{"id":13468,"date":"2012-06-08T10:57:30","date_gmt":"2012-06-08T08:57:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13468"},"modified":"2015-03-06T09:17:58","modified_gmt":"2015-03-06T08:17:58","slug":"flachenbrandbekampfung-mit-der-spritzpistole","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13468","title":{"rendered":"Fl\u00e4chenbrandbek\u00e4mpfung mit der Spritzpistole"},"content":{"rendered":"<p>Glaubt man den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/merkel-rueckt-in-euro-krise-von-striktem-sparkurs-ab-a-837079.html\">Medien<\/a>, ist die &bdquo;eiserne Spar-Kanzlerin weich geworden&ldquo; und &bdquo;r&uuml;ckt von [ihrem] strikten Sparkurs ab&ldquo;. Doch warum sollte man den Medien glauben? S&auml;mtliche Punkte aus dem sogenannten &bdquo;Wachstumspaket&ldquo;, mit dem Angela Merkel sich die Zustimmung von SPD und Gr&uuml;nen zum Fiskalpakt sichert, sind einerseits kalter Kaffee und l&auml;ngst auf europ&auml;ischer Ebene beschlossen und andererseits noch nicht einmal im Ansatz geeignet, um ein Gegengewicht zur desastr&ouml;sen Austerit&auml;tspolitik zu bilden. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDas Papier, das in den Medien als &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; bezeichnet wird, hat magere acht Seiten, tr&auml;gt den Titel &bdquo;Mehr Wachstum f&uuml;r Europa: Besch&auml;ftigung &ndash; Investitionen &ndash; Innovationen&ldquo; und wurde federf&uuml;hrend in Philip R&ouml;slers Wirtschaftsministerium konzipiert. Heute vor einer Woche haben nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters auch das Kanzleramt, das Finanz- und das Au&szlig;enministerium diesem Papier zugestimmt. &Ouml;ffentlich wird dieses Papier als Konzession der Regierungskoalition an die beiden Oppositionsparteien SPD und Gr&uuml;ne gewertet, die ihre Zustimmung zum Fiskalpakt davon abh&auml;ngig gemacht haben, dass dieses Vertragswerk, mit dem die Austerit&auml;tspolitik europaweit in den Verfassungsrang erhoben wird, durch einen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13278\">&bdquo;Wachstumspakt&ldquo;<\/a> erg&auml;nzt wird. Auch wenn SPD und Gr&uuml;ne nun ihre eigene Rolle beim Aufweichen der Austerit&auml;tspolitik feiern werden, so ist es wichtig festzustellen, dass s&auml;mtliche Punkte aus Merkels &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; keine Konzession gegen&uuml;ber der Opposition, sondern eine Konzession gegen&uuml;ber den anderen Eurostaaten sind. Bereits am 23. Mai diesen Jahres hatte Angela Merkel die Kritik ihrer Kollegen auf dem informellen EU-Gipfeltreffen in Br&uuml;ssel mit diesem lauwarmen Ma&szlig;nahmenpaket <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/france-germany-divided-ahead-of-eu-summit-in-brussels\/2012\/05\/23\/gJQAV2RWkU_print.html\">abgeblockt<\/a>, das beim Gipfeltreffen am 28.\/29. Juni abgesegnet werden soll. Nicht SPD und Gr&uuml;ne, sondern Hollande und Monti haben der &bdquo;eisernen Kanzlerin&ldquo; diese minimalen Zugest&auml;ndnisse abgerungen. <\/p><p>Wenn man sich das Ausma&szlig; der Eurokrise vergegenw&auml;rtigt, ist es jedoch geradezu grotesk, die kleinteilige Flickschusterei aus Merkels &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; &uuml;berhaupt ernst zu nehmen.  Dessen drei Schl&uuml;sselelemente sind nicht viel mehr als eine Verlegenheitsl&ouml;sung:<\/p><ul>\n<li>das Kapital der Europ&auml;ischen Investitionsbank (EIB) um zehn Milliarden Euro aufzustocken, damit diese kriselnde Staaten besser mit zinsg&uuml;nstigen Krediten unterst&uuml;tzen kann;<\/li>\n<li>eine Reform der Vergabe von EU-F&ouml;rdermitteln zwecks effektiverer F&ouml;rderung unter Krisenbedingungen und die Einf&uuml;hrung von sogenannten Projektanleihen (Projektbonds);<\/li>\n<li>Umwidmung von EU-Geldern f&uuml;r den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit und Umlenkung von Geldern aus dem Europ&auml;ischen Sozialfonds (ESF) in den Ausbau der Aus- und Weiterbildung in Krisenl&auml;ndern.