{"id":134798,"date":"2025-06-22T10:00:19","date_gmt":"2025-06-22T08:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134798"},"modified":"2025-06-22T14:39:27","modified_gmt":"2025-06-22T12:39:27","slug":"interview-mit-dem-journalisten-ben-norton-zur-anti-china-propaganda-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134798","title":{"rendered":"Interview mit dem Journalisten Ben Norton zur Anti-China-Propaganda des Westens"},"content":{"rendered":"<p>Ben Norton ist ein scharfer Kritiker des westlichen Imperialismus. Der Journalist und Gr&uuml;nder des <em>Geopolitical Economy Report<\/em> war viele Jahre als Korrespondent in Lateinamerika t&auml;tig. Heute lebt er in Peking. Seine Arbeit erscheint unter anderem bei der <em>BBC, Sky News, Al Jazeera, Democracy Now<\/em> und <em>The Intercept<\/em>. Im Interview geht es um die gezielte D&auml;monisierung Chinas in westlichen Medien, die wachsende Kriegsgefahr um Taiwan und das milit&auml;risch-technologische Wettr&uuml;sten zwischen den USA und China. Au&szlig;erdem spricht Norton &uuml;ber die verheerenden Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft in Indien &ndash; mit Dutzenden Millionen Toten &ndash;, &uuml;ber den US-Imperialismus in Lateinamerika und &uuml;ber das sogenannte Jahrhundert der Erniedrigung in China. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/SVsKZWHYF0E\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><strong>Michael Holmes: Hallo! Ich bin Michael Holmes, freiberuflicher Journalist. Und heute ist es mir eine gro&szlig;e Freude, mit Ben Norton zu sprechen. Ben, Sie sind ein Journalist und Analyst, der viele Jahre lang aus Lateinamerika berichtet hat. Sie leben jetzt in Peking, und Ihre Arbeit ist in Medien wie der <em>BBC<\/em>, <em>Sky News<\/em>, <em>Al Jazeera<\/em>, <em>Democracy Now<\/em> und <em>The Intercept<\/em> erschienen. Sie sind Gr&uuml;nder und Chefredakteur des <em>Geopolitical Economy Report<\/em>, den ich dringend empfehle. Was ich daran so sch&auml;tze, ist die gr&uuml;ndliche Analyse mit einem sehr globalen und einem sehr historischen Ausblick. Sie gehen also wirklich in die Tiefe, was die meisten Journalisten nicht tun.<\/strong><\/p><p>Heute m&ouml;chte ich mit Ihnen &uuml;ber die Vergangenheit und Gegenwart Chinas und Lateinamerikas sprechen, ein wenig auch &uuml;ber Indien und ganz allgemein &uuml;ber die verheerenden Auswirkungen, die der westliche Kolonialismus und Imperialismus auf den Globalen S&uuml;den hatten und immer noch haben. Herzlich willkommen, Ben!<\/p><p><strong>Ben Norton:<\/strong> Ich danke Ihnen. Danke, dass ich hier sein darf, Michael.<\/p><p><strong>Es freut mich, dass Sie nun schon seit einiger Zeit in Peking leben. Wie unterscheidet sich das allt&auml;gliche Leben dort von dem, was viele im Westen vielleicht erwarten? Sind Sie in einem totalit&auml;ren Albtraum gefangen?<\/strong><\/p><p>Ganz und gar nicht. Diese Klischees sind so l&auml;cherlich. Ich w&uuml;rde die Leute wirklich einladen, uns zu besuchen. Es ist f&uuml;r Europ&auml;er sehr einfach geworden. Sie k&ouml;nnen jetzt nach China kommen, ohne ein Visum zu beantragen. Man bekommt das Visum einfach am Flughafen, und es gibt jetzt so viele europ&auml;ische Touristen hier, und ich habe mit einigen gesprochen, und sie sind immer sehr &uuml;berrascht, wie das Leben in China ist. Vor allem dar&uuml;ber, dass es keine Polizeipr&auml;senz gibt. Und das sage ich als jemand, der urspr&uuml;nglich aus den Vereinigten Staaten kommt, wo man, wenn man um die Welt reist, feststellt, wie extrem militarisiert die amerikanische Gesellschaft ist, wie die Polizei &uuml;berall ist. Sie sind alle schwer bewaffnet. Sie haben nicht nur Waffen, sondern viele US-Polizeibeh&ouml;rden verf&uuml;gen &uuml;ber milit&auml;rische Ausr&uuml;stung.<\/p><p>Und wenn man nach China kommt, sieht man kaum Polizei. Die gro&szlig;e Mehrheit hat nicht einmal Waffen. Die Vorstellung, dass China ein verr&uuml;ckter Polizeistaat ist, ist also falsch &ndash; wenn man in den USA lebt, sind die USA objektiv gesehen eher ein Polizeistaat, was den Alltag angeht. Viele Leute sind auch von der Qualit&auml;t der Infrastruktur &uuml;berrascht, besonders wenn sie aus Europa kommen. In den USA ist die Infrastruktur nicht sehr gut, aber in Europa war sie, zumindest historisch gesehen, gut, obwohl es einen massiven Mangel an Investitionen gab, und selbst in L&auml;ndern wie Deutschland bricht die Infrastruktur zusammen, w&auml;hrend in China &uuml;ber 40 Prozent des chinesischen BIP in Investitionen flie&szlig;en, w&auml;hrend es im Westen, in den USA etwa 20 Prozent sind, im Vereinigten K&ouml;nigreich sogar noch weniger. Selbst in vielen westeurop&auml;ischen L&auml;ndern ist der Anteil deutlich gesunken. China hat so viel in qualitativ hochwertige &ouml;ffentliche Verkehrsmittel investiert. Ich fahre sehr h&auml;ufig mit dem Hochgeschwindigkeitszug, mindestens einmal im Monat, in andere St&auml;dte. Und es ist erstaunlich. Er ist sehr effizient, sehr sauber, sehr schnell.<\/p><p>Und das U-Bahn-System ist gro&szlig;artig, sehr schnell. Die Infrastruktur ist also erstaunlich. Und dann gibt es noch etwas, das die Leute immer wieder erw&auml;hnen, vor allem die Frauen, n&auml;mlich wie sicher es ist. Um ehrlich zu sein, ist das nicht nur in China so. Das gilt auch f&uuml;r andere Teile Ostasiens wie Korea und Japan. Aber im Falle Chinas ist es bemerkenswert, denn vor ein paar Jahrzehnten in den 1950er-Jahren war China eines der &auml;rmsten L&auml;nder der Welt. Sein Pro-Kopf-BIP war niedriger als das von Haiti, vom Sudan, einem der &auml;rmsten L&auml;nder der Welt, und jetzt, nachdem es 800 Millionen Menschen aus der Armut befreit hat, kann man die Entwicklung mit eigenen Augen sehen. Aber es ist auch so sicher. Und man kann mit &auml;lteren Chinesen sprechen, die erz&auml;hlen, dass es in ihrer Kindheit viel Gewalt gab. Aber in den letzten Jahrzehnten gibt es praktisch keine Gewalt mehr, zumindest keine Gewaltverbrechen, und das wird von Ausl&auml;ndern oft erw&auml;hnt. Frauen k&ouml;nnen nachts herumlaufen, und sie haben keine Angst vor irgendwelchen Problemen. Die Dinge haben sich wirklich gut entwickelt. Ich sage nicht, dass in China alles perfekt ist. Es gibt nat&uuml;rlich Probleme. <\/p><p>Ein gro&szlig;es Problem sind die Wohnungskosten in den Gro&szlig;st&auml;dten, weshalb die chinesische Regierung vor f&uuml;nf Jahren versucht hat, die Immobilienblase zum Platzen zu bringen. Und es ist ihr gelungen, einen Gro&szlig;teil der Luft aus der Immobilienblase herauszulassen, indem sie die H&ouml;he der Schulden, die Immobilienentwickler aufnehmen konnten, begrenzt hat. Dadurch sind die Immobilienpreise in den gro&szlig;en St&auml;dten, den Tier-1-St&auml;dten wie Peking und Shanghai, gesunken. Und wenn man in die sogenannten Tier-2- oder Tier-3-St&auml;dte geht, also in die St&auml;dte, die nicht so gro&szlig; sind, wie Chongqing, Xi&rsquo;an oder Hangzhou, dann sind die Immobilien dort viel erschwinglicher. Aber es ist definitiv wahr, dass dies in den Gro&szlig;st&auml;dten ein Problem ist.<\/p><p>Das Problem ist jedoch, dass die Regierung versucht, diese Probleme zu l&ouml;sen, w&auml;hrend in den USA und in vielen Teilen Europas eine Lebenskostenkrise herrscht. Viele Menschen k&ouml;nnen sich keine Wohnungen leisten, und die Regierung ergreift nicht die notwendigen Ma&szlig;nahmen. In China beispielsweise wird jetzt viel in den &ouml;ffentlichen und sozialen Wohnungsbau investiert. Ehrlich gesagt ist die Lebensqualit&auml;t in China sehr, sehr hoch, weshalb viele Menschen &uuml;berrascht sind, wenn sie hierherkommen. <\/p><p>Das ist auch der Grund, warum sogar das Pro-Kopf-BIP irref&uuml;hrend sein kann, denn im Westen h&ouml;rt man immer wieder Berichte, dass beispielsweise das Pro-Kopf-BIP in den USA h&ouml;her ist als das Pro-Kopf-BIP in Spanien. Aber dann schaut man sich die Lebensqualit&auml;t der Menschen in Spanien und die Lebensqualit&auml;t der Menschen in Mississippi an. Und da sieht man nat&uuml;rlich einen riesigen Unterschied. Und das liegt daran, dass die Wirtschaft in den USA vollst&auml;ndig finanzialisiert ist. Und 20 Prozent des US-BIP, Tendenz steigend, stammen aus dem Finanzsektor. Die Realit&auml;t ist also, dass das, was China erreicht hat, wirklich bemerkenswert ist. Und zum jetzigen Zeitpunkt gibt es, vor allem in Europa, keine Ausrede mehr, um sich das nicht mit eigenen Augen anzuschauen.<\/p><p><strong>F&uuml;r mich ist die Rivalit&auml;t zwischen China und dem Westen der gef&auml;hrlichste Konflikt in der heutigen Welt, und das aus zwei Gr&uuml;nden. Der eine ist: Ein Krieg um Taiwan &ndash; und Kriegsspiele zeigen das &ndash; w&auml;re v&ouml;llig verheerend, nicht nur f&uuml;r Taiwan, das wie die Ukraine heute aussehen w&uuml;rde, sondern vor allem auch f&uuml;r China und wahrscheinlich auch f&uuml;r die USA. Und vergessen wir nicht, dass sie auch eine Menge Atomwaffen haben. China hat zwar nicht so viele Atomwaffen wie Russland, aber es w&auml;re schlimm genug. Sie k&ouml;nnen sie auf jeden Fall auf US-St&auml;dte abwerfen. Ein Krieg um Taiwan w&auml;re also ein Albtraum.<\/strong><\/p><p>Und es gibt noch einen weiteren Grund, der meiner Meinung nach noch wichtiger ist, n&auml;mlich dass wir derzeit ein KI-Wettr&uuml;sten zwischen den USA und China haben. Sowohl die USA als auch China versuchen, im Bereich der K&uuml;nstlichen Intelligenz die Nase vorn zu haben, denn viele Experten sind der Meinung, dass wir nur noch wenige Jahre von einer allgemeinen K&uuml;nstlichen Intelligenz entfernt sind. Und wer diese zuerst entwickelt, wird im Grunde die Welt beherrschen. Das wird als Ausrede benutzt, um zu sagen, dass wir KI nicht regulieren k&ouml;nnen, und ich denke, dass die Notwendigkeit, KI zu regulieren, das wichtigste Thema f&uuml;r die Menschheit heute ist, denn wenn wir sie richtig regulieren k&ouml;nnen, hat sie das Potenzial, uns dabei zu helfen, Armut, Klimawandel und im Grunde alle gro&szlig;en Probleme der Menschheit zu beseitigen.