{"id":13550,"date":"2012-06-15T16:56:53","date_gmt":"2012-06-15T14:56:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13550"},"modified":"2019-07-05T11:12:23","modified_gmt":"2019-07-05T09:12:23","slug":"griechenland-vor-den-wahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13550","title":{"rendered":"Griechenland vor den Wahlen"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r die zweiten Parlamentswahlen, die Griechenland innerhalb von zwei Monaten erlebt, sagen die Demoskopen einen knappen Ausgang voraus. Nach den letzten Umfragen, die Anfang Juni ver&ouml;ffentlicht wurden (seitdem d&uuml;rfen keine mehr publiziert werden) liegen die konservative Nea Dimokratia und die linke Syriza Kopf an Kopf und weit vor allen anderen Parteien. Beiden wird f&uuml;r die Wahl am Sonntag ein Stimmanteil von 25 und 30 Prozent prognostiziert; in einer Umfrage liegt die Syriza sogar &uuml;ber 30 Prozent und um vier Prozent vor der ND. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nZwar k&ouml;nnten sich die Meinungsforscher dieses Mal genau so t&auml;uschen wie mit ihren Prognosen f&uuml;r die ersten Wahlen vom 6. Mai, als keine Umfrage den zweiten Platz der Syriza vorausgesagt hatte (die mit 16, 8 Prozent nur zwei Prozent hinter der ND zur&uuml;ck lag). Aber es w&auml;re keinesfalls eine &Uuml;berraschung, wenn am Sonntag Abend die Linkspartei vor der ND liegen und damit die 50 Bonussitze f&uuml;r die st&auml;rkste Partei verbuchen k&ouml;nnte. <\/p><p>Auch in diesem Fall w&auml;re eine linke Regierung allerdings noch keineswegs beschlossene Sache, weil die Syriza auf keinen Fall die absolute Mehrheit von 151 Sitzen im Parlament erreichen kann. Sie w&auml;re also entweder auf einen Koalitionspartner angewiesen oder auf die Tolerierung durch andere Parteien. Wie wahrscheinlich diese beiden F&auml;lle sind, werde ich weiter unten darstellen. Doch selbst wenn eine linke Regierung zust&auml;nde k&auml;me, w&uuml;rde diese vor denselben Problemen stehen wie ihre Vorg&auml;nger. Die entscheidende Frage lautet daher, wie die Syriza mit dem &bdquo;Realit&auml;tsschock&ldquo; umgehen w&uuml;rde, dem sie &bdquo;in der Verantwortung&ldquo; ausgesetzt w&auml;re. Zumal sie im Wahlkampf die Aufk&uuml;ndigung der Sparprogramme versprochen und damit Hoffnungen geweckt hat, die sich nur sehr schwer werden einl&ouml;sen lassen. Auch dazu unten mehr. <\/p><p><strong>Die Sieger vom 6. Mai werden noch besser abschneiden<\/strong><\/p><p>Fest steht in jedem Fall, dass die ND wie die Syriza ihren Stimmenanteil vom 6. Mai noch ausbauen werden. Und zwar in beiden F&auml;llen auf Kosten der kleinen Parteien, die beim letzten Mal &uuml;berraschend stark abgeschnitten haben, und der Wahlabstinenzler (zuletzt 35 Prozent). Die ND wird einen Teil der W&auml;hler zur&uuml;ckerobern, die am 6. Mai f&uuml;r die &bdquo;Unabh&auml;ngigen Hellenen&ldquo; gestimmt haben, denen die Umfragen nur noch 5 bis 6 Prozent (nach zuvor 11 Prozent) voraussagen. Die Partei des Rechtspopulisten Panos Kammenos hat sich inzwischen selbst entzaubert: Obwohl der eifernde Nationalist im Wahlkampf geschworen hatte, niemals mit den &bdquo;Parteien des Memorandums&ldquo; zusammen zu arbeiten (&bdquo;nur &uuml;ber meine Leiche&ldquo;), bot er sich den anderen Parteien nach dem 6. Mai als Koalitionspartner an, vorausgesetzt man gibt ihm das Amt des Verteidigungsministers. Damit hat er sich in den Augen vieler seiner W&auml;hler eben doch als Holz vom Stamme der alten, klientelistischen Rechten erwiesen.