{"id":135146,"date":"2025-06-28T13:00:19","date_gmt":"2025-06-28T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135146"},"modified":"2025-06-27T14:45:09","modified_gmt":"2025-06-27T12:45:09","slug":"das-neue-buch-ich-bin-nicht-dabei-von-michael-andrick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135146","title":{"rendered":"Das neue Buch \u201eIch bin nicht dabei\u201c von Michael Andrick"},"content":{"rendered":"<p>Er geh&ouml;rt mittlerweile zu den wichtigsten kritischen Stimmen Deutschlands: der Philosoph <strong>Michael Andrick<\/strong>. Durch seine klare, philosophische Argumentation hat er es, anders als viele andere seines Metiers, geschafft, sich auch in etablierten Kreisen Anerkennung zu verschaffen und etwa von gro&szlig;en Medienh&auml;usern als Redner eingeladen zu werden. Sein Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis&ldquo; (2024), in dem er sich kritisch mit der moralischen Aufladung politischer Diskurse auseinandersetzt, schaffte es in die Spiegel-Bestsellerliste. Nun ist sein Buch &bdquo;Ich bin nicht dabei&ldquo; erschienen &ndash; eine Zusammenstellung verschiedenster Kolumnen, Essays und Aphorismen, die Beachtung verdient. Eine Rezension von <strong>Alrun Vogt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWohl kaum jemand w&uuml;rde von sich sagen, nicht kritisch zu sein. Und dennoch haben wir meistens vorgefertigte Meinungen, an denen wir allzu gerne niemanden r&uuml;tteln lassen wollen. Das betrifft nicht nur politische Meinungen, sondern alle unsere Denkgewohnheiten. Doch da, wo Gewohnheit das Denken &uuml;bernimmt, sind wir nicht mehr frei, f&uuml;hrt Andrick aus. Denn frei sein bedeutet, anders denken und handeln zu k&ouml;nnen als &uuml;blich. &bdquo;Das Nachdenken beginnt immer mit dem &lsquo;Nein&rsquo;: Mit dem Unterbrechen des gewohnten Flusses der Gedanken&rdquo;, so der Philosoph. In diesem Sinne ist sein Buch ein Pl&auml;doyer, alles zu hinterfragen: Unsere eigenen Einstellungen zur Arbeitswelt, Erfolg und Autorit&auml;tsgl&auml;ubigkeit, zur Politik, zur K&uuml;nstlichen Intelligenz, zur Philosophie. Andrick gibt dem Leser durch klare begriffliche Definitionen das philosophische Handwerkszeug und die Anregung dazu.<\/p><p>Vor allem macht er die immense politische Dimension des Hinterfragens und des Diskurses deutlich. Heute haben wir einen Zustand erreicht, in dem viele B&uuml;rger einen Staat wollen, der ihnen sagt, wie Demokratie funktionieren muss; einen Verfassungsschutz, der ihnen sagt, welche Oppositionsparteien wie zu beurteilen sind; eine Wissenschaft, die widerspruchslos verk&uuml;ndet, welche Ma&szlig;nahmen richtig sind &ndash; einen Zustand, in dem viele bereitwillig der geschickten &ouml;ffentlichen Darstellung glauben, dass das Gemeinwohl mit Milliardeninteressen identisch ist. Grund genug, mit dem Hinterfragen zu beginnen.<\/p><p>Andrick beschreibt, wie leicht wir in einen gedankenlosen Konformismus geraten, in einen Zustand, den er definiert als geschw&auml;chte F&auml;higkeit, die eigene Erfahrung durch Nachdenken zu verarbeiten. Der Konformismus beginnt in unserer Arbeitswelt, in der wir uns durch einen quasireligi&ouml;sen Kult um den &bdquo;Erfolg&ldquo; dem Getriebe eines sinnentleerten Systems unterwerfen und dabei uns selbst und unsere Kreativit&auml;t verlieren.<\/p><p>Das Nachdenken und Hinterfragen muss, so Andrick, kultiviert und ge&uuml;bt werden &ndash; als Voraussetzung f&uuml;r die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens, als Voraussetzung, um mit pers&ouml;nlichen Verletzungen umgehen zu k&ouml;nnen, und f&uuml;r das Funktionieren der Demokratie. Dabei erreichen wir neue Ansichten gerade durch das Andere, durch Abweichler, durch Provokateure &ndash; also gerade durch etwas, was einflussreiche Kreise heute durch Kulturkorrektur eliminieren wollen und auch tun. Nach deren mittlerweile erschreckend weit verbreitetem Narrativ hat der Liberalismus seine Schuldigkeit bereits getan; nun habe man die Wahrheit erkannt und man k&ouml;nne die Gesellschaft schlie&szlig;en, auf die richtigen, eigenen Ziele hin, stellt Andrick fest. So ist es m&ouml;glich, dass sich die Herrschenden im Namen nobler Ideen immer mehr Machtf&uuml;lle aneignen, bis hin zur Aufk&uuml;ndigung der Demokratie im Namen der Verteidigung gegen &bdquo;das B&ouml;se&rdquo;.