{"id":135016,"date":"2025-06-25T12:00:10","date_gmt":"2025-06-25T10:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135016"},"modified":"2025-06-26T07:23:44","modified_gmt":"2025-06-26T05:23:44","slug":"ulrike-guerot-der-wahnsinn-hat-methode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135016","title":{"rendered":"Ulrike Gu\u00e9rot: Der Wahnsinn hat Methode"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wie Kafkas K&auml;fer hat sich die Bundesrepublik Deutschland gleichsam &uuml;ber Nacht zu etwas gewandelt, das man nicht mehr wiedererkennt&ldquo;, so die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu&eacute;rot. Mit ihrem Band &bdquo;Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart&ldquo; analysiert sie, wie Kriegshysterie, wirtschaftliche Krise und politischer Kontrollverlust zusammenh&auml;ngen. Sich von Angstpropaganda nicht irre machen zu lassen, ist das Gebot der Stunde. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_355\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-135016-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=135016-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250625-Guerot-Wahnsinn-hat-Methode-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Analytisch fundiert und scharfsinnig polemisch in den Schlussfolgerungen: Wer dieses Buch zur Hand nimmt, wird mitgerissen sein von der Sprachkraft dieser Autorin, die schon mehrere vielbeachtete B&uuml;cher zur Situation in Deutschland und in der Welt geschrieben hat. Dass der Verlag auf die sonst &uuml;blichen biografischen Angaben zur Person verzichtete, mag seltsam erscheinen. Aber Leser der <em>NachDenkSeiten<\/em> werden wissen, welche Kr&auml;nkung Dr. Gu&eacute;rot erlitt, nachdem sie im Februar 2023 von der Universit&auml;t Bonn wegen medial verbreiteter angeblicher Plagiatsvorw&uuml;rfe als Professorin gek&uuml;ndigt wurde, wogegen sie sich immer noch gerichtlich wehrt. Ihre Vermutung, dass es sich um einen politisch motivierten Rauswurf handelte, muss umso plausibler erscheinen, weil sie vorher schon wegen ihrer Ansichten zur NATO, zur deutschen Position im Ukrainekrieg und zur Corona-Politik ideologischen Scharfmachern ins Messer gelaufen war und weil ihre K&uuml;ndigung umso st&auml;rker rufsch&auml;digend wirkte. Wie sie aus Schmerz St&auml;rke gewann, fordert Hochachtung ab.<\/p><p><strong>Endlich einmal den deutschen Osten kennengelernt<\/strong><\/p><p>&bdquo;Von heute auf morgen ein stattliches Gehalt zu verlieren und sich auf dem Arbeitsamt melden zu m&uuml;ssen, hat etwas Heilsames&ldquo;, schreibt sie. Dadurch sei sie mal aus ihrem gewohnten Milieu herausgekommen. &bdquo;Vor allem habe ich endlich, endlich einmal den deutschen Osten kennengelernt und dort fast &uuml;berall engagierte B&uuml;rger getroffen, die noch einen ganz anderen Begriff von b&uuml;rgerlichem Engagement haben, oft mehr als die Leute im Westen. Der deutsche Osten scheint mir heute die Herzkammer der Republik zu sein, da, wo nicht denunziert wird, da, wo man Spitzel-Methoden schon kennt, da, wo der Sozialismus &ndash; wie schlecht auch immer er war &ndash; noch residuale Formen von Gemeinschaft und sozialer Sorge hinterlassen hat, die mir im Westen seit langem nicht mehr begegnet sind.