<\/p><p>Profitieren wird die ND auch von den Verlusten der faschistischen Partei &bdquo;Chrysi Avghi&ldquo;, die von ihren 7 Prozent 2 bis 3 Prozent einb&uuml;&szlig;en d&uuml;rfte. Die K&uuml;nder einer &bdquo;goldenen Morgend&auml;mmerung&ldquo; haben durch ihr provokatives Auftreten viele der neu gewonnenen &bdquo;Protestw&auml;hler&ldquo; verschreckt: Der Pressesprecher der Partei ging in einer Magazinsendung im Fernsehen so weit, auf eine KKE-Abgeordnete einzuschlagen, nachdem er zuvor einer Syriza-Vertreterin ein Glas Wasser ins Gesicht gesch&uuml;ttet hatte. Obwohl der Mann danach untergetaucht ist, hat sich die Partei nicht von ihm distanziert.<\/p><p>Da auch die rechtsradikale Laos (2,9 Prozent) weiter schrumpfen wird, d&uuml;rfte die ND am rechten Rand des politischen Spektrums etwa 10 Prozent an Stimmen dazugewinnen. Ihr W&auml;hlerpotential l&auml;ge damit bei 28 bis maximal 30 Prozent. Die meisten Beobachter glauben, dass die klassische Rechtspartei dar&uuml;ber hinaus keine neuen W&auml;hler gewinnen kann.<\/p><p>Anders die Syriza. Sie k&ouml;nnte, so hoffen es vor allem ihre Anh&auml;nger, von der Dynamik einer &bdquo;Krisenwahl&ldquo; noch weit &uuml;ber ihr letztes Wahlergebnis hinaus getragen werden. Zwei Faktoren sprechen daf&uuml;r, dass die Syriza die Welle der politischen Dynamik ausreiten kann, die sie am 6. Mai zur zweitst&auml;rksten Partei gemacht hat. Zum ersten die absehbaren Verluste der orthodoxen Kommunisten von der KKE, die in den letzten Umfragen bei maximal 5 Prozent lag. Das w&uuml;rde gegen&uuml;ber den Mai-Wahlen ein Minus von 3,5 Prozent bedeuten und die Partei auf das Niveau einer politischen Sekte zur&uuml;ckwerfen (die sie ideologisch ohnehin seit langem ist). Das ist kein Wunder angesichts der sterilen Politik der Kommunisten, die sich auf revolution&auml;res Geplauder beschr&auml;nkt und damit den jugendlichen Schwung des Syriza-Vorsitzenden Alexis Tsipras umso dynamischer erscheinen l&auml;sst.<\/p><p>Ein zweites Indiz f&uuml;r die Erfolgsdynamik der Syriza ist ein sp&uuml;rbarer Linksruck im W&auml;hlerbewusstein. Der interessante Befund im letzten <a href=\"http:\/\/www.publicissue.gr\/2026\/varometro-3o-kyma-mai-2012\/\">Politikbarometer des Instituts Public Issue<\/a> liegt darin, dass sich zwischen Anfang April und Ende Mai 2012 der Anteil der Befragten, der sich der &bdquo;Linken&ldquo; oder der &bdquo;linken Mitte&ldquo; zuordnet, von 39 auf 50 Prozent gestiegen ist. Der Gro&szlig;teil dieser &bdquo;Neubekehrten&ldquo; wird am Sonntag zweifellos Syriza w&auml;hlen. Profitieren d&uuml;rfte davon auch die DIMAR, deren Vorsitzender Fotis Kouvellis nach wie vor der beliebteste aller Politiker ist. Die linken Sozialdemokraten d&uuml;rften ihren Stimmenanteil vom 6. Mai (6,1 Prozent) leicht verbessern. Dagegen wird die Pasok von den meisten linken W&auml;hlern nicht mehr dem progressiven Lager zugerechnet, sondern vorwiegend als Teil des alten, korrupten &bdquo;Systems&ldquo; gesehen, das ihr Land in die Krise hinein geritten hat. Die ehemalige linke &bdquo;Monopolpartei&ldquo; wird laut letzten Umfragen ihre 13, 2 Prozent nur mit M&uuml;he halten k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>K&ouml;nnte die Syriza eine Regierung bilden?