{"id":134914,"date":"2025-06-23T12:36:06","date_gmt":"2025-06-23T10:36:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134914"},"modified":"2025-06-29T11:02:02","modified_gmt":"2025-06-29T09:02:02","slug":"patrik-baab-nach-einem-neuen-krieg-gegen-russland-wird-es-deutschland-nicht-mehr-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134914","title":{"rendered":"Patrik Baab: \u201eNach einem neuen Krieg gegen Russland wird es Deutschland nicht mehr geben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Journalist und Publizist <strong>Patrik Baab<\/strong> ist auf Veranstaltungen und in den Videos der deutschen Friedensbewegung ein gefragter Gespr&auml;chspartner. In Moskau pr&auml;sentierte er k&uuml;rzlich auf einer Veranstaltung in der Tscheglakow-Stiftung die russischsprachige Ausgabe seines Buches &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo;. Das Buch handelt vom Krieg in der Ukraine. Mit Patrik Baab hat <strong>Ulrich Heyden<\/strong> gesprochen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9952\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-134914-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=134914-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250623-IV-Heyden-Patrik-Baab-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Ulrich Heyden: Herr Baab, Sie sind jetzt schon ein paar Tage in Moskau. Was haben Sie hier erlebt, und was sind Ihre Ziele auf dieser Moskau-Reise?<\/strong><\/p><p><strong>Patrik Baab:<\/strong> Der Besuch ist rein privater Natur, denn ich finde, die Kontakte zu den Menschen in Russland m&uuml;ssen erhalten bleiben, gerade in einer Zeit, in der wir sprechen k&ouml;nnen von dem vollst&auml;ndigen Ruin der deutschen Diplomatie.<\/p><p>Man muss sich das vorstellen: Ein Land, von dem die furchtbarsten Kriege des vergangenen Jahrhunderts ausgegangen sind, mit vielen Millionen Toten, ist nicht in der Lage, im Ukraine-Konflikt eine einzige Friedens- und Vermittlungsinitiative zu starten. F&uuml;r diese verkommene deutsche Politik kann man sich wirklich nur sch&auml;men. Und Spr&uuml;che wie &bdquo;Russland wird immer unser Feind sein&ldquo; &ndash; Johann Wadephul &ndash; oder seine Vorg&auml;ngerin &ndash; Frau Baerbock &ndash; &bdquo;wir f&uuml;hren einen Krieg gegen Russland&ldquo;, &bdquo;die Sanktionen werden Russland ruinieren&ldquo;, das ist der Bankrott der Diplomatie, vor allem, wenn man wei&szlig;, dass dies alles andere ist als ein unprovozierter Angriffskrieg.<\/p><p>Also, ich halte die Verbindungen zu den Menschen in Russland aufrecht, ich recherchiere auch weiter in Russland, und ich bin meinem Verlag hier in Russland, Gnosis, dankbar, dass er mein Buch &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo; &uuml;bersetzt hat und dass es auf Russisch herausgekommen ist. Das Interesse der Medien hier und der &Ouml;ffentlichkeit ist gro&szlig;. Und das ist &ndash; in Deutschland muss man das ja immer dazusagen &ndash; ein Verlag, der v&ouml;llig unabh&auml;ngig von der russischen Regierung arbeitet.<\/p><p><strong>Sie haben hier in Moskau &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] pr&auml;sentiert. Nach der Veranstaltung wurden Sie von russischen Medien interviewt, von Rossija 1 und RT DE. Auch die Nachrichtenagentur Tass war da. Alle genannten Medien haben &uuml;ber die Pr&auml;sentation berichtet. Ist das nicht eigentlich ein ganz gutes Ergebnis, dass die russischen Medien Sie hier als Deutschen interessant finden und vorstellen?