{"id":135163,"date":"2025-06-29T14:00:44","date_gmt":"2025-06-29T12:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135163"},"modified":"2025-07-02T10:17:55","modified_gmt":"2025-07-02T08:17:55","slug":"debattenbeitrag-die-pro-maduro-linke-und-ihre-blinden-flecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135163","title":{"rendered":"Debattenbeitrag: Die Pro-Maduro-Linke und ihre blinden Flecken"},"content":{"rendered":"<p>Der Artikel des US-Politikwissenschaftlers Steve Ellner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134458\">&bdquo;&rsquo;Neoliberal und autorit&auml;r?&rsquo; Eine grob vereinfachende Darstellung der Maduro-Regierung, die vieles au&szlig;er Acht l&auml;sst&rdquo;<\/a>, verfasst als Antwort auf den Soziologen Gabriel Hetland und dessen Maduro-kritischen Text <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134122\">&bdquo;Kapitalismus und Autoritarismus im Maduro-Venezuela&rdquo;<\/a>, bietet eine neue Gelegenheit, eine entscheidende Debatte &uuml;ber den Verlauf der bolivarischen Regierung und die aktuelle Situation in Venezuela weiterzuf&uuml;hren und zu erweitern. Von <strong>Emiliano Ter&aacute;n Mantovani<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIch m&ouml;chte in dieser Diskussion Stellung beziehen, insbesondere, um einige der von Ellner vorgebrachten Argumente zu beantworten. Meiner Ansicht nach versucht er damit, kritische Positionen gegen die r&uuml;ckschrittliche Entwicklung des venezolanischen politischen Systems unter der Regierung Maduro zu neutralisieren. Sie sind sogar Ausdruck der Labyrinthe, in denen sich manche linke Str&ouml;mungen befinden: festgefahren in der Unterst&uuml;tzung bestimmter maroder Regime und kaum mit Ideen oder Vorstellungskraft, um neue kritische Wege zu beschreiten, die mit den K&auml;mpfen der einfachen Menschen verbunden sind. Das ist von entscheidender Bedeutung in einer Welt, in der rechte Extreme und Autoritarismen voranschreiten.<\/p><p>Ellners zentrales Argument lautet, dass kritische Analysen der Maduro-Regierung kontextualisiert und differenziert werden m&uuml;ssen und dass mehr Gr&uuml;ndlichkeit geboten ist. Tats&auml;chlich ist sein Text jedoch einseitig: Er pr&auml;sentiert eine Sammlung von &bdquo;Nuancen&rdquo; zu Hetlands Argumenten, die rechtfertigen sollen, warum Maduro unter anderem Arbeiter unterdr&uuml;ckt, die L&ouml;hne aush&ouml;hlt und ein aggressives neoliberales Regime errichtet.<\/p><p>Paradoxerweise zeigen Ellners Gegenargumente gegen&uuml;ber Hetland kaum Nuancen. Er l&auml;sst eine enorme Menge an Aspekten unber&uuml;cksichtigt, die nicht nur dringend angesprochen werden m&uuml;ssten, sondern auch f&uuml;r eine Analyse au&szlig;erhalb jeglichen Binarismus sehr relevant w&auml;ren &ndash; vor allem f&uuml;r eine Analyse, die sich den K&auml;mpfen von Volkskr&auml;ften verpflichtet f&uuml;hlt. Am Ende verf&auml;llt Ellner jedoch in die gleiche Logik, die er kritisiert. Wenn es um Genauigkeit geht, fehlen zudem oft die Fakten, die er selbst von Hetland verlangt. Andere Argumente st&uuml;tzen sich wiederum auf Informationen von venezolanischen Regierungsfunktion&auml;ren.<\/p><p>In diesem Sinne muss die von Ellner geforderte Differenzierung hier vorgenommen werden, die er selbst leider kaum erf&uuml;llt hat.