<\/strong><\/p><p>Selbst wenn die Syriza nicht st&auml;rkste Partei wird, hat sie sich in jedem Fall als dominierende neue Kraft etabliert. Das zeigt sich schon daran, dass der ND-Vorsitzende Samaras sich vier Tage vor den Wahlen gezwungen sah, die Syriza als Koalitionspartner einer breiten &bdquo;Regierung der nationalen Rettung&ldquo; nicht auszuschlie&szlig;en. Seine &Auml;u&szlig;erung zeigt, dass die Bildung einer handlungsf&auml;higen Regierung mit den Wahlen vom 17. Juni, die sowohl die ND als auch die Syriza angestrebt haben, keineswegs leichter geworden ist als nach dem 6. Mai. Der gro&szlig;e Unterschied ist allerdings, dass sich das Land keinen dritten Wahlgang leisten kann, schon weil sich die &ouml;konomische und fiskalische Lage des Landes in den sechs Wochen zwischen den beiden Wahlen noch dramatischer zugespitzt hat. Alle Parteien sind sich darin einig, dass eine neue Regierung m&ouml;glichst schnell, und auf jeden Fall innerhalb einer Woche stehen muss. Fragt sich nur, ob unter linkem oder unter rechtem Vorzeichen.<\/p><p>Wenn die ND gewinnt &ndash; und damit &uuml;ber 120 bis 130 Parlamentssitze verf&uuml;gt &ndash; w&uuml;rde sie als Koalitionspartner die Pasok, die DIMAR und vielleicht sogar die Unabh&auml;ngigen Hellenen ansprechen. Rein rechnerisch k&ouml;nnte damit eine ND-gef&uuml;hrte Mehrheit zustande kommen, bei der sich alle Koalitionspartner &uuml;ber zwei Ziele einig sind: den unbedingten Verbleib Griechenlands in der Eurozone und neue Verhandlungen mit der &bdquo;Troika&ldquo;, also vor allem den EU-Partnern &uuml;ber wesentliche &Auml;nderungen des &bdquo;Rettungsprogramms&ldquo; (Memorandum genannt). &Uuml;ber die Parameter eines neue ausgehandelten Memorandums sind sich die genannten Parteien allerdings v&ouml;llig uneins; die ND fordert z.B. niedrigere Steuern f&uuml;r Unternehmen wie f&uuml;r die Reichen, die f&uuml;r Pasok und DIMAR v&ouml;llig unakzeptabel sind (von der Troika ganz zu schweigen). <\/p><p>Noch schwieriger wird eine Regierungsbildung f&uuml;r die Syriza. Auch wenn sie als st&auml;rkste Partei die 50 Bonussitze beanspruchen k&ouml;nnte (die sie fr&uuml;her immer als hochgradig undemokratisch gegei&szlig;elt hat), w&auml;re sie noch immer auf einen Koalitionspartner angewiesen. Dass als solcher die KKE nicht zur Verf&uuml;gung steht, haben die Kommunisten in den letzten Wochen noch eindeutiger erkl&auml;rt als vor dem 6. Mai (siehe dazu meine Analyse vom 2. Mai auf den NachdenkSeiten). Die n&ouml;tigen Sitze zu einer linken Regierungsmehrheit (von 151 Sitzen) k&ouml;nnte theoretisch die DIMAR beisteuern, wenn sie auf sieben Prozent Stimmenanteil kommen w&uuml;rde. Aber eine solche Zweier-Koalition ist h&ouml;chst unwahrscheinlich, weil Kouvellis in den Koalitionsverhandlungen nach dem 6. Mai stets betont hat, die DIMAR strebe eine Regierung auf breiterer Grundlage an, die auch eine gesellschaftliche Mehrheit repr&auml;sentieren m&uuml;sse (beide Parteien w&uuml;rden zusammen h&ouml;chstens 40 Prozent der W&auml;hler vertreten). <\/p><p>Zudem betonte Kouvellis in den letzten Wochen entschiedener als je zuvor, dass das Hauptziel einer neuen Regierung sein m&uuml;sse, den Ausschluss aus der Eurozone und die R&uuml;ckkehr zur Drachme zu verhindern. Genau dieses Ziel sieht er aber durch den Wahlslogan der Syriza gef&auml;hrdet, eine linke Regierung werde das Memorandum einseitig &bdquo;aufk&uuml;ndigen&ldquo; und danach neue Verhandlungen mit den Gl&auml;ubigern Griechenlands fordern. In seiner letzten Wahlrede ging Kouvellis mit dieser Position scharf ins Gericht: Es sei eine Illusion zu glauben, man k&ouml;nne die Abmachungen einfach aufk&uuml;ndigen, weil die Gl&auml;ubiger dennoch weiter zahlen w&uuml;rden. Diese Position m&uuml;sse die Syriza aufgeben: &bdquo;Wenn ihr die Regierungsverantwortung tats&auml;chlich anstrebt, dann zeigt endlich das entsprechende Verantwortungsbewusstsein.