{"id":134641,"date":"2025-06-19T14:00:17","date_gmt":"2025-06-19T12:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134641"},"modified":"2025-06-18T18:50:32","modified_gmt":"2025-06-18T16:50:32","slug":"analyse-drohnen-als-neue-waffensysteme-auf-den-schlachtfeldern-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134641","title":{"rendered":"Analyse: Drohnen als neue Waffensysteme auf den Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>Der Ukraine gelang am 1. Juni eine weltweit aufsehenerregende Operation, die Operation &bdquo;Spinnennetz&ldquo;: Ukrainische FPV-Kamikazedrohnen (First-Person-View = Echtzeit&uuml;bertragung durch eingebaute Kameras) griffen Hochwertziele auf mehreren Milit&auml;rflugh&auml;fen in Russland an, teilweise Tausende Kilometer von der der ukrainischen Grenze entfernt statt. Zahlreiche strategische Bomber und ein Aufkl&auml;rungsflugzeug wurden besch&auml;digt einige auch irreparabel zerst&ouml;rt. Diese Operation war nur durch den Einsatz von modernen FPV-Kamikazedrohnen so m&ouml;glich. Die Drohnenkriegsf&uuml;hrung ist dabei, die moderne Kriegsf&uuml;hrung zu revolutionieren. Ein neuer Schauplatz dieser Entwicklung ist seit dem 13. Juni auch der Krieg zwischen Israel und Iran. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8048\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-134641-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=134641-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250619_Analyse_Drohnen_als_neue_Waffensysteme_auf_den_Schlachtfeldern_des_21_Jahrhunderts_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das Deb&uuml;t des massenhaften Einsatzes von Kampf- und viel mehr Kamikazedrohnen im Rahmen eines zwischenstaatlichen Krieges ist auf den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Enklave Bergkarabach im Jahre 2020 zu datieren. Die milit&auml;rischen Kapazit&auml;ten beider Staaten waren unterschiedlich: W&auml;hrend im Global Firepower Ranking Aserbaidschan (Platz 63 in der Weltrangliste) in allen Kennzahlen deutlich gegen&uuml;ber Armenien (Platz 96 in der Weltrangliste) &uuml;berwog, war der rasche und umfassende Sieg Aserbaidschans doch f&uuml;r viele eine &Uuml;berraschung, wohl auch f&uuml;r Armenien selbst. Mitentscheidend f&uuml;r den Sieg und viel mehr noch f&uuml;r den unerwartet raschen Sieg war der Einsatz von Aufkl&auml;rungs-, Kamikaze- und Kampfdrohnen seitens Aserbaidschans. W&auml;hrend die armenische Armee immer noch mit den Waffensystemen der alten Sowjetunion und nach deren Taktiken operierte, k&auml;mpften die Streitkr&auml;fte Aserbaidschans den Krieg des 21. Jahrhunderts gem&auml;&szlig; den neuesten technologischen Errungenschaften: Aufkl&auml;rungs-, Kampf- und Kamikazedrohnen.<\/p><p>Mit den Aufkl&auml;rungsdrohnen wurden feindliche Stellungen, Truppenbewegungen, Panzer und Artillerie identifiziert. Die Kampfdrohnen beschossen und zerst&ouml;rten diese Ziele anschlie&szlig;end aus der Luft durch Raketeneinsatz. Diese Kampftechnik kennt man aus den Eins&auml;tzen der USA im Rahmen ihres &bdquo;Kriegs gegen den Terror&ldquo;. Ganz neu indessen war jedoch der Einsatz von kleinen, fussballgro&szlig;en Kamikazedrohnen, also Drohnen, die mit leichten Bomben und Granaten und\/oder Sprengstoffen bef&uuml;llt das Ziel &ndash; gesteuert durch den Drohnenpiloten &ndash; identifizieren und, sich damit selbst zerst&ouml;rend, angreifen. Diese kleinen Kamikazedrohnen sind mit einem Preis von 100 bis wenige Tausend Euro g&uuml;nstig und k&ouml;nnen hochwertige Gro&szlig;waffensysteme im Wert von vielen 100 Millionen Euro zerst&ouml;ren, wie die russische Luftwaffe am 1. Juni schmerzhaft erfahren musste.