<\/p><p>Es wurden verschiedene Themen angesprochen. So argumentiert Ellner beispielsweise, dass die internationalen Sanktionen in den Mittelpunkt der Analyse gestellt werden m&uuml;ssen, um die Geschehnisse in Venezuela zu verstehen. Ich m&ouml;chte meine Position hierzu betonen: Ich halte diese Sanktionen f&uuml;r vollkommen verabscheuungsw&uuml;rdig, vor allem, wenn sie von einer Regierung wie der US-amerikanischen ausgehen, die eine lange Tradition von Einmischung und Neokolonialismus hat.<\/p><p>Ich m&ouml;chte hinzuf&uuml;gen, dass dies eine Position ist, die von der heterogenen venezolanischen Linken geteilt wird, die ihre Ablehnung stets zum Ausdruck gebracht hat. Tats&auml;chlich wird diese Politik von der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung nicht akzeptiert. Selbst einige liberale Forscher, Intellektuelle und politische Akteure der Opposition haben die Sanktionen abgelehnt, andere jedoch nicht.<\/p><p>Das Problem ist, dass die Sanktionen f&uuml;r die Maduro-Regierung nicht nur zu einem Instrument geworden sind, um Kritik und Debatten zu unterdr&uuml;cken, sondern auch zur perfekten Ausrede, um eine Reihe wirtschaftlicher und politischer Missst&auml;nde zu rechtfertigen.<\/p><p>Wenn wir also &uuml;ber Differenzierung und Gr&uuml;ndlichkeit in Bezug auf die Sanktionen sprechen, dann ist es angemessen, die Frage zu stellen, ob sie die schlimmste Krise der venezolanischen Geschichte ausgel&ouml;st haben und welche Rolle sie dabei gespielt haben. Ellner spricht von den Sanktionen, die Obama im Jahr 2015 verh&auml;ngte. Diese umfassten das Einfrieren von Verm&ouml;genswerten und Bankkonten in den USA, die Aussetzung von Visa und ein Einreiseverbot f&uuml;r Regierungsfunktion&auml;re sowie zentrale Akteure mit Verbindungen zur venezolanischen Regierung.<\/p><p>Er verschweigt jedoch, dass das Bruttoinlandsprodukt bereits 2017, als die ersten Sanktionen direkt auf die Wirtschaft Venezuelas zielten, um 31,9 Prozent eingebrochen war, die Importe im Vergleich zu 2012 um 81,76 Prozent gesunken waren, die Inflation mit 438,1 Prozent die h&ouml;chste weltweit war und die Schulden bereits bei 148,328 Milliarden US-Dollar lagen. Tats&auml;chlich begannen der langsame R&uuml;ckgang der &Ouml;lproduktion sowie das Debakel zahlreicher staatlicher Industrien und wichtiger Landwirtschaftssektoren wie Zuckerrohr und Mais schon in den Ch&aacute;vez-Jahren.<\/p><p>Schon damals war einiges schiefgelaufen. Ursache waren die Vertiefung des &ouml;lrentenbasierten Wirtschaftsmodells unter der Regierung Ch&aacute;vez sowie eine &auml;u&szlig;erst schlechte wirtschaftliche und administrative Steuerung. All dies geschah in einer Phase, in der die Regierung Ch&aacute;vez etwa 70&#8239;Prozent Zustimmung genoss, die &Ouml;lpreise sehr hoch waren, das Land &uuml;ber jahrelang au&szlig;ergew&ouml;hnliche, beispiellose Einnahmen verf&uuml;gte, die Institutionen unter Kontrolle standen und die Regierung gro&szlig;en regionalen Einfluss hatte und enge Allianzen in den Regionen unterhielt.<\/p><p>Ellner verga&szlig; ebenso, das kleine Detail der massiven Korruptionsskandale zu erw&auml;hnen, die die &ouml;ffentlichen Kassen und die Bev&ouml;lkerung schwer trafen: Wechselbetr&uuml;gereien bei Cadivi[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], die zahlreichen F&auml;lle bei Pdvsa, Pdval[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>],&nbsp;dem chinesischen Fonds[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]&nbsp;und im Infrastrukturbereich. Die Liste lie&szlig;e sich noch weiter fortsetzen. Die oft zitierte Wirtschaftskrieg-Erz&auml;hlung basierte in Wahrheit auf einem Netzwerk aus Akteuren, zu denen Regierungsmitglieder h&ouml;chster Ebene sowie internationale und unternehmerische Gruppen geh&ouml;rten.