&ldquo; Seine Partei werde nur in einer Regierung mitmachen, &bdquo;die den Platz Griechenlands in der EU und in der Eurozone nicht gef&auml;hrdet&ldquo;.<\/p><p>Das ist eine klare Aussage. Die allerdings die M&ouml;glichkeit offen l&auml;sst, dass die Syriza sich nach den Wahlen von ihrer &bdquo;K&uuml;ndigungsparole&ldquo; distanziert und dies ihren Anh&auml;ngern als Zugest&auml;ndnis an die DIMAR verkauft, um eine linke Regierung zu erm&ouml;glichen. W&auml;hrend die Linkssozialdemokraten sich mit der Errungenschaft schm&uuml;cken k&ouml;nnten, Tsipras und die Syriza &bdquo;zur Vernunft gebracht&ldquo; zu haben. Dieses Szenario ist dennoch unwahrscheinlich, weil das Misstrauen zwischen den ehemaligen Genossen (der Kern der DIMAR ist eine &bdquo;rechte&ldquo; Abspaltung von der alten Syriza) in den letzten Wochen noch weiter zugenommen hat. <\/p><p>Trotz der objektiven Notwendigkeit einer schnellen Regierungsbildung wei&szlig; also derzeit niemand, welche Art Regierung ein Wahlsieg der Syriza realistischerweise erm&ouml;glichen w&uuml;rde. Angesichts dessen werden in Athen auch g&auml;nzlich unwahrscheinliche Szenarien gehandelt. In Syriza-Kreisen rechnet man sich sogar die M&ouml;glichkeit zurecht, dass Tsipras eine Minderheitsregierung bilden k&ouml;nnte. Und das soll folgenderma&szlig;en gehen: Laut Art 84. Abs.6 der Verfassung sei bei einem Vertrauensvotum f&uuml;r die Regierung lediglich die absolute Mehrheit der anwesenden Abgeordneten n&ouml;tig, die allerdings zugleich zwei F&uuml;nftel der 300 Parlamentarier entsprechen m&uuml;sse. Demnach k&ouml;nnten 120 Syriza-Abgeordnete eine Regierung Tsipras w&auml;hlen, wenn weniger als 240 Abgeordnete an der Abstimmung teilnehmen w&uuml;rden. <\/p><p>Dieses Denkmodell ist aus zwei Gr&uuml;nden ein abstruses Kalk&uuml;l: Erstens bezieht sich die zitierte Verfassungsbestimmung erkennbar auf das Vertrauensvotum f&uuml;r eine etablierte Regierung (bei einer Krise innerhalb der Legislaturperiode) und nicht auf die Vertrauensabstimmung, die zu aller erst eine neue Regierung konstituieren soll. Und zweitens setzt es voraus, dass mindestens 60 Abgeordnete freiwillig auf ihre Mitsprache &uuml;ber eine Regierungsbildung verzichten. Wie ein solches machttechnisch fragw&uuml;rdiges Verfahren die Legitimit&auml;t einer neuen &bdquo;demokratischen&ldquo; Regierung der Linken begr&uuml;nden soll, bleibt das Geheimnis der Syriza-Strategen, die solche Ideen in die Welt setzen.<\/p><p><strong>Einseitige Aufk&uuml;ndigung oder Neuverhandlung?<\/strong><\/p><p>Die Unw&auml;gbarkeit der Nachwahl-Szenarien spiegelt freilich nur die verwirrende Befindlichkeit der griechischen W&auml;hler selbst, die ich am 14. Mai  in meinem Beitrag nach den Wahlen vom 6. Mai beschrieben habe: Wenn es &uuml;berhaupt einen &bdquo;griechischen Gesamtw&auml;hlerwillen&ldquo; gibt, so w&uuml;nscht der sich eine Regierung, &bdquo;die unbedingt am Euro festh&auml;lt, zugleich aber das Memorandum abschafft. Eine solche Regierung wird es nicht geben. Sie ist weder nach dem Wahlresultat m&ouml;glich, noch entspricht sie der aktuellen Realit&auml;t jenseits von Griechenland (was nat&uuml;rlich noch gravierender ist).