<\/li>\n<\/ul><p>Die Aufstockung des EIB-Kapitals ist eigentlich bereits l&auml;ngst beschlossene Sache. Bereits im April dieses Jahres bekr&auml;ftigte die Kanzlerin dies in einem <a href=\"http:\/\/www.lvz-online.de\/qp_aktuell\/bundeskanzlerin-angela-merkel-im-lvz-interview\/r-qp_aktuell-a-134796.html\">Interview mit der Leipziger Volkszeitung<\/a>. Dies entspricht auch voll und ganz der &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo;, die Merkel zu ihrem Ideal gemacht hat. EIB-Kredite werden von der Privatwirtschaft abgerufen und durch die EU mit dem Geld der Nationalstaaten abgesichert. Dank dieser B&uuml;rgschaft m&uuml;ssen Energiekonzerne wie E.ON oder RWE keine teuren Kredite von Privatbanken aufnehmen, wenn sie in S&uuml;deuropa investieren. Bezahlt werden diese Investitionen, die nicht den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern, sondern den mittel- und nordeurop&auml;ischen Konzernen zugute kommen, somit gleich doppelt vom B&uuml;rger &ndash; &uuml;ber Steuergelder f&uuml;r die EIB-Garantien und &uuml;ber den Strompreis. Damit kann sich freilich auch die SPD, die sich seit jeher durch ihre &uuml;bergro&szlig;e N&auml;he zu den Stromkonzernen auszeichnet, anfreunden und auch die Gr&uuml;nen freut es, da die Kredite ja f&uuml;r Projekte zur regenerativen Energiegewinnung eingesetzt werden.<\/p><p>Auch die Reform der EU-F&ouml;rdermittelvergabepraxis ist l&auml;ngst beschlossene Sache. Auch die &ndash; ebenfalls bereits abgesegnete &ndash; Einf&uuml;hrung von Projektbonds erm&ouml;glicht es mittel- und nordeurop&auml;ischen Konzernen staatlich abgesicherte Kredite f&uuml;r Gro&szlig;projekte in S&uuml;deuropa zu bekommen. Dies mag im Einzelfall ja auch durchaus &uuml;berlegenswert sein, hat jedoch einen Zeithorizont, der nicht im geringsten dazu geeignet ist, die akute Krise zu bek&auml;mpfen. Bildlich gesprochen, ist dies mit einem Projekt zu vergleiche, bei dem Europa beschlie&szlig;t, Unternehmen, die einen tausendkilometerlangen Gartenschlauch verlegen wollen, mit dem sie die akut w&uuml;tenden Fl&auml;chenbr&auml;nde in S&uuml;deuropa l&ouml;schen wollen, eine Absicherung f&uuml;r die Kreditkosten zur Schlauchverlegung in Aussicht stellt. Das ist nicht nur zu wenig, das ist schlichtweg l&auml;cherlich.<\/p><p>In die Kategorie &bdquo;l&ouml;blich, aber viel zu wenig&ldquo; f&auml;llt der Vorschlag, EU-Gelder in den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit umzuwidmen. Daf&uuml;r sollen 7,3 Mrd. Euro in die Hand genommen werden &ndash;  und dies obgleich momentan noch 30 Mrd. Euro im Europ&auml;ischen Sozialfonds <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/europa-mehr-ausbildungsstellen-sind-nur-ein-tropfen-auf-dem-heissen-stein\/6529268-2.html\">darauf warten<\/a> abgerufen zu werden. Diese Gelder k&ouml;nnen nicht abgerufen werden, da die s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten einerseits die Eigenmittel, die zur F&ouml;rderbewilligung ben&ouml;tigt werden, nicht aufbringen k&ouml;nnen und andererseits die Arbeitgeber schlichtweg keine Auftr&auml;ge haben, mit denen sie Auszubildende und junge Arbeitskr&auml;fte in Lohn und Brot halten k&ouml;nnten &ndash; mit oder ohne F&ouml;rdergelder. Auch diese Reform ist nicht neu, sondern bereits seit Monaten allgemeine Praxis.<\/p><p>W&auml;hrend die drei Schl&uuml;sselelemente von Merkels &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; ja zumindest noch diskutabel sind, taugen die restlichen Forderungen des Papiers bestenfalls f&uuml;r blanken Zynismus.  So schl&auml;gt man beispielsweise vor, den Schienenverkehr in allen Mitgliedsstaaten &bdquo;konsequent zu liberalisieren&ldquo;, b&uuml;rokratische H&uuml;rden abzubauen und die Postdienstleistungen weiter f&uuml;r den Internethandel zu &ouml;ffnen. Mit Wachstum haben diese Privatisierungsphantasien nicht einmal im Ansatz zu tun und mit der akuten Eurokrise schon gar nicht. Dies klingt eher so, als habe man in R&ouml;slers Ministerium ein Brainstorming f&uuml;r einen neoliberalen Wunschkatalog gemacht und die Ergebnisse als &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; verschn&uuml;rt. Von der SPD und den Gr&uuml;nen wird es da sicher keine Kritik geben &ndash; so viel ist klar.