<\/p><p>Dieser Prozess setzte sich unter Maduro fort, wie sogar die Beh&ouml;rden selbst eingestehen. Es kam zu Verhaftungen hochrangiger Pdvsa-Manager, darunter mehrere Vorsitzende, sowie zu Betr&uuml;gereien bei Sunacrip und Petr&oacute;leos de Venezuela in H&ouml;he von &uuml;ber 21 Milliarden Dollar. Angesichts einer solchen systematischen Veruntreuung sollte es einer kritisch denkenden Person schwerfallen, all dies als Einzelf&auml;lle skrupelloser Personen zu verstehen, statt davon auszugehen, dass es sich um eine koh&auml;rente Struktur zur illegalen und massiven Aneignung von Reichtum handelt.<\/p><p>Manch einer mag sich fragen, wie der Chavismus von einem hohen Popularit&auml;tsgrad im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zu einer tiefgreifenden Ablehnung gelangen konnte, die heute bei 70 bis 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung liegt. Die unermessliche Not der Venezolaner &ndash; gepr&auml;gt von extremer Armut, fehlender medizinischer Versorgung und mangelhafter Grundversorgung &ndash; steht heute im krassen Gegensatz zum luxuri&ouml;sen und exzessiven Lebensstil der Regierungs- und Staatselite: mit Wohnungen in Dubai oder Europa, ihrer Flotte teurer SUVs, Gourmetrestaurants und Megapartys.<\/p><p>Dies ist etwas, das im Bewusstsein der venezolanischen Bev&ouml;lkerung bereits weitgehend verankert ist und sogar zur sozialen Vorstellungswelt geh&ouml;rt. Und das erkl&auml;rt die weit verbreitete Abneigung gegen die Regierung Maduro, die Aush&ouml;hlung der Volkseinbindung, die in diesem Prozess erzeugt wurde, die massive Wahlbeteiligung am 28. Juli 2024 &ndash; mit dem Ziel, einem als Albtraum empfundenen Zustand zu entkommen &ndash; und sogar die Proteste vom 29. und 30. Juli gegen den Wahlbetrug, die vor allem aus den Armenvierteln wie Petare, La Vega, El Valle und Catia kamen.<\/p><p>Ich habe mit Erstaunen beobachtet, wie diese Proteste von linken Kreisen auf internationaler Ebene kriminalisiert wurden, die sie mit erschreckender Leichtfertigkeit als Demonstrationen von &bdquo;Leuten der extremen Rechten&rdquo; beschuldigten und damit die brutale Repression, die in diesen Tagen und den folgenden Wochen stattfand, rechtfertigten. Eine solche Praxis der Kriminalisierung der Bev&ouml;lkerung haben wir auch bei rechten Regierungen wie der von Iv&aacute;n Duque in Kolumbien und Sebasti&aacute;n Pi&ntilde;era in Chile im Kontext der Massenproteste von 2019 gesehen.<\/p><p>Wenn wir wirklich &uuml;ber Nuancen sprechen wollen, m&uuml;sste man sich ernsthaft mit den Ursachen der tiefen Unzufriedenheit der venezolanischen Bev&ouml;lkerung auseinandersetzen. Die Anh&auml;nger der Maduro-Regierung ziehen es offenbar stets vor, &auml;u&szlig;ere Schuldige zu suchen und Andersdenkende zu kriminalisieren, statt sich selbst einer gr&uuml;ndlichen Pr&uuml;fung zu unterziehen und zu fragen, wie und warum sie die Unterst&uuml;tzung und den Kontakt zur Bev&ouml;lkerung verloren haben.<\/p><p>Zwar hatten die Sanktionen nachtr&auml;glich negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Krise und erschwerten tats&auml;chlich den Erholungsprozess nach dem freien Fall der venezolanischen Wirtschaft. Doch sie erkl&auml;ren weder die Ursachen des gesellschaftlichen Zusammenbruchs, den wir erlebt haben, noch die Tatsache, dass sich all dies innerhalb eines strukturellen Rahmens vollzog, der die Aneignung von Reichtum aus dem Inneren der bolivarischen Regierung heraus erm&ouml;glichte und in Gang setzte. Ich bef&uuml;rchte, dass das offizielle Sanktionsnarrativ als wirksamer Mechanismus zur Neutralisierung von Kritik und Diskussion fungiert &ndash; ein Narrativ, das bedauerlicherweise von Teilen der internationalen Linken &uuml;bernommen wird, die sich dieser Realit&auml;t entziehen.