<\/p><p>Aber wenn wir es falsch anpacken und sie nicht regulieren, k&ouml;nnte sie uns im schlimmsten Fall alle umbringen. Es bestehen einfach gro&szlig;e Gefahren. Ich bin kein Experte f&uuml;r KI, aber soweit ich wei&szlig;, w&uuml;rden die meisten Experten dem zustimmen, was ich gerade gesagt habe. Wir m&uuml;ssen also die K&uuml;nstliche Intelligenz regulieren, und daf&uuml;r w&auml;re es so wichtig, dass wir bessere Beziehungen haben &ndash; es m&uuml;ssen nicht unbedingt gute Beziehungen sein. Wir k&ouml;nnen unsere Differenzen &uuml;ber Taiwan und andere Themen haben, aber wir brauchen normale Beziehungen zu China. <\/p><p>Was k&ouml;nnen Sie also aus Ihrer Sicht von Peking aus sagen? Ist es m&ouml;glich, gute Beziehungen zu China zu haben? Oder ist China wild entschlossen, die Welt mit Gewalt zu erobern, das globale System zu &uuml;bernehmen und die Welt dann in einen diktatorischen Albtraum zu verwandeln?<\/p><p>Nun, das ist nat&uuml;rlich ganz und gar nicht der Fall. Es ist l&auml;cherlich. Sie haben da einige interessante Punkte angesprochen. Ich werde versuchen, auf sie alle einzugehen, was KI, Taiwan und die Rivalit&auml;t zwischen China und den USA betrifft. Ich beginne mit der Idee der chinesischen Vorherrschaft. Sie ist v&ouml;llig absurd. Erstens hat China seit 1979 keinen Krieg mehr gef&uuml;hrt, w&auml;hrend wir wissen, dass die USA jedes Jahr Krieg f&uuml;hren. Allein in den letzten Jahrzehnten sind die USA zweimal in den Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen und Jemen eingefallen. Die USA mischen sich st&auml;ndig &uuml;berall auf der Welt milit&auml;risch ein. Die USA haben also rund 800 ausl&auml;ndische Milit&auml;rbasen, und Trump prahlt jetzt damit, dass er den US-Milit&auml;rhaushalt auf eine Billion Dollar pro Jahr aufstockt.<\/p><p>Und schon der j&uuml;ngste US-Milit&auml;rhaushalt von 877 Milliarden ist gr&ouml;&szlig;er als der der zehn n&auml;chstgr&ouml;&szlig;ten Milit&auml;rausgeber der Welt zusammen. Eine Konstante in der Geschichte der Volksrepublik China ist der Widerstand gegen die Hegemonie, und das ist nicht nur rhetorisch, sondern zutiefst ideologisch. Er ist in der Kommunistischen Partei tief verwurzelt. Gehen Sie zur&uuml;ck und gehen Sie alle F&uuml;hrer durch. Trotz der vielen Unterschiede in China geht man zur&uuml;ck zu Mao Zedong mit der Gr&uuml;ndung der VR China im Jahr 1949, &uuml;ber die Reform und &Ouml;ffnung, die 1978 vom chinesischen F&uuml;hrer Deng Xiaoping eingeleitet wurde, bis hin zur heutigen neuen &Auml;ra des Sozialismus mit chinesischen Merkmalen unter dem derzeitigen chinesischen Pr&auml;sidenten Xi Jinping. Trotz all ihrer vielen Unterschiede besteht eine Gemeinsamkeit darin, dass sie stets betonten, dass Chinas Au&szlig;enpolitik auf der Ablehnung von Hegemonie, Imperialismus und Kolonialismus beruht. Dies sind Begriffe, die sie oft auf Chinesisch verwenden. Sie sagen st&auml;ndig, dass wir gegen Hegemonismus sind &ndash; das ist der chinesische Ausdruck. <\/p><p>Das sagen sie immer wieder, und sie meinen es auch so. Als China in den 1970er-Jahren die diplomatischen Beziehungen zu den USA und Japan normalisierte, bestand einer der Punkte der diplomatischen Spannungen darin, dass China von den USA und Japan verlangte, gemeinsam ein Anti-Hegemonie-Abkommen zu unterzeichnen.<\/p><p>China hat dies immer getan, weil es davon zutiefst &uuml;berzeugt ist, und China f&ouml;rdert eine ganz andere Art von Au&szlig;enpolitik, die es als f&uuml;r beide Seiten vorteilhafte Win-win-Kooperation bezeichnet, die in der sozialistischen Revolution verwurzelt ist. Und diese Idee, dass es eine neue Art von Au&szlig;enbeziehungen schaffen muss, die nicht einfach auf der Extraktion von Mehrwert und Profiten aus anderen L&auml;ndern beruht. Sie haben wirklich eine Art entwicklungspolitische Sicht auf die Welt, und sie sagen: Wie k&ouml;nnen wir zusammenarbeiten? Also ja, wir profitieren davon, aber ihr profitiert auch von diesen Beziehungen. Das ist also absurd.<\/p><p>Die Taiwan-Frage ist eine sehr spezielle Frage, und selbst der Vergleich mit der Ukraine ist ein wenig irref&uuml;hrend. Ich wei&szlig;, das wird oft gemacht, aber die Ukraine ist nicht Teil Russlands. Nach internationalem Recht ist Taiwan Teil von China. Die Vereinten Nationen erkennen an, dass es nur ein China gibt. Taiwan ist ein Teil Chinas.<\/p><p>Als die Vereinigten Staaten und die europ&auml;ischen L&auml;nder in den 1970er-Jahren ihre Beziehungen zur VR China normalisierten, erkl&auml;rten sie sich sogar bereit, die Ein-China-Politik anzuerkennen &ndash; und ironischerweise sogar die alte Guomindang-Partei, die KMT, die Taiwan bis in die 1990er-Jahre regierte. &Uuml;brigens war Taiwan von 1949 bis in die sp&auml;ten 1980er-Jahre eine Milit&auml;rdiktatur. Und selbst bei den ersten Wahlen gewann die Guomindang, die im Grunde das Milit&auml;rregime fortf&uuml;hrte. <\/p><p>Die Vorstellung, dass Taiwan die westliche liberale Demokratie repr&auml;sentiert, muss also die moderne Geschichte Taiwans ignorieren. Wie dem auch sei, der Punkt ist, dass sogar die KMT, die alte Guomindang-Partei, ebenfalls an die Ein-China-Politik glaubt. Der Unterschied ist, dass sie glauben, dass sie eines Tages das Festland zur&uuml;ckerobern werden, was nat&uuml;rlich nie passieren wird. Aber der Punkt ist, dass diese westlichen L&auml;nder, die separatistische Gruppen in Taiwan unterst&uuml;tzen, damit die Grundlagen ihrer diplomatischen Beziehungen zu China verletzen. Wenn sie ihre Beziehungen normalisieren, erkennen sie die Ein-China-Politik an. Ich weise oft darauf hin, gehen Sie auf die Website des Internationalen W&auml;hrungsfonds, des IWF. <\/p><p>Dies ist eine Organisation mit Sitz in Washington. Die USA sind das einzige Land mit Vetorecht. Sie ist im Grunde ein Arm der USA. Und doch erkennen sie auf ihrer Website an, dass Taiwan eine Provinz von China ist. Es handelt sich also um ein Problem, das ausschlie&szlig;lich ein chinesisches Problem ist. Die Ukraine war Teil der Sowjetunion, aber die Sowjetunion existiert nicht mehr. Die Ukraine ist ein unabh&auml;ngiges Land. Nach internationalem Recht ist Taiwan kein unabh&auml;ngiges Land.<\/p><p>Diese ganze Angelegenheit ist also v&ouml;llig &uuml;bertrieben. Und was lustig ist, ist, dass sogar der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Emmanuel Macron &ndash; von dem ich sicherlich kein Fan bin, ich bevorzuge Jean-Luc Melenchon &ndash; aber Macron hat anerkannt, dass die Taiwan-Frage eine einzigartige chinesische Angelegenheit ist und dass Europa sich da nicht einmischen sollte. &Uuml;brigens ist Taiwan seit Hunderten von Jahren Teil Chinas &ndash; l&auml;nger, als die USA &uuml;berhaupt als Land existieren, und l&auml;nger, als viele europ&auml;ische Nationalstaaten als zentralisierter Nationalstaat existieren, wie die Vereinigung Italiens im 19. Jahrhundert. Die Idee, dass diese westlichen L&auml;nder versuchen, sich in die inneren Angelegenheiten Chinas einzumischen, steht also f&uuml;r diese Art von neokolonialer Politik. Und das ist wirklich eine Projektion, denn es waren die USA, die in den Irak einmarschiert sind, in Afghanistan einmarschiert sind, Syrien angegriffen haben, Libyen angegriffen haben. China tut das jedenfalls nicht. Und schlie&szlig;lich komme ich zu Ihrer Frage zur K&uuml;nstlichen Intelligenz.<br>\nDie ist sehr, sehr wichtig. Ich stimme mit Ihnen v&ouml;llig &uuml;berein. Wir brauchen wirklich eine Regulierung der KI, denn sie ist sehr gef&auml;hrlich, und ich muss sagen, dass es nur zwei gro&szlig;e L&auml;nder gibt, die bei der KI-Entwicklung an der Spitze stehen. Und das sind die USA und China. Und &uuml;brigens, von diesen beiden L&auml;ndern gibt es nur eines, das KI tats&auml;chlich reguliert, und das sind nicht die USA. <\/p><p>China hat die KI bereits in vielerlei Hinsicht reguliert, indem es beispielsweise vorschreibt, dass von KI generierte Videos und Fotos als KI gekennzeichnet werden m&uuml;ssen. Die chinesische Regierung beteiligt sich auch an einigen Unternehmen, die KI entwickeln. Es ist der wilde wilde Westen, denn die US-Regierung, auch unter Biden, aber vor allem jetzt unter Trump und seinem Vizepr&auml;sidenten J. D. Vance, sie verfolgen diesen Laissez-faire-Ansatz, bei dem sie wollen, dass sich die KI so schnell wie m&ouml;glich entwickelt, weil sie die KI nutzen wollen, um die Welt zu beherrschen. J. D. Vance habe ich deshalb erw&auml;hnt, weil er aus dem Silicon Valley stammt. Er hat bei einem Risikokapitalfonds gearbeitet. Peter Thiel, der rechtsextreme, milliardenschwere Risikokapitalgeber, der einen Artikel f&uuml;r die libert&auml;re Denkfabrik Cato Institute geschrieben hat, sagte offen, Kapitalismus sei wichtiger als Demokratie. Darauf ist er stolz. <\/p><p>&Uuml;brigens hat Peter Thiel auch einen Meinungsartikel im <em>Wall Street Journal<\/em> ver&ouml;ffentlicht, in dem er Monopole verteidigt hat. Er sagte auch, dass der Kapitalismus auf Monopolen basiert und sagte stolz: &bdquo;Ich unterst&uuml;tze keinen Wettbewerb. Ich bin ein stolzer Kapitalist und ein Oligarch und ein Milliard&auml;r. Und ich unterst&uuml;tze Monopole.&rdquo; Der Titel des Artikels lautet &bdquo;Wettbewerb ist f&uuml;r Verlierer&rdquo;. Dies ist also die Weltanschauung der Oligarchen des Silicon Valley. J. D. Vance kommt aus dieser Welt. Das ist sein Hintergrund, und Peter Thiel finanzierte J. D. Vances Senatorenkampagne im Jahr 2022, als er das Rennen um das Amt des Senators von Ohio gewann, und er erhielt Millionen von Dollar an Spenden von Peter Thiel. Wenn man sich also anh&ouml;rt, was diese Oligarchen im Silicon Valley sagen, sprechen sie offen &uuml;ber diese Tatsache. Sie wollen die KI so schnell wie m&ouml;glich entwickeln, um die Welt zu beherrschen. Das sagte zum Beispiel der CEO von Anthropic, dem zweitgr&ouml;&szlig;ten KI-Unternehmen in den USA nach der sogenannten OpenAI, obwohl OpenAI in Wirklichkeit eine geschlossene KI ist.