur Wiederbelebung jener j&uuml;dischen Stimme, die sich weigert, sich mit Macht gemeinzumachen. Einer Stimme, die sich aus der Geschichte n&auml;hrt &ndash; aber nicht in ihr verschanzt. Einer Stimme, die erinnert, nicht um zu herrschen, sondern um zu bezeugen. Und vielleicht liegt darin seine gr&ouml;&szlig;te Bedeutung: Nicht, dass er Israel delegitimiert. Sondern dass er das Judentum zur&uuml;ckf&uuml;hrt &ndash; zu sich selbst.<\/p><p><small>Titelbild: Andy.LIU \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am heutigen 13. Juni beginnt in Wien ein Ereignis, das lange als undenkbar galt: J&uuml;dinnen und Juden aus aller Welt versammeln sich &ndash; Rabbiner, Shoah-&Uuml;berlebende, Intellektuelle, Mizrachi-Aktivisten, linke Diaspora-Stimmen &ndash;, um &ouml;ffentlich, selbstbewusst und organisiert den Zionismus zu kritisieren. Nicht aus Hass, sondern aus Verantwortung. 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