<\/p><p><strong>Milit&auml;rischer Durchbruch der Kamikazedrohne<\/strong><\/p><p>Im russisch-ukrainischen Krieg war es die ukrainische Seite, die zuerst und wesentlich schw&auml;cher hinsichtlich der milit&auml;rischen Potenziale auf den Einsatz von Drohnen, insbesondere Kamikazedrohnen zur&uuml;ckgriff. Es war eine Art reaktive asymmetrische Kriegsf&uuml;hrung: Die Asymmetrie besteht in der tats&auml;chlichen vielfachen milit&auml;rischen &Uuml;berlegenheit der Russischen F&ouml;deration gegen&uuml;ber der Ukraine &ndash; ungeachtet der Tatsache, dass diese &uuml;berlegenen Ressourcen bislang nicht vollumf&auml;nglich zum Einsatz gekommen sind. Die reaktive asymmetrische Kriegsf&uuml;hrung ging dann von der Ukraine aus, um der materiellen &Uuml;berlegenheit der russischen Armee entgegentreten zu k&ouml;nnen. Es war der Durchbruch des neuen Waffensystems Kamikazedrohne auf dem Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts &ndash; kleine, billige Kamikazedrohnen gegen millionenteure Hochwertziele wie strategische Bomber, Luftabwehrsysteme, Raketenwerfer und Schiffe.<\/p><p>Die russische Armee zog etwas sp&auml;ter und, wie in den in Telegram-Kan&auml;len stattfindenden Diskussionen ausgef&uuml;hrt, zun&auml;chst auch gegen den Willen der russischen Generalit&auml;t nach. Die alten Gener&auml;le des Sowjet-Stils setzten &ndash; &auml;hnlich wie Armenien &ndash; immer noch auf die &Uuml;berlegenheit der klassischen Gro&szlig;waffensysteme und bel&auml;chelten ganz ignorant das ukrainische &bdquo;Drohnenspielzeug&ldquo;. Aber angesichts der massiven Verluste an Panzern und Raketenwerfern etc. durch den Einsatz ukrainischer &bdquo;Spielzeugdrohnen&ldquo; allm&auml;hlich aufwachend, gaben sie der Realit&auml;t der modernen Kriegsf&uuml;hrung hadernd nach. Hieran wird auch deutlich, wie wichtig ein personeller Generationswechsel in den Streitkr&auml;ften ist, um den Anschluss an die moderne Kriegsf&uuml;hrung des 21. Jahrhunderts nicht zu verpassen. Das beste Beispiel neben Armenien und den seit &uuml;ber drei Jahren laufenden Kriegshandlungen in der Ukraine ist eben ganz besonders der erfolgreiche Angriff auf die Milit&auml;rflugh&auml;fen in den Weiten Russlands am 1. Juni.<\/p><p><strong>T&ouml;dliche Arroganz des Starken<\/strong><\/p><p>Zwar ist Russland und vice versa die USA gem&auml;&szlig; des New-Start-Vertrages verpflichtet, seine strategischen Bomber f&uuml;r die US-amerikanische Satellitenaufkl&auml;rung sichtbar zu halten. Sie aber nicht zu sch&uuml;tzen &ndash; oder nur mit alten Autoreifen auf den Tragfl&auml;chen statt beispielsweise durch dar&uuml;bergespannte Tarnnetze &ndash; ist schon erstaunlich, um nicht zu sagen au&szlig;erordentlich d&auml;mlich. Die Armeef&uuml;hrung