<\/strong><\/p><p>Ich freue mich dar&uuml;ber. Zumal sich die russische &Ouml;ffentlichkeit mit meinem Buch schwertut, denn es folgt weder der westlichen, der NATO-Propaganda, noch folgt es der Propaganda des Kremls. Das Buch ist irgendwo dazwischen. Es ist f&uuml;r die Menschen in Russland schwer einzuordnen, weil sie nat&uuml;rlich daran gew&ouml;hnt sind, unter einer Propaganda-Glocke zu leben. Das Buch f&uuml;hrt zur Verunsicherung, und deswegen hat es der Verlag nat&uuml;rlich nicht leicht.<\/p><p><strong>Der Titel des Buches &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo; ist ja in Russland heute praktisch nicht pr&auml;sent, denn wir h&ouml;ren in russischen Medien Reportagen von der russischen Kriegsfront. Wir h&ouml;ren aber eigentlich nichts &uuml;ber das Leben der Ukrainer. Von daher ist der Ansatz des alten, liberalen deutschen Journalismus, wo man in den 1980er-Jahren noch versucht hat, beide Seiten der Front darzustellen, heute hier in Russland kaum noch zu erkl&auml;ren. Die Russen interessieren sich zwar daf&uuml;r, was in der Ukraine passiert, aber zu diesem Thema werden hier keine Informationen geliefert.<\/strong><\/p><p>Ich nehme das so wahr, dass auch auf Kan&auml;len wie <em>Rossija 1<\/em> &ndash; einem staatlichen Kanal &ndash; zumindest die Positionen Deutschlands und der NATO-L&auml;nder korrekt dargestellt werden, auch wenn man sie nicht teilt. Aber tats&auml;chlich verfolgt der Mainstream-Journalismus in Russland einen Ansatz, der in meinen Augen zwingend ist, n&auml;mlich beide Seiten zu h&ouml;ren. Vor allem muss man nat&uuml;rlich auch mit den Menschen sprechen. Das sieht man vor allem bei Milit&auml;r-Bloggern oder Bloggern, die im Kriegsgebiet unterwegs sind. Die liefern wieder ein ganz anderes Meinungsbild.<\/p><p><strong>Es gibt ja auch in Russland unterschiedlichen Journalismus. Es gibt einen Spielfilm und einen Dokumentarfilm, in dem die Realit&auml;t des Kriegsalltags gezeigt wird [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. F&uuml;r den Dokumentarfilm hat der Kameramann die russischen Soldaten bei der Eroberung von Mariupol begleitet. Das ist wirklich guter Journalismus. Leider ist das in Deutschland kaum bekannt und wird im deutschen Fernsehen auch nicht erw&auml;hnt.<\/strong><\/p><p>Das Problem f&uuml;r den Reporter ist, dass er im Kriegsgebiet konsekutiv &ndash; also nacheinander &ndash; arbeiten muss. Man kann nicht gleichzeitig auf beiden Seiten der Front sein, weil man daf&uuml;r die Feuerlinie der Maschinengewehre durchkreuzen m&uuml;sste, und das ist de facto unm&ouml;glich.<\/p><p><strong>Sie waren ja auch in St. Petersburg. Dort haben Sie einen Freund, der Sie eingeladen hatte, eine Lesung zu machen. Wie lief das da ab in St. Petersburg?<\/strong><\/p><p>Mit Alexander arbeite ich seit 25 Jahren zusammen. Er ist Kollege und wie ich jetzt im Ruhestand. Er ist ein ehemaliger Journalist. Aus Kollegen wurden Freunde, und er hat sich sehr daf&uuml;r eingesetzt, eine Veranstaltung zu machen, eine Diskussionsrunde zu meinem Buch &bdquo;Auf beiden Seiten der Front&ldquo;, in St. Petersburg. Aber der Journalistenverband hat kalte F&uuml;&szlig;e bekommen und fragte beim Kulturamt der Stadt St. Petersburg nach. Dort wollte man sich auch nicht entscheiden, denn ich bin ja ein Autor aus Deutschland. Das ist ja gef&auml;hrlich. Und dann fragte man den Inlandsgeheimdienst FSB. Der FSB wollte sich aber in die Inhalte des Buches gar nicht einmischen. Er gab nur ein Urteil ab, ob eine Gefahr f&uuml;r einen Terroranschlag vorliegt. Der FSB hat das verneint.<\/p><p><strong>Ein Terroranschlag gegen Sie m&ouml;glicherweise?<\/strong><\/p><p>Ja, gegen die Veranstaltung. Der FSB hat das verneint und gab das zur&uuml;ck an die Stadtverwaltung, aber die kalten F&uuml;&szlig;e sind geblieben. Auch in Russland gibt es viel vorauseilenden Gehorsam und Furcht, dass man irgendwas falsch machen k&ouml;nnte und dass dann sozusagen Blitz und Donner aus dem Kreml da reinhauen.