{"id":1352,"date":"2006-06-16T15:06:50","date_gmt":"2006-06-16T13:06:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1352"},"modified":"2016-02-06T10:12:56","modified_gmt":"2016-02-06T09:12:56","slug":"casino-kapitalismus-oder-wie-beim-poker-zwischen-bayer-und-merck-um-die-ubernahme-von-schering-400-millionen-euro-verzockt-wurden-ohne-dass-auch-nur-ein-euro-an-wert-geschaffen-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1352","title":{"rendered":"Casino-Kapitalismus: Oder wie beim Poker zwischen Bayer und Merck um die \u00dcbernahme von Schering 400 Millionen Euro verzockt wurden, ohne dass auch nur ein Euro an Wert geschaffen wurde."},"content":{"rendered":"<p>Wie zwei Zocker sa&szlig;en sich die Pharmabosse von Merck, Michael R&ouml;mer, und von Bayer, Werner Wenning, wochenlang gegen&uuml;ber und pokerten um den im &bdquo;Jackpott&ldquo; liegenden Pharmakonzern Schering. Am Ende gewannen alle, Merck, Bayer, Schering und nat&uuml;rlich die Berater. Die Zeche zahlen die Arbeitnehmer und der Fiskus.<br>\n<!--more--><br>\nAm Anfang des Spiels war die Schering-Aktie 60 Euro wert. Dann bot &bdquo;Player&ldquo; Merck 77 Euro. &bdquo;Global-Player&ldquo; Bayer &uuml;berbot mit 86 Euro pro Aktie. Aber der trickreiche Spieler Merck kaufte unter verdeckter Hand 35.000 Schering-Aktien an der B&ouml;rse und stockte seinen Anteil bei Schering auf 21 Prozent auf &ndash; mit 25 Prozent h&auml;tte er eine Sperrminorit&auml;t gehabt. Das konnte die mit Bayer unter einer Decke steckende &bdquo;Allianz&ldquo; &ndash; die ja mit den Versicherungsgeldern der B&uuml;rger &uuml;berall die Finger im Spiel hat &ndash; nicht zulassen und steckte dem Leverkusener Konzern mit ihrem Schering-Anteil von 11,4 Prozent schnell noch einige Coupons in den &Auml;rmel. Bayer konnte damit seinen Anteil am Berliner Pharmakonzern auf 30 Prozent erh&ouml;hen und Merck &uuml;berbieten. Da konnte Merck nicht mehr mitgehen, musste &bdquo;passen&ldquo; und verkaufte seinen 3,7 Milliarden-Anteil an Schering an Bayer. Wie meist beim Poker gewinnt eben zum Schluss der Spieler mit dem gr&ouml;&szlig;eren Portefeuille. Bayer legte 89 Euro pro Aktie f&uuml;r die Merck-Anteile auf den Tisch.<br>\nDer Verlierer konnte sich tr&ouml;sten, Merck gewinnt binnen weniger Tage 400 Millionen Euro, was die Merck-Aktie nat&uuml;rlich um 5 Prozent steigen lie&szlig;. Noch viel mehr &ndash; n&auml;mlich um 8 Prozent &ndash; kletterte, trotz des ziemlich &bdquo;schl&auml;frigen&ldquo; (FAZ) Spiels von Wenning, der Kurs der Bayer-Aktie, sie wurde gr&ouml;&szlig;ter Gewinner im Aktien-Index. Ja sogar die Schering-Papiere stiegen noch um 2 Prozent.<\/p><p>Kr&auml;ftig abgesahnt haben dazu auch noch die &uuml;blichen &bdquo;Kiebitze&ldquo; am Pokertisch: Das Objekt der beiden Zocker, n&auml;mlich Schering, zahlte seinen beiden Beraterbanken &bdquo;Morgan Stanley&ldquo; und &bdquo;Dresdner Kleinwort Wasserstein&ldquo; rund 44 Millionen Euro Erfolgshonorar, wenn die &Uuml;bernahme durch Bayer klappt. (Denn Schering-Chef Hubertus Erlen hatte nat&uuml;rlich nur noch ein einziges Interesse, n&auml;mlich mit der &Uuml;bernahme durch Bayer seine (pers&ouml;nlichen) Sch&auml;fchen ins Trockene zu bringen. Man kennt das ja von der &Uuml;bernahmeschlacht von Mannesmann durch Vodafone vom Herrn Esser.) Dem &bdquo;schl&auml;frigen&ldquo; Bayer-Berater-Team winkt immerhin auch noch ein Honorar in H&ouml;he von mehr als 50 Millionen Euro. (Aber soviel ist Werner Henning die Abwendung einer pers&ouml;nlichen Blamage ja wohl locker wert.)<br>\nMindestens eine halbe Milliarde Euro sind also &uuml;ber den Spieltisch gegangen, ohne dass auch nur ein einziger Euro Wertsch&ouml;pfung geschaffen wurde. So ist das eben im Spielcasino.