<\/p><p><strong>Das Narrativ der Vergangenheit bem&uuml;hen, um das gegenw&auml;rtige Desaster zu rechtfertigen<\/strong><\/p><p>Es scheint mir, dass es eine hartn&auml;ckige Tendenz gibt, sich an Argumente aus der Ch&aacute;vez-&Auml;ra zu klammern &ndash; an eine Zeit, in der die &Ouml;leinnahmen massiv in der Gesellschaft verteilt wurden, der nominelle Monatslohn bis zu 400 US-Dollar erreichte und die politische Mitwirkung der unteren sozialen Schichten gezielt gef&ouml;rdert wurde &ndash;, um all dies auf eine Gegenwart zu &uuml;bertragen, die sich dramatisch gewandelt hat. Daf&uuml;r lie&szlig;en sich zahlreiche Beispiele anf&uuml;hren. Ellner spricht von den Kommunen, obwohl er selbst einr&auml;umt, dass diese unter Maduro &uuml;ber Jahre hinweg auf ein Minimum zur&uuml;ckgefahren wurden. Anschlie&szlig;end verweist er auf einen &bdquo;neuen Impuls&rdquo; f&uuml;r die Kommunen. Was er jedoch verschweigt, ist, dass diese Minimierung Teil eines Prozesses der Demobilisierung und Aush&ouml;hlung basisnaher Organisationen war &ndash; mit &auml;u&szlig;erst sch&auml;dlichen Folgen &ndash; und des Verlusts jeglicher kommunaler Substanz dieses Ansatzes, der unter Maduro schlie&szlig;lich selbst in die Clap-Strukturen[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]&nbsp;&uuml;berf&uuml;hrt wurde. Heute wird dieses Projekt neu gedeutet &ndash; als Instrument zur Durchsetzung staatlicher Kontrolle &uuml;ber die Territorien, eingebettet in ein politisches System, das sich zu einem neopatrimonialen Modell entwickelt hat.<\/p><p>Wenn heute vom &bdquo;bolivarischen Prozess&rdquo; die Rede ist, geht es nicht mehr um ein volksnahes, national orientiertes B&uuml;ndnis mit Schwerpunkt auf die benachteiligten Klassen. Diese Konstellation hat sich inzwischen drastisch gewandelt: Die Allianz mit dem Milit&auml;r hat die Pr&auml;senz der Sicherheitskr&auml;fte vervielfacht; es bestehen enge Verbindungen zu den Fedec&aacute;maras[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]&nbsp;und den Eliten der evangelikalen Kirchen &ndash; B&uuml;ndnisse, die durch die Zusammenarbeit mit dem US-Konzern Chevron verst&auml;rkt wurden; ebenso mit chinesischem Kapital im Orinoco-&Ouml;lg&uuml;rtel sowie mit Bankiers und Neureichen, die aus dem Scho&szlig; der sogenannten &bdquo;Revolution&rdquo; hervorgegangen sind.<\/p><p>Aber das Wichtigste ist: Nahezu das gesamte in Venezuela vorhandene Kapital sch&ouml;pft den Reichtum des Landes unter besch&auml;mend bevorzugten Bedingungen aus &ndash; ohne Einschr&auml;nkungen, mit gro&szlig;z&uuml;gigen Verg&uuml;nstigungen und ohne jede M&ouml;glichkeit zur &ouml;ffentlichen Kontrolle. Gesetze wie das Anti-Blockade-Gesetz, das Gesetz &uuml;ber die Sonderwirtschaftszonen, das Gesetz zum Schutz ausl&auml;ndischer Investitionen, Steuerbefreiungsdekrete f&uuml;r Unternehmen, unauff&auml;llige Privatisierungen, die LG41-Lizenz f&uuml;r Chevron, die Vereinbarungen mit dem &Ouml;lkonzern China National Petroleum Corporation (CNPC) und viele andere belegen dies. Das Kuriose daran ist nicht, dass sich der Gro&szlig;teil der linken Kr&auml;fte im Land &ndash; insbesondere die k&auml;mpferischsten &ndash; diesem Ausverkauf des Landes vehement widersetzt hat, sondern dass die Pro-Maduro-Linke als einzige all dies mittr&auml;gt und sogar beklatscht.