<\/p><p><strong>Vor zwei Wochen haben Sie den alternativen Karlspreis in der Stadt Aachen bekommen. In einem Video &uuml;ber die Preisverleihung unter freiem Himmel hat mich etwas fasziniert. Ulrike Gu&eacute;rot trat auf, danach traten Sie auf. W&auml;hrenddessen sah man im Hintergrund das Publikum. Es waren etwa 300 Menschen, die frenetisch Beifall klatschen, wie bei einem Rockkonzert. Was war das f&uuml;r ein Publikum?<\/strong><\/p><p>Das war nicht choreographiert und nicht gestellt. Die Reden in Aachen hatten eine lange Vorgeschichte. Und es geht darauf zur&uuml;ck, dass ich einmal einen Film f&uuml;r den <em>NDR<\/em> gemacht habe, &uuml;ber den Tod von Jenny B&ouml;ken auf der Gorch Fock. Das war eine Offiziersanw&auml;rterin, die unter ungekl&auml;rten Umst&auml;nden an Bord des Segelschulschiffes ums Leben gekommen ist. Und so habe ich Kontakt zu der Familie bekommen.<\/p><p>Der Vater von Jenny B&ouml;ken geh&ouml;rt zur Leitung einer Gesamtschule in Geilenkirchen. Das ist ein Ort in der N&auml;he von Aachen. Er hat mich angerufen und gesagt: &bdquo;Du recherchierst ordentlich. Das habe ich erkannt. Ich m&ouml;chte, dass du mal dein Buch mit meinen Sch&uuml;lern diskutierst.&ldquo;<\/p><p>Und so habe ich eine Einladung an die Gesamtschule bekommen. Doch dann erhob sich ein Proteststurm, nat&uuml;rlich von pro-ukrainischen Nichtregierungsorganisationen und von Nichtregierungsorganisationen, die der NATO nahestehen und von der EU bezahlt und organisiert wurden. Das hat zu einem Shitstorm gef&uuml;hrt, an den sich die &ouml;rtliche Presse &ndash; die <em>Aachener Zeitung<\/em> &ndash; drangeh&auml;ngt hat.<\/p><p>Die Proteste f&uuml;hrten dazu, dass die Veranstaltung an der Gesamtschule abgesetzt wurde. In der sechsk&ouml;pfigen Schulleitung der Gesamtschule war nur noch einer der Leiter f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung der Veranstaltung.<\/p><p>Doch das war noch nicht alles. Der Vater von Jenny wurde von einer Abteilungsleitung der Bezirksregierung K&ouml;ln zu einem Gespr&auml;ch geladen. An dem Gespr&auml;ch nahm auch jemand von der juristischen Abteilung der Bezirksregierung teil. In dem Gespr&auml;ch ging es darum, wer der Initiator der urspr&uuml;nglich geplanten Veranstaltung war.<\/p><p>In Deutschland geht es ja darum, nicht offen zu diskutieren, sondern Veranstaltungen zu verhindern und am besten die Existenz des Autors zu besch&auml;digen. Die Presse selbst und die Nichtregierungsorganisationen sind die sch&auml;rfsten Kriegstreiber im Ukraine-Krieg. Und sie sind selbst die Vernichter der &ouml;ffentlichen Meinung. Hier hat sich etwas v&ouml;llig verkehrt.<\/p><p>Nach der Absage der Veranstaltung in der Gesamtschule waren die Kr&auml;fte des Friedens und der Demokratie im Raum Aachen so ver&auml;rgert, dass ich am Ende drei Veranstaltungen bew&auml;ltigen musste, bei denen jeweils 200 bis 250 Leute zu Gast waren. Die waren w&uuml;tend, dass sich Beh&ouml;rden anma&szlig;en, eine offene Diskussion zu unterbinden. So wurden schlie&szlig;lich drei Veranstaltungen organisiert, darunter eine von der protestantischen und katholischen Kirche gemeinsam veranstaltete.*<\/p><p>Wir haben eine Diskussion im Gemeindehaus gemacht, die wunderbar verlief. Da waren fast 300 Leute da, wenn ich mich richtig erinnere. Und das waren eben die Menschen, die dann zur Verleihung des [Alternativen] Karlspreises gekommen sind. Und sie haben mich nat&uuml;rlich begeistert empfangen, weil es eine Vorgeschichte gab.<\/p><p><strong>Die Geschichte, die Sie gerade erz&auml;hlt haben, macht Hoffnung.<\/strong><\/p><p>Ja.