verlie&szlig; sich weiterhin, wie im 20. Jahrhundert, auf die strategische Tiefe des russischen Raums &ndash; bis nach Sibirien fliegen keine feindlichen Objekte, so anscheinend die allgemeine Auffassung. F&uuml;r diesen und nicht ersten Leistungsnachweis der sektoralen Inkompetenz seines Milit&auml;rs im laufenden Krieg hat Russland mit dem Leben von Soldaten, den Verlusten von Gro&szlig;waffensystemen und damit einhergehenden finanziellen Verlusten einen erheblichen Schaden erlitten, ganz zu schweigen von der angekratzten Reputation der russischen Armee, die sich dem Spott und der Schadenfreude &uuml;ber ihre Unf&auml;higkeit in diesen Bereichen ausgesetzt sieht. In den westlichen Medien wurde kurz nach dem Angriff eine Parallele zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour 1941 herbeigeschrieben, ohne jedoch die Folgen dieses Vergleichs zu reflektieren &ndash; denn der japanisch-US-amerikanische Krieg endete bekannterweise 1945 mit dem Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.<\/p><p><strong>Kamikazedrohnen &ndash; in der Luft, am Boden und zur See<\/strong><\/p><p>Mittlerweile werden die ersten Drohnen als Bodenkampfsystem (UGVs) im Ukraine-Krieg getestet. Dabei handelt es sich um fahrende Maschinengewehre oder kleine, unbemannte Kettenfahrzeuge. Die Entwicklung steht erst am Anfang. &Auml;hnlich wie an der Bodenfront werden Kampf- und Kamikazedrohnen auch im Schwarzen Meer weiterentwickelt und eingesetzt, und zwar in der Modifikation als Seedrohnen. Es handelt sich hierbei um kleine, nur wenige Meter gro&szlig;e und damit schwerlich erkennbare ferngesteuerte Boote, die mit Sprengstoff bef&uuml;llt auf die Schwarzmeerflotte Russlands angesetzt wurden und werden. Das Resultat ist beeindruckend: Die Schwarzmeerflotte kann sich im westlichen Bereich des Schwarzen Meeres nicht mehr bewegen. Russische Kampfhubschrauber erwiesen sich eine Zeit lang als sehr effektive Seedrohnenj&auml;ger, jedoch beendet die neueste Seedrohnenentwicklung und deren Bewaffnung den Einsatz der Kampfhubschrauber: Diese Boote werden neben der Best&uuml;ckung mit Schiffsabwehrraketen f&uuml;r den Kampf gegen Kriegsschiffe nun auch mit Luftabwehrraketen ausgestattet. Die Kampfhubschrauber sind dann leichte Ziele.<\/p><p>All diese Entwicklungen f&uuml;hr(t)en dazu, dass der Wert der russischen Schwarzmeerflotte nicht nur durch die erlittenen Verluste gesunken ist. Auch der operative Wert hat sich signifikant gemindert, denn gro&szlig;e Teile der Schwarzmeerflotte, vielleicht sogar alle Schiffe, wurden aus dem Seekriegshafen Sewastopol auf der Krim abgezogen und in das &ouml;stliche Schwarze Meer verlegt. Sie sind faktisch kaum einsetzbar im Krieg gegen die Ukraine und zur Kontrolle des westlichen Schwarzen Meeres. Und wie lange sie im &ouml;stlichen Schwarzen Meer sicher sein werden, ist wohl nur eine Frage der Zeit.