{"id":13478,"date":"2012-06-11T13:54:29","date_gmt":"2012-06-11T11:54:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13478"},"modified":"2015-03-06T09:19:29","modified_gmt":"2015-03-06T08:19:29","slug":"meinungsmache-gegen-die-finanztransaktionssteuer-die-faz-als-verlangerter-arm-der-finanzlobby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13478","title":{"rendered":"Meinungsmache gegen die Finanztransaktionssteuer &#8211; Die FAZ als verl\u00e4ngerter Arm der Finanzlobby"},"content":{"rendered":"<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass die Finanzwirtschaft die geplante Besteuerung von Finanztransaktionen ablehnt und auf breiter Front zum PR-Gegenschlag ausholt. Mehr als bedauerlich ist es jedoch, dass die angesehene FAZ dieser PR auf den Leim geht und ihren Lesern ungefiltert die Meinungsmache der Finanzlobby als redaktionellen Inhalt auftischt. Glaubt man der FAZ, k&ouml;nnte eine Finanztransaktionssteuer den &bdquo;normalen&ldquo; Riester-Sparer bis zu 14.000 Euro kosten &ndash; doch sowohl die Argumentationskette als auch die zugrundeliegende Rechnung sind nicht einmal im Ansatz nachvollziehbar. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIm FAZ-Artikel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/meine-finanzen\/steuerplaene-so-trifft-die-transaktionssteuer-die-privatleute-11778554.html\">&bdquo;So trifft die Transaktionssteuer die Privatleute&ldquo;<\/a> bieten die Frankfurter Zeitungsmacher der Finanzlobby eine B&uuml;hne, um die Finanztransaktionssteuer (FTS) auf ihre eigene Art und Weise zu bewerten. Zu Wort kommen in diesem Artikel Vertreter der Lobbyorganisation <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8073\">&bdquo;Bund der Steuerzahler&ldquo;<\/a> und des <a href=\"http:\/\/lobbypedia.de\/index.php\/Bundesverband_Investment_und_Asset_Management\">Bundesverbandes Investment &amp; Asset Management e.V. (BVI)<\/a>, der zentralen Interessenvertretung der deutschen Investmentbranche.  Von dieser Organisation stammt auch das einleitende Rechenbeispiel, das von der FAZ im redaktionellen Teil 1:1 &uuml;bernommen wurde. Grundlage dieses Rechenbeispiels ist der angeblich &bdquo;typische Riester-Fonds&ldquo; UniGlobal. Und bereits hier beginnt die Meinungsmache. Der UniGlobal ist kein Riester-Produkt, sondern ein weltweit investierender Aktienfonds unter dem Management der Union Investment Privatfonds GmbH. Auch wenn dieser spezielle Fonds eine vergleichsweise konservative Anlagestrategie verfolgt, gelten f&uuml;r ihn dennoch die Risikoeinsch&auml;tzungen, die f&uuml;r jeden Aktienfonds gelten. Daher wird er von seiner Fondsgesellschaft auch als Anlageprodukt mit &bdquo;erh&ouml;htem Risiko&ldquo; vermarktet und ist somit auch nicht als reines Riester-Produkt zugelassen. Nichtsdestotrotz erfreut sich dieser Fonds auch bei Riester-Sparern einer gewissen Beliebtheit. Der Grund daf&uuml;r ist, dass das weitverbreitete Riester-Produkt UniProfiRente, das ebenfalls von Union Investment vertrieben wird, die Riester-Gelder von j&uuml;ngeren Sparern gerne in diesen Fonds schichtet. Da der Fonds jedoch viel zu riskant f&uuml;r die alleinige Altersvorsorge ist, schichten die Fondsmanager von UniProfiRente die Anlegergelder bei bestimmten Schwellenwerten in den Rentenfonds UniEuroRenta um, der die Kundengelder ausschlie&szlig;lich in Staatsanleihen im Euroraum anlegt. Dies geschieht auch gegen den ausdr&uuml;cklichen Willen der Riester-Sparer. So hat Union Investment beispielsweise alleine im Herbst 2008, als die Aktienkurse weltweit im Kielwasser der Finanzkrise in den Keller gingen, bei 200.000 Riester-Vertr&auml;gen die Rei&szlig;leine gezogen und die Kundengelder mit hohen Verlusten von dem Aktienfonds UniGlobal in den Rentenfonds UniEuroRenta umgeschichtet. UniGlobal ist somit alles andere als ein &bdquo;typischer Riester-Fonds&ldquo;.