<\/p><p><strong>Aber wie betten Sie dieses Erlebnis ein in die Gesamtlage in Deutschland? Wir stehen ja vor dem Problem, dass die Kriegstreiber immer frecher auftreten. Unsere Stimmen kommen in den Medien nicht mehr vor. Wie kann es weitergehen?<\/strong><\/p><p>Wir m&uuml;ssen nun mal feststellen, dass die Kriegspropaganda &uuml;ber die Ministerien, in die Kirchen hinein, &uuml;ber die Verb&auml;nde in die einzelnen Fachbereiche hinein, &uuml;ber die Nichtregierungsorganisationen in die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen hinein, &uuml;ber die Medien in die &Ouml;ffentlichkeit hinein organisiert und orchestriert wird.<\/p><p>Das Beispiel Aachen zeigt, dass mutige B&uuml;rger dem etwas entgegenstellen k&ouml;nnen, wenn sie sich auf dem Absatz umdrehen und sagen &sbquo;Freunde, bis hierher und nicht weiter&lsquo;. Jetzt wehren wir uns. So schaffen wir eine neue &Ouml;ffentlichkeit, eine Gegen&ouml;ffentlichkeit, die sich im Unterschied zu den Regierenden am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert.<\/p><p>Und ich kann die Menschen in ganz Deutschland nur ermutigen, auf die Stra&szlig;e zu gehen und ihren Protest gegen den Kriegskurs der Regierung in die &Ouml;ffentlichkeit zu tragen.<\/p><p><strong>Wir haben jetzt drei Jahre &bdquo;Spezialoperation&ldquo;, also russischen Krieg in der Ukraine. Und wir haben eine Entwicklung, die sich immer mehr steigert. Wenn Sie jetzt zur&uuml;ckblicken, was haben die friedensbewegten Menschen in Deutschland erreicht und was nicht?<\/strong><\/p><p>Wir haben nichts erreicht. Wir haben deswegen nichts erreicht, weil es der Regierung und der NATO gelingt, die Gesellschaft zu spalten. Der Riss geht heute durch die Gruppe der Gleichaltrigen, durch die Familien, durch die Betriebsgruppen, die sozialen Einrichtungen. Dem m&uuml;ssen wir Einhalt gebieten. Wir brauchen wieder eine Kultur des Sich-Unterhakens. Denn eines ist doch v&ouml;llig klar, Deutschland wird derzeit immer tiefer in diesen Krieg hineingezogen.<\/p><p>Ich kenne die Russen schon sehr lange. Ich arbeite in Russland schon seit 25 Jahren. In Russland schaut man den Dingen sehr lange zu, denn Russland ist ein Land mit einem gro&szlig;en Raum. Es ist das gr&ouml;&szlig;te Land der Welt, und da gelten andere Dimensionen. In Russland zieht man sich eine ganze Weile immer nur zur&uuml;ck, und dann dreht man sich auf dem Absatz um und bek&auml;mpft den Gegner mit aller Macht. Und das kann Deutschland auch passieren.<\/p><p>Und es ist doch v&ouml;llig klar: Wenn der Kriegskurs der Regierung so fortgesetzt wird, dann werden unsere Kinder in den kommenden Kriegen sterben. Die neuen Kriege gegen Russland werden ausgehen wie die alten Kriege, die wir mit Millionen Opfern verloren haben, mit einem Unterschied: Nach einem neuen Krieg gegen Russland wird es Deutschland nicht mehr geben.<\/p><p><strong>Menschen, die f&uuml;r den Frieden sind, begn&uuml;gen sich ja oft damit, einfach nur Videos zu &bdquo;liken&ldquo; oder zu teilen. Doch eigentlich hoffen viele darauf, dass Politiker vom BSW oder der AfD oder Leute wie Sie, Herr Baab, den Karren aus dem Dreck ziehen. Das ist eine Haltung, die darauf hinausl&auml;uft: &sbquo;Ich kann ja sowieso nichts machen, das m&uuml;ssen irgendwie st&auml;rkere Leute machen.&acute; Wie kann man diese Einstellung ver&auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Dazu sind zwei Schritte erforderlich: Der eine Schritt ist, aus der Nebelglocke der Propaganda herauszutreten und anzufangen, selbst zu denken. Und dazu geh&ouml;rt es, dass man eben nicht nur um 20 Uhr den Fernseher einschaltet oder die Regionalzeitungen liest. Sondern da muss man sich auch aus den neuen Medien informieren, aus ausl&auml;ndischen Medien, englisch-, franz&ouml;sisch- und russischsprachigen Medien, um durch die Vielfalt der Positionen und der Perspektiven zu einem eigenst&auml;ndigen Urteil zu gelangen und nicht wie ein Schaf den Mainstream-Medien zu folgen. Denn die lassen die H&auml;lfte weg. Die lassen vor allem die wahren Kriegsursachen weg. Sie l&uuml;gen durch Weglassen.