<\/p><p>Das chinesische KI-Unternehmen DeepSeek ist in Wirklichkeit OpenAI, denn DeepSeek hat quelloffene KI-Modelle ver&ouml;ffentlicht, die jeder auf der Welt nativ auf seinem Computer ausf&uuml;hren kann, w&auml;hrend die sogenannte OpenAI keine quelloffene Technologie anbietet. &Uuml;brigens geh&ouml;rt OpenAI zu 49 Prozent Microsoft, einem der gr&ouml;&szlig;ten Monopolisten der Welt. Das zweitgr&ouml;&szlig;te US-KI-Unternehmen ist Anthropic, das sich selbst als Start-up bezeichnet. Aber tats&auml;chlich sind zwei der Hauptgeldgeber, die Hauptinvestoren von Anthropic Amazon und Google, zwei der gr&ouml;&szlig;ten Monopole der Welt, und der CEO von Anthropic Dario Amodei  hat in einem Artikel zugegeben, dass er eine unipolare, von den USA dominierte Welt aufrechterhalten will. Und er sagte, dass die US-Regierung die Exportbeschr&auml;nkungen f&uuml;r China versch&auml;rfen m&uuml;sse, um zu verhindern, dass China Zugang zu den modernsten Chip-Halbleitern erh&auml;lt, die es zum Trainieren von KI-Modellen braucht, denn, wie er es ausdr&uuml;ckte, wenn die USA bei der KI die Nase vorn haben, wird es eine unipolare, von den USA dominierte Welt sein. Wenn China hingegen zu den USA aufschlie&szlig;en kann, wird es eine multipolare Welt geben. Und dieser Big-Tech-CEO aus dem Silicon Valley sagte: &bdquo;Wir wollen eine unipolare Welt, die von den USA beherrscht wird.&rdquo; Und sie wollen ein Monopol. Das ist das Gesch&auml;ftsmodell des Silicon Valley: Monopol.<\/p><p><strong>Nur eine kurze Bemerkung zu Taiwan: Ich habe die Folterkammern der Guomindang gegen Dissidenten auf Taiwan besucht, und ich glaube, die Menschen vergessen immer, dass, als die Regierung Taiwan &uuml;bernahm, als sie den B&uuml;rgerkrieg gegen die Kommunisten in China verloren, besonders am Anfang die Herrschaft sehr brutal war, und die Bev&ouml;lkerung litt und rebellierte gegen die Guomindang-Herrschaft, und damals wurde die Guomindang nat&uuml;rlich stark von den Vereinigten Staaten und Gro&szlig;britannien unterst&uuml;tzt. Das bedeutet also, dass Taiwan bereits von einer chinesischen Besatzungsmacht mit Hilfe der Vereinigten Staaten und Gro&szlig;britanniens eingenommen wurde, und das war absolut grausam. Und in Taiwan gibt es heute Museen dar&uuml;ber. Trotzdem w&uuml;rden die meisten Taiwaner heute am liebsten alles so lassen, wie es ist. Sie wollen nicht Teil Chinas sein, aber sie wollen nat&uuml;rlich auch keinen Krieg.<\/strong><\/p><p>Umfragen zeigen immer wieder &ndash; Sie haben recht! &ndash;, dass die gro&szlig;e Mehrheit der Menschen in Taiwan den Status quo bevorzugt. Und der Status quo ist, dass Taiwan nach internationalem Recht Teil Chinas ist, aber China erlaubt Taiwan, sein eigenes System zu haben. Dies wird in China als &bdquo;ein Land, zwei Systeme&rdquo; bezeichnet. So war Hongkong bis 1997 eine britische Kolonie. Noch zu unseren Lebzeiten war es eine britische Kolonie. Und noch heute hat Hongkong sein eigenes kapitalistisches und politisches System, und es gibt dort keine gro&szlig;e Firewall. Man kann Facebook und Co. ohne VPN nutzen. Ebenso war Macau bis 1999, also fast bis ins 21. Jahrhundert, eine portugiesische Kolonie, und auch Macau hat sein eigenes System. Wenn man sich die Umfragen anschaut, sagen nur etwa sieben Prozent der Menschen in Taiwan, dass sie sofort die Unabh&auml;ngigkeit wollen. Es ist nur ein winziger Bruchteil der Bev&ouml;lkerung, der sagt, wir wollen heute unabh&auml;ngig sein und ein separates Land sein, und dennoch haben sie die Unterst&uuml;tzung eines gro&szlig;en Teils des Westens und der westlichen Medien, w&auml;hrend, wie Sie betonen, die Mehrheit der Menschen offensichtlich keine bedeutenden Ver&auml;nderungen will und ganz sicher keinen Krieg. Im &Uuml;brigen ist man auf dem Festland der Meinung, dass es im Laufe der Zeit zu einer friedlichen, nat&uuml;rlichen Wiedervereinigung kommen wird. <\/p><p>Da China weiter w&auml;chst, w&auml;chst auch die Wirtschaft des Festlandes weiter. Der gr&ouml;&szlig;te Handelspartner Taiwans ist bereits das Festland, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Es gibt immer mehr Austausch, da die Menschen hin&uuml;bergehen, besonders jetzt. &Uuml;brigens, w&auml;hrend des ersten Kalten Krieges, als Taiwan von der Guomindang regiert wurde, war Taiwan viel weiter entwickelt, vor allem, weil viele reiche Leute vom Festland nach dem Sieg der Revolution 1949 geflohen sind und ihr gesamtes Kapital mitgenommen haben und nach Taiwan gegangen sind, wo sie dann von den USA unterst&uuml;tzt wurden. Obwohl sie tats&auml;chlich eine sehr staatlich gelenkte Wirtschaft hatten. Das ist nicht bekannt. Aber bis in die 1980er-Jahre bestand etwa ein Drittel des taiwanesischen BIP aus Staatsbetrieben. Also war auch das taiwanesische Entwicklungsmodell sehr staatlich gelenkt. Es war nicht sozialistisch, aber es war wie das s&uuml;dkoreanische und japanische Modell, das nicht neoliberal war. Es war &auml;hnlich wie das deutsche Entwicklungsmodell, das sehr staatlich gelenkt war. Sie wissen schon, Staatskapitalismus.<\/p><p>Aber worauf ich hinaus will, ist, dass Taiwan fr&uuml;her viel weiter entwickelt war. Aber jetzt ist das Festland im Grunde auf dem gleichen Entwicklungsstand, zumindest die gro&szlig;en St&auml;dte auf dem Festland. Es gibt also viele Menschen aus Taiwan, sei es aus gesch&auml;ftlichen Gr&uuml;nden oder auch nur zum Vergn&uuml;gen, sie reisen auf das Festland und besuchen St&auml;dte wie Shenzhen oder Guangzhou und sind von dem Entwicklungsstand und der Lebensqualit&auml;t &uuml;berw&auml;ltigt. Und &uuml;brigens, wie viel billiger die Dinge sind, denn wenn sie ein Wochenende in Guangzhou verbringen, k&ouml;nnen sie einkaufen gehen und einen Haufen Sachen f&uuml;r die H&auml;lfte des Preises kaufen, und zwar wegen des unterschiedlichen Wechselkurses, denn die taiwanesische W&auml;hrung, der Taiwan-Dollar, ist viel st&auml;rker &uuml;berbewertet als der chinesische Yuan. Wenn sich das Ausland nicht einmischt, gibt es im Laufe der Zeit keinen Grund f&uuml;r einen Krieg oder irgendetwas anderes, denn Taiwan und das Festland werden sich nat&uuml;rlich immer mehr integrieren. Wenn man also mit der gro&szlig;en Mehrheit der chinesischen Professoren, Akademiker, Intellektuellen und Politiker auf dem Festland spricht, sagt die gro&szlig;e Mehrheit von ihnen: Nat&uuml;rlich wollen wir keinen Krieg. Wir haben Gro&szlig;familienangeh&ouml;rige in Taiwan. Wir fahren regelm&auml;&szlig;ig nach Taiwan &ndash; wir wollen keinen Krieg. Eigentlich sind es die USA, die st&auml;ndig die Grenzen ausloten und auf mehr Spannungen und Konflikte dr&auml;ngen.<\/p><p>Sie haben die Geschichte des ersten Kalten Krieges erw&auml;hnt. Leider befinden wir uns jetzt im zweiten Kalten Krieg. Aber damals im ersten Kalten Krieg lagerte Taiwan US-Atomwaffen, was ein weiterer wichtiger Punkt ist, an den man sich nicht erinnert: Die USA hatten von den 1950er-Jahren bis in die 1970er-Jahre, als die USA ihre Beziehungen zur VR China normalisierten, eine gro&szlig;e Milit&auml;rbasis in Taiwan. Und in dieser Milit&auml;rbasis verf&uuml;gten die USA &uuml;ber Atomwaffen, die auf das chinesische Festland gerichtet waren, und w&auml;hrend der zweiten Krise in der Stra&szlig;e von Taiwan im Jahr 1958 kamen die USA dem Abwurf von Atomwaffen auf das chinesische Festland sehr nahe. Dies wurde durch die Pentagon Papers aufgedeckt, die der k&uuml;rzlich verstorbene Whistleblower Daniel Ellsberg, ein gro&szlig;er Held in den USA, ver&ouml;ffentlichte. Er hat bekanntlich gezeigt, dass in der zweiten Krise in der Stra&szlig;e von Taiwan im Jahr 1958 die Stabschefs, die Leiter des US-Milit&auml;rs, US-Pr&auml;sident Eisenhower unter Druck setzten, China mit Atomwaffen zu bombardieren. Aber Eisenhower &ndash; das muss man ihm zugutehalten &ndash; trat einen Schritt zur&uuml;ck und sagte: &bdquo;Nein, wir werden keine Atombomben auf sie abwerfen&rdquo;, und wenn sie das getan h&auml;tten, h&auml;tten sie Taiwan daf&uuml;r benutzt. Aus der Sicht des chinesischen Festlandes ist dies also ein sehr ernstes Sicherheitsproblem. <\/p><p>Die USA verkaufen bereits Waffen im Wert von Milliarden Dollar an Taiwan und versto&szlig;en damit gegen das Dritte Kommuniqu&eacute;, ein diplomatisches Abkommen, das die USA 1982 mit der Volksrepublik China unterzeichnet haben und in dem sich die USA verpflichteten, im Laufe der Zeit keine Waffen mehr an Taiwan zu verkaufen. Nun, wir schreiben das Jahr 2025. Sie haben diese Vereinbarung 1982 unterzeichnet, und sie verkaufen nicht nur mehr Waffen an Taiwan, sondern auch immer gr&ouml;&szlig;ere Mengen und modernere Waffen, und es gibt bereits US-Truppen in Taiwan, auch auf der Insel Qinman, oder auf Chinesisch Jinmun genannt, die nur wenige Kilometer vom chinesischen Festland entfernt ist. Es sind also die USA, die den Bogen &uuml;berspannen und die Spannungen wirklich eskalieren lassen, und sie haben die Unterst&uuml;tzung einer kleinen Minderheit von weitgehend pro-westlichen Eliten in Taiwan, die nicht die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung repr&auml;sentieren. Wie Sie schon sagten, will die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung einfach den Status quo.<\/p><p><strong>Sie schreiben viel &uuml;ber die verheerenden Auswirkungen des westlichen Imperialismus. Und Sie haben Studien von Wissenschaftlern &uuml;ber die Auswirkungen der britischen Herrschaft auf Indien und auch &uuml;ber die Rolle des Westens und Japans in China diskutiert. Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die neuesten Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass Britisch-Indien &ndash; das, was die Briten Indien angetan haben &ndash; der gr&ouml;&szlig;te Massenmord der Geschichte war. Sie t&ouml;teten wahrscheinlich mehr Menschen als im gesamten Zweiten Weltkrieg zusammen, einschlie&szlig;lich aller Nazi-Verbrechen. Ich sage nicht, dass die Briten schlimmer waren als die Nazis, die Nazis waren in vielerlei Hinsicht das schlimmste Regime der Menschheitsgeschichte. Ich sage das auch, weil ich Deutscher bin. Aber was die Gesamtzahl angeht, haben die Briten, w&uuml;rde ich sagen, diesen schrecklichen &lsquo;Wettbewerb&rsquo; gewonnen, wenn es um die Gesamtzahl der Toten in Indien geht. K&ouml;nnen Sie dar&uuml;ber sprechen? Und k&ouml;nnen Sie auch &uuml;ber das Jahrhundert der Erniedrigung in China sprechen, das eine Art Semikolonialismus mit &auml;hnlichen Auswirkungen war, vielleicht nicht so schlimm wie in Indien. Indien und China waren damals und sind auch heute noch die bev&ouml;lkerungsreichsten L&auml;nder der Erde.