<\/p><p>Die Entwicklung geht rasant voran. Sind es zun&auml;chst nur zusammengeschusterte Provisorien, so werden diese &uuml;ber Monate perfektioniert und industriell als Massenprodukte hergestellt. Russland hat zwischenzeitlich die Bedeutung der Drohnen zu Luft, am Boden und zur See erkannt und f&uuml;hrt gegen&uuml;ber der Ukraine zumindest in der Massenherstellung. J&uuml;ngst hat Russland eine neue Art der Drohnenlenkung eingef&uuml;hrt, und zwar mit Glasfaserkabeln statt &uuml;ber Funksignale. Damit ist zwar ihre Reichweite auf bis 20 Kilometer reduziert, aber diese Drohnen k&ouml;nnen nicht mehr durch Jamming, d.h. durch die Unterdr&uuml;ckung elektronischer Signale blind gemacht werden wie die herk&ouml;mmlichen Drohnen. Auch werden Mutterdrohnen entwickelt, die in ihrem Bauch eine Vielzahl von kleinen Drohnen transportieren, dann freigelassen werden und von der Mutterdrohne im Flug und der Zielsuche koordiniert werden. Die Entwicklung von KI erm&ouml;glicht einen effektiven Einsatz. Als Gegenma&szlig;nahmen gegen die Kampf- und Kamikazedrohnen werden nun Anti-Drohnen-Drohnen, also Drohnen als Drohnenj&auml;ger eingesetzt. Es ist zu erkennen, dass der Wettlauf zwischen Offensivdrohnen und entsprechenden Defensivmitteln nun begonnen hat.<\/p><p><strong>Kamikazedrohnen und die neue Kriegsrealit&auml;t im frontnahen Bereich<\/strong><\/p><p>An der Landfront zwischen den beiden Streitkr&auml;ften hat sich das Bild der Kriegsf&uuml;hrung angesichts der Drohnentechnologie rasant ver&auml;ndert. Bilder, nicht wie im Zweiten Weltkrieg, also einem Bewegungskrieg, sondern eher wie im Ersten Weltkrieg, vom Stellungskrieg dominieren die Frontverl&auml;ufe: kilometerlange Schutzgr&auml;ben, Grabenkampf bei Wind und Wetter. Der einzige Unterschied zum Verdun des Ersten Weltkrieges sind Kampf- und Kamikazedrohnen im doppelten Sinne: Ihr Einsatz findet zur buchst&auml;blichen Jagd auf gegnerische Soldaten in und au&szlig;erhalb der Gr&auml;ben sowie ihren Schutzr&auml;umen statt &ndash; also Verdun plus Drohnenjagd. Aber der massive Drohneneinsatz hat mit zu diesem Stellungskrieg gef&uuml;hrt, denn die Gro&szlig;waffensysteme wie Panzer, Artillerie, Sch&uuml;tzenpanzer und Transportgef&auml;hrte werden wie H&uuml;hner auf der Stange von den Kamikazedrohnen gejagt und abgeschossen. In gro&szlig;en Teilen der Front finden keine oder nur noch minimale Panzerbewegungen statt. Stattdessen wird der russisch-ukrainische Krieg in erheblichem Ma&szlig;e auf der Ebene des Infanterieeinsatzes, ja teilweise des Partisaneneinsatzes gef&uuml;hrt. Soldaten beider Seiten sind in kleinen Gruppen zu Fu&szlig;, auf Pferden oder Motorr&auml;dern im Frontgebiet unterwegs und versuchen, diese zu durchbrechen. Hierbei erlebt der Schrotflinteneinsatz eine Renaissance &ndash; die Streuwirkung von Schrotmunition eignet sich nicht nur gut, um Enten, sondern wohl auch, um anfliegende Kamikazedrohnen abzuschie&szlig;en. Derzeit wird auch an Drohnenpanzern experimentiert.<\/p><p><strong>Drohnen als Wunderwaffe und Gamechanger?<\/strong><\/p><p>Zwar scheinen Drohnen die Kriegsf&uuml;hrung zu revolutionieren, indem sie die teuren Gro&szlig;waffensysteme auf den ersten Blick als kostenintensiven Schrott degradieren. Und die Entwicklung in diesem neuen Bereich ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber ob die Drohnen tats&auml;chlich als Wunderwaffe, als Gamechanger, ja als Todessto&szlig; f&uuml;r die Nutzung von teuren Gro&szlig;waffensysteme zu betrachten sind, ist derweil nicht abschlie&szlig;end zu beurteilen. Sicherlich