<\/p><p>Aber im Gegensatz zum Spielcasino, scheinen im Casino-Kapitalismus alle gewonnen zu haben.<br>\nJedenfalls fast alle, bis auf die Arbeitnehmern und den Fiskus. (Aber die spielen ja bei den Spielberichterstattungen in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen keine Rolle.)<\/p><p>Schering-Betriebsratschef Norbert Deutschmann bef&uuml;rchtet, dass &ldquo;die Zeche nachher die Arbeitnehmer zahlen&rdquo;. Denn der h&ouml;here Kaufpreis f&uuml;r Schering bedeute &ldquo;h&ouml;here Kosten &ndash; und die m&uuml;ssten wieder hereingespielt werden. Daraus folgen h&ouml;here Einsparungen, und das gef&auml;hrdet in der Regel noch mehr Arbeitspl&auml;tze&rdquo;.<\/p><p>Der Wegfall von 6.000 Stellen durch die &Uuml;bernahme von Schering durch Bayer als &bdquo;Synergieeffekt&ldquo; ist ohnehin schon geplant. Jetzt muss Bayer-Boss Wenning eben seine verzockten 400 Millionen nur noch durch die Streichung von ein paar hundert weiteren Arbeitspl&auml;tze wieder hereinholen. Das kostet ja nichts &ndash; allenfalls ein paar tausend Existenzen von Arbeitnehmern. Aber wenn k&uuml;mmert das schon und so lange die Aktion&auml;re sich die H&auml;nde reiben, kann der &bdquo;schl&auml;frige&ldquo; (FAZ) Bayer-Chef als &bdquo;erfolgreicher&ldquo; Manager nach aller Erfahrung zus&auml;tzlich zu seinen &uuml;ber 3 Millionen Jahresgehalt sogar noch ein paar Milli&ouml;nchen an zus&auml;tzlichen Bonuszahlungen erwarten. Schlie&szlig;lich sichert sich Bayer durch die &Uuml;bernahme einen Platz unter den zehn gr&ouml;&szlig;ten Pharmakonzernen der Welt &ndash; und nur auf die Gr&ouml;&szlig;e kommt es ja an, egal ob Gr&ouml;&szlig;e durch Zukauf und Spekulation oder durch unternehmerisches Handeln und Umsatzwachstum entsteht.<\/p><p>Nicht nur die 400 Millionen Euro Gewinn f&uuml;r Merck sondern jedenfalls auch die notwendigen Kredite f&uuml;r die insgesamt fast 17 Milliarden teure Aufstockung auf 75 Prozent des Schering-Anteils d&uuml;rfte Bayer steuerlich geltend machen und sich wie in der Vergangenheit &bdquo;arm rechnen&ldquo;.<br>\nDamit hat Bayer ja viel Erfahrung. So senkte der Konzern seine Steuerleistungen &bdquo;seit Jahren in Bodenlose, von 3,9 Prozent im Jahr 1995 bis auf minus 2,2 Prozent im Jahre 2003&ldquo; (Weiss\/Schmiederer, Asoziale Marktwirtschaft, S. 284.f.).<br>\nVielleicht k&ouml;nnen ja wie 2001 die Steuerr&uuml;ckverg&uuml;tungen sogar wieder in Dividenden ausgesch&uuml;ttet werden. Da freut sich doch der Aktion&auml;r.<\/p><p>Der Bayer-Boss Wenning sitzt ja auch in Angela Merkels &bdquo;Rat f&uuml;r Innovation und Wachstum&ldquo;, er kann der Kanzlerin dann dort erkl&auml;ren, wie man die von Bayer geminderten Steuern wieder bei den von Bayer Entlassenen durch weitere Einsparungen beim Arbeitslosengeld hereinholen kann.<\/p><p>Analysten &auml;u&szlig;erten sich positiv &uuml;ber den Ausgang des Pokerspiels, meldet die Wirtschaftsnachrichtenagentur Reuters. Das Ende der Deutschland AG ist damit endlich gekommen, der Casino-Kapitalismus bestimmt nun endg&uuml;ltig die Regeln. Dementsprechend will auch die Bundesregierung die Meldepflicht beim Kauf von Aktienanteilen noch in diesem Monat lockern. Motto: Platz den Zockern!\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie zwei Zocker sa&szlig;en sich die Pharmabosse von Merck, Michael R&ouml;mer, und von Bayer, Werner Wenning, wochenlang gegen&uuml;ber und pokerten um den im &bdquo;Jackpott&ldquo; liegenden Pharmakonzern Schering. Am Ende gewannen alle, Merck, Bayer, Schering und nat&uuml;rlich die Berater. 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