{"id":135579,"date":"2025-07-06T14:00:03","date_gmt":"2025-07-06T12:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135579"},"modified":"2026-01-27T11:53:31","modified_gmt":"2026-01-27T10:53:31","slug":"wollt-ihr-den-totalen-wahnsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135579","title":{"rendered":"\u201eWollt ihr den totalen Wahnsinn?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Was ist wirklich mit dem kleinen Adolf passiert? Und was mit dem auch nicht sonderlich gro&szlig;en Goebbels? Der Roman &bdquo;Wollt ihr den totalen Wahnsinn?&ldquo; taucht ab in eine Welt, in der sich Realit&auml;t mit Fiktion vermischt und Fiktion mit Realit&auml;t. Alles scheint pl&ouml;tzlich m&ouml;glich, inklusive des totalen Wahnsinns. Verantwortlich f&uuml;r ein Werk, das sich mit dem akkuraten Seitenscheiteltr&auml;ger, der CIA, dem Vatikan, den Rattenlinien und noch einigem mehr auseinandersetzt, ist Autor <strong>Timm Koch<\/strong>. Koch, dessen Onkel der mit den Hitler-Tageb&uuml;chern beim <em>Stern<\/em> war, erz&auml;hlt im NachDenkSeiten-Interview, wie er &ndash; angeblich &ndash; pers&ouml;nlich &hellip;, aber ach, lesen Sie doch einfach selbst. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3711\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-135579-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=135579-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250706_Wollt_ihr_den_totalen_Wahnsinn_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: Herr Koch, wollen wir &uuml;ber Nazis reden?<\/strong><\/p><p><strong>Timm Koch<\/strong>: Ja. &ndash; Auch wenn es sch&ouml;nere Gespr&auml;chsthemen gibt. Man kann die Biester leider nicht wegschweigen.<\/p><p><strong>Eigentlich wollten wir ja &uuml;ber Ihr neues Buch reden, wobei wir &ndash; wenn wir &uuml;ber Nazis reden, ja &uuml;ber ihr Buch reden. Ihr Buch, das will ich mal vorwegschicken, handelt von Nazis, nur auf eine, sagen wir: etwas spezielle Weise. Es geht um Deutschland. Es geht um S&uuml;damerika. Es geht um Nazis. Und dann sind da solche Figuren wie klein Adolf und ein gewisser J. G., die &ndash; irgendwie &ndash; noch leben; oder gelebt haben, also nicht so richtig gestorben sind. Doch bevor ich zu viel verrate, frage ich Sie im Sinne Ihres Buchtitels: Wollen Sie den totalen Wahnsinn?<\/strong><\/p><p>Gute Frage. Will man sowas? Vor 82 Jahren hat der &bdquo;gewisse J. G.&ldquo; auf seiner ber&uuml;chtigten Sportpalastrede die Frage &bdquo;Wollt ihr den totalen Krieg?&ldquo; in die Menge gebr&uuml;llt, und all die Wahnsinnigen haben herzhaft &bdquo;Ja!&ldquo; zur&uuml;ckgeschrien. Vielleicht sollte ich die Frage nach dem totalen Wahnsinn bei meiner n&auml;chsten Lesung einfach mal an mein Publikum richten. Es w&auml;re bestimmt interessant, zu sehen, wie es reagiert.<\/p><p><strong>Nun, die heutige Zeit ist ja durchaus von einem gewissen Wahnsinn durchdrungen, oder?