<\/p><p>Auch die in der Rechnung unterstellte Durchschnittsverzinsung von 5,0% p.a. entspringt eher den Hochglanzprospekten der Fondsgesellschaft als einer seri&ouml;sen Prognose. Zum einen berechnet Union Investment eine j&auml;hrliche Verwaltungsverg&uuml;tung von 1,20%, zum anderen fallen auch noch Depot- sowie Vermittlungsgeb&uuml;hren und ein Ausgabeaufschlag von stolzen 5,0% an. Die unterstellte Durchschnittsverzinsung von 5,0% p.a. entspricht vielmehr ungef&auml;hr der annualisierten Bruttorendite (4,7%) seit Auflegung des Fonds im Jahre 1960. Es w&auml;re jedoch unseri&ouml;s, die Aktienkursentwicklung der vergangenen 50 Jahre auf die n&auml;chsten 40 Jahre zu prognostizieren. Genau dies tut aber der BVI. Wer dieses Produkt beispielsweise im Herbst 2000 gekauft hat, hat damit keine Jahresrendite von 5,0%, sondern einen Gesamtverlust von rund 16% erzielt, wer das Produkt vor f&uuml;nf Jahren gekauft hat, hat damit ebenfalls keine Rendite, sondern einen Verlust von 0,1% erzielt. Dies gilt jedoch nicht zwingend f&uuml;r Kunden des Riester-Produkts UniProfiRente, da in diesem Zeitraum mehrfach die gesetzte Verlustschwelle &uuml;berschritten und das gesamte Riester-Sparverm&ouml;gen irreversibel in den hauseigenen Rentenfonds UniEuroRenta umgeschichtet wurde. Dies alles geschieht &uuml;brigens nicht, um die Riester-Sparer zu sch&uuml;tzen &ndash; da die Riester-Anbieter verpflichtet sind, die Garantieverzinsung von derzeit 1,75% auszusch&uuml;tten, m&uuml;ssen sie sich vielmehr selbst gegen Kursverluste absichern. F&uuml;r Union Investment w&auml;re es schlichtweg zu riskant, eine &ndash; wie auch immer geartete &ndash; Garantieverzinsung auf einen Aktienfonds mit erh&ouml;htem Risiko anzubieten. <\/p><p>Doch selbst, wenn man s&auml;mtliche Vorschriften au&szlig;envorl&auml;sst und auch die hohen Geb&uuml;hren einmal ignoriert, kommt man auch bei wohlwollender Zahlenakrobatik nie und nimmer auf die abenteuerliche Summe von 14.000 Euro, die ein Riester-Sparer laut BVI\/FAZ w&auml;hrend der Laufzeit f&uuml;r die Finanztransaktionssteuer bezahlen soll. Unterstellt man &ndash; wie der BVI es tut &ndash;, 100 Euro Sparbetrag pro Monat, eine j&auml;hrliche Umschichtung von 90% des Portfolios und einen Steuersatz von 0,1% pro Transaktion, kommt man bei 5,0% Rendite und 40 Jahren Laufzeit auf insgesamt 1.718 Euro Steuerbelastung und eine Wertminderung von 3.028 Euro beim Sparverm&ouml;gen am Ende der Laufzeit. Bei vierzigj&auml;hriger Laufzeit hei&szlig;t dies, dass im Schnitt 43 Euro Finanztransaktionssteuer pro Jahr f&auml;llig werden. Das h&ouml;rt sich wesentlich weniger dramatisch an als die 14.000 Euro von BVI\/FAZ, die jeglicher Rechengrundlage entbehren.<\/p><p>Zu beachten ist hierbei nat&uuml;rlich, dass es bei s&auml;mtlichen Zahlen um Werte aus dem Jahre 2052, also am Ende der vierzigj&auml;hrigen Laufzeit handelt. Wenn man einmal eine durchschnittliche Inflation von 2% unterstellt, die Werte also &bdquo;kaufkraftbereinigt&ldquo;, betr&auml;gt die Steuerbelastung beim unrealistisch optimistischen BVI\/FAZ-Beispiel rund 780 Euro bzw. durchschnittlich 20 Euro pro Jahr. Auch die 14.000 Euro von BVI\/FAZ sind kaufkraftbereinigt lediglich 6.367 Euro, was sich freilich nicht mehr ganz so dramatisch anh&ouml;rt.<\/p><p>Bei einem &bdquo;normalen&ldquo; Riester-Sparvertrag ist die Steuerbelastung &uuml;brigens wesentlich geringer. Wenn man die Parameter austauscht und den monatlichen Sparbetrag auf realistischere 50 Euro absenkt, statt der Phantasierendite von 5,0% p.a. die Garantieverzinsung von 1,75% anlegt und eine realistischere Umschichtung von 5% p.a. annimmt, kommt man auf eine Gesamtsteuerlast von 30 Euro &ndash; nicht pro Jahr, sondern &uuml;ber die Gesamtlaufzeit von 40 Jahre. Der &bdquo;normale&ldquo; Riester-Sparer wird also durch eine Finanztransaktionssteuer nicht um 14.000 Euro, sondern um j&auml;hrlich 75 Cent &auml;rmer*. Aber mit diesen Betr&auml;gen kann man nat&uuml;rlich keine Meinungsmache gegen die Einf&uuml;hrung der Finanztransaktionssteuer betreiben, die selbstverst&auml;ndlich nicht die Riester-Rentner und Kleinsparer, sondern die Spekulanten ordentlich zur Kasse bitten w&uuml;rde. Die FAZ-&Uuml;berschrift &bdquo;So trifft die Transaktionssteuer die Privatleute&ldquo; ist somit Meinungsmache schlimmster Art und keine neutrale Berichterstattung, sondern Manipulation im Namen der Finanzlobby.<\/p><p>* Auch diese Rechnung wurde auf Basis der Bruttorendite, d.h. ohne Verwaltungs- und Vertriebskosten, erstellt. Die realen Kosten d&uuml;rften wesentlich niedriger sein.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/02fb7603d7d9400e826997dba5ac24e2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass die Finanzwirtschaft die geplante Besteuerung von Finanztransaktionen ablehnt und auf breiter Front zum PR-Gegenschlag ausholt. Mehr als bedauerlich ist es jedoch, dass die angesehene FAZ dieser PR auf den Leim geht und ihren Lesern ungefiltert die Meinungsmache der Finanzlobby als redaktionellen Inhalt auftischt. 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