{"id":135178,"date":"2025-06-29T15:00:35","date_gmt":"2025-06-29T13:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135178"},"modified":"2025-06-30T10:36:56","modified_gmt":"2025-06-30T08:36:56","slug":"aufstieg-und-niedertracht-1-rebecca-von-diether-dehm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135178","title":{"rendered":"\u201eAufstieg und Niedertracht 1: Rebecca\u201c von Diether Dehm"},"content":{"rendered":"<p>Bekannt d&uuml;rfte der Autor als Urheber vieler Ohrw&uuml;rmer sein, ebenso als streitbarer Politiker, der insgesamt 17 Jahre im Bundestag sa&szlig; &ndash; zun&auml;chst f&uuml;r die SPD, zuletzt f&uuml;r die Partei &bdquo;Die Linke&ldquo;. Als Roman-Autor war er mir bislang nicht begegnet. Umso &uuml;berraschter war ich, als ich den ersten Band der Trilogie &bdquo;Aufstieg und Niedertracht&ldquo; mit beeindruckenden 640 Seiten in die Hand gedr&uuml;ckt bekam, mit der Frage nach Rezension. Von <strong>Anette Sorg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAlso lie&szlig; ich mich auf Diether Dehms Roman und dessen autobiografische Skizzierungen ein. Er nahm mich mit auf eine hoch spannende Zeitreise ins Nachkriegsdeutschland, genauer nach Frankfurt am Main, wo der Autor aufgewachsen ist. &Auml;hnlichkeiten der handelnden Personen mit Familienangeh&ouml;rigen waren auch dort nicht &uuml;berraschend, wo diese Phantasienamen bekamen. Politische Pers&ouml;nlichkeiten und Gewerkschaftsf&uuml;hrer tauchen dagegen mit Klarnamen auf.<\/p><p>Dehm verbindet eine Portion Liebesroman, eine Portion Zeitgeschichte und eine kr&auml;ftige Portion Krimi, um damit einen kurzweiligen und gleichzeitig erhellenden Roman &uuml;ber die Gef&uuml;hlswelt und insbesondere auch die Abgr&uuml;nde der wirtschaftlich und politisch Agierenden nach Kriegsende entstehen zu lassen.<\/p><p>Fast mag man es als eine Art &bdquo;Sittengem&auml;lde&ldquo; der sp&auml;ten 1940er- und der 50er-Jahre der jungen Republik bezeichnen. Das Spannungsfeld zwischen Arm und Superreich vermag er an der Beziehung zwischen Helene, der Tochter aus unternehmerischem Hause, und dem talentierten KFZ-Mechaniker und Fu&szlig;ball-Star Otto aus dem Bornheimer Hinterhaus darzustellen, ziemlich detailreich sogar.<\/p><p>Die weiblichen Hauptfiguren seines Romans werden als starke und durchsetzungsf&auml;hige Pers&ouml;nlichkeiten dargestellt. Sie h&auml;tten das Etikett Feministin sicher verdient, und darum sogar &ndash; &Uuml;berraschung! &ndash; auch der Autor.<\/p><p>Politisch interessierte Leser d&uuml;rften sich Zug um Zug von Idealisierungen rund um wirtschaftswunderbare Gr&uuml;ndungsmythen der Bundesrepublik l&ouml;sen. Viele Nazis, die weiter &Auml;mter bekleideten, hatten schon mehrere Geheimdienste durchlaufen, vor 1945 die Strippen gezogen, profitiert, erpresst und betrogen. Und nicht zuletzt war dann im Jahre 1957 der Mord an der noch jungen Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, die dem Roman mit ihrem &bdquo;K&uuml;nstlernamen&ldquo; Rebecca seinen Buchtitel schenkt. Ihr Schicksal wurde zweimal nach dem Roman Erich Kubys (der selbst in Dehms Geschichte auftritt) f&uuml;rs gro&szlig;e Kino verfilmt &ndash; mit Nadja Tiller und Nina Hoss als &bdquo;das M&auml;dchen Rosemarie&rdquo;.