<\/strong><\/p><p>Ja, und es wird schlimmer. Das liegt auch daran, dass die Propagandamaschinerie immer weiter durchdreht. Seuchen und Gemetzel hat es schon immer gegeben. Aber heute stellen sich dieselben Typen vor das Mikrofon, die vor Kurzem noch die Corona-Protestler als &bdquo;Nazis&ldquo; beschimpft haben (sie also gleichsetzten mit den Unmenschen, die Millionen von Juden, Sinti, Roma, Schwulen, Lesben, Kommunisten etc. im KZ vergasten), und halten vor dem Holocaust-Mahnmal wohlfeile Sonntagsreden &ndash; w&auml;hrend sie hintenrum die Waffen f&uuml;r den Vernichtungskrieg in Gaza liefern. Sie tun dies mit dem Hinweis darauf, dass der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 der schlimmste Massenmord an Juden seit dem Holocaust war. Dieselben Propagandamaschinisten kommen allerdings nicht auf die Idee, zu hinterfragen, wieso der israelische Geheimdienst zwar genau wei&szlig;, wo die iranischen Atomwissenschaftler pennen, sodass man ihnen eine Rakete ins Schlafzimmer jagen kann, von den Vorbereitungen auf das Hamas-Massaker aber nichts mitbekommen haben will. Vollkommen wahnsinnig ist auch eine Definition von Antisemitismus, die nicht der Tatsache Rechnung tr&auml;gt, dass die Pal&auml;stinenser genau wie die Israelis ebenfalls zu den Semiten z&auml;hlen. (Die am h&auml;ufigsten gesprochene semitische Sprache auf diesem Planeten ist &ndash; nebenbei bemerkt &ndash; &uuml;brigens nicht Hebr&auml;isch, sondern Arabisch.) Als Kr&ouml;nung des Wahnsinns bezeichnet ein Empork&ouml;mmling, der sich mit Lug, Trug und Nazi-AfD-Mauscheleien zum Bundeskanzler emporgeschwungen hat, Israels blutiges Tagwerk als &bdquo;Drecksarbeit&ldquo;, die &bdquo;f&uuml;r uns&ldquo; erledigt w&uuml;rde. Diese rhetorische Glanzleistung w&auml;re des wahnsinnigen Horrorclowns Donald Trump w&uuml;rdig gewesen. Aber lassen wir das. Sp&auml;testens, wenn man anf&auml;ngt, &uuml;ber die Entwicklungen in den USA und den Krieg in der Ukraine nachzudenken, kann man ja nur noch verr&uuml;ckt werden.<\/p><p><strong>Ich &uuml;berlege gerade, wie wir den Zugang zu Ihrem Buch f&uuml;r dieses Interview hinbekommen. Fangen wir doch mal wie folgt an: Bekannt ist, dass klein Adolf zum Ende des Krieges die Welt von sich selbst befreit hat. Andere Nazis haben ebenfalls Selbstmord begangen oder wurden zum Tode verurteilt. Allerdings sind auch einige aus Deutschland geflohen. Es gibt da so einen Begriff: Rattenlinie. Was ist damit gemeint?<\/strong><\/p><p>Was Hitlers Selbstmord angeht, so kann man sich dar&uuml;ber bei n&uuml;chterner Analyse nicht wirklich sicher sein. Aber zun&auml;chst zu ihrer Frage: Nach der Niederlage Nazideutschlands 1945 zogen der Vatikan, das Rote Kreuz, das Franco-Regime und nach kurzer Schamfrist auch die CIA bzw. ihre Vorg&auml;ngerorganisationen OSS\/SSU gemeinsam am selben Strick, um Tausende von Holocaust-Superverbrechern &uuml;ber Italien und Spanien nach S&uuml;damerika zu schleusen. Besonders Argentinien war ein beliebtes Ausreiseziel, wo Juan Per&oacute;n &ndash; zeitlebens ein gl&uuml;hender Hitler-Fan &ndash; den &bdquo;politisch verfolgten&ldquo; Nazis gro&szlig;z&uuml;giges Asyl gew&auml;hrte.<\/p><p><strong>Was waren die Motive?<\/strong><\/p><p>Die Motivlage hierf&uuml;r d&uuml;rfte mehrschichtig gewesen sein. Der Vatikan plante, die morderprobten Faschos f&uuml;r seinen Kampf gegen die Sozialrevolution&auml;re Lateinamerikas zu instrumentalisieren. Amerika liebte die Idee faschistischer Diktaturen, weil sie mit deren Hilfe ihre r&uuml;cksichtslosen imperialen Interessen leichter durchsetzen konnten. Per&oacute;n wiederum tr&auml;umte von einer Vormachtstellung Argentiniens &uuml;ber den Rest des Kontinents. Er lie&szlig; den Nazi-Wissenschaftler Ronald Richter auf einer Insel in einem gro&szlig;en See in Patagonien den ersten Kernfusionsreaktor der Menschheitsgeschichte errichten. Richter versprach Per&oacute;n, ihm die &bdquo;Sonne in Milcht&uuml;ten&ldquo; zu liefern. Als dies nicht klappte, war es recht schnell vorbei mit der Herrschaft Per&oacute;ns.