<\/p><p>Das Sahneh&auml;ubchen auf dem I-T&uuml;pfelchen der Merkelchen Zugest&auml;ndnisse an die Opposition ist dabei jedoch das Signal, sich bei Gelegenheit &bdquo;zeitnah&ldquo; daf&uuml;r einzusetzen, dass eine Finanztransaktionssteuer zusammen mit mehreren EU-Staaten angedacht werden k&ouml;nnte. Das ist freilich eine Nachricht, die sogar dem skrupelloseste Spekulanten das Blut gerinnen lassen d&uuml;rfte. Ein solcher Vorsto&szlig; wurde bereits h&auml;ufiger unternommen. Zuletzt setzte sich Sch&auml;uble im Januar <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11871\">f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer solchen Steuer ein<\/a> &ndash; und ist gescheitert. Zyniker aus der Finanzwirtschaft sagen, das beste an der Finanztransaktionssteuer sei, dass sie nie kommen wird &ndash; und daran ist auch in Zukunft kaum zu zweifeln. Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, dass eine Finanztransaktionssteuer nur dann ihre volle Wirkung erzielt, wenn sie keine Schlupfl&ouml;cher beinhaltet. In einem freien Finanzsystem ohne Kapitalverkehrskontrollen gibt es jedoch immer Schlupfl&ouml;cher, wenn es darum geht, Finanztransaktionen an einem anderen Ort vorzunehmen. Selbst wenn die Regierungskoalition ihr &bdquo;Zugest&auml;ndnis&ldquo; ernst nehmen sollte, d&uuml;rfte dabei in der Realit&auml;t kaum mehr als eine Form der Stempel- bzw. B&ouml;rsentransaktionssteuer herauskommen, die in Gro&szlig;britannien und der Schweiz schon lange Realit&auml;t ist und es in Deutschland bis ins Jahr 1991 war. Oskar Lafontaine forderte bereits die Wiedereinf&uuml;hrung dieser Steuer, J&uuml;rgen R&uuml;ttgers fordert dies und Frank Walter Steinmeier ebenfalls &ndash; freilich erst nachdem Rot-Gr&uuml;n abgew&auml;hlt wurde und er es aus eigener Kraft nicht umsetzen konnte. <\/p><p>Es ist nat&uuml;rlich nicht falsch, eine solche Stempel- bzw. B&ouml;rsentransaktionssteuer einzuf&uuml;hren. Der angedachte Steuersatz ist jedoch mehr als l&auml;cherlich. Aktien und Anleihen sollen mit einem Steuersatz von 0,1 Prozent, Derivate mit einem Steuersatz von 0,01 Prozent besteuert werden &ndash; Oskar Lafontaine schlug 2008 einen Steuersatz von 1,0% vor. Da nach Ansicht der FDP diese Steuer auch &bdquo;Kleinanleger&ldquo; und &bdquo;Riester-Rentner&ldquo; treffen w&uuml;rde, will man zudem Freibetr&auml;ge einf&uuml;hren. Dieser Vorschlag ist reichlich skurril, da bei Fonds, Lebensversicherungen und privaten Altersvorsorgeprodukten ja nicht der Endkunde, sondern die Fonds-\/Versicherungsgesellschaft diese Steuer, je nach Handelsaktivit&auml;t, abf&uuml;hren muss. Es ist vielmehr zu vermuten, dass die FDP hier ein weiteres Steuersparmodell f&uuml;r Spitzenverdiener einf&uuml;hren will und dies mit der Einf&uuml;hrung der Finanztransaktionssteuer begr&uuml;ndet. SPD und Gr&uuml;ne zeigten sich bereits erfreut und lobten Merkels kalten Kaffee als gro&szlig;en Schritt. &bdquo;Nun k&ouml;nne man die Verursacher der Krise an den Kosten beteiligen&ldquo;, so Sigmar Gabriel. Warum erh&ouml;ht man dann nicht ganz einfach die Kapitalertragssteuer?  <\/p><p>Es war zu erwarten, dass SPD und Gr&uuml;ne ihre <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12701\">&bdquo;finanzpolitische Nagelprobe&ldquo;<\/a> nicht bestehen w&uuml;rden. Dass sie jedoch sogar mit Pauken und Trompeten auf ganzer Linie versagen, und nun sogar Zugest&auml;ndnisse feiern, die gar keine sind, &uuml;berrascht selbst hartgesottene Beobachter.  Angela Merkel wird es freuen &ndash; in Deutschland hat sie eine breite parlamentarische Mehrheit f&uuml;r ihren Austerit&auml;tskurs und auch die Medien erinnern eher an die drei Affen, die nichts sagen, nichts h&ouml;ren und nichts sehen, als an eine kritische vierte Macht im Staate. Muss der Kontinent denn erst wieder in Tr&uuml;mmern stehen, bevor man erkennt, dass es kl&uuml;ger gewesen w&auml;re, den Brand zu stoppen, bevor er seine zerst&ouml;rerische Macht entfaltet?<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/9893794c09144a02accae2a2bf0aa56f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubt man den <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/merkel-rueckt-in-euro-krise-von-striktem-sparkurs-ab-a-837079.html\">Medien<\/a>, ist die &bdquo;eiserne Spar-Kanzlerin weich geworden&ldquo; und &bdquo;r&uuml;ckt von [ihrem] strikten Sparkurs ab&ldquo;. Doch warum sollte man den Medien glauben? 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