&ldquo;<\/p><p>Dieser Satz bleibt auch nach dem 17. Juni richtig. Wie die neuesten Umfragen zeigen, hat die &bdquo;Angst vor der Drachme&ldquo; noch weiter zugenommen; heute wollen 85 der Griechen unbedingt in der Eurozone bleiben, weil sie wissen, was damit auf sie zukommen w&uuml;rde. Zugenommen hat aber auch die &bdquo;Unertr&auml;glichkeit des Seins&ldquo; unter dem Diktat der Sparprogramme. Das macht die Versprechungen der Syriza umso attraktiver, die den W&auml;hler die Erl&ouml;sung von den schlimmsten Sparkonsequenzen in Aussicht stellt, ohne den Austritt oder Ausschluss aus der Eurozone zu riskieren. <\/p><p>Wie die Syriza das bewerkstelligen will, habe ich ausf&uuml;hrlich dargestellt (siehe NachdenkSeiten vom 16. Mai). In seinen Reden vor dem 6. Mai wurde Parteichef Tsipras nicht m&uuml;de, die &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; des Memorandums zu versprechen und zugleich die aus EU-Kreisen zu vernehmende Drohung mit der R&uuml;ckkehr zur Drachme als &bdquo;Bluff&ldquo; abzutun, auf den die Griechen nicht hereinfallen d&uuml;rfen. Inzwischen fallen die Aussagen der Partei in diesem Punkt deutlich zur&uuml;ckhaltender aus. Bezeichnend ist die Auskunft, die der Wirtschaftsexperte der Partei, Prof. Giorgos Dragasakis der Frankfurter Rundschau (14. Juni) gegeben hat: &bdquo;Wir sprechen nicht von einem einseitigen Zahlungsstopp, sondern von einer Einigung mit unseren Gl&auml;ubigern.&ldquo; Hier &auml;u&szlig;ert sich in der Tat ein Realist, der sehr wohl wei&szlig;, dass man Verhandlungen nicht mit einem fait accompli beginnen kann. Allerdings dokumentiert die Aussage auch ein &bdquo;double speak&ldquo; der Syriza, das sie mit den &uuml;brigen griechischen Parteien gemein macht: Im Ausland erz&auml;hlt man, was einen guten Eindruck macht, den W&auml;hlern erz&auml;hlt man, was Stimmen bringt. Und da inzwischen alle anderen Parteien (einschlie&szlig;lich der Pasok) entschieden eine &bdquo;umfassende Neuverhandlung&ldquo; der Sparprogramme fordern, muss die Syriza im Wahlkampf ihr &bdquo;Alleinstellungsmerkmal&ldquo; betonen, indem sie auf der &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; des Memorandums besteht.<\/p><p>Nun kann man einer Partei schlecht vorwerfen, dass sie Wahlkampf macht. Und zweifellos hat die Syriza sich seit dem 6. Mai bem&uuml;ht, den W&auml;hlern eine konkrete Alternative zur gescheiterten Politik des Memorandums vor Augen zu f&uuml;hren. Die Frage ist nur, wie sie ein Programm umsetzen will, das auf die &bdquo;Solidarit&auml;t der Europ&auml;er&ldquo; angewiesen ist, also hinreichend realistisch sein muss, um die Sympathie nicht nur wohlwollender EU-Politiker, sondern auch einer breiteren europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit zu gewinnen. Wenn das nicht gelingt, droht Tsipras das Schicksal &ndash; auch und gerade nach einem Wahlsieg &ndash; statt zum potentiellen Retter zum verfluchten falschen Propheten zu werden.  <\/p><p><strong>Das Wirtschaftsprogramm der Syriza und seine L&uuml;cken<\/strong><\/p><p>In einem Artikel f&uuml;r die Financial Times (publiziert am 13. Juni) verzichtet der Syriza-Vorsitzende auf die &bdquo;K&uuml;ndigungsdrohung&ldquo; und verweist auf den &bdquo;nationalen Plan f&uuml;r Wiederaufbau und Wachstum&ldquo;, den die Syriza dem &bdquo;gescheiterten Memorandum&ldquo; entgegensetzt. Tsipras bezieht sich damit auf ein Dokument, das die Partei vor zwei Wochen verabschiedet hat. Jeder vern&uuml;nftige Mensch, der diesen &bdquo;nationalen Plan&ldquo; liest, wird vorwiegend plausible, &uuml;berzeugende und realistisch klingende Aussagen finden (<a href=\"http:\/\/www.left.gr\/article.php?id=2406\">englische Version<\/a>). Aber man muss schon etwas genauer hinsehen.