verdienen die in der Ukraine eingesetzten Kamikazedrohnen eher den Titel &bdquo;Wunderwaffe&ldquo; als die westlichen und russischen Gro&szlig;waffensysteme wie der deutsche Leopard 2, der US-amerikanische Abrams oder der russische T-90. Sie alle, jeweils viele Millionen Euro, Dollar und Rubel wert, wurden und werden von billigen kleinen Kamikazedrohnen buchst&auml;blich hingerichtet. Und auch westliche Mittelstreckenwaffen wie der Marschflugk&ouml;rper Storm Shadow oder m&ouml;glicherweise der Taurus werden bei ihrem Einsatz nicht als Wunderwaffen in die Geschichte des Ukraine-Krieges eingehen. Dieses Privileg wird wohl einzig den Drohnen zuteil. Ob die Drohnen letztlich ein Gamechanger sind, also ein Waffensystem, das die Situation auf dem Schlachtfeld zugunsten einer Konfliktseite entscheidend ver&auml;ndert, h&auml;ngt von der jeweiligen Konstellation ab. Im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, in dem Aserbaidschan zwar milit&auml;risch &uuml;berlegen war, aber die Geschwindigkeit des Sieges doch beeindruckend gewesen ist, haben die Kamikaze- und Kampfdrohnen wohl den entscheidenden Unterschied zur Kriegsf&uuml;hrung des 20. Jahrhunderts deutlich gemacht, haben das Game sozusagen sehr rasch &sbquo;gechanged&lsquo;, also das Spiel des Krieges zugunsten Aserbaidschans in einem Ausma&szlig; ver&auml;ndert, dass Armenien seine Niederlage binnen kurzer Zeit eingestehen musste. H&auml;tte Armenien ebenfalls entsprechende Drohnen eingesetzt, w&auml;re das &sbquo;Spiel&lsquo; nicht so einfach und so schnell entschieden gewesen.<\/p><p>Auf dem ukrainischen Schlachtfeld hingegen ist so etwas wie eine Pattsituation entstanden, die Frontverl&auml;ufe waren in den letzten beiden Jahren fast eingefroren. Die in konventionellen Waffensystemen unterlegene Ukraine konnte der russischen Armee durch den Einsatz von Kamikazedrohnen erheblichen Schaden zu f&uuml;gen. Nachdem nun die russische Armeef&uuml;hrung schmerzhaft erfahren musste, dass das &bdquo;Drohnenspielzeug&ldquo; doch etwas mehr als ein &bdquo;Kinderspielzeug&ldquo; ist, hat Russland die Drohnenproduktion und Drohneneinfuhr aus dem Iran angekurbelt und wohl die ukrainische Seite &uuml;berholt. Nun kommt angesichts der riesigen russischen Ressourcen an Mensch und Material die russische Offensive langsam und mit wohl hohem Blutzoll wieder voran. Hieraus l&auml;sst sich vorsichtig vermuten, dass der Vorteil des Drohneneinsatzes nur dann wirklich gegeben ist, wenn nur eine Seite dieses Waffensystem in hohem Ma&szlig;e (Aserbaidschan) nutzt. Greifen beide Seiten darauf zur&uuml;ck, kann es zun&auml;chst den Krieg verl&auml;ngern (eingefrorene Frontverl&auml;ufe). Indessen entscheiden letztlich wohl die &uuml;brigen menschlichen und materiellen Ressourcen, hier auch wieder Gro&szlig;waffensysteme, &uuml;ber Sieg oder Niederlage. Die Drohnentechnologie ver&auml;ndert auch in dieser Konstellation zwar das Schlachtfeld, aber sie verliert dennoch ihren Wert als Gamechanger, wenn einerseits beide Konfliktseiten in etwa ausgeglichenem Ausma&szlig;e Drohnen einsetzen, jedoch die eine Seite &uuml;ber einen massiven Ressourcenvorteil an Menschen, Finanzen und Waffensystemen verf&uuml;gt.