<\/p><p><strong>Gut, so weit, so bekannt. In Ihrem Roman &ndash; Schock! &ndash; ist es aber nun so, dass Totgeglaubte nicht wirklich tot sind. Vielmehr leben Sie noch, oder genauer: Sie lassen sie als Romanautor auferstehen. Oder beschreiben Sie unter dem Vorwand des Fiktiven doch die Realit&auml;t? Oder vermischen Sie Fiktion mit Realit&auml;t? Oder geben Sie nur vor, Realit&auml;t in die Fiktion zu gie&szlig;en? Oder Fiktion in die Realit&auml;t? Oder &hellip; oder &hellip; oder? Wobei: Jetzt sind wir ja schon wieder &ndash; irgendwie &ndash; beim Wahnsinn angelangt. Uff! Ich bitte um Antworten.<\/strong><\/p><p>Totgeglaubte leben l&auml;nger, aber zum Gl&uuml;ck auch nicht ewig. Aber dazu sp&auml;ter &hellip; Was ist schon Realit&auml;t, was ist Fiktion? Wo liegt die Wahrheit? Goebbels hat angeblich mal gesagt, man m&uuml;sse eine L&uuml;ge nur oft genug wiederholen, um sie zur Wahrheit werden zu lassen. Oder der hier: Geschichtsschreibung ist die L&uuml;ge, auf die man sich geeinigt hat. Mein pers&ouml;nliches Rezept in dieser komplizierten Gemengelage sah beim Schreiben folgenderma&szlig;en aus: Ich vermischte in &bdquo;Wollt Ihr den totalen Wahnsinn &ndash; Der Nazi-Roman&ldquo; historische Pers&ouml;nlichkeiten und Gegebenheiten, &uuml;ber die sich vornehmlich bei <em>Wikipedia<\/em> nachlesen l&auml;sst, mit Figuren, die ich frei erfand, und Stories, die sich eben nicht bei <em>Wikipedia<\/em> nachschlagen lassen. Das Ganze w&uuml;rzte ich mit einem ordentlichen Schuss Voodoo. Ab einem gewissen Punkt greifen die Loa, also die Gottheiten der haitianischen Mythologie, in die Geschichte ein.<\/p><p>Es verh&auml;lt sich n&auml;mlich so, dass eine hochinteressante Person dieser Epoche, der irische Priester und Papst-Vertraute Monsignore Hugh O&acute;Flaherty, f&uuml;r dessen Verstrickung in die Rattenlinien sich allerhand Indizien finden, eine Weile auf Haiti gelebt hat. Im Synkretismus haitianischer Pr&auml;gung, der die G&ouml;tterbilder des Voodoo mit der Lehre der katholischen Kirche verschmelzen l&auml;sst, wird Damballah, der Gott der Schlangen, im Bildnis des irischen National-Heiligen Sankt Patrick verehrt. F&uuml;r mich als Romanautor, der ich mich sowohl in Irland als auch in Haiti ein wenig auskenne, sind solche &Uuml;berschneidungen nat&uuml;rlich ein gefundenes Fressen.<\/p><p><strong>Lassen Sie uns doch mal richtig in die Geschichte einsteigen. Es gibt da eine Figur, die hei&szlig;t Timm Koch! Pardon, jetzt habe ich die Namen vertauscht, Timm Koch sind Sie. Ich meinte nat&uuml;rlich Frank Fuhrmann. Wer ist Fuhrmann?