<\/p><p>Gegen&uuml;ber der FT betont Tsipras vor allem die scharfe und h&ouml;chst berechtigte Kritik am Versagen des griechischen Steuersystems, das dazu gef&uuml;hrt hat, dass die griechischen Staatseinnahmen weit unter dem Durchschnitt der Euro-Zone liegen. Und er betont, sein &bdquo;Programm einer pragmatischen und sozial gerechten Stabilisierung der &ouml;ffentlichen Finanzen&ldquo; ziele an, die Staatseinnahmen aus direkten Steuern um mindestens 4 Prozent (bezogen auf das BIP) anzuheben und die Staatsausgaben auf dem Niveau von 44 Prozent (des BIP) zu &bdquo;stabilisieren&ldquo;. <\/p><p>Das ist ein in der Tat &bdquo;moderates&ldquo; und &bdquo;pragmatisches&ldquo; Konzept der Haushaltskonsolidierung. Aber wenn man sich das Programm n&auml;her ansieht &ndash; und erst recht wenn man Syriza-Wahlverlautbarungen h&ouml;rt &ndash; wird man konkrete Vorschl&auml;ge vermissen, wie eine linke Regierung die h&ouml;heren Staatseinnahmen und die &bdquo;Stabilisierung&ldquo; der Staatsausgaben erreichen will. Ein signifikantes Beispiel: Bei der Besteuerung ist immer nur von &bdquo;den Reichen&ldquo; die Rede, oder konkret von griechischen Reedern, die ihre Verm&ouml;gen im Ausland oder gar nicht versteuern. Der &bdquo;Mittelstand&ldquo; hingegen wird pauschal als Opfer der ungerechten Steuerpolitik dargestellt. Dabei geh&ouml;ren gerade die Freiberufler (die in Griechenland einen Gro&szlig;teil des Mittelstandes ausmachen) zu den notorischen Steuerbetr&uuml;gern. Von diesen Architekten, Rechtsanw&auml;lten und anderen Freiberuflern, die mehr Verantwortung f&uuml;r den Staatsbankrott tragen als jede andere soziale Gruppe, ist bei der Syriza kaum die Rede, weil sie als W&auml;hler umworben werden. Im Gegenteil: Das &bdquo;nationale Programm&ldquo; verharmlos die notorische Steuervermeidung als ein gesellschaftliches Ph&auml;nomen, das lediglich &bdquo;eine perverse Reaktion auf das Problem der Konkurrenz durch gro&szlig;e Unternehmen und monopolistische Strukturen&ldquo; darstelle, zu der sich kleine Gesch&auml;ftsleute und Freiberufler gezwungen sehen. Die Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben (f&uuml;r Angestellte) wird zu einer &bdquo;&Uuml;berlebensstrategie&ldquo; stilisiert, die lediglich &bdquo;in gewissen F&auml;llen zur unerw&uuml;nschten Akkumulation von Reichtum&ldquo; f&uuml;hre.<\/p><p>Mit solchen verharmlosenden Analysen &uuml;bersieht man etwa gezielt die Hunderttausende von Ferienh&auml;usern, die aus unterlassenen Steuerzahlungen finanziert wurden. Auf &auml;hnlich wolkige und opportunistische Art &auml;u&szlig;ert sich die Syriza &uuml;ber die staatlichen Ausgaben. Die sollen zwar effektiver werden und dem B&uuml;rger zugute kommen, aber die skandal&ouml;se staatliche Personalwirtschaft &ndash; vor allem im Bereich der &ouml;ffentlichen und halb&ouml;ffentlichen Betriebe &ndash; wird nicht thematisiert. Vergeblich wird man in dem &bdquo;nationalen Plan&ldquo; einen Hinweis auf die &uuml;berbesetzten Beh&ouml;rden und staatlichen Agenturen finden, wo es von &bdquo;Vorgesetzten&ldquo; und Abteilungsleitern wimmelt, die fette Geh&auml;lter, aber kaum &bdquo;Untergebene&ldquo; haben. Der Klientelismus wird zwar zurecht als Ergebnis einer langj&auml;hrigen Vetternwirtschaft der jeweiligen Regierungsparteien dargestellt, aber dessen Resultat, n&auml;mlich ein aufgebl&auml;hter &ouml;ffentlicher Sektor wird nicht in Frage gestellt, weil man sich dann mit den Gewerkschaften des &ouml;ffentlichen Dienstes und der &ouml;ffentlichen Betriebe anlegen w&uuml;rde. <\/p><p>Ich verweise auf diese L&uuml;cken in diesem sehr ausf&uuml;hrlichen und durchdachten Wirtschaftsprogramm aus einem ganz bestimmten Grund: Bei den von der Syriza &ndash; und fast allen Griechen &ndash; erhofften