<\/strong><\/p><p>Ja, es ist eigentlich angebracht, dass wir &uuml;ber Kolonialismus und Faschismus zusammen sprechen, denn ich stimme mit der Analyse vieler Intellektueller des Globalen S&uuml;dens &uuml;berein, vor allem mit der des ber&uuml;hmten Aim&eacute; C&eacute;saire, der sagte, dass der Faschismus die Anwendung des europ&auml;ischen Kolonialismus im Inneren sei, also die Verbrechen, die Nazi-Deutschland gegen Nationen, gegen Gruppen wie Juden und Roma, Polen und andere Slawen begangen hat. Diese von den Nazis intern begangenen Verbrechen &auml;hnelten den Verbrechen, die zuvor vom Deutschen Reich im s&uuml;dlichen Afrika begangen wurden. Auch das Deutsche Reich hat im s&uuml;dlichen Afrika V&ouml;lkermord begangen, ebenso wie die Briten in Indien. Genauso, wie die Franzosen V&ouml;lkermord in Nordafrika begangen haben. Der Faschismus steht also in direktem Zusammenhang mit dem Kolonialismus, und die Nazis wurden in der Tat von der Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner inspiriert. Inzwischen gibt es Untersuchungen dar&uuml;ber, dass die Nazis auch von Jim Crow beeinflusst wurden, der Apartheidpolitik, die in den Vereinigten Staaten gegen schwarze Amerikaner betrieben wurde. All das h&auml;ngt also zusammen, und es ist keine Unterdr&uuml;ckungsolympiade, bei der wir sagen m&uuml;ssen, wer der Schlimmste von allen ist, und eine Hierarchie aufstellen. <\/p><p>Sie waren nat&uuml;rlich alle sehr b&ouml;se und sehr schlecht, aber was das britische Empire in Indien getan hat, darf man nicht vergessen: Die Nazis waren etwa zw&ouml;lf Jahre an der Macht, die Briten kontrollierten Indien fast 200 Jahre lang. Ja, die Nazis haben in relativ kurzer Zeit eine Menge Verbrechen begangen. Das britische Imperium hat &uuml;ber 200 Jahre hinweg viele Verbrechen begangen, und deshalb hat ein Gro&szlig;teil der neueren Forschung die Zahl der Todesopfer des britischen Kolonialismus deutlich erh&ouml;ht, und es gibt jetzt Zahlen von seri&ouml;sen Wissenschaftlern, die sagen, dass &uuml;ber 100 Millionen Inder unter dem britischen Kolonialismus starben, und es gab regelm&auml;&szlig;ige Hungersn&ouml;te unter dem britischen Kolonialismus. Die ber&uuml;hmteste im Westen ist die Hungersnot in Bengalen im Jahr 1943, also w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs. Churchill wies die britische Kolonialverwaltung pers&ouml;nlich an, Reis und Lebensmittel aus Bengalen und Indien zu exportieren, als die Menschen verhungerten, und Millionen von Menschen starben. Und die meisten seri&ouml;sen Wissenschaftler, objektive Wissenschaftler erkennen heute an, dass die Hungersnot in Bengalen durch die britische Politik verursacht wurde und dass sie v&ouml;llig vermeidbar war.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich gibt es noch viele andere Beispiele, von denen dieses das bekannteste ist. Aber es gibt auch Beispiele aus dem gesamten 19. Jahrhundert, und davor aus dem fr&uuml;hen 20. Die Verbrechen des britischen Weltreichs sind einfach unglaublich &ndash; es geht nicht nur um die Zahl der Toten. Es ist auch die Unterentwicklung, denn als Indien vom britischen Empire kolonisiert wurde, hatte es tats&auml;chlich ein h&ouml;heres Niveau an Alphabetisierung und in einigen Bereichen ein h&ouml;heres Niveau an menschlicher Entwicklung vor dem britischen Kolonialismus als danach, worauf viele seri&ouml;se Wissenschaftler hingewiesen haben. Zum Beispiel war das Analphabetentum in Indien nach dem Ende des britischen Kolonialismus wahrscheinlich das niedrigste in der ganzen Welt, weil alles, was sie taten, darin bestand, eine kleine Handvoll Eliten auszubilden. In Bezug auf die wirtschaftliche Zerst&ouml;rung: Vor der britischen Kolonialherrschaft gab es in Indien bestimmte Industrien, die sehr gut entwickelt waren. Zum Beispiel hatte Indien einige der besten Textilien der ganzen Welt. Und das ist einer der Gr&uuml;nde, warum westliche Kolonialisten nach Indien gingen &ndash; nicht nur wegen der Gew&uuml;rze, sondern auch wegen der Textilien und anderer handwerklicher Produkte. Diese Industrie wurde durch das britische Empire zerst&ouml;rt, weil die Briten darauf bestanden, ihre eigenen Textilien in die Kolonien zu exportieren. <\/p><p>Es gibt die Behauptung, dass das britische Empire ein Freihandelsimperium war. Das stimmt nicht wirklich, zumindest nicht in dem Sinne, wie wir heute &uuml;ber Freihandel denken. Das britische Empire hat seinen Kolonien den Freihandel aufgezwungen. Der s&uuml;dkoreanische Entwicklungs&ouml;konom Ha-Joon Chang bezeichnet dies als &bdquo;Freihandelskolonialismus&rdquo;. Ja, das britische Empire zwang Indien den Freihandel auf, w&auml;hrend die britische Regierung in Wirklichkeit starke Schutzma&szlig;nahmen und Z&ouml;lle zum Schutz ihrer eigenen Industrie ergriff. So deindustrialisierte Gro&szlig;britannien Indien und machte es zu einer landwirtschaftlichen Kolonie &ndash; Indien exportierte Rohstoffe, landwirtschaftliche G&uuml;ter und andere Waren in das britische Empire, und das Vereinigte K&ouml;nigreich exportierte seine Produkte zur&uuml;ck nach Indien. So entstand ein ungleicher Austausch. Die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Utsa Patnaik hat Sch&auml;tzungen auf der Grundlage von Dokumenten des britischen Imperiums vorgenommen. Sie kam zu dem Schluss, dass das britische Empire in den 200 Jahren des britischen Kolonialismus nach vorsichtigen Sch&auml;tzungen &uuml;ber 45 Billionen US-Dollar an Reichtum aus Indien abgezogen hat. Und das ist nicht nur deshalb wichtig, weil es Indien unterentwickelt hat, sondern auch, weil dieses Kapital &ndash; ein gro&szlig;er Teil davon &ndash; zur Industrialisierung Europas und der Siedlerkolonien des britischen Empire verwendet wurde. So exportierte das britische Empire beispielsweise viel Kapital in die Vereinigten Staaten, da diese zuvor eine britische Kolonie waren &ndash; nat&uuml;rlich auch nach Australien und sogar nach S&uuml;dafrika, das ebenfalls eine britische Kolonie war.<\/p><p>Es ging also nicht nur Kapital in das Vereinigte K&ouml;nigreich selbst, sondern auch in andere Teile Europas &ndash; Kontinentaleuropa &ndash; und in die britischen Siedlerkolonien. Aus diesem Grund wurde Indien als &bdquo;Kronjuwel&rdquo; des britischen Empire bezeichnet. Und es erm&ouml;glichte dem britischen Empire auch, seine Zahlungsbilanz st&auml;ndig auszugleichen, denn seit dem Ende des britischen Empire &ndash; insbesondere in den letzten Jahrzehnten, mit dem Aufkommen des Neoliberalismus &ndash; ist das Leistungsbilanzdefizit des Vereinigten K&ouml;nigreichs, sein Handelsdefizit mit dem Rest der Welt, immer gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er geworden. Fr&uuml;her waren es die Kolonien, die es dem Vereinigten K&ouml;nigreich erm&ouml;glichten, einen eigenen Markt f&uuml;r seine Exporte zu haben &ndash; die nicht unbedingt die besten Exporte waren, aber sie wurden den Kolonien aufgezwungen. Und hier sind wir heute. Das Vereinigte K&ouml;nigreich ist heute eine ziemlich unbedeutende Volkswirtschaft in der Welt, und das liegt gr&ouml;&szlig;tenteils daran, dass das britische Empire untergegangen ist.<\/p><p>Ich meine, die Folgen sind in Indien noch heute zu sp&uuml;ren. Ich sage nicht, dass jedes einzelne Problem in Indien durch den britischen Kolonialismus verursacht wurde, aber man kann einen Gro&szlig;teil der Unterentwicklung und der extremen Armut &ndash; und den Mangel an Infrastruktur in weiten Teilen Indiens &ndash; nicht verstehen, wenn man nicht 200 Jahre britischen Kolonialismus kennt. Ich meine, in China war es ganz &auml;hnlich, aber nicht so direkt. Das britische Empire herrschte direkt &uuml;ber Indien. Und wenn wir &uuml;ber Indien sprechen, schlie&szlig;en wir das heutige Pakistan und Bangladesch mit ein. Das ist eine riesige Region in der Welt. Ich meine, die Bev&ouml;lkerung dieser drei L&auml;nder betr&auml;gt heute fast zwei Milliarden Menschen. Allein Indien ist mit 1,4 Milliarden das bev&ouml;lkerungsreichste Land der Erde.<\/p><p>Was China betrifft, so wurde es nicht direkt vom britischen Empire beherrscht, aber es wurde teilweise kolonisiert. Normalerweise sagt man, dass es 1839 mit dem Ersten Opiumkrieg begann. Und was war das Ziel des Ersten Opiumkriegs? Auch hier ging es um Freihandelskolonialismus. Es ging darum, China gewaltsam f&uuml;r den sogenannten Freihandel zu &ouml;ffnen, d.h. f&uuml;r die Einfuhr von Industrieg&uuml;tern aus dem britischen Empire.<\/p><p>Zuvor hatte die Qing-Dynastie &ndash; die Monarchie in China &ndash; eine sehr protektionistische Wirtschaft und wollte keinen nennenswerten Handel mit dem Westen betreiben. Ber&uuml;hmt ist, dass der britische Botschafter nach Peking entsandt wurde. Er hatte ein Treffen mit der Qing-Regierung, und die sagte: &bdquo;Wir wollen keine eurer Produkte. Wir haben unsere eigenen Waren. Wir haben unsere eigenen Textilien.&rdquo; Es waren die Briten, die sich Zugang verschaffen wollten zu chinesischem Tee, chinesischer Seide und anderen Textilien sowie chinesischen H&auml;fen &ndash; denn die britischen Kaufleute wollten vor allem Guangdong in S&uuml;dchina und auch Hongkong f&uuml;r den Handel mit anderen Teilen Asiens nutzen.<\/p><p>Die Chinesen weigerten sich, ihre H&auml;fen f&uuml;r britische Kaufleute zu &ouml;ffnen, und verfolgten eine protektionistische Wirtschaftspolitik. Daraufhin griff das britische Empire sie an und zwang China den Opiumhandel auf. Ziel des Opiumhandels war es, eine Zahlungsbilanzkrise des britischen Empire zu &uuml;berwinden: Gro&szlig;britannien importierte gro&szlig;e Mengen an Seide, Textilien, Keramik und Tee aus China. Im Laufe der Zeit entstand dadurch ein Handels&uuml;berschuss f&uuml;r China und ein Defizit f&uuml;r Gro&szlig;britannien, was zu einem erheblichen Abfluss von Silber aus dem Vereinigten K&ouml;nigreich nach China f&uuml;hrte.<\/p><p>Dies ver&auml;rgerte das britische Empire. &Auml;hnlich wie Donald Trump heute verh&auml;ngte es daher eine Kolonialpolitik, um das Handelsdefizit zu verringern. China wollte keine britischen Waren importieren &ndash; genauso wie China heute viele der Dinge, die die USA verkaufen, nicht haben will, abgesehen von Halbleitern, die die USA jetzt nicht mehr exportieren. Es gibt deutliche Parallelen zu der Art und Weise, wie die USA heute mit China umgehen. Um sein Handelsdefizit in den Griff zu bekommen, begann das britische Empire, Opium illegal nach China zu schmuggeln, wodurch Millionen von Menschen s&uuml;chtig wurden. Opium war in China verboten, aber Gro&szlig;britannien &uuml;berschwemmte das Land absichtlich damit. Das Opium stammte aus den vom britischen Empire kolonisierten Regionen &ndash; dem heutigen Afghanistan und Bengalen. All dies h&auml;ngt also miteinander zusammen.