<\/strong><\/p><p>Frank Fuhrmann ist eine Kunstfigur, in der ein ger&uuml;ttelt Ma&szlig; Timm Koch steckt. Das f&auml;ngt bei der Familiengeschichte an. Franks Opa Emil arbeitet als Auslandskorrespondent dem NS-Propagandaministerium zu. Genauso verhielt es sich mit meinem, Timm Kochs, Gro&szlig;vater Erwin &ndash; nur dass Erwin im Nachkriegsdeutschland, mit CIA-Unterst&uuml;tzung, nicht zum S&uuml;damerika-Reisenden wurde, sondern zum Asien-Spezialist. Es existiert ein Interview von ihm, in dem er mit dem jungen Dalai Lama spricht. Ferdinand Fuhrmann hingegen, der im Roman den gef&auml;lschten Liebesbriefen Hitlers an Magda Goebbels hinterherjagt, findet seine Entsprechung in meinem Onkel Peter, der als Chefredakteur des <em>Stern<\/em> mit den Hitler-Tageb&uuml;chern reingelegt wurde. Nat&uuml;rlich finden auch ein paar Antifa-Aktionen und pers&ouml;nliche Erfahrungen aus meiner Zeit im Berlin der Wende-&Auml;ra Eingang in den Verlauf des Romans.<\/p><p><strong>Und dann tauchen da aber auch Figuren wie ein gewisser Goebbels und ein Hitler auf, und zwar sowohl in Deutschland als auch in S&uuml;damerika. Was ist da passiert?<\/strong><\/p><p>Was Goebbels angeht, so trifft Frank Fuhrmann, von Voodoo-G&ouml;ttern und dem Geist seiner toten Stiefoma geleitet, den greisen NS-Propagandaminister in dessen Penthouse-Wohnung in Venezuelas Hauptstadt Caracas. Bei meiner, Timm Kochs, Begegnung mit ihm, im Januar 1994, waren hingegen Leute vom Film im Spiel. Der venezolanische Bekannte, &uuml;ber den ich mit Goebbels in Kontakt kam, war im Bereich der Telenovela, jener lateinamerikanischen Spielart der Seifenoper, t&auml;tig.<\/p><p><strong>Langsam, langsam. Heute bin ich etwas begriffsst&uuml;tzig. Sie haben Goebbels getroffen? 1994? Also in einem Film? Also fiktiv? Oder wie? Oder was?<\/strong><\/p><p>Ich will es mal so ausdr&uuml;cken: Wenn dieser Nazi-Greis, der mir damals die T&uuml;r zu seiner Wohnung &ouml;ffnete, niemand anders als Goebbels war, hat er sich nach seiner Flucht ganz augenscheinlich keiner Gesichtsoperation unterziehen lassen. Wahrscheinlich dachte er sich, dass er mit seinem Klumpfu&szlig; sowieso jederzeit erkannt werden w&uuml;rde. Seine zwergenhafte Statur und sein rheinischer Tonfall taten ein &Uuml;briges, um das Bild abzurunden. Zudem erz&auml;hlte er mir bei unserer zugegebenerweise recht kurzen Begegnung, er sei &uuml;ber Italien und Spanien &bdquo;entkommen&ldquo;.<\/p><p>Von Goebbels vermeintlicher Leiche existiert Foto- und Filmmaterial, das einen komplett verkohlten K&ouml;rper mit verkr&uuml;ppeltem Fu&szlig; neben einer ebenfalls verkohlten Frauenleiche und der unverkohlten Goebbels&lsquo;schen Kinderschar zeigt. Verschiedene Historiker haben sich gefragt, was die Goebbels-Kinder eigentlich im Bunker zu suchen gehabt haben. Er h&auml;tte seine Brut ja auch irgendwo in Sicherheit bringen k&ouml;nnen. Die Antwort ist ganz einfach: Er brauchte sie f&uuml;r diese makabren, von den Russen angefertigten Familienfotos, um sich selbst in Sicherheit bringen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Hitler-Tageb&uuml;cher: Ick h&ouml;r dir trapsen, oder so?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich bin ich mir im Klaren, dass ich als Neffe des Mannes, der mit den Hitler-Tageb&uuml;chern die gr&ouml;&szlig;te Ente der Zeitungsgeschichte in die Welt gesetzt hat, in dieser Frage vollkommen unglaubw&uuml;rdig bin. Deswegen habe ich die Geschichte auch in einem Roman verpackt und nicht als Sachbuch herausgebracht.<\/p><p>Von Hitlers Leiche wiederum existieren noch nicht einmal diese Fake-Fotos. Alles, was offiziell von ihm &uuml;brig blieb, sind ein zerschossenes St&uuml;ck Sch&auml;delplatte und ein Gebiss mit jeder Menge Goldz&auml;hnen. Die Sch&auml;delplatte stammt laut DNA-Analyse von einer Frau. Das Gebiss hat ganz sicher nicht im kolportierten Benzinfeuer gelegen, mit dem Hitlers Leiche laut offizieller Geschichtsschreibung von seiner Dienerschaft behandelt wurde. Es stimmt zwar mit einer R&ouml;ntgenaufnahme &uuml;berein, die in den Katakomben des F&uuml;hrerbunkers gefunden wurde. Aber die Zeugenaussagen von Hitlers Zahnarzt Hugo Blaschke und dessen Assistentin K&auml;the Heusermann, die das Gebiss und das R&ouml;ntgenbild Hitler zuordnen, sind alles andere als glaubw&uuml;rdige Quellen. Auf der anderen Seite finden sich verd&auml;chtige U-Boot-Fahrten nach Kriegsende mit dem Ziel Argentinien und zus&auml;tzlich eine ganze Reihe von Zeitzeugen, die Hitler nach dem Krieg am Ufer eben jenes Sees best&auml;tigen, an dem Ronald Richter an der Kernfusion bastelte.<\/p><p><strong>Ihr Buch l&auml;sst sich als mit viel (schwarzem) Humor geschrieben verstehen, aber das w&uuml;rde ihm nicht vollends gerecht. Unter der Oberfl&auml;che des Humoristisch-Satirischen steckt ein ernstes Thema. Ich zitiere mal eine Stelle aus dem Buch: &bdquo;Angef&uuml;hrt von kroatischen Franziskanern, die selber bei den bestialischen Morden der Ustascha an Serben, Juden, Sinti und Roma Hand angelegt haben, wurden die Rattenlinien gezogen, um den infekti&ouml;sen Eiter des Faschismus als Gegenmittel gegen linke Bewegungen in die neue Welt zu tragen (&hellip;).&ldquo; Im Grunde genommen dreht sich Ihr Buch um die Frage, was wirklich mit den Nazi-Gr&ouml;&szlig;en passiert ist, aber auch: Welche Rolle spielten etwa die CIA, der Vatikan und so manch andere vorgeblich &bdquo;Guten&ldquo;. Warum interessieren Sie sich f&uuml;r das Thema?<\/strong><\/p><p>Goebbels wird ganz sicherlich nicht ohne das Wissen der CIA oder auch des BND in S&uuml;damerika ein biblisches Alter erreicht haben. Daf&uuml;r wird er Gegenleistungen erbracht haben. Auf seine teuflische Art war er ja, was die Manipulation der Massen anging, auf jeden Fall ein Genie. Er wird gewissen Kr&auml;ften mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Es gab ja auch f&uuml;r die Amerikaner genug zu verkl&auml;ren, von den extrem opferreichen Massakern in Korea und Vietnam bis hin zum Genozid an den Mayas in Guatemala oder anderen Schweinereien in Lateinamerika. Mein Kontakt zu ihm &uuml;ber Leute vom Film spricht daf&uuml;r, dass er bis zum Ende im Gesch&auml;ft gewesen ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass an den Narrativen der Nachkriegsordnung bis in die Mitte der 1990er-Jahre die Hand des Klumpf&uuml;&szlig;igen mitgestrickt hat.<\/p><p>Die ber&uuml;chtigte &bdquo;Operation Paperclip&ldquo; der CIA betraf eben nicht allein deutsche Wissenschaftler, die nach dem Krieg den Amerikanern bei ihren Waffenprogrammen zu Diensten waren. Es ging dabei auch um Folterspezialisten wie etwa Klaus Barbie, den psychopathischen &bdquo;Schl&auml;chter von Lyon&ldquo;, der mit seinen &bdquo;Spezialkenntnissen&ldquo; der CIA auch bei der Jagd auf Che Guevara in Bolivien zugearbeitet hat. Oder eben um NS-Propagandatypen wie Goebbels und meinen Gro&szlig;vater Erwin. Letzterer wurde in seiner K&ouml;nigswinterer Wohnung regelm&auml;&szlig;ig von einem amerikanischen Agenten mit braunen Umschl&auml;gen voller Geld bedacht, damit er die faschistoiden Aktionen unserer &bdquo;