Neuverhandlungen &uuml;ber das Memorandum mit der Troika wird es nicht nur um die Erleichterungen, Entlastungen und l&auml;ngeren Fristen f&uuml;r die finanzielle Konsolidierung des Landes gehen. Die sind, um das Sparprogramm zu einem wirklichen &bdquo;Rettungsprogramm&ldquo; zu machen, ebenso unabdingbar wie die Wachstumsimpulse &uuml;ber ein europ&auml;isches F&ouml;rderprogramm, die Griechenland und die Syriza mit Recht einfordern. Aber auch die europ&auml;ischen Partner, die Griechenland wirklich &bdquo;retten&ldquo; wollen (und sei es nur um der Rettung der Eurozone willen), werden von einer neuen Athener Regierung eine Gegenleistung fordern. Und zwar nicht neue Einsparungen und Einkommenseinbu&szlig;en, die das Unheil nur vergr&ouml;&szlig;ern und verl&auml;ngern, sondern langfristig wirksame und unabdingbare Leistungen, die nur die Griechen selbst erbringen k&ouml;nnen. Das ist vor allem eine Reform des &ouml;ffentlichen Dienstes an Haupt und Gliedern, einschlie&szlig;lich eines radikal versch&auml;rften Mechanismus f&uuml;r das Erheben und effektive Einziehen von Steuern und Abgaben. Man wird bei keinem deutschen oder franz&ouml;sischen Facharbeiter Verst&auml;ndnis oder gar Solidarit&auml;t f&uuml;r &bdquo;die Griechen&ldquo; wecken k&ouml;nnen, solange der griechische Staat nicht in der Lage ist, seinen Mittelstand zur Finanzierung der Staatsausgaben heranzuziehen, und zugleich seine unterdurchschnittlichen Einnahmen an einen Klientelstaat verschwendet, von dem in der Vergangenheit auch viele derjenigen profitiert haben, die sich heute dem linken Lager zurechnen und zum ersten Mal Syriza w&auml;hlen.<\/p><p><strong>Eine Neuverhandlung des Memorandums ist unerl&auml;sslich<\/strong><\/p><p>Die eigentliche Trag&ouml;die, oder wenn man will: die Farce der anstehenden Wahlen besteht nun freilich darin, dass die Partei, die sich den europ&auml;ischen Partnern als &bdquo;verl&auml;ssliche&ldquo; Alternative zur &bdquo;leichtsinnigen&ldquo; Syriza anbietet, ausgerechnet die Nea Dimokratia, also die Inkarnation aller alten &Uuml;bel ist. In dieser Situation kann man sich nur w&uuml;nschen, dass die griechische Linke nach den Wahlen den Crashtest mit der Realit&auml;t so &uuml;berstehen kann, dass das Land in der Eurozone &uuml;berlebt. Das aber kann die Syriza nur, wenn sie ein Wahlversprechens bricht, das sie allzu leichtfertig gegeben hat: die einseitige Aufk&uuml;ndigung des Memorandums. Denn eine K&uuml;ndigung w&uuml;rde nahezu unm&ouml;glich machen, was die griechische Gesellschaft am dringlichsten braucht. Und das ist eine faire, realistische und solidarische Neuverhandlung der Programme, die nicht nur Griechenland sondern alle s&uuml;dlichen Eurol&auml;nder und damit die Eurozone insgesamt retten kann. Die Chancen f&uuml;r solche Verhandlungen stehen g&uuml;nstiger als noch vor drei Monaten (nicht zuletzt deshalb, weil die Berliner Regierung auch innerhalb der Eurozone zunehmend isoliert ist). So sieht es auch die neuste Griechenland-Analyse von Reuters, die im Hinblick auf die griechischen Wahlen prophezeit: &bdquo;&hellip; whoever wins, the Greek programme will need to be renegotiated after the election&ldquo;.<\/p><p>Stefanos Manos, ein Kritiker des griechischen Klientelstaats aus dem liberalen Lager, hat vor einigen Tagen eine gelassene Prognose gemacht: Die Syriza werde sich einen Teufel tun, mit der Aufk&uuml;ndigung des Memorandums die n&auml;chsten bailot-Raten der EU und des IWF zu gef&auml;hrden. Denn nur mit diesem Geld k&ouml;nnte sie ihrem W&auml;hlerstamm, den Manos im &ouml;ffentlichen Dienst vermutet, die Fortzahlung der Geh&auml;lter garantieren.