<\/p><p>Schlie&szlig;lich vernichtete die Qing-Regierung &ouml;ffentlich riesige Opiumvorr&auml;te, die von britischen H&auml;ndlern geschmuggelt worden waren. Dieser &ouml;ffentliche Akt der Missachtung wurde vom britischen Empire als Vorwand genutzt, um China anzugreifen, da es sich um einen Angriff auf britisches Eigentum und damit auf die Krone selbst handelte. Die britische Regierung erkl&auml;rte r&uuml;ckwirkend, dass das Opium Eigentum der Krone und nicht privater Kaufleute sei, um milit&auml;rische Vergeltungsma&szlig;nahmen zu rechtfertigen. Dies war der Beginn dessen, was China das &bdquo;Jahrhundert der Dem&uuml;tigung&rdquo; nennt. Die Briten &ouml;ffneten gewaltsam chinesische H&auml;fen &ndash; beginnend mit Guangdong &ndash; und kolonisierten Hongkong. Sie setzten den sogenannten &bdquo;Freihandel&rdquo; durch und wurden bald von anderen westlichen Kolonialm&auml;chten unterst&uuml;tzt. Die Portugiesen kolonisierten Macau, die Deutschen und die Japaner kolonisierten Teile Nordostchinas, und auch das russische Zarenreich beschlagnahmte Gebiete.<\/p><p>Im Jahr 1900 &uuml;berfiel die Acht-Nationen-Allianz &ndash; bestehend aus Gro&szlig;britannien, Frankreich, Russland, den USA und anderen &ndash; Peking und besetzte es. Im Gro&szlig;en und Ganzen ist dies eine sehr junge Geschichte. All das muss man sich vor Augen halten, um zu verstehen, wie China die Welt heute sieht. Es war die Revolution von 1949, die 110 Jahre partieller Kolonialisierung beendete. Kurz vor der offiziellen Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober hielt Mao Zedong eine ber&uuml;hmte Rede, in der er erkl&auml;rte: &bdquo;Das chinesische Volk hat sich erhoben&rdquo;. Er betonte, dass China &uuml;ber ein Jahrhundert lang kolonialisiert worden war, aber auch von korrupten Feudalherren zur&uuml;ckgehalten wurde.<\/p><p>Mao bezeichnete den Kampf als einen Kampf gegen &bdquo;drei Berge&rdquo;: Kolonialismus, Feudalismus und b&uuml;rokratischen Kapitalismus. Dies waren die Kr&auml;fte, die das chinesische Volk mit dem Sieg der Revolution zu &uuml;berwinden hatte. Der heutige starke nationalistische Geist in China ist in dieser Geschichte verwurzelt &ndash; viele f&uuml;hrende Politiker in Peking sehen in der aktuellen US-Politik ein Echo des Jahrhunderts der Erniedrigung.<\/p><p><strong>Ja, und es ist auch wichtig zu erw&auml;hnen, dass der Westen sich stark in den Taiping-Aufstand eingemischt hat &ndash; der mit sch&auml;tzungsweise 20 Millionen Toten der gr&ouml;&szlig;te B&uuml;rgerkrieg der Geschichte war. Das wird oft vergessen.<\/strong><\/p><p><strong>Aber lassen Sie uns zu Lateinamerika wechseln. Sie haben viele Jahre dort verbracht. Selbst im Westen, auch in den USA, geben inzwischen viele zu, dass wir Lateinamerika einiges angetan haben &ndash; aber ich glaube, sie untersch&auml;tzen das Ausma&szlig; bei Weitem. Ein gutes Beispiel ist ein Beitrag des Komikers John Oliver. Ich mag und respektiere ihn im Allgemeinen, aber wenn es um die Au&szlig;enpolitik geht, ist er oft etwas zu milde. In einer Folge sprach er &uuml;ber die Intervention der USA in Lateinamerika und nannte vier L&auml;nder: Chile, Argentinien, Nicaragua &hellip; das vierte habe ich vergessen. Aber ich erinnere mich, dass ich dachte: Die USA haben nicht nur in vier lateinamerikanischen L&auml;ndern Diktaturen unterst&uuml;tzt &ndash; sie haben es in jedem einzelnen Land getan &ndash; und das nicht nur einmal. In den meisten von ihnen haben wir es wiederholt getan &ndash; wir haben brutale Diktaturen und terroristische Gruppen unterst&uuml;tzt. Es ist also eine gewaltige Untertreibung, nur Chile im Jahr 1973 zu nennen. K&ouml;nnen Sie uns einen kurzen &Uuml;berblick dar&uuml;ber geben, was die USA Lateinamerika angetan haben?<\/strong><\/p><p>Ich denke, es ist wichtig, sich zun&auml;chst einmal daran zu erinnern, wie wir die Vereinigten Staaten heute sehen. Wenn wir auf eine Landkarte schauen, stellen wir uns die USA als ein sauberes, zusammenh&auml;ngendes Land vor, das sich vom Atlantik bis zum Pazifik erstreckt. Aber das schlie&szlig;t Hawaii aus, das, obwohl es heute ein US-Bundesstaat ist, erst in den 1950er-Jahren die Staatlichkeit erhielt. Das ist ein Erbe des Kolonialismus: Hawaii wurde von den Vereinigten Staaten kolonisiert.<\/p><p>Puerto Rico ist ein weiteres Beispiel. Es ist kein US-Bundesstaat, sondern eine US-Kolonie. Guam ist eine US-amerikanische Kolonie. Amerikanisch-Samoa ist eine US-Kolonie. Was wir jedoch oft vergessen, ist, dass ein Gro&szlig;teil der US-Expansion auch in Richtung S&uuml;den erfolgte. Viele s&uuml;dliche US-Bundesstaaten geh&ouml;rten bis 1848 zu Mexiko. Im Jahr 1846 marschierten die USA in einem Angriffskrieg in Mexiko ein und kolonisierten dann den n&ouml;rdlichen Teil des Landes &ndash; einschlie&szlig;lich aller heutigen US-Bundesstaaten mit spanischen Namen: Kalifornien, Texas, Nevada. Ich meine, warum hei&szlig;t es <em>New Mexico<\/em>? Weil es bis 1848 zu Mexiko geh&ouml;rte.<\/p><p>Wenn wir also &uuml;ber den US-Imperialismus in Lateinamerika sprechen, m&uuml;ssen wir bedenken, dass er Teil eines umfassenderen Prozesses der s&uuml;dlichen Expansion war. Die USA haben sich seit den 1950er-Jahren territorial nicht mehr ausgedehnt, aber davor drangen sie immer weiter nach au&szlig;en vor &ndash; und nicht nur nach Mexiko. Es gab sogar Bestrebungen, Teile Zentralamerikas zu erobern.<\/p><p>Und jetzt hat Trump versprochen, weitere Teile der Welt zu kolonisieren &ndash; er sprach davon, Gr&ouml;nland, Gaza und m&ouml;glicherweise sogar Kanada zu &uuml;bernehmen. Er sprach auch davon, Mexiko zu &uuml;bernehmen und die Kontrolle &uuml;ber den Panamakanal zur&uuml;ckzufordern. Trump wiederholt immer wieder, dass &bdquo;wir den Panamakanal gebaut haben&rdquo;, was nur teilweise stimmt. Die USA haben reiche, kapitalistische Eliten in Panama unterst&uuml;tzt, als das Land noch zu Kolumbien geh&ouml;rte. Diese Oligarchen reisten nach New York und hielten ein Treffen in einem Luxushotel ab, bei dem US-Kapitalisten sie mit Geld und Ressourcen versorgten, um die Unabh&auml;ngigkeit von Kolumbien zu erkl&auml;ren. Das Ziel? Panama als US-freundliche Zone abzutrennen und den Kanal zu bauen. Ja, die USA schufen den Panamakanal &ndash; aber als die panamaische Regierung ihn sp&auml;ter verstaatlichte, begannen die USA, Panama wieder wie eine Kolonie zu behandeln. Diese Geschichte ist noch immer pr&auml;sent.<\/p><p>Sie haben die Milit&auml;rdiktaturen in Lateinamerika erw&auml;hnt. Die USA haben sie nicht nur unterst&uuml;tzt, sie haben sie auch installiert. Und das war noch nicht alles. Die USA haben zahlreiche lateinamerikanische L&auml;nder milit&auml;risch besetzt. Wenn Sie sich eine Karte S&uuml;damerikas &ndash; und des gr&ouml;&szlig;ten Teils Mittelamerikas &ndash; ansehen, werden Sie feststellen, dass die Vereinigten Staaten in fast jedes Land einmarschiert sind oder dort milit&auml;risch interveniert haben. Unter Reagan war das Panama. Vergessen wir nicht Grenada in der Karibik.<\/p><p>Und es gibt noch einen anderen Teil der Geschichte: die &bdquo;Filibuster&rdquo;. Nicht die Art, &uuml;ber die wir im Kongress sprechen &ndash; die urspr&uuml;nglichen &bdquo;Filibuster&rdquo; waren Kolonialisten des 19. Jahrhunderts, die von US-Oligarchen wie Cornelius Vanderbilt finanziert wurden. Es waren private S&ouml;ldner, die nach Lateinamerika geschickt wurden, um Land zu erobern. In Texas hatten sie damit gro&szlig;en Erfolg. Dann versuchten sie, das Gleiche in Mittelamerika zu tun. William Walker war einer von ihnen &ndash; er ging nach Nicaragua, erkl&auml;rte sich zum Pr&auml;sidenten und f&uuml;hrte die Sklaverei in dem Gebiet wieder ein, das er zu beherrschen behauptete. Dies l&ouml;ste in Nicaragua das aus, was oft als &bdquo;B&uuml;rgerkrieg&rdquo; bezeichnet wird, aber in Wirklichkeit war es ein internationaler Krieg. Walker wurde von Vanderbilt und anderen US-Kapitalisten unterst&uuml;tzt, und er verb&uuml;ndete sich mit den konservativen Oligarchen Nicaraguas gegen die revolution&auml;ren &bdquo; Liberalen&rdquo;, die sich an den Idealen der Franz&ouml;sischen Revolution orientierten. Der Krieg verw&uuml;stete das Land, und Walker wurde schlie&szlig;lich besiegt &ndash; aber das geschah nicht nur in Nicaragua. Solche von den USA unterst&uuml;tzten kolonialen Invasionen gab es auch in Honduras und in Teilen S&uuml;damerikas.<\/p><p>Ja, die USA haben im 19. Jahrhundert buchst&auml;blich versucht, einen Gro&szlig;teil Lateinamerikas zu kolonisieren. Im 20. Jahrhundert vollzog sich dann der &Uuml;bergang vom formalen Kolonialismus zum Neokolonialismus. Die europ&auml;ischen Imperien waren im Niedergang begriffen, und die USA konnten nicht mehr offen kolonisieren &ndash; auch wenn sie 1898 noch Teile Lateinamerikas formal kolonisierten. In jenem Jahr, w&auml;hrend des Spanisch-Amerikanischen Krieges, kolonisierten die USA Kuba und mehrere andere Gebiete; und Puerto Rico &ndash; das bis heute eine US-Kolonie ist. Kuba war de facto eine US-Kolonie bis 1959, als die kubanische Revolution siegte. Die USA kolonisierten auch die Philippinen und Guam &ndash; und auch Guam ist bis heute eine US-Kolonie. Danach beginnt die &Auml;ra des Neokolonialismus &ndash; des indirekten Kolonialismus &ndash; durch von den USA unterst&uuml;tzte Milit&auml;rdiktaturen. <\/p><p>Das ber&uuml;hmteste Beispiel ist Chile. Im Jahr 1970 w&auml;hlte das chilenische Volk demokratisch den Sozialisten Salvador Allende. Er gewann klar und deutlich, doch der nationale Sicherheitsberater der USA, Henry Kissinger, sagte: &bdquo;Das chilenische Volk sollte keinen Sozialisten w&auml;hlen d&uuml;rfen. Das ist nicht Sache des chilenischen Volkes.&rdquo; Pr&auml;sident Nixon befahl daraufhin, &bdquo;die Wirtschaft zum Schreien zu bringen&rdquo;. Die USA verh&auml;ngten eine Blockade gegen Chile, genau wie die Blockaden gegen Kuba und Venezuela, und versuchten so, die chilenische Wirtschaft zu ersticken. Die USA verursachten erhebliche wirtschaftliche Sch&auml;den, und zur Zeit des Staatsstreichs vom 11. September 1973 &ndash; dem urspr&uuml;nglichen 9\/11 &ndash; erlebte Chile eine Hyperinflation, &auml;hnlich wie wir sie in Venezuela erlebt haben.