<\/p><p>Wer zu &auml;hnlicher Feststellung gekommen ist, aber andere Menschen mit Argumenten noch nicht erreichen konnte, der vermag vielleicht mit der Weitergabe dieses B&uuml;chleins etwas auszurichten. Denn sich gegen sauber begr&uuml;ndete, philosophische Argumentation zu verschlie&szlig;en, ist vermutlich nicht so leicht. In kurzen Abhandlungen &uuml;ber politische Korrektheit, &uuml;ber die Gefahr und Psychologie von Notst&auml;nden, &uuml;ber die Absurdit&auml;t &bdquo;gerechter&ldquo; Sprache, Brandmauern, Milliard&auml;re, die Arbeitswelt der Industriegesellschaft und anderes mehr macht der Autor nachvollziehbar deutlich, dass wir momentan Gefahr laufen, in eine totalit&auml;re Gesellschaft hineinzuschlittern. Er macht vor allem deutlich, was heute mit Bezug auf uns selbst und auf die Gegenwart mittlerweile oft verlorenes Wissen zu sein scheint: dass Menschen, die sich im Vorhinein jeder politischen Auseinandersetzung als privilegiert betrachten und m&uuml;ndige B&uuml;rger als Erziehungssubjekte behandeln, keine Demokraten sind.<\/p><p>Nun steht die Demokratie immer im Spannungsfeld zwischen Universalanspruch und Partikularinteressen: Jeder nennt sich Demokrat, aber h&auml;lt seine eigene Meinung trotzdem f&uuml;r die einzig richtige. Diese fortw&auml;hrende Schizophrenie der Demokratie h&auml;tte Andrick klarer benennen k&ouml;nnen. Dennoch macht er deutlich: Auch wenn wir den pluralistischen Diskurs als Voraussetzung f&uuml;r eine freie Gesellschaft immer in Ehren halten und pflegen m&uuml;ssen, d&uuml;rfen wir doch den Anspruch, dass es eine einsichtige Wahrheit gibt, nicht fallen lassen; d&uuml;rfen nicht dem Reiz des totalen, scheinbar toleranten Relativismus verfallen, im Sinne von: Jeder hat irgendwie recht.<\/p><p>Einige wenige Formulierungen und Textstellen werden manchem Leser vielleicht zu akademisch sein. Andererseits beinhaltet das Buch auch Texte von unterhaltsamer, bei&szlig;ender Ironie. Dazu geh&ouml;rt zum Beispiel der Text &bdquo;Dir ist Schutz befohlen&ldquo;, in dem ein virtueller Staat seinem B&uuml;rger gut begr&uuml;ndet versichert, dass er zu seinem totalen Schutz und zur Rettung des Planeten die totale Herrschaft &uuml;bernehmen m&uuml;sse. Bei solchen Stellen m&ouml;chte man lachen, wenn die vorgebrachte Argumentation nicht so erschreckend nah an derjenigen w&auml;re, wie man sie von Staatsseite tats&auml;chlich kennt.<\/p><p>Alles in allem ist es Andricks Verdienst, die Philosophie aus ihrem akademischen Elfenbeinturm herauszuholen und sie zu benutzen, wof&uuml;r sie im besten Falle da ist: zur Einwirkung auf die Gesellschaft hin zu einer freien, geistvollen, kreativen und pluralistischen Gesellschaft.<\/p><p><em>Michael Andrick: Ich bin nicht dabei. Baden-Baden 2025, Verlag Karl Alber, 1. Auflage, Taschenbuch, 203 Seiten, ISBN 978-3495990889, 22,90 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot vom Buchcover<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111183\">Michael Andrick: &bdquo;Der Pluralismus ist tot in Deutschland, es ist eine Demokratie-Farce, die hier aufgef&uuml;hrt wird&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109544\">Die Entr&auml;umlichung des Lebens<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95442\">Bekenntnisse eines Feldschreibers<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133046\">Interview mit der ukrainischen Historikerin Marta Havryshko: &bdquo;Die Ukraine ist keine Demokratie. Die Menschen haben Angst, ihre Meinung zu sagen.&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er geh&ouml;rt mittlerweile zu den wichtigsten kritischen Stimmen Deutschlands: der Philosoph <strong>Michael Andrick<\/strong>. Durch seine klare, philosophische Argumentation hat er es, anders als viele andere seines Metiers, geschafft, sich auch in etablierten Kreisen Anerkennung zu verschaffen und etwa von gro&szlig;en Medienh&auml;usern als Redner eingeladen zu werden. Sein Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis&ldquo; (2024), in dem er sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135146\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":135148,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,208,11],"tags":[2269,1865,1163,2247,922,3417],"class_list":["post-135146","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-konformitaetsdruck","tag-meinungsfreiheit","tag-meinungspluralismus","tag-political-correctness","tag-totalitarismus","tag-zivilgesellschaftlicher-dialog"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/ich-bin-nicht-dabei-taschenbuch-michael-andrick.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=135146"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135202,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135146\/revisions\/135202"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/135148"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=135146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=135146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=135146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}