<\/p><p>Den Spekulationen um eine mittelbare oder unmittelbare Beteiligung hochrangiger Vertreter aus Politik und Wirtschaft und der Deutschen Bank an der Ermordung Nitribitts gibt auch Diether Dehm viel Raum und Richtung, mehr sogar als Erich Kuby und der Filmproduzent Bernd Eichinger.<\/p><p>Die Ereignisse rund um die Ermordung Rebeccas haben im Roman auch belastende Auswirkungen auf das junge Liebespaar Helene und Otto &ndash; und deren Sohn Rudi. Der viele Klatsch und Tratsch f&uuml;hrt zur Ehekrise und der Sohn Rudi wird in ein Internat verfrachtet.<\/p><p>Rudis Sozialisation findet dar&uuml;ber hinaus bei den sozialdemokratischen &bdquo;Falken&ldquo; und anderen linken Organisationen statt. Dies ist auch auf seine enge Beziehung zu seinem Vater Otto, einem Mann aus der Arbeiterklasse, zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.<\/p><p>Die wichtige Rolle der Gewerkschaften wird mit der besonderen Bedeutung der Streiks in Frankfurt im November 1948 und der sich anschlie&szlig;enden Streiks in ganz Westdeutschland im Jahre 1949 beschrieben &ndash; auch deshalb, weil diese &bdquo;Ereignisse&ldquo; Einfluss auf unser Grundgesetz und die darin verbrieften Streikrechte hatten.<\/p><p>Bei dieser Erz&auml;hlung handelt es sich &ndash; so mein Eindruck &ndash; auch um eine Hommage an die Arbeiterklasse, an Gewerkschaften und an linke Parteien; obwohl sichtbar wird, dass Letztere wohl schon immer sehr viel Kraft f&uuml;r interne ideologische K&auml;mpfe vergeudet haben, die besser beim Gegner des Klassenkampfes eingesetzt w&auml;re.<\/p><p>Den Gewerkschaftsf&uuml;hrer Rudi Maurer l&auml;sst der Autor w&auml;hrend eines Streiks Folgendes sagen (S. 312): &bdquo;&hellip; Das ist alles eine Suppe: Nazis und die Arbeitgeber, die wir ja Kapitalisten nennen, weil die Arbeitgeber ja gar keine Arbeit geben, sondern wir. Die allermeisten von denen haben Dreck am Stecken. Braunen Hundedreck meine ich.&ldquo;<\/p><p>Auch ein Antikriegsbuch k&ouml;nnte man sein Buch nennen, wenn Diether Dehm beispielsweise auf S. 380 einen Gromball, der w&auml;hrend des Krieges im illegalen Untergrund gewesen war, sprechen l&auml;sst: &bdquo;&hellip; Und da wollen wir, weil wir alle die Nase voll haben von Krieg und Waffenged&ouml;ns, weitermachen, so breit wie m&ouml;glich, und niemanden vor den Kopf sto&szlig;en, weil der fr&uuml;her vielleicht mal falsch gelegen hat.&ldquo;<\/p><p>Das kann als Appell an die derzeitigen Friedensbewegungen verstanden werden, um der Sache willen, um des Friedens willen &uuml;ber alte Feindschaften, alte ideologische K&auml;mpfe hinwegzusehen und sich gemeinsam f&uuml;r den Frieden einzusetzen.<\/p><p>Ich freue mich auf Band 2 und 3 dieser Trilogie und bin &uuml;berzeugt, dass ich diese mit ebenso viel Genuss lesen werde wie diesen ersten Band.<\/p><p><small>Titelbild: Diether Dehm via YouTube<\/small><\/p><p><em>Diether Dehm: Aufstieg und Niedertracht 1: Rebecca. Berlin 2025, Eulenspiegel-Verlag, gebundene Ausgabe, 640 Seiten, ISBN 978-3-360-02768-9, 28 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bekannt d&uuml;rfte der Autor als Urheber vieler Ohrw&uuml;rmer sein, ebenso als streitbarer Politiker, der insgesamt 17 Jahre im Bundestag sa&szlig; &ndash; zun&auml;chst f&uuml;r die SPD, zuletzt f&uuml;r die Partei &bdquo;Die Linke&ldquo;. Als Roman-Autor war er mir bislang nicht begegnet. 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