<\/p><p>Die USA zerst&ouml;rten Chile und setzten dann den rechtsextremen Milit&auml;rdiktator Augusto Pinochet ein, der sogar ehemalige, in Lateinamerika lebende Nazis nach Chile einlud, um bei der Folterung von Linken zu helfen. Ein ber&uuml;chtigter Ort war Colonia Dignidad, ein ber&uuml;chtigtes Gefangenenlager, das vom ehemaligen Nazi Paul Sch&auml;fer geleitet wurde. Dieses Muster wiederholte sich in der gesamten Region. In Bolivien herrschte eine brutale rechtsextreme Diktatur, die ebenfalls ehemalige Nazis einschleuste. In Argentinien war die Diktatur unter Videla &auml;hnlich &ndash; ebenfalls neoliberal. Tats&auml;chlich war Chile unter Pinochet das erste Land, das unter dem Einfluss der &bdquo;Chicago Boys&rdquo; &ndash; an der Universit&auml;t von Chicago ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler &ndash; eine neoliberale Politik der freien Marktwirtschaft einf&uuml;hrte. Milton Friedman selbst besuchte Santiago, um Pinochet zu beraten. Das Gleiche geschah in Paraguay, Brasilien &ndash; in ganz Lateinamerika.<\/p><p>Und das ist nicht nur die Geschichte der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, sie setzt sich heute fort. Im Jahr 2018 unterst&uuml;tzten die USA einen gewaltsamen Putschversuch in Nicaragua. Ich habe dort mehrere Jahre gelebt und Menschen interviewt, deren Familienmitglieder get&ouml;tet wurden. Ein Mann, ein Sicherheitsbeamter im B&uuml;ro eines B&uuml;rgermeisters in Masaya, wurde von rechtsextremen Putschisten, die von den USA unterst&uuml;tzt wurden, entf&uuml;hrt und gefoltert. Er verlor seinen Arm. Dieser Putsch scheiterte, aber die USA hatten in den 1980er-Jahren Erfolg, nachdem sie jahrzehntelang die Somoza-Diktatur in Nicaragua unterst&uuml;tzt hatten. Die sandinistische Revolution st&uuml;rzte Somoza 1979, doch dann begann die Reagan-Regierung einen Terrorkrieg und bildete &uuml;ber die CIA die Contras aus. &bdquo;Contra&rdquo; ist die Abk&uuml;rzung f&uuml;r contrarrevolucionario &ndash; Konterrevolution&auml;r. Diese Contras setzten Terror und Folter ein, um die Wirtschaft Nicaraguas zu zerst&ouml;ren und die Sandinisten zu st&uuml;rzen &ndash; und sie hatten Erfolg. Diese Geschichte hat nie wirklich aufgeh&ouml;rt.<\/p><p>Ein weiteres aktuelles Beispiel: 2019 unterst&uuml;tzten die USA einen Putschversuch in Venezuela. Sie unterst&uuml;tzten Juan Guaid&oacute; &ndash; einen Mann, der noch nie an einer Pr&auml;sidentschaftswahl teilgenommen hatte -, und die Trump-Regierung erkl&auml;rte ihn zum &bdquo;Interimspr&auml;sidenten&rdquo;. Verb&uuml;ndete der USA, darunter oligarchische F&uuml;hrer in Lateinamerika und europ&auml;ische Regierungen, folgten diesem Beispiel. Milliarden von Dollar an venezolanischen Verm&ouml;genswerten wurden beschlagnahmt. Die Bank of England h&auml;lt immer noch Gold in Milliardenh&ouml;he, das der venezolanischen Zentralbank geh&ouml;rt &ndash; und weigert sich, es zur&uuml;ckzugeben.<\/p><p>Und auch 2019 unterst&uuml;tzten die USA einen erfolgreichen Putsch in Bolivien. Evo Morales, der erste indigene Pr&auml;sident Boliviens, hatte gerade die Wiederwahl in einem Land gewonnen, in dem die meisten B&uuml;rger indigener Abstammung sind. Die von den USA dominierte Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) behauptete f&auml;lschlicherweise Wahlbetrug &ndash; eine Behauptung, die sp&auml;ter von MIT-Forschern widerlegt wurde. Diese falschen Behauptungen wurden benutzt, um einen gewaltsamen Staatsstreich zu rechtfertigen, durch den Morales gest&uuml;rzt wurde.<\/p><p>Die Putschregierung t&ouml;tete die indigene Bev&ouml;lkerung und setzte christliche Fundamentalisten ein, die die indigene Bev&ouml;lkerung als &bdquo;satanische Horden&rdquo; bezeichneten und behaupteten, sie seien keine echten B&uuml;rger. Ihre neoliberale Wirtschaftspolitik f&uuml;hrte zu Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Korruption &ndash; alles w&auml;hrend der Pandemie. Das Land brach zusammen. Sie versuchten, die n&auml;chsten Wahlen zu stehlen, waren aber so unpopul&auml;r, dass die Linke in einem gewaltigen Erdrutschsieg gewann und das Putschregime abgesetzt wurde.<\/p><p>Es handelt sich also nicht nur um ein historisches, sondern um ein aktuelles Problem. Nat&uuml;rlich hat Lateinamerika seine eigenen Probleme: Korruption, Gewalt und Drogenkartelle. Aber viele Menschen sagen: &bdquo;Selbst wenn wir eine gute Regierung bekommen &ndash; eine, die diese Probleme angeht -, organisieren die USA einen Putsch gegen uns. Deshalb gibt es in Lateinamerika auch einen bekannten Witz:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Warum gab es noch nie einen Putsch in Washington, D.C.? Weil es dort keine US-Botschaft gibt.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Ich glaube, die vier gr&ouml;&szlig;ten Massenmorde in Lateinamerika in den letzten 100 Jahren waren in Guatemala &ndash; der V&ouml;lkermord &ndash; und in Kolumbien. In beiden F&auml;llen unterst&uuml;tzten die USA die faschistischen Diktaturen, die f&uuml;r die meisten der Morde verantwortlich waren &ndash; etwa 90 Prozent oder so. Dann ist da noch Argentinien mit 30.000 Toten, was die Nummer drei w&auml;re &ndash; oder wahrscheinlich die Nummer vier, denn in El Salvador gab es bis zu 70.000 Tote. In beiden F&auml;llen &ndash; Argentinien und El Salvador &ndash; unterst&uuml;tzten die USA auch die faschistischen Diktaturen. Dies ist also auch ein Beispiel daf&uuml;r, wie die USA die schlimmsten Regime unterst&uuml;tzt haben. Die schlimmsten Diktaturen in Lateinamerika waren wahrscheinlich in Haiti, in der Karibik &ndash; mit Papa Doc und Baby Doc. Sie waren absolut grausam. Und sie wurden beide von den Vereinigten Staaten unterst&uuml;tzt &ndash; viel schlimmer als Fidel Castros Kuba. Ich will nicht leugnen, dass es auch dort Unterdr&uuml;ckung gab. Dennoch &hellip;<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber die Unterdr&uuml;ckung in Kuba zu sprechen und es mit Milit&auml;rdiktaturen zu vergleichen &ndash; das ist einfach absurd. Ich meine, ich wei&szlig;, dass Sie versuchen, ausgewogen zu sein, aber das ist v&ouml;llig absurd. Wenn man sich die Menschenrechtsbilanz in Lateinamerika ansieht, hat Kuba wahrscheinlich die beste Menschenrechtsbilanz. Ich meine, schauen Sie sich den Index der menschlichen Entwicklung an, trotz der brutalen Sanktionen und der Blockade. Ganz zu Beginn der Revolution wurden in Kuba einige Menschen get&ouml;tet &ndash; aber das war nur eine sehr geringe Zahl. Die Zahl der Toten ist so gering, dass man sie z&auml;hlen kann &ndash; vielleicht in die Hunderte. Inzwischen ist die Kindersterblichkeitsrate in Kuba trotz aller Probleme, die durch die Blockade verursacht wurden, niedriger als in den Vereinigten Staaten.<\/p><p>Die Lebenserwartung in Kuba ist eine der h&ouml;chsten in der Region. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ausgezeichnet. Leute, die &uuml;ber die angeblich schreckliche Menschenrechtslage in Kuba sprechen, sollten es mit Mexiko vergleichen. Ich liebe Mexiko, und die derzeitige Regierung tut, was sie kann. Aber &uuml;ber 100.000 Menschen sind im Drogenkrieg gestorben. Die Zahl der Todesopfer in Kuba liegt bei 0,1 Prozent davon. Und die USA sind f&uuml;r so viel davon verantwortlich. In Mexiko gibt es &uuml;brigens nur ein einziges Waffengesch&auml;ft &ndash; ein vom Milit&auml;r kontrolliertes. Neunundneunzig Prozent der Waffen kommen aus den USA. Der fr&uuml;here Pr&auml;sident Mexikos reichte sogar eine formelle Beschwerde ein &ndash; weil die Drogenkartelle milit&auml;rische Ausr&uuml;stung aus den USA bezogen. Die Instrumentalisierung des &bdquo;Menschenrechts&rdquo;-Diskurses in Lateinamerika ist also absurd. Je enger die L&auml;nder mit den USA verb&uuml;ndet sind, desto schlechter ist ihre Menschenrechtsbilanz &ndash; wie Sie gerade dargelegt haben.<\/p><p><strong>Ja. Die meisten Todesf&auml;lle durch kriminelle Gewalt in Mexiko und anderswo stehen im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Drogen, der von den USA angef&uuml;hrt und vielen lateinamerikanischen L&auml;ndern aufgezwungen wird. Die meisten Drogen, um die sich die Kartelle in Mexiko, Kolumbien und jetzt auch in Ecuador streiten, sind f&uuml;r die USA und Europa bestimmt. Der gesamte Schwarzmarkt ist eine Folge der Prohibition. Die USA &ndash; und in geringerem Ma&szlig;e auch Europa &ndash; tragen also eine gro&szlig;e Verantwortung f&uuml;r Lateinamerikas Kriminalit&auml;tsprobleme. Und wohin geht das ganze Kokain? Der Gro&szlig;teil geht in die USA und nach Europa. Ich glaube, es sind etwa 90 Prozent, ja. Und die Prohibition hilft den Drogens&uuml;chtigen in den USA auch nicht. Sie f&uuml;hrt nur dazu, dass Mexikaner wegen der Kontrolle des Schwarzmarktes sterben.<\/strong><\/p><p>&Uuml;brigens war ich mit einer Costa Ricanerin verheiratet. Ihr gr&ouml;&szlig;ter Nationalheld ist Juan Santamar&iacute;a &ndash; der Mann, der William Walker rausgeschmissen hat, den Filibuster, von dem Sie sprachen. Costa Rica ist in vielerlei Hinsicht ein Erfolgsmodell. Ich habe viele Costa Ricaner befragt, und viele von ihnen sind der Meinung, dass dies zum Teil daran liegt, dass die USA sie weitgehend in Ruhe gelassen haben. Sie wurden nie vollst&auml;ndig besetzt.<\/p><p>Es gab einige Interventionen, ja, aber viel weniger als anderswo. Und sie glauben, dass das einer der Gr&uuml;nde ist, warum es ihnen ziemlich gut geht.<br>\nWir haben also &uuml;ber die historischen Auswirkungen des westlichen Imperialismus auf China, Indien und Lateinamerika gesprochen. Wir haben keine Zeit, um auf Afrika und den Nahen Osten einzugehen, aber ich denke, viele Menschen sind heute schockiert dar&uuml;ber, was der Westen mit Gaza macht. Aber f&uuml;r Menschen wie Sie ist es weniger &uuml;berraschend &ndash; denn die letzten 200 Jahre sind voll von Beispielen, in denen der Globale S&uuml;den das erlebt hat, was Gaza jetzt erlebt. <\/p><p>Wir k&ouml;nnten wahrscheinlich jedes Land des Globalen S&uuml;dens durchgehen und eine Geschichte finden, die das widerspiegelt, was in Pal&auml;stina geschieht. Deshalb finde ich es absurd, wenn Politiker und Experten im Westen uns immer noch dieses M&auml;rchen von den guten Demokratien erz&auml;hlen, die gegen die b&ouml;sen Diktaturen k&auml;mpfen. Ich glaube immer noch an die Demokratie &ndash; insbesondere an die liberale Demokratie &ndash; als das beste System insgesamt, nicht immer, aber im Allgemeinen. Aber die Demokratie, vom britischen und franz&ouml;sischen Empire bis heute, hat &uuml;berall auf der Welt viel Schreckliches angerichtet &ndash; auch in den Weltkriegen. Wie k&ouml;nnen die Leute das immer noch glauben? Was halten Sie von diesem ganzen &bdquo;Demokratien gegen Diktaturen&rdquo;-Narrativ?