<\/p><p>Der zweite Schritt ist, wir m&uuml;ssen wieder lernen, von der eigenen &Uuml;berlegung zu einer Handlungsoption zu gelangen. Wir m&uuml;ssen handlungsf&auml;hig werden, und das geht eben nicht als Einzelk&auml;mpfer, sondern das geht nur gemeinsam. Und hier lohnt es sich, sich in Friedensgruppen zusammenzuschlie&szlig;en. Und dann werden sie sehen: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland sind f&uuml;r den Frieden. Und wir m&uuml;ssen auf die Stra&szlig;e gehen. Und wenn beispielsweise Sahra Wagenknecht aufruft zu einer Friedensdemonstration, dann erwarte ich schon von den Menschen, die am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert sind, dass sie eben zu dieser Demo hingehen.<\/p><p>Aber ich sage auch: Am Ende des Tages muss das herrschende Parteien-Kartell geschlossen abgew&auml;hlt werden. Denn die Brandmauer gegen die AfD ist die Lebensversicherung des herrschenden Parteien-Kartells, das uns in den Krieg f&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Ich erinnere mich an unser letztes Gespr&auml;ch [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], das war im Oktober 2024 hier in Moskau. Da kamen Sie gerade aus dem Kriegsgebiet Donbass zur&uuml;ck. Ich hatte damals das Gef&uuml;hl, dass Sie sich nun zu Hause in Berlin an den Schreibtisch setzen, um ein neues Buch zu schreiben. Stattdessen geben Sie nun fast w&ouml;chentlich YouTube-Interviews. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich in diesen Interviews wiederholen? Brauchen Sie jetzt nicht mehr Ruhe, um auf neue Gedanken zu kommen?<\/strong><\/p><p>Ja, ich brauche mehr Ruhe. Das Buch kommt voran, leider zu langsam. Aber es ist so, dass ich die meisten Interview-Anfragen absage. Es ist die Not, die mich zu diesen Diskussionen zwingt.<\/p><p>Vor allem versuche ich nun, Kontakt zu finden zu den friedliebenden Menschen im amerikanischen und englischsprachigen Raum und in Skandinavien. Das ist wichtig, denn heute unterliegen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet berichten wie Alina Lipp und Thomas R&ouml;per, aber auch Intellektuelle wie Professor Ulrike Gu&eacute;rot in Deutschland im Grunde genommen einer subtilen politischen Verfolgung. Man muss jede Nacht mit einer Hausdurchsuchung rechnen. Oder man muss inzwischen &ndash; nachdem Alina Lipp und Thomas R&ouml;per mit Sanktionen &uuml;berzogen wurden &ndash; damit rechnen, dass man auch mit Sanktionen &uuml;berzogen wird. Konten werden beschlagnahmt. Man wird im Grunde genommen aus Deutschland rausgedr&auml;ngt.<\/p><p><strong>F&uuml;hrende Funktion&auml;re der SPD haben ein Manifest f&uuml;r den Frieden verfasst. Wie ist Ihre Meinung dazu?<\/strong><\/p><p>Ich war viele Jahre Mitglied der SPD. 1999 bin ich ausgetreten, als der v&ouml;lkerrechtswidrige Angriffskrieg der NATO gegen Serbien mit Unterst&uuml;tzung der Regierung Schr&ouml;der durchgef&uuml;hrt wurde. Das war mir zu viel. Ich beobachte die Sozialdemokratie mit einer gewissen Leidenserfahrung.<\/p><p>Ich halte dieses Manifest f&uuml;r eine erforderliche und notwendige, aber nicht f&uuml;r eine zureichende Sache. Es ist einfach zu wenig. Es muss von den Kr&auml;ften in der SPD, die zum Frieden zur&uuml;ckfinden wollen, mehr Aktivit&auml;t kommen. Ein Manifest gen&uuml;gt nicht, ich erwarte hier Handlung. Denn die SPD ist Regierungspartei, und da geh&ouml;rt es sich, dass die Friedenskr&auml;fte in dieser Partei die Regierung unter Druck setzen. Und da habe ich bislang noch nicht viel gesehen.