<\/p><p>Ein weiteres Element der Diskrepanz zwischen dem alten Narrativ und dem neuen Regime: Ellner beharrt darauf, dass die Rolle der (traditionellen) venezolanischen Opposition nicht vergessen werden darf, wenn es darum geht, die &bdquo;Tragweite des Kriegs gegen Venezuela&rdquo; zu verstehen. Zweifellos hat auch diese Opposition im Allgemeinen zum Verfall des nationalen politischen Systems beigetragen &ndash; etwa durch aufstandsartige Zyklen, die vom radikalen Fl&uuml;gel angesto&szlig;en wurden und zur Verarmung der politischen Kultur beitrugen; durch eine geringe organische Verankerung von Machtstrukturen in der Basis und vor allem durch kaum nennenswerte Beitr&auml;ge zum Aufbau politischer Alternativen.<\/p><p>Was der Autor nicht erkl&auml;rt, ist, wie die Regierung nicht nur die rechte Opposition schlie&szlig;lich zerschlug &ndash; die heute nur noch ein Tr&uuml;mmerhaufen ist, was wiederum den Aufstieg der Massenf&uuml;hrungsfigur Mar&iacute;a Corina Machado mit erkl&auml;rt &ndash;, sondern auch jede politische und soziale Kraft vernichtete, die sich ihr entgegengestellt hat. Dazu geh&ouml;rten die Intervention und Spaltung traditioneller Parteien wie AD und Copei, deren F&uuml;hrungsstrukturen durch regierungstreue Gremien ersetzt wurden &ndash; das ist jene &bdquo;Opposition&rdquo;, die der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentiert wird. Ebenso kam es zur Verfolgung und Inhaftierung von Gewerkschafterinnen &ndash; eine Praxis, die sich auch gegen Gemeindeaktivistinnen, soziale Organisationen und NGOs richtete.<\/p><p>Ellner h&auml;tte auch auf die Situation inhaftierter Kommunarden und kritischer Chavisten eingehen sollen, auf die Folter in venezolanischen Gef&auml;ngnissen, die Verfolgung der Kommunistischen Partei Venezuelas und die Auswirkungen des &bdquo;Gesetzes gegen den Hass&rdquo; auf die Gesellschaft. Gerade in einem so sensiblen Bereich fehlen dem Text jegliche Nuancen &ndash; und das wiegt schwer.<\/p><p>Ellner verschweigt, dass das heutige Venezuela nicht mehr das von 2017 oder 2019 ist. Wir haben es mit einem v&ouml;llig ver&auml;nderten Szenario zu tun: einem Machtmodell ohne jegliches Gegengewicht. Analysen &auml;ndern sich, so wie auch die Geschichte sich wandelt.<\/p><p><strong>Die Verw&uuml;stung eines Landes nuancieren? &Uuml;ber die Grenzen des Inakzeptablen<\/strong><\/p><p>Eine von Ellners Schlussfolgerungen, die ich schockierend finde, lautet, dass Maduros Fehler von Washington erzwungen worden seien. Eine solche Argumentation tr&auml;gt meines Erachtens eindeutig manich&auml;ische Z&uuml;ge: eine Seite reiner, b&ouml;sartiger Dunkelheit, die Maduro einh&uuml;llt. In diesem Licht ist der andere nicht &bdquo;b&ouml;se&rdquo; &ndash; er wird nur dazu gezwungen, es zu sein. Als spr&auml;che hier jemand, der dem Anf&uuml;hrer aus einem Akt des Glaubens folgt.<\/p><p>Es ist schwer, jemandem vern&uuml;nftig zu entgegnen, der Maduros Regierung als Opfer darstellt, ohne im selben Artikel ein Wort &uuml;ber die Opfer innerhalb der venezolanischen Gesellschaft zu verlieren &ndash; Opfer, die durch die Dekadenz und das r&auml;uberische Abgleiten dieses Regimes verursacht wurden. Ellner, und hierin stimme ich mit Hetland &uuml;berein, konstruiert letztlich eine rechtfertigende Erz&auml;hlung. Er verteidigt die neuen B&uuml;ndnisse mit Fedec&aacute;maras und deren Politik, erw&auml;hnt jedoch mit keinem Wort die systematische Zerst&ouml;rung der L&ouml;hne sowie die Verfolgung und Inhaftierung von Arbeitern.