<\/p><p>Ja. Wir haben gerade dar&uuml;ber gesprochen, dass die sogenannten westlichen Demokratien mit den schlimmsten Diktaturen verb&uuml;ndet waren und sie oft an die Macht gebracht haben. Das ist v&ouml;llig heuchlerisch. Meistens bedeutet &bdquo;Demokratie&rdquo; einfach &bdquo;westlicher Verb&uuml;ndeter&rdquo;. Heute wird Taiwan in den westlichen Medien als eine vorbildliche liberale Demokratie dargestellt, doch w&auml;hrend des gr&ouml;&szlig;ten Teils seiner modernen Geschichte &ndash; seit der chinesischen Revolution von 1949, als die Guomindang nach Taiwan floh &ndash; war es eine Milit&auml;rdiktatur, ein Einparteienstaat.<\/p><p>In &auml;hnlicher Weise wird S&uuml;dkorea als ein weiteres Beispiel f&uuml;r eine erfolgreiche liberale Demokratie angef&uuml;hrt. Aber auch S&uuml;dkorea war bis in die sp&auml;ten 1980er-Jahre eine Milit&auml;rdiktatur. Auch Japan, das oft als stabile Demokratie angesehen wird, ist im Wesentlichen seit 1955 ein Einparteienstaat. Dies ist als das &bdquo;System von 1955&Prime; bekannt. Es gab nur etwa drei Jahre lang eine Ausnahme. <\/p><p>Abgesehen davon wurde Japan von der sogenannten Liberaldemokratischen Partei (LDP) regiert &ndash; ein Name, der ironischerweise irref&uuml;hrend ist. Die Vorstellung, dass China ein Einparteienstaat ist, ist also einfach falsch. Japan ist im Wesentlichen ein Einparteienstaat. S&uuml;dkorea war weitgehend ein Einparteienstaat. &Uuml;brigens hat der derzeitige Pr&auml;sident S&uuml;dkoreas, Yoon Suk-yeol, k&uuml;rzlich einen Versuch unternommen, den viele als Milit&auml;rputsch bezeichnet haben. Er scheiterte, aber die Vorstellung, dass S&uuml;dkorea eine stabile liberale Demokratie bleiben wird, ist meiner Meinung nach ziemlich naiv. S&uuml;dkorea ist erst seit etwa 40 Jahren eine liberale Demokratie. Es besteht die sehr reale M&ouml;glichkeit, dass es wieder in eine Diktatur abrutschen k&ouml;nnte. <\/p><p>Eine &auml;hnliche Dynamik ist auch in anderen L&auml;ndern zu beobachten, die als Demokratien gepriesen werden. Nehmen Sie die Philippinen. W&auml;hrend des ersten Kalten Krieges waren die Philippinen ein treuer Verb&uuml;ndeter der USA &ndash; und eine Milit&auml;rdiktatur unter Ferdinand Marcos senior. Wer ist heute Pr&auml;sident der Philippinen? Ferdinand Marcos Jr., sein Sohn. Die Marcos-Familie ist ber&uuml;chtigt &ndash; nicht nur f&uuml;r ihre Brutalit&auml;t, die Folterung und Ermordung von Dissidenten, sondern auch f&uuml;r den Diebstahl von Milliarden von Dollar. Jeder wei&szlig; das, aber die Familie wurde von den reichen Oligarchen des Landes unterst&uuml;tzt, die die Medien kontrollieren. Sie f&uuml;hrten Propagandakampagnen, dominierten die sozialen Medien und gewannen die Wahl. Selbst die Bezeichnung dieser L&auml;nder als liberale Demokratien ist also fragw&uuml;rdig.<\/p><p>Selbst die USA als Demokratie zu bezeichnen, ist fragw&uuml;rdig. Nehmen wir den US-Kongress: &Uuml;ber 80 Prozent der Wahlen zum Senat und &uuml;ber 90 Prozent der Wahlen zum Repr&auml;sentantenhaus werden von dem Kandidaten gewonnen, der &uuml;ber mehr finanzielle Unterst&uuml;tzung verf&uuml;gt. Das ist keine Demokratie. Das ist Plutokratie. Der Oberste Gerichtshof der USA hat entschieden, dass es keine Grenzen daf&uuml;r gibt, wie viel Unternehmen oder Milliard&auml;re f&uuml;r politische Kampagnen ausgeben k&ouml;nnen. Sie sagen sogar: &bdquo;Unternehmen sind auch Menschen&rdquo;. Das ist das ber&uuml;chtigte Urteil Citizens United. Die Politiker in den USA werden also im Wesentlichen durch Geld gekauft &ndash; ganz zu schweigen von der Lobbyarbeit.<\/p><p>Was in den USA als &bdquo;Lobbying&rdquo; bezeichnet wird, w&uuml;rde in den meisten L&auml;ndern der Welt als Korruption gelten: Konzerne und Milliard&auml;re geben Politikern Geld im Austausch f&uuml;r g&uuml;nstige Gesetze. Es gibt Denkfabriken, die buchst&auml;blich Gesetze entwerfen, die die Politiker dann verabschieden. Das ist keine Demokratie &ndash; das ist Plutokratie. Es ist Oligarchie. Nat&uuml;rlich unterst&uuml;tze ich die Demokratie im Prinzip, aber ich glaube nicht, dass es viele echte Demokratien auf der Welt gibt &ndash; schon gar nicht in den USA.<\/p><p>Viele L&auml;nder im Globalen S&uuml;den haben versucht, alternative Formen der Demokratie zu verfolgen. Aber wie Noam Chomsky schon sagte, sind die USA seit Langem einer der st&auml;rksten Gegner der Demokratie in der Welt. Jedes Mal, wenn in Lateinamerika ein fortschrittlicher F&uuml;hrer versucht, die Oligarchie oder die Korruption herauszufordern &ndash; oder gegen das organisierte Verbrechen vorzugehen &ndash; werden sie durch Putsche gest&uuml;rzt oder ermordet. Das passiert immer wieder. Deshalb halte ich es nicht f&uuml;r besonders hilfreich, die Welt als einen Kampf zwischen &bdquo;Demokratie&rdquo; und &bdquo;Autoritarismus&rdquo; darzustellen. Die meisten sogenannten Demokratien sind in Wirklichkeit Oligarchien.<\/p><p>Selbst in Europa, wo es wohl mehr Demokratie gibt als in den USA, sehen wir ein &auml;hnliches Muster. In Frankreich ist Macron, ein millionenschwerer Banker &ndash; der Pr&auml;sident der Reichen. In Italien war es Mario Draghi, ebenfalls ein Banker. In ganz Europa vertreten immer mehr Politiker elit&auml;re, oligarchische Interessen. Schauen Sie sich den neuen deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz an &ndash; er war fr&uuml;her Leiter der deutschen Niederlassung von BlackRock, dem gr&ouml;&szlig;ten Verm&ouml;gensverwalter der Welt. Das ist ein riesiges US-amerikanisches Finanzunternehmen mit Sitz an der Wall Street &ndash; und jetzt ist er Deutschlands Regierungschef. Diese Systeme sind nicht demokratisch; sie sind oligarchisch.<\/p><p>Schon im alten Griechenland galt die Demokratie als gef&auml;hrlich &ndash; sie bedeutete die Herrschaft des Volkes, was die Eliten f&uuml;rchteten. Sie bevorzugten die Oligarchie &ndash; die Herrschaft der Besitzenden. Der r&ouml;mische Senat war eine Oligarchie. Und heute ist der US-Kongress nicht viel anders. Er wird immer noch von wohlhabenden Eliten beherrscht. Wenn wir also &uuml;ber Demokratie sprechen, brauchen wir ein breiteres, ehrlicheres Verst&auml;ndnis.<\/p><p>Vor allem im globalen S&uuml;den brauchen die Regierungen oft starke Staaten, um ihre Souver&auml;nit&auml;t zu sch&uuml;tzen. B&uuml;rgerliche Freiheiten sind wichtig, aber es gibt ein Gleichgewicht. In den USA zum Beispiel behaupten wir, dass wir Redefreiheit haben, aber in der Praxis k&ouml;nnen nur Milliard&auml;re und Unternehmen sie wirklich aus&uuml;ben. Sie kontrollieren die Plattformen und verklagen Kritiker, damit sie schweigen &ndash; ich habe das als Journalist am eigenen Leib erfahren.<\/p><p>In Europa gibt es einen vern&uuml;nftigeren Ansatz f&uuml;r die freie Meinungs&auml;u&szlig;erung. Aber wenn Sie ein Land des Globalen S&uuml;dens sind und die USA Medien finanzieren, um Ihre Regierung zu destabilisieren, m&uuml;ssen Sie trotzdem handeln. L&auml;nder wie Mexiko, Nicaragua, Bolivien, Venezuela und Ecuador haben auf diese von den USA unterst&uuml;tzten Propagandaoperationen reagiert, die oft von der National Endowment for Democracy oder USAID finanziert werden. Im Jahr 2018, w&auml;hrend der Unruhen in Nicaragua, verbreiteten von den USA finanzierte Sender wie <em>Confidencial<\/em> nicht nur Nachrichten, sondern riefen aktiv zum gewaltsamen Sturz von Pr&auml;sident Ortega auf und verbreiteten sogar Aufrufe zu seiner Ermordung. Nat&uuml;rlich wurden sie von der nicaraguanischen Regierung abgeschaltet. Das ist keine freie Meinungs&auml;u&szlig;erung &ndash; das ist Aufwiegelung, unterst&uuml;tzt von einer ausl&auml;ndischen Macht. <\/p><p>Kleine L&auml;nder des Globalen S&uuml;dens m&uuml;ssen die b&uuml;rgerlichen Freiheiten mit Souver&auml;nit&auml;t und Sicherheit in Einklang bringen. Es handelt sich um arme L&auml;nder mit einer Wirtschaft, die kleiner ist als die eines einzigen US-Tech-Unternehmens. Sie k&ouml;nnen es sich nicht leisten, naiv gegen&uuml;ber Bedrohungen ihrer Unabh&auml;ngigkeit zu sein. Und w&auml;hrend wir von den USA als einer Demokratie sprechen, funktionieren sie wie eine Plutokratie. Man w&auml;hlt zwischen zwei von Milliard&auml;ren finanzierten Kandidaten. Das ist keine echte Wahl. Hinzu kommt, dass die USA einer der autorit&auml;rsten Polizeistaaten der Welt sind &ndash; man denke nur an die Polizeigewalt, die militarisierte Unterdr&uuml;ckung von Protesten und die systematische Brutalit&auml;t, insbesondere gegen schwarze Amerikaner. &Uuml;ber 1.000 Menschen werden jedes Jahr von der Polizei get&ouml;tet, und doch behauptet das System, es sei demokratisch.<\/p><p><strong>Das wirft zwei verwandte, aber unterschiedliche Fragen auf. Die eine ist, wie demokratisch die westlichen L&auml;nder tats&auml;chlich sind. Und ich stimme Ihnen zu: Viele sind es nicht. Aber der andere, ebenso wichtige Punkt ist, dass Imperialismus niemals demokratisch ist, egal wie demokratisch die imperiale Macht behauptet, zu Hause zu sein. Nehmen Sie Gro&szlig;britannien im 19. Jahrhundert. Zumindest in der zweiten H&auml;lfte des Jahrhunderts war es eines der demokratischsten L&auml;nder der Welt. Aber sein Imperium war eine Diktatur &ndash; oft eine brutale, gewaltt&auml;tige Diktatur. Es diente den britischen Interessen, nicht den Interessen seiner Untertanen.<\/strong><\/p><p>Es ist erstaunlich: Zu einem bestimmten Zeitpunkt lebten etwa neunmal so viele Menschen unter britischer Kolonialherrschaft wie in Gro&szlig;britannien selbst. Selbst wenn Gro&szlig;britannien also zu Hause eine vorbildliche Demokratie war, herrschte sein Imperium &uuml;ber ein Viertel der Weltbev&ouml;lkerung ohne jegliche demokratische Legitimation. Dieser Widerspruch ist wichtig, um sich daran zu erinnern &ndash; und er wird oft ignoriert, sogar von Historikern.