<\/p><p><strong>Sogar der Vorsitzende der Jungsozialisten hat das Manifest kritisiert. Dabei waren die Jusos fr&uuml;her noch das linke Feigenblatt der SPD.<\/strong><\/p><p>Die Jusos, das ist heute ein Club von Leuten, die Karriere machen und nicht arbeiten wollen. Sie sind bei den Jusos, weil sie hoffen, dass sie irgendwann einen Koffertr&auml;ger-Job bekommen, statt sich dem Arbeitsleben zu stellen.<\/p><p>Da wird nicht viel kommen. Die SPD hat sich zu einer Kriegspartei formiert, und sie hat den Boden der &Uuml;berlegungen von Willy Brandt vollst&auml;ndig verlassen. Willy Brandt hat gesagt: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Deshalb bin ich mal in die SPD eingetreten. Das gilt f&uuml;r mich heute noch.<\/p><p><strong>Herr Baab, Sie sind nach dem Krieg geboren, aber Sie sind trotzdem vom Krieg gezeichnet. Das habe ich Ihren Ver&ouml;ffentlichungen entnommen. In einem Text schreiben Sie, dass Sie von Ihren Eltern, die durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert waren, sehr streng erzogen wurden. Einmal mussten Sie als Vierj&auml;hriger zur Strafe eine Nacht allein in einem Keller verbringen. H&auml;ngt Ihr Engagement als Journalist und Kriegsreporter damit zusammen, dass Sie etwas wiedergutmachen wollen?<\/strong><\/p><p>Vielleicht kann man das so sagen. Die Familiengeschichte pr&auml;gt einen Menschen. Mein Gro&szlig;vater v&auml;terlicherseits wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. Mein Vater bekam im Februar 1945 &ndash; er war der beste Sch&uuml;tze in der Hitler-Jugend und 15 Jahre alt &ndash; einen Einberufungsbescheid an die Ostfront. Sein Vater sagte: &bdquo;Der Krieg ist verloren. Du gehst nicht mehr Verrecken. Versteck&rsquo; Dich im Wald.&ldquo; Das tat mein Vater, und so geriet er im S&uuml;dwesten von Deutschland zwischen die Fronten der Amerikaner und der SS. Die SS zog nach Osten ab. Die amerikanischen Soldaten str&ouml;mten in die W&auml;lder und schossen auf jedes Eichh&ouml;rnchen. Das waren ja junge Kerle mit ihren 19, 20 Jahren. Mein Vater war nat&uuml;rlich vollst&auml;ndig traumatisiert.<\/p><p>Der Vater meiner Mutter war Kommandant der Au&szlig;enstelle des Konzentrationslagers Neue Bremm &ndash; Au&szlig;enstelle Neunkirchen &ndash; im Saarland. Und nat&uuml;rlich pr&auml;gt das. Das war durchaus eine Erziehung, die nicht demokratisch, sondern eher streng war und sich an den Vorstellungen der Hitler-Diktatur orientierte. Und wenn man solche Erfahrungen hat, dann ist es doch das Erste, zur Selbstst&auml;ndigkeit zu reifen und sich gegen die Eltern aufzulehnen, Handlungsf&auml;higkeit aus freien St&uuml;cken zur&uuml;ckzugewinnen.<\/p><p>Wenn ich in Kriegsgebiete reingehe, dann hat das nat&uuml;rlich auch damit zu tun, dass ich die Traumata der Familie noch einmal durchlebe. Vielleicht ist es das.<\/p><p><strong>Schafft Ihr Herangehen bei den Menschen eine gewisse Achtung oder eher eine Distanz?<\/strong><\/p><p>Das ist v&ouml;llig unterschiedlich. Nat&uuml;rlich kann man niemandem empfehlen, der noch bei Sinnen ist, in ein Kriegsgebiet reinzugehen. Aber das verschafft mir viel Respekt bei Menschen, die sagen, er versucht wenigstens, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Und das ist das, was mein Freund Patrick Lawrence aus den Vereinigten Staaten sagt: &bdquo;Was wir leisten k&ouml;nnen als Reporter, das ist Sehen und Sagen. Wir m&uuml;ssen genau hinschauen, die Situation genau analysieren und dann davon erz&auml;hlen, was wir erlebt haben.