<\/p><p>Das neueste Schlachtfeld, der Krieg zwischen Israel und Iran, wird auch unter diesem Gesichtspunkt weitere Erkenntnisse vermitteln: Der &Uuml;berraschungsangriff Israels auf den Iran wurde in erheblichem Ma&szlig;e auch mit Kamikazedrohnen auf die iranische Luftabwehr sowie andere Waffensysteme, die der Iran f&uuml;r Vergeltungsschl&auml;ge vorgesehen hatte, durchgef&uuml;hrt. Genau wie bei dem ukrainischen Angriff wurden Container mit kleinen Kamikazedrohnen in LKWs an ihre Ziele herangefahren, von wo aus sie in Massen starteten und dem iranischen Milit&auml;rpotenzial enormen Schaden zugef&uuml;gt haben. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt. Jedenfalls wurde die ohnehin nur schwache iranische Luftabwehr auch durch den Einsatz israelischer Kamikazedrohnen weitgehend ausgeschaltet.<\/p><p>Es wird interessant zu beobachten sein, inwieweit sich der Einsatz von Kamikazedrohnen seitens des Irans im Krieg mit Israel auf den Kriegsverlauf auswirken wird. Beide Seiten besitzen Waffensysteme mit unterschiedlichen St&auml;rken und Schw&auml;chen in Quantit&auml;t und Qualit&auml;t, wobei Israel jedoch durchg&auml;ngig &uuml;ber modernste Waffensysteme verf&uuml;gt &ndash; also eigentlich im Vorteil ist. Dieser Vorteil jedoch k&ouml;nnte wiederum Israel durch den massenhaften Einsatz von vergleichsweise kosteng&uuml;nstigen iranischen Kamikazedrohnen zur Ersch&ouml;pfung der israelischen Luftabwehr vor ernste Herausforderungen stellen.<\/p><p>Denn in einem typisch asymmetrischen Krieg im Hinblick auf die milit&auml;rischen Machtpotenziale werden die Kriegskosten f&uuml;r den eigentlich &uuml;berlegenen Konfliktakteur auf jeden Fall in die H&ouml;he getrieben, wenn die unterlegene Konfliktpartei die Drohnenkriegsf&uuml;hrung geschickt nutzt. Auch f&uuml;r den Terrorismus des 21. Jahrhunderts er&ouml;ffnet die Drohnentechnologie ganz neue M&ouml;glichkeiten, Staaten herauszufordern. Die Kampf- und Kamikazedrohnen sind so etwas wie die Waffen des kleinen Mannes.<\/p><p>Angesichts der Wirkqualit&auml;t von Drohnen auf dem Schlachtfeld ist ein R&uuml;stungswettlauf zwischen Angriffsdrohnen und entsprechenden Abwehrsystemen unvermeidlich.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Dragon Claws<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134444\">Analyse: Ukrainischer Drohnenangriff auf das nuklearstrategische Gleichgewicht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133605\">&bdquo;Bundeswehr soll konventionell zur st&auml;rksten Armee Europas werden&ldquo; &ndash; Egal, was es kostet<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132938\">&bdquo;Im Westen nichts Neues&ldquo; &ndash; die Not-GroKo und ihr Koalitionsvertrag<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=130968\">Weltgeschichte im Zeitraffer: Wo bleibt EU-Europa? &ndash; Sechs Szenarien<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134602\">Unterst&uuml;tzte ein Luftbetankungs-Airbus der Luftwaffe den israelischen Angriff gegen den Iran?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/01b7a72cd6ba4da2848d21bcb1bcc73e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ukraine gelang am 1. 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