<\/p><p>Ganz genau. Und das war schon immer das Kernproblem der europ&auml;ischen Sozialdemokratie. Es ist Demokratie f&uuml;r den Kern und Imperialismus f&uuml;r die Peripherie. Nehmen Sie Westeuropa in den 1950er- bis 1970er-Jahren &ndash; starke Wohlfahrtsstaaten, Vollbesch&auml;ftigung, hohe Lebensqualit&auml;t. Es war eine goldene &Auml;ra. Aber dieser Wohlstand existierte neben einem aktiven Imperium. Frankreich unterdr&uuml;ckte Algerien immer noch brutal. Es gab also eine Sozialdemokratie &ndash; aber nur f&uuml;r die Europ&auml;er. Alle anderen bekamen die &Uuml;berreste des britischen Empire, und das war die Zeit der Entkolonialisierung. Wir m&uuml;ssen uns also auch fragen, wie viel von der Sozialdemokratie, von der Europa in dieser Zeit profitierte, durch die Ausbeutung der Kolonien erm&ouml;glicht wurde, und jetzt, da Europa viele seiner Kolonien verloren hat, gab es auch den Aufstieg des Neoliberalismus. <\/p><p>Aber wie viel davon war auch darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass sie nicht mehr viel von diesem Mehrwert aus den Kolonien herausholen konnten? Ich meine, ich glaube, dass es m&ouml;glich ist, zu einem h&ouml;heren Lebensstandard in Europa zur&uuml;ckzukehren, ohne den Imperialismus. Aber dazu bedarf es eines echten Sozialismus, und es bedarf der R&uuml;ckkehr zu vielen dieser Politiken, aber viel mehr, viel weiter, als wir in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren gesehen haben.<\/p><p><strong>Lassen Sie es mich so formulieren. Ich denke, die meisten Afroamerikaner, ich meine, ich bin mir nicht sicher, aber die meisten von ihnen w&uuml;rden mir wahrscheinlich zustimmen, wenn ich sage, dass die Menschen in Gaza und im Jemen in den letzten 20 Jahren noch mehr unter der US-Politik gelitten haben als sie selbst, wissen Sie, und das war schlimm genug.<\/strong><\/p><p>Ich meine, ja, im Fall von Gaza, ich meine, das ist ein einzigartiger Fall. Es ist einfach so unglaublich, die vollst&auml;ndige Zerst&ouml;rung einer Gesellschaft. Aber ich meine, wir d&uuml;rfen nicht vergessen, dass Jim Crow extrem brutal war. Es gab so viele Menschen, die get&ouml;tet, geh&auml;ngt und gelyncht wurden. Also ja, ich meine, wie ich schon sagte, ich denke, wir sollten immer versuchen zu vermeiden &ndash; ich sage nicht, dass Sie das getan haben &ndash; aber wir sollten es vermeiden, Dinge wie eine Unterdr&uuml;ckungsolympiade zu machen und zu sagen, dass dies die am meisten unterdr&uuml;ckten Menschen sind &hellip;<\/p><p><strong>Ja, die Vergangenheit war f&uuml;rchterlich. Und ich glaube, deshalb sympathisieren so viele Afroamerikaner mit den Pal&auml;stinensern, weil sie glauben, dass es so f&uuml;r Sie war und bis zu einem gewissen Grad noch immer so ist &ndash; bis heute. Sie f&uuml;hlen sich sehr an ihre eigene Vergangenheit und Gegenwart erinnert.<\/strong><\/p><p>Nun, das f&uuml;hrt zur&uuml;ck zu dem Punkt, den ich vorhin erw&auml;hnte, dass der Faschismus die Anwendung des Kolonialismus im Inneren ist. Und was war f&uuml;r schwarze Amerikaner, erst unter der Sklaverei und dann unter Jim Crow &ndash; ich meine, was war Jim Crow, wenn nicht im Grunde genommen Faschismus? Sklaverei. Sehr &auml;hnlich. Ein anderes Beispiel ist Apartheid-S&uuml;dafrika. Wenn man ein schwarzer S&uuml;dafrikaner war, gab es eine Menge &Auml;hnlichkeiten mit dem Faschismus.<\/p><p><strong>Auf jeden Fall, und viele der F&uuml;hrer der Apartheid in S&uuml;dafrika sympathisierten nat&uuml;rlich mit den Faschisten in Deutschland.<\/strong><\/p><p>Ich denke, man kann den Faschismus nicht wirklich verstehen, ohne seine tiefen Wurzeln im Kolonialismus zu kennen. Diese kapitalistischen L&auml;nder &ndash; sie haben sich immer auf die Superausbeutung gest&uuml;tzt. Nat&uuml;rlich werden die Arbeiter in den kapitalistischen L&auml;ndern ausgebeutet, aber sie haben sich oft auf die Superausbeutung der Arbeiter in den Kolonien verlassen, und als es diese Kolonien nicht mehr gab, brach das Deutsche Reich zusammen. So kam es zum Aufstieg des Faschismus, zur Superausbeutung von Nationen innerhalb Europas. Und sie wollten territorial expandieren, wie es die Kolonialisten taten. Ich glaube also wirklich, dass Faschismus und Kolonialismus im Grunde Geschwister sind. <\/p><p>Ich meine, es sind sehr &auml;hnliche Ph&auml;nomene. Und heute, wo wir den Wiederaufstieg der extremen Rechten sehen, schauen wir uns Donald Trump an. Ich meine, ich sage nicht, dass Donald Trump der n&auml;chste Hitler oder so etwas ist, aber ich meine, es gibt sicherlich faschistische Elemente bei Trump, und ein Teil davon ist, dass er sagt, wir werden das Territorium der USA erweitern. Er beschwert sich, dass wir seit Jahrzehnten nicht mehr expandiert haben. Wir sollten mehr expandieren. Wir werden Gaza und Gr&ouml;nland und Panama kolonisieren. Manifest destiny war die Ideologie der westlichen Expansion, der Kolonisierung und der ethnischen S&auml;uberung der indigenen V&ouml;lker Amerikas.<\/p><p><strong>Und es sollte immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Adolf Hitlers Grund, warum er in die Sowjetunion einmarschierte, war, Lebensraum zu erobern, das Land zu erobern, Sklaven und Kolonien zu haben. Er sagte, wir m&uuml;ssen mit Russland und Osteuropa das machen, was die Briten mit Indien gemacht haben und was die Amerikaner mit den amerikanischen Ureinwohnern gemacht haben. Das war also sein Modell f&uuml;r dieses riesige Verbrechen, bei dem 27 Millionen Sowjetb&uuml;rger starben.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist Kolonialismus.<\/p><p><strong>Es war die brutalste Form des Kolonialismus, im Grunde genommen.<\/strong><\/p><p>Ja, genau. Es war die am st&auml;rksten militarisierte moderne Form mit all der industriellen Technologie &ndash; und einfach eine brutale Kriegsmaschine. Mein eigentliches Anliegen ist es, Deutschland f&uuml;r all die schrecklichen Verbrechen, die es begangen hat, nicht zu entlasten. Aber ich hoffe wirklich, dass die USA nicht noch schlimmer werden als das. Ich meine, es besteht die M&ouml;glichkeit. Ich hoffe es wirklich nicht. Aber das ist es, was mir wirklich Angst macht, all die Verbrechen, die die USA begangen haben. Ich meine, sie k&ouml;nnten sogar noch schlimmer werden, wie wir traurigerweise bei Donald Trump sehen. <\/p><p>Die Politik bewegt sich jedes Jahr weiter und weiter nach rechts, alle vier Jahre, jedes Mal. Es gibt eine Wahl, wissen Sie. Jetzt rehabilitieren die Demokraten George Bush. Als ich ein Teenager war und gegen den Irak-Krieg und so protestierte, wurde George Bush mit Hitler verglichen, richtig? Und was er im Irak getan hat, das T&ouml;ten von einer Million Menschen, war ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Jetzt loben die Demokraten Bush. Ich meine, was wird in 20 Jahren passieren? Das ist es, was mir wirklich Angst macht.<\/p><p><strong>In Zahlen k&ouml;nnte es auf jeden Fall noch schlimmer werden, denn wir k&ouml;nnten einen Atomkrieg mit Russland haben, bei dem 90 Prozent der Menschheit sterben w&uuml;rden. Das w&auml;re wie 100 Holocausts. Und dann k&ouml;nnten wir nat&uuml;rlich eine v&ouml;llig unkontrollierte KI haben, die sich in den USA entwickelt, die verr&uuml;ckt spielt und uns alle umbringt &ndash; in den n&auml;chsten zehn Jahren -, und das k&ouml;nnte in den Vereinigten Staaten beginnen. Und wenn wir blind daf&uuml;r sind, wenn wir einfach glauben: besser in den USA als in China, und: So schlimm kann es nicht sein, denn die wissen, was sie tun. Sie k&ouml;nnten uns alle umbringen.<\/strong><\/p><p>Das ist ein trauriger Schlusspunkt. Aber ich stimme zu, es ist sehr, sehr gef&auml;hrlich.<\/p><p><strong>Das war so ein d&uuml;steres Gespr&auml;ch. Ja, aber es hat viel Freude gemacht. Es war sehr informativ. Der beste Ort, um Ihre Arbeit zu sehen, ist der <em>Geopolitical Economy Report<\/em>. Ich empfehle ihn sehr.<\/strong><\/p><p>Danke, dass ich hier sein durfte, Michael. Es war eine gro&szlig;artige Diskussion.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot NDS<\/small> <\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123626\">Interview mit Michael L&uuml;ders: &bdquo;Wir werden als mitschuldig gelten f&uuml;r den Massenmord im Gazastreifen&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133046\">Interview mit der ukrainischen Historikerin Marta Havryshko: &bdquo;Die Ukraine ist keine Demokratie. 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Seine Arbeit erscheint unter anderem bei der <em>BBC, Sky News, Al Jazeera, Democracy Now<\/em> und <em>The Intercept<\/em>. Im Interview geht es um die gezielte D&auml;monisierung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134798\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":134804,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,209,125,30],"tags":[2580,2186,669,379,2637,1945,895,2102,3517,469,499,1426,2529,2008,2175,1805,1792,2145,2177,2350,1971,2409,663,1582,2922,1556,1333],"class_list":["post-134798","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-interviews","category-rechte-gefahr","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-apartheid","tag-bolivien","tag-chile","tag-china","tag-embargo","tag-faschismus","tag-freihandel","tag-geostrategie","tag-globaler-sueden","tag-grossbritannien","tag-handelsbilanz","tag-hegemonie","tag-imperialismus","tag-indien","tag-interventionspolitik","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-kolonialismus","tag-lateinamerika","tag-militaerdiktatur","tag-nicaragua","tag-philippinen","tag-plutokratie","tag-putsch","tag-sozialer-wohnungsbau","tag-taiwan","tag-usa","tag-venezuela"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/250620-Ben-Norton-Holmes-Titelbild-NDS.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134798","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=134798"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134798\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":134878,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134798\/revisions\/134878"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/134804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=134798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=134798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=134798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}