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] <\/p><p>Dass in &bdquo;Erfurt, Weimar, Halle oder Dresden&ldquo; das Miteinander &bdquo;noch halbwegs in Ordnung&ldquo; scheint, habe auch ich aus meinen Veranstaltungen dort als gutes Gef&uuml;hl mitgenommen. Ideologische Indoktrination zu DDR-Zeiten hat eine gewisse Resistenz hinterlassen, welche die J&uuml;ngeren von den &Auml;lteren mitbekommen haben. Man wei&szlig;, kritisch mit &ouml;ffentlicher Meinungsmache umzugehen und wundert sich nur, wie zunehmend plump sie daherkommt. Ulrike Gu&eacute;rot hat recht: &bdquo;Es ist der entscheidende Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR, dass die B&uuml;rger in der DDR wussten, dass sie politisch belogen wurden, w&auml;hrend die meisten in der (alten) Bundesrepublik Deutschland dachten und denken, das k&ouml;nne ihnen nie passieren!&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Dass Staaten Machtinstrumente der jeweils herrschenden Klasse sind und sich zu diesem Zwecke der Ideologie bedienen, hat unsereins ja schon in der Schule gelernt. Der Wunsch, am bundesdeutschen &bdquo;Wirtschaftswunder&ldquo; teilzuhaben, lie&szlig; viele indes ihr Wissen um die Triebkraft Profit vergessen. Von sozialer Ungerechtigkeit und Unsicherheit wurden sie kalt erwischt. Schon 1989 war &bdquo;der Westen&ldquo; nicht mehr das, was er mal war. Nun aber ger&auml;t alles in Gefahr, was ihn einst attraktiv machte. <\/p><p>Ulrike Gu&eacute;rot bringt es auf den Punkt: &bdquo;Wie Kafkas K&auml;fer&ldquo; hat sich Deutschland &bdquo;gleichsam &uuml;ber Nacht zu etwas gewandelt, das man nicht mehr wiedererkennt. Wollte man in loser Folge aufz&auml;hlen, was in der Bundesrepublik in den letzten Jahren verlustig gegangen ist, ohne dass es irgendeinen gr&ouml;&szlig;eren Aufschrei in der b&uuml;rgerlichen Mitte verursacht h&auml;tte, dann w&auml;ren das: Demokratie, Rechtsstaat, Europa, Vertrauen und Sicherheit, Frieden, sichere Grenzen und sozialer Zusammenhalt, also eigentlich alles, was einmal die Grundfesten der Republik ausgemacht hat.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>F&uuml;r den Osten kommt hinzu, dass vornehmlich Westdeutsche das Sagen haben. Das frustrierende Empfinden, sich gleichsam unter einer Fremdherrschaft zu befinden, wird umso ersch&uuml;tternder, weil die Regierenden &uuml;berhaupt nichts vom Osten verstehen und, schlimmer noch, die Augen verschlie&szlig;en vor dem geografischen Raum, in dem sie agieren. Immer noch wird die einstige DDR wie ein &bdquo;Beitrittsgebiet&ldquo; betrachtet und &ouml;stlich von Polen erstreckt sich f&uuml;r sie ein unbekanntes, befremdliches Territorium. Die w&auml;hrend des Kalten Krieges in der BRD einge&uuml;bte Russophobie kommt heute mit aller Macht an die Oberfl&auml;che. Wenn eine solche Gefahr von Putin ausgehen w&uuml;rde, wie es hei&szlig;t, w&auml;re es doch h&ouml;chste Zeit, dass Merz mal mit ihm telefoniert. Oder, besser noch, hinf&auml;hrt. Aber wir haben einen Kanzler, der das weder will noch kann und sich in seinem Russland-Hass sogar noch selber gef&auml;llt.<\/p><p><strong>Der Freiheitsentzug wurde sorgf&auml;ltig einstudiert<\/strong><\/p><p>So sind wir tats&auml;chlich in einer fatalen Situation: &bdquo;<em>Zeitenwende<\/em> ist ein Wort, das in den letzten Wochen und Monaten so oft benutzt wurde, dass man es nicht mehr h&ouml;ren kann &ndash; gewisserma&szlig;en die Neuauflage von <em>alternativlos&ldquo;, <\/em>so Ulrike Gu&eacute;rot. Schon 2022 hatte Olaf Scholz vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts davon gesprochen: <em>&bdquo;Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Wird uns die Gegenwart, so kritikw&uuml;rdig sie erscheint, gar eines Tages wie eine vergangene noch-gute Zeit erscheinen? <\/p><p>Das g&auml;ngige Narrativ derzeit: &bdquo;Wenn Russland gewinnt&ldquo;, wie Carlo Masala sein fiktives Buch nannte, w&uuml;rde es f&uuml;r uns schlecht aussehen. Immer wieder wird uns eingeh&auml;mmert, dass die russischen Truppen weiter nach Westen vorr&uuml;cken w&uuml;rden, wenn sie in der Ukraine die Oberhand gewinnen. &bdquo;Wir sind uns sicher und verf&uuml;gen &uuml;ber nachrichtendienstliche Belege&ldquo;, beteuert BND-Chef Bruno Kahl. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Wie soll man sich gegen derlei Panikmache wehren? <\/p><p>Indem man sich klar macht, dass Angst ein Machtmittel ist, wie der Psychologe Rainer Mausfeld in seinem 2019 ver&ouml;ffentlichten Buch &bdquo;Angst und Macht&ldquo; detailliert und &uuml;berzeugend darlegt. Zum einen l&auml;sst sich die Aufmerksamkeit dadurch &bdquo;sehr wirksam auf Ablenkziele richten, und schlie&szlig;lich lassen sich unter dem Vorwand eines Kampfes gegen X demokratische Strukturen abbauen und auf allen Ebenen der Exekutive und Legislative autorit&auml;re Strukturen etablieren&ldquo;. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Heute hat das Kampfziel &bdquo;X&ldquo; einen Namen: Wieder einmal geht es gegen Russland. Da setzt Kanzler Merz nur lauthals fort, was vorher schon entschieden war. Und auch das &bdquo;Artikelgesetz Zeitenwende&ldquo;, Anfang September 2024 vom Bundeskabinett beschlossen, kam nicht aus heiterem Himmel. &bdquo;Es soll die F&auml;higkeit zur Landes- und B&uuml;ndnisverteidigung angesichts aktueller Herausforderungen steigern und ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu kriegst&uuml;chtigen deutschen Streitkr&auml;ften.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p>&bdquo;Es sind Momente, in denen die Geschichte &uuml;ber das Leben der Menschen herf&auml;llt, in denen die Geschichte fast physisch in ihren Alltag eindringt&ldquo;, so Ulrike Gu&eacute;rot. Dass Zeiten gewendet werden k&ouml;nnen &bdquo;wie ein Omelette&ldquo; in der Pfanne, von heute auf morgen, manchmal brutal&ldquo;, dazu musste die beh&auml;bige Bundesrepublik erst wieder abgerichtet werden. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Wom&ouml;glich war Corona bereits eine &bdquo;Vor-)&Uuml;bung auf den geplanten Krieg&ldquo;, wie sie meint. &bdquo;Der Freiheitsentzug wurde sorgf&auml;ltig einstudiert. So gut einstudiert, dass die Mechanismen des autorit&auml;ren Zugriffs schon verfangen haben: Sie lauten <em>Cancel Culture<\/em>, Diffamierung, lautlose Entfernung kritischer Personen, Existenzvernichtung. Aus einer liberalen Gesellschaft wurde im Handumdrehen eine geschlossene Gemeinschaft. Die deutsche Gesellschaft hat zugeschaut und schnell gelernt: die Zeitungsredaktionen als Erste. Besser nicht mucksen!&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Manchmal w&uuml;nschte man sich gar, dass die Autorin &uuml;bertreibt mit ihrem Empfinden, &bdquo;als ob alle buchst&auml;blich geisteskrank sind, diesen Zustand aber als Vernunft deklarieren&ldquo;. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Doch dieses Gef&uuml;hl kennen viele. Verwirrung und Ohnmacht, so dass man gar an sich selbst zu zweifeln beginnt. Ist es da nicht am bequemsten, den &bdquo;Experten&ldquo; zu glauben? Allerdings sollte man sich klar machen: Was sie publik machen und was nicht, ist zweckgebunden. Wenn wir in Geheimdienst-Informationen eingeweiht werden, wie sie NATO-Generalsekret&auml;r Mark Rutte am 9. Juni teilte, sollen wir einer Politik zustimmen, die nicht im mehrheitlichen Interesse ist: Aufr&uuml;stung zulasten sozialer Belange. Russland w&uuml;rde schon in diesem Jahr 200 Iskander-Raketen, 1.500 Panzer und 3.000 gepanzerte Fahrzeuge produzieren. So k&ouml;nnte Putin innerhalb von f&uuml;nf Jahren bereit sein, die NATO anzugreifen, sagt uns Mark Rutte. Da klingt es doch beruhigend, dass die NATO ihre Ausgaben f&uuml;r Luft- und Raketenabwehr um 400 Prozent erh&ouml;ht. [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] <\/p><p><strong>Wozu die Kriegsmaschinerie gut sein soll<\/strong><\/p><p>Der Ertrag dieses Buches: Man gewinnt Abstand zu all dem Gerede, um zu begreifen, worum es wirklich geht. Durch Aufr&uuml;stung soll einer Systemkrise begegnet werden, die mit einem Weltordnungskonflikt im Zusammenhang steht. Dass in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg mit Russland stattfindet (eine Aussage, die einem hier gleich den Ruf &bdquo;Putin-Versteher&ldquo; einbrachte), wird in den USA inzwischen offen zugegeben. Dass die vom Westen gewollte Eind&auml;mmung Russlands so nicht funktioniert hat, ist von jenen schwer zu verkraften, die darauf hingearbeitet haben. Sie m&uuml;ssten umdenken, wom&ouml;glich ihren Hut nehmen. So wie Selenskyj, wenn es hoffentlich bald zu einem Friedensschluss in der Ukraine kommt.<\/p><p>Vor dem Hintergrund des Krieges dort hat Russland neue B&uuml;ndnisse geschlossen und kann international souver&auml;n agieren. Der Westen hat nur einen Draht zu Israel, Putin aber hat gleich nach dem israelischen Angriff auf Iran mit dem iranischen Pr&auml;sidenten Massud Peseschkian und dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu telefoniert und seine Bereitschaft erkl&auml;rt, Vermittlungsarbeit zu leisten, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Was auch in Trumps Interesse ist. Das Buch ist vor dem 13. Juni 2025 entstanden, doch die Autorin d&uuml;rfte es nicht wundern, wie wieder einmal &bdquo;Geheimdienstinformationen&ldquo; (die Entwicklung einer Atombombe stehe bevor) als Kriegsbegr&uuml;ndung herhalten mussten. In ihrem Text hat sie bereits auf die schon lange vorhandenen gro&szlig;-israelischen Pl&auml;ne verwiesen und das europ&auml;ische Schweigen zu Gaza kritisiert.<\/p><p>Nicht nur was die Ukraine betrifft: &bdquo;Der Liberalismus &ndash; euphemistisch f&uuml;r das Kapital&ldquo; &ndash; braucht solche Kriege, &bdquo;um durch R&uuml;stungsmaschinerie und Kriegswirtschaft jenes Wirtschaftswachstum zu schaffen, das den sozialen Protest in den populistischen Parteien abbindet und zugleich die soziale Frustration in nationalen Kampfesgeist umlenkt &hellip; Es ist das letzte Abwehrgefecht der liberalen Elite, die sich, au&szlig;er repressiv zu werden und buchst&auml;blich selbst zur Gewalt zu greifen, nicht mehr zu helfen wei&szlig;. Denn es gibt nur zwei M&ouml;glichkeiten, ein politisches System zu stabilisieren: mit Zuspruch oder mit Gewalt.&ldquo; [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] <\/p><p>Weil der demokratische Zuspruch aber immer mehr br&ouml;ckelt, wird hierzulande ein m&ouml;glicher Krieg gegen Russland beschworen, um die Z&uuml;gel gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung im eigenen Land anzuziehen. Die R&uuml;stungsindustrie wird staatlich subventioniert mit Hoffnung &bdquo;auf Wachstum, das diese hoffentlich generiert&ldquo;. Mentale Kriegsvorbereitung und Kriegswirtschaft und schlie&szlig;lich der Krieg selbst werden zum &bdquo;Vorwand, um immer autorit&auml;rer mit Blick auf die Gesellschaft werden zu k&ouml;nnen&ldquo;. Insofern ist die propagandistische Beschw&ouml;rung demokratischer Werte eine Heuchelei. Denn eine &bdquo;Militarisierung ist per se mit demokratischen Gesellschaften nicht vereinbar&ldquo;, wie hier zu Recht festgestellt wird. [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p>Gleichzeitig aber, meine ich, sind diese demokratischen Werte hochzuhalten und zu verteidigen. Es ist doch nicht so, dass wir nichts zu verlieren h&auml;tten. Die westliche Moderne mit ihren Errungenschaften, in Jahrhunderten gewachsen, tr&auml;gt immer noch Entwicklungsm&ouml;glichkeiten in sich selbst, die nicht gewaltsam abgeschnitten werden d&uuml;rfen. &bdquo;Krieg ist das Projekt der Beschneidung &ndash; oder zur vollst&auml;ndigen Entsorgung? &ndash; des Sozialstaates zugunsten des milit&auml;risch-industriellen Komplexes&ldquo;, hat Ulrike Gu&eacute;rot schon zu Beginn ihres Buches festgestellt. [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] Dass dies keinesfalls passieren darf, ist das Gebot der Stunde.<\/p><p>Die Sorgen, die viele umtreiben, sind berechtigt. An was kann man sich noch halten? Eine ganze Gesellschaft ahnt, dass unter dem Teppich, auf dem sie steht, kein Boden mehr ist, nichts mehr, was sie h&auml;lt, au&szlig;er viel darunter gekehrter Dreck. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<\/p><p>&bdquo;Vielleicht sei darum der Ruf nach &auml;u&szlig;erer Sicherheit so gro&szlig;?&ldquo;, mutma&szlig;t die Autorin. &bdquo;Weil man sich auf einen inneren Kompass der Gesellschaft, die Reaktion der Anderen, die Vernunft oder den gesunden Menschenverstand eben nicht mehr verlassen kann? Weil die innere Unsicherheit ins Unendliche w&auml;chst. Weil einen das Gef&uuml;hl beschleicht, dass alle Dinge hohl und leer sind, die Rentenkasse ebenso wie die &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;, und alle politischen Versprechen sowieso. [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<\/p><p>Aber der Wahnsinn hat Methode. &bdquo;Man kann die vielen Spaltungslinien, die derzeit die Republik von S&uuml;d nach Nord und von West nach Ost durchkreuzen, gar nicht mehr aufz&auml;hlen &hellip; Es wird gestritten, was das Zeug h&auml;lt &hellip; Soll der Krieg uns wirklich zusammenschwei&szlig;en? Geht es nicht auch anders?&ldquo; [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]<\/p><p><strong>Zeit f&uuml;r eine wirkliche Zeitenwende in Europa<\/strong><\/p><p>Europa sei &bdquo;von einer R&uuml;ckkehr zu einer stabilen Friedens- und Sicherheitsordnung&ldquo; weit entfernt, hei&szlig;t es in dem &bdquo;Manifest&ldquo; genannten Positionspapier, das von mehr als 100 SPD-nahen Personen um Ex-Fraktionschef M&uuml;tzenich initiiert, einen Kurswechsel in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie Gespr&auml;che mit Russland fordert. Dagegen h&auml;tten sich in Deutschland und den &bdquo;meisten europ&auml;ischen Staaten&rdquo; jene durchgesetzt, &bdquo;die die Zukunft vor allem in einer milit&auml;rischen Konfrontationsstrategie und Hunderten von Milliarden Euro f&uuml;r Aufr&uuml;stung suchen.&ldquo; [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>]<\/p><p>Als Hoffnungsschimmer konnte einem dieses &bdquo;Manifest&ldquo; erscheinen. Wie es sogleich &ouml;ffentlich in Zweifel gezogen und medial zur&uuml;ckgewiesen wird, tut weh. Die das Sagen haben in unserem Land, haben sich bereit gemacht, auf Teufel komm raus ihren Militarisierungskurs durchzuziehen, ungeachtet dessen, wie sich die Verh&auml;ltnisse ver&auml;ndert haben. Oder gerade deshalb? Weil diese Ver&auml;nderungen so erschrecken? Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und den USA werden gerade m&uuml;hsam repariert, Europa aber scheint weiter Krieg spielen zu wollen. <\/p><p>Die vielbeschworene europ&auml;ische Verteidigungspolitik charakterisiert die Autorin als &bdquo;Attrappe&ldquo;. Wer soll in einen Krieg ziehen und wie w&uuml;rde das entschieden? Und was, wenn ein oder mehrere EU-L&auml;nder nicht mitmachen wollen? Was ist mit den neutralen Staaten, zum Beispiel &Ouml;sterreich? <\/p><p>&bdquo;Im Wesentlichen ist Europa f&uuml;r eine wirkliche politische Umsteuerung &ndash; postatlantisch, Auss&ouml;hnung mit Russland, Neudenken Europas, Ende der EU-Technokratie, soziale Wirtschaftsordnung etc. &ndash;, also f&uuml;r das, was allen B&uuml;rgern in ganz Europa gutt&auml;te, bar jeder politischen Alternative.&ldquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] Andernfalls kann die EU &bdquo;ihren Aufr&uuml;stungskurs nur um den Preis der Zerst&ouml;rung ihrer eigenen Strukturen und einer autorit&auml;ren Schlie&szlig;ung weitertreiben, also um den Preis eines unverbl&uuml;mten Hineinregierens in souver&auml;ne Staaten hinein &hellip; Die Chance, dass dieser Prozess die EU auf die n&auml;chsten vier Jahre zerrei&szlig;t, ist gro&szlig;. Was aber machen wir dann?&ldquo; [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>]<\/p><p><em>Ulrike Gu&eacute;rot: Zeitenwenden. Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart. Westend Verlag, 222 S., geb., 24 &euro;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot ZDF<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b9a1be37140345dd891feb40c88baf34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"> <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Gu&eacute;rot, S. 11<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] ebenda<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] ebenda, S. 20<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] ebenda, S. 24f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/um-gefangenenaustausch-ukraine-news-russland-mit-luftangriffen-auf-die-ukraine-streit-zr-93775146.html\">fr.de\/politik\/um-gefangenenaustausch-ukraine-news-russland-mit-luftangriffen-auf-die-ukraine-streit-zr-93775146.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend Verlag, S. 39<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bmvg.de\/de\/presse\/kabinett-beschliesst-artikelgesetz-zeitenwende-5833634\">bmvg.de\/de\/presse\/kabinett-beschliesst-artikelgesetz-zeitenwende-5833634<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Gu&eacute;rot, S. 25 f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] ebenda, S. 27<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] ebenda, S. 32<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/russland-nato-angriff-putin-ukraine-krieg-isw-experten-generalsekretaer-93777547.html\">merkur.de\/politik\/russland-nato-angriff-putin-ukraine-krieg-isw-experten-generalsekretaer-93777547.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Gu&eacute;rot, S. 147<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] ebenda, S 147<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] ebenda, 18<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] ebenda, S. 48<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] ebenda, S. 49<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] ebenda, S. 85<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/spd-manifest-russland-100.html\">tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/spd-manifest-russland-100.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Gu&eacute;rot, S. 157<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] ebenda,S. 173<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wie Kafkas K&auml;fer hat sich die Bundesrepublik Deutschland gleichsam &uuml;ber Nacht zu etwas gewandelt, das man nicht mehr wiedererkennt&ldquo;, so die Politikwissenschaftlerin Ulrike Gu&eacute;rot. 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