<\/p><p>Mit dieser Polemik identifiziert der alte Zyniker einen neuralgischen Punkt jeder k&uuml;nftigen Regierung. Der griechische Staat ist nach den Wahlen noch mehr pleite, als es meisten W&auml;hlern vor ihrer Stimmabgabe bewusst war: In den ersten vier Monaten dieses Jahres sind die Steuereinnahmen dramatisch hinter der Voraussch&auml;tzung zur&uuml;ckgeblieben, n&auml;mlich um 1,7 Milliarden Euro. Das erkl&auml;rt sich nicht nur mit der weiter einbrechenden Konjunktur (die neuesten Sch&auml;tzungen gehen f&uuml;r 2012 von einem Minuswachstum von mindestens 6 Prozent aus) und mit der v&ouml;lligen Lethargie der Finanzbeamten, wie sie f&uuml;r Vorwahlzeiten charakteristisch ist. Der wichtigste Faktor ist zweifellos die Drohung mit der R&uuml;ckkehr zur Drachme, die seit Wochen von vielen Wirtschaftsexperten und Spekulanten beinahe schon als Realit&auml;t gehandelt wird. Denn jenseits aller anderen Motive ist es f&uuml;r den griechischen Steuerzahler eine rationale Option, die dem Staat geschuldete Summe nicht zu zahlen, wenn er sie in einem Jahr (samt Strafgeb&uuml;hren) in Drachmen begleichen kann. <\/p><p>Dies ist nicht das einzige Beispiel, an dem sich demonstreiren l&auml;sst, dass die gezielt oder ungezielt verbreiteten Drachmen-Szenarien f&uuml;r Griechenland fast ebenso sch&auml;dlich sind, wie es das tats&auml;chliche Ausscheiden aus dem Euro w&auml;re. Die Angst vor der R&uuml;ckkehr der Drachme ist auch f&uuml;r Geldabfl&uuml;sse von den griechischen Banken verantwortlich (die seit Anfang Mai angeblich eine zweistellige Milliardensumme erreicht haben), und nat&uuml;rlich f&uuml;r das mangelnde Interesse von Investoren, die bekloppt w&auml;ren, wenn sie ihre Euros in Griechenland jetzt anlegen w&uuml;rden, statt auf die billige Drachme zu warten. <\/p><p>Um so gr&ouml;&szlig;er ist die Verantwortung jeder neuen Athener Regierung, alles zu vermeiden, was diesen Ger&uuml;chten neue Nahrung gibt. Aber das hei&szlig;t umgekehrt f&uuml;r die europ&auml;ischen Partner: Wer Griechenland wirklich retten will, muss gegen diese Ger&uuml;chte nicht nur anreden, sondern ihnen wirksam entgegentreten. Und das tut man nicht mit irgendwelchen Pl&auml;nen B, C oder D. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r die zweiten Parlamentswahlen, die Griechenland innerhalb von zwei Monaten erlebt, sagen die Demoskopen einen knappen Ausgang voraus. Nach den letzten Umfragen, die Anfang Juni ver&ouml;ffentlicht wurden (seitdem d&uuml;rfen keine mehr publiziert werden) liegen die konservative Nea Dimokratia und die linke Syriza Kopf an Kopf und weit vor allen anderen Parteien. Beiden wird f&uuml;r die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13550\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,173,190],"tags":[907,1230],"class_list":["post-13550","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-griechenland","category-wahlen","tag-samaras-antonis","tag-tsipras-alexis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13550","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13550"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13550\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53113,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13550\/revisions\/53113"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13550"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13550"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13550"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}