<\/p><p>Im Kern von alldem steht vielleicht die Frage nach den Grenzen des Inakzeptablen, nach den Dingen, die schlicht keine Nuancen mehr zulassen, nach den Dingen, die das Schlimmste von eben jenen Dramen verk&ouml;rpern, die die Linke &uuml;ber Jahrzehnte hinweg kritisiert hat.<\/p><p>Und dass die derzeitige geopolitische Dynamik, beherrscht von abscheulichen Logiken, nicht ausreicht, um die Barbarei und die Verw&uuml;stung eines Landes durch eine Regierung zu &bdquo;nuancieren&rdquo;. Im Namen von nichts.<\/p><p>Dass diejenigen, die eine vermeintliche &bdquo;kritische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Maduro&rdquo; reklamieren, sich in ihrer Logik nicht von denen unterscheiden, die kritische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Bukele, Milei, Ortega oder Putin fordern. Alles ist nuancierbar. Wir k&ouml;nnen alle als Opfer dargestellt werden. Trump kann das Opfer des US-Deep-State sein, Netanjahu das Opfer der Hamas. Dieses Argument taugt f&uuml;r alles und liefert Vorteile zur Rechtfertigung von Exzessen. Und am Ende f&uuml;hrt uns das alles in Irrwege, in denen wir uns verlieren und wo wir anfangen, Nuancen bei Barbarei und Pl&uuml;nderung zu akzeptieren &ndash; was zur aktuellen globalen &bdquo;Normalit&auml;t&rdquo; wird.<\/p><p>Dort w&uuml;rde die Linke f&uuml;r immer verloren sein.<\/p><p><strong>Epilog<\/strong><\/p><p>Eine der vielen Fragen im Fall Venezuela lautet: Wenn ein Teil der internationalen Linken, der die Regierung Maduro unterst&uuml;tzt, sich der Missst&auml;nde und der Korruption des Regimes voll bewusst ist und es f&uuml;r eine Frage der &bdquo;Ehre&rdquo; h&auml;lt, traditionelle Oppositionsf&uuml;hrer und -parteien nicht zu unterst&uuml;tzen &ndash; warum investieren sie dann nicht ihre Kr&auml;fte, Ressourcen und ihre Unterst&uuml;tzung in den Aufbau einer linken Opposition, die eines Tages auf irgendeine Weise die politische Macht erringen k&ouml;nnte?<\/p><p>Warum schl&auml;gt sie, wenn es ihr wirklich darum geht, ihre linke Identit&auml;t treu zu bewahren, keine Br&uuml;cken zu den oppositionellen linken Kr&auml;ften vor? Warum f&ouml;rdert sie nicht eine andere, nicht-neoliberale, volksnahe Alternative, die ein alternatives politisches Projekt von nationaler Tragweite auf den Tisch legt, das die Vielfalt der Organisationen zusammenf&uuml;hrt, die L&ouml;hne und Besch&auml;ftigten, die Volkssouver&auml;nit&auml;t, die &ouml;ffentliche Bildung sowie weitere historische Forderungen verteidigt? Diese Fragen halte ich f&uuml;r entscheidend und sie er&ouml;ffnen andere notwendige Debatten.<\/p><p><em>Zum Autor: <strong>Emiliano Ter&aacute;n Mantovani<\/strong> ist Soziologe, Forscher und politischer &Ouml;kologe. Er erhielt 2015 eine Sonderauszeichnung beim venezolanischen Preis des Kritischen Denkens &bdquo;Premio Libertador al Pensamiento Cr&iacute;tico&rdquo; und ist Mitglied des Netzwerks Oilwatch Latinoamerica.<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2025\/06\/275740\/kritik-pro-maduro-linke-venezuela\">Hans Weber, Amerika21<\/a><\/p><p><small>Titelbild: testing\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134458\">Debattenbeitrag &bdquo;Venezuela neoliberal und autorit&auml;r&rdquo;?