&ldquo;<\/p><p>Und das steht in einem gro&szlig;en Unterschied zu den sogenannten Journalisten, den Schreibtischt&auml;tern in den Redaktionen. Die fragen &uuml;berhaupt nicht mehr, was man im Kriegsgebiet erlebt hat. Sie beugen sich ins Joch der NATO-Propaganda. Diese Berichterstattung ist nichts wert. Wir befinden uns im postfaktischen Zeitalter, weil sich niemand mehr der Situation aussetzt. Die Beobachtung vor Ort wird vermieden. Man schreibt den K&auml;se von der Nachrichtenagentur ab, und es f&uuml;hrt zu nichts.<\/p><p><strong>Ich w&uuml;nsche Ihnen noch eine gute Reise!<\/strong><\/p><p>Ich hatte hier in Russland eine ganze Reihe lebhafter und hitziger Diskussionen. Manchmal hat man hier in Moskau das Gef&uuml;hl, man kann offener und streitbarer diskutieren, als das heute in Deutschland noch m&ouml;glich ist.<\/p><p><em>* 29.06.2025 11:00 Uhr: Die Umst&auml;nde, die zur Absetzung der Veranstaltung an der Gesamtschule in Geilenkirchen f&uuml;hrten, wurden aufgrund einiger Fehler korrigiert.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Ulrich Heyden<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small><strong>Fu&szlig;noten:<\/strong><\/small><\/p><p><small>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/gnosisbooks.ru\/books\/politologiya\/po_obe_storony_fronta_iskusstvo_reportazha\/\">https:\/\/gnosisbooks.ru\/books\/politologiya\/po_obe_storony_fronta_iskusstvo_reportazha\/<\/a><\/small><br>\n<small>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Mein Artikel &uuml;ber zwei russische Filme (Spiel- und Dokumentarfilm), welche den Kriegsalltag lebensnah zeigen. <a href=\"https:\/\/berlin247.net\/panorama\/zwei-aktuelle-russische-filme-ueber-den-krieg-in-der-ukraine-zeigen-das-geschehen-aus-ungewohnten-blickwinkeln\/\">Zwei aktuelle russische Filme &uuml;ber den Krieg in der Ukraine zeigen das Geschehen aus ungewohnten Blickwinkeln. &ndash; Berlin 24\/7<\/a><\/small><br>\n<small>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123234\">Buchautor Patrik Baab &uuml;ber die Eindr&uuml;cke seiner neuen Reise in das Kriegsgebiet Donbass<\/a><\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/6ce02a1d83674357bd7461d4a29ebc0d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist und Publizist <strong>Patrik Baab<\/strong> ist auf Veranstaltungen und in den Videos der deutschen Friedensbewegung ein gefragter Gespr&auml;chspartner. 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Mit Patrik Baab hat <strong>Ulrich Heyden<\/strong> gesprochen.<\/p>\n<p><em>Dieser<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134914\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":134915,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209,183,171],"tags":[2505,3041,1120,3028,1471,2394,1919,1865,1415,309,259,260],"class_list":["post-134914","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-medienkritik","category-militaereinsaetzekriege","tag-baab-patrik","tag-cancel-culture","tag-friedensbewegung","tag-haltungsjournalismus","tag-investigativer-journalismus","tag-kriegstrauma","tag-lueckenpresse","tag-meinungsfreiheit","tag-pressefreiheit","tag-repressionen","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Patrik-Baab-15-06-25.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=134914"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134914\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135278,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134914\/revisions\/135278"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/134915"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=134914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=134914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=134914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}