{"id":135135,"date":"2025-06-27T10:00:38","date_gmt":"2025-06-27T08:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135135"},"modified":"2025-06-27T10:49:57","modified_gmt":"2025-06-27T08:49:57","slug":"der-geist-unserer-zeit-zur-aktualitaet-der-gedanken-des-grossen-humanisten-albert-schweitzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135135","title":{"rendered":"Der \u201eGeist unserer Zeit\u201c \u2013 Zur Aktualit\u00e4t der Gedanken des gro\u00dfen Humanisten Albert Schweitzer"},"content":{"rendered":"<p>Von Prof. Dr. <strong>R&uuml;diger H. Jung<\/strong> &ndash; Der &bdquo;Geist unserer Zeit&ldquo; &hellip; &bdquo;erh&auml;lt uns im T&auml;tigkeitstaumel, damit wir ja nicht zur Selbstbesinnung kommen und uns fragen, was dieses rastlose Hingeben an Ziele und Errungenschaften eigentlich mit dem Sinn der Welt und dem Sinn unseres Lebens zu tun habe.&ldquo; Nein, das ist kein dieser Tage geschriebener Satz. Das Zitat stammt von Albert Schweitzer aus seiner erstmals 1923 ver&ouml;ffentlichten &sbquo;Kulturphilosophie&lsquo;. Die gro&szlig;e Gesellschaftsanalyse des vor 150 Jahren geborenen Humanisten, Orgelvirtuosen, Philosophen, Theologen und Mediziners Albert Schweitzer ist von beeindruckender Aktualit&auml;t. Um das Bedr&uuml;ckende an dieser Aktualit&auml;t zu betonen, k&ouml;nnte man &ndash; vermutlich mit Zustimmung von Schweitzer &ndash; dem T&auml;tigkeitstaumel den Krisen- und Paniktaumel hinzuf&uuml;gen, mit dem die Bev&ouml;lkerung politisch und medial im Angstmodus gefangen und von einer Besinnung auf den wahren Wert des Lebens abgehalten wird.<br>\n<!--more--><br>\nVon Albert Einstein ist &uuml;berliefert, dass er Schweitzer f&uuml;r den einzigen Menschen der westlichen Welt hielt, der in seiner moralischen Wirkung mit Mahatma Gandhi vergleichbar sei. Als Albert Schweitzer sich in den 1950er- und 1960er-Jahren im bereits hohen Alter unerm&uuml;dlich gegen die atomare Aufr&uuml;stung und f&uuml;r ein friedliches Miteinander der V&ouml;lker im Sinne seiner ber&uuml;hmten &bdquo;Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben&ldquo; engagierte, waren es Zeitgenossen und Mitstreiter wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Otto Hahn, Linus Paulig oder auch der Philosoph Bertrand Russel und der erste UN-Generalsekret&auml;r Dag Hammarskj&ouml;ld, die vor allem auf den Einfluss des moralischen Gewichts Schweitzers setzten. Was l&auml;ge n&auml;her, als in der heutigen Zeit, wo mit schier unertr&auml;glicher Umdeutung im politischen Raum Ideologie als Moral deklariert wird, an Albert Schweitzer und seine zeitlos g&uuml;ltigen Gedanken zu erinnern.<\/p><p>In das Zentrum der &Uuml;berlegungen Schweitzers f&uuml;hrt die Frage, wovon zivilisatorischer Fortschritt letztlich abh&auml;ngt. Es ist nicht, wiewohl vielfach so propagiert, der technisch-materielle Fortschritt; ist es doch gerade dieser, der uns im T&auml;tigkeitstaumel h&auml;lt und unentwegt neue M&ouml;glichkeiten lebensfeindlicher und lebensvernichtender Artefakte gebiert. Entscheidend f&uuml;r einen wahren Fortschritt in der menschlichen Zivilisation ist die Entwicklung des Menschen zu einer in Freiheit und Verantwortlichkeit handelnden &bdquo;ethischen Pers&ouml;nlichkeit&ldquo; &ndash; ein zentraler Begriff in Schweitzers &Uuml;berlegungen. Die Lebensbejahung durch t&auml;tige Hingebung an anderes Leben sowie das Streben nach einem &bdquo;innerlichen Vollkommenerwerden&ldquo; sind die zwei Grundprinzipien und Grundbewegungen der ethischen Pers&ouml;nlichkeit. Schweitzer beschreibt die beiden Grundbewegungen als hingebende Liebe und stetes Bem&uuml;hen um Wahrhaftigkeit gegen&uuml;ber Anderen und sich selbst &ndash; Werte, die auch sein eigenes Denken und Handeln bestimmten.<\/p><p>Albert Schweitzer setzt das Individuum, den einzelnen Menschen, in einen Gegensatz zu den &bdquo;Kollektivit&auml;ten&ldquo;, wie er die gesellschaftlichen Organisationen, in die das Individuum eingebunden ist, bezeichnete. Nur das menschliche Individuum ist geistiges Sein, dem das Streben nach Werten, der unbedingte Wille zum Leben und die F&auml;higkeit zur Heranbildung einer ethischen Pers&ouml;nlichkeit innewohnen. Dazu ist keine Organisation in der Lage &ndash; kein Wirtschaftsunternehmen, keine politische Partei, keine sogenannte Nichtregierungsorganisation (NGO), auch keine kirchliche Institution. Zwischen diesen Kollektivit&auml;ten und dem zur ethischen Pers&ouml;nlichkeit bef&auml;higten Menschen besteht ein Antagonismus, den Schweitzer nicht m&uuml;de wird, als Problem f&uuml;r zivilisatorischen Fortschritt zu betonen. &bdquo;Die Ethik der ethischen Pers&ouml;nlichkeit will die Humanit&auml;t wahren. Die von der Gesellschaft aufgestellte ist dazu unverm&ouml;gend&hellip; Das Ethische &hellip; kommt nur im Einzelnen zustande.&ldquo; Kollektivit&auml;ten mit ihren eigenen Interessen &bdquo;f&uuml;rchten die Pers&ouml;nlichkeit, weil der Geist und die Wahrheit, die sie stumm haben m&ouml;chten, in ihr zu Worte kommen k&ouml;nnen&ldquo;, so Schweitzer. Deshalb sind gesellschaftliche und darin auch politische Kr&auml;fte fortw&auml;hrend bem&uuml;ht, &bdquo;die Autorit&auml;t der Ethik der ethischen Pers&ouml;nlichkeit so viel wie m&ouml;glich zu beschr&auml;nken&ldquo;. Sie wollen &bdquo;Diener haben, die sich nicht auflehnen&ldquo;. Und weiter: &bdquo;Wo die Kollektivit&auml;ten st&auml;rker auf den Einzelnen einwirken, als er auf sie zur&uuml;ck, entsteht Niedergang.&ldquo; Auch nach Erscheinen dieser Warnungen, aber noch zu Lebzeiten Schweitzers, hat die Geschichte gen&uuml;gend Belege f&uuml;r seine ethische Argumentation geliefert &ndash; mit Kriegen und mit V&ouml;lkermorden als schrecklichen H&ouml;hepunkten kollektivistischer und im Massenwahn endender Bewegungen.<\/p><p>Erleben wir in den letzten Jahren aber nicht erneut ein zunehmend &uuml;bergriffiges Gebaren der Kollektivit&auml;ten? Erleben wir nicht gerade, dass die politisch Herrschenden sich neben einer versch&auml;rften juristischen Kautelpraxis durch Finanzierung sogenannter NGOs zus&auml;tzliche Agenten dieser &Uuml;bergriffigkeit schaffen? Eine &Uuml;bergriffigkeit, die &ndash; um es noch einmal mit den Worten von Albert Schweitzer zu sagen &ndash; &bdquo;den modernen Menschen zum unfreien, zum ungesammelten, zum unselbst&auml;ndigen, zum unvollst&auml;ndigen, zum humanit&auml;tslosen Wesen&ldquo; erziehen will. Selbst das Einstehen f&uuml;r Frieden und gegen Kriegstreiberei wird inzwischen verunglimpft, weil es den Interessen bestimmter Gruppen und ideologischer Wirrk&ouml;pfe zuwiderl&auml;uft. Schweitzers Prinzipien f&uuml;r ethisches Verhalten kommen in klaren, allgemeing&uuml;ltigen S&auml;tzen wie &bdquo;Gut ist, Leben erhalten und Leben f&ouml;rdern; b&ouml;se ist, Leben vernichten und Leben hemmen&ldquo; daher. Der so denkenden und handelnden &bdquo;ethischen Pers&ouml;nlichkeit&ldquo; begegnen nicht selten ein absch&auml;tziges L&auml;cheln und ein Vorwurf der Naivit&auml;t. Bei aller Hochsch&auml;tzung seiner moralischen Autorit&auml;t sah sich auch Albert Schweitzer damit konfrontiert. &bdquo;Es ist das Schicksal jeder Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des L&auml;chelns zu sein &hellip; Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, da&szlig; die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Sch&auml;digung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen.&ldquo;<\/p><p>Die Entwicklung zur ethischen Pers&ouml;nlichkeit ist f&uuml;r uns alle, die wir von anderen als humanit&auml;ren Interessen im T&auml;tigkeits-, Krisen- und Paniktaumel gehalten werden, die Herausforderung schlechthin. Wie gro&szlig; diese Herausforderung ist, zeigt allein die Tatsache, dass der Mensch gut einhundert Jahre nach Schweitzers &Uuml;berlegungen, nach lebensvernichtenden Diktaturen und Weltkriegen und trotz zwischenzeitlich scheinbaren Fortschritten immer noch vor dieser Herausforderung steht. Selbst in unserem Bildungssystem hat der fr&uuml;he Erwerb digitaler Technikkompetenz und der durchg&auml;ngige Erwerb berufsfachlicher Kompetenzen die F&ouml;rderung der Entwicklung zu einer ethischen Pers&ouml;nlichkeit in ein Schattendasein verdr&auml;ngt.<\/p><p>Es verwundert nicht, dass Schweitzer in vielen Text- und Redebeitr&auml;gen anl&auml;sslich seines 150. Geburtstags im Januar d. J. auf seine zweifellos h&ouml;chst anerkennenswerte Arbeit als &bdquo;Urwaldarzt&ldquo; im zentralafrikanischen Lambarene reduziert wird. Der merkw&uuml;rdige Alte mit Schnauzbart und Tropenhelm, Pfarrerssohn aus der els&auml;ssischen Provinz, gesegnet mit vielen Talenten f&uuml;r eine klassische Karriere, verschm&auml;hte das Parkett des vermeintlich zivilisierten Gro&szlig;b&uuml;rgertums und wurde zum Diener der &Auml;rmsten im Herzen Afrikas. Das gebietet h&ouml;chsten Respekt &ndash; und bietet die M&ouml;glichkeit f&uuml;r einen verengten Blick auf die Person und ihr Lebenswerk. In Zeiten wie der heutigen, wo der Bellizismus wieder einmal Hochkonjunktur hat, ist diese Reduzierung geradezu funktional. Jetzt nur keine st&ouml;renden friedensethischen Argumente. Sie k&ouml;nnten das inhumane, ethisch absurde Treiben einflussreicher Kr&auml;fte gef&auml;hrden, gerade weil diese Argumente bei Schweitzer mit einer ungew&ouml;hnlich klaren und verst&auml;ndlichen Sprache nachzulesen sind. &bdquo;Und wie gro&szlig; sind die Aufgaben, die der Geist in Angriff zu nehmen hat! Er soll wieder Verst&auml;ndnis f&uuml;r die wahre Wahrheit schaffen, wo nur noch die Wahrheit der Propaganda gilt.&ldquo; Es bleibt unvermindert wichtig, die Gedanken eines der gr&ouml;&szlig;ten Humanisten deutscher und franz&ouml;sischer Sprache, des Friedensnobelpreistr&auml;gers Albert Schweitzer, lebendig zu halten.<\/p><p><em>Alle w&ouml;rtlichen Zitate entnommen aus Schweitzer, Albert: Kulturphilosophie. Band I und II. M&uuml;nchen 2007 (Beck&rsquo;sche Reihe)<\/em><\/p><p><em>R&uuml;diger H. Jung<br>\nProf. (em.) Dr. rer. pol.<br>\nManagement\/F&uuml;hrung und Organisationsentwicklung<br>\nFB Wirtschafts- und Sozialwissenschaften<br>\nHochschule Koblenz<br>\nJoseph-Rovan-Allee 2<br>\nD-53424 Remagen<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-D0116-0041-019 \/ Unknown \/ CC-BY-SA 3.0<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Prof. Dr. <strong>R&uuml;diger H. 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