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134122\">Debattenbeitrag: Kapitalismus und Autoritarismus im Venezuela von Maduro<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132684\">V&ouml;lkerrechtswidrige US-Zwangsma&szlig;nahmen gegen Venezuela: &bdquo;Bringt die Wirtschaft zum Schreien&rdquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127014\">Venezuela und die Nachwirkungen der v&ouml;lkerrechtswidrigen Anerkennung von Guaid&oacute; durch Deutschland<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Die Beh&ouml;rde f&uuml;r die Verwaltung des Wechselkurses und die Regulierung des Devisenhandels (Cadivi) existierte von 2003 bis 2015.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Pdvsa (Petr&oacute;leos de Venezuela, S. A.) ist das staatliche &Ouml;l- und Erdgasunternehmen Venezuelas. Pdval (Producci&oacute;n y Distribuci&oacute;n Venezolana de Alimentos) ist ein staatliches Unternehmen in Venezuela, das f&uuml;r die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln zust&auml;ndig ist. Es wurde im Jahr 2009 unter Ch&aacute;vez gegr&uuml;ndet.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Der &bdquo;Fondo Chino-Venezolano&ldquo; ist eine bilaterale Vereinbarung zwischen China und Venezuela, die darauf abzielt, die wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit zu st&auml;rken sowie Investitionen und Projekte zu f&ouml;rdern. Das Abkommen ist im Jahr 2008 entstanden.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die Claps sind die &bdquo;Lokalen Komitees f&uuml;r die Volksversorgung&rdquo;. Es handelt sich um staatliche Programme zur Verteilung von Grundnahrungsmitteln an die Bev&ouml;lkerung. Sie wurden 2015 im Zuge der Wirtschaftskrise gegr&uuml;ndet.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Die F&ouml;deration der Handels- und Produktionskammern und -verb&auml;nde, Fedec&aacute;maras, ist eine Vereinigung, die die Interessen der Gro&szlig;unternehmer Venezuelas vertritt.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/0013de85f317472cbd268b0f86fec5f1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Artikel des US-Politikwissenschaftlers Steve Ellner <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134458\">&bdquo;&rsquo;Neoliberal und autorit&auml;r?&rsquo; Eine grob vereinfachende Darstellung der Maduro-Regierung, die vieles au&szlig;er Acht l&auml;sst&rdquo;<\/a>, verfasst als Antwort auf den Soziologen Gabriel Hetland und dessen Maduro-kritischen Text <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134122\">&bdquo;Kapitalismus und Autoritarismus im Maduro-Venezuela&rdquo;<\/a>, bietet eine neue Gelegenheit, eine entscheidende Debatte &uuml;ber den Verlauf der bolivarischen Regierung und die aktuelle<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135163\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":135164,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,127,30],"tags":[1795,2071,3236,309,827,1333,1019],"class_list":["post-135163","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-chavez-hugo","tag-maduro-nicolas","tag-mineraloelwirtschaft","tag-repressionen","tag-stigmatisierung","tag-venezuela","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/shutterstock_1095683546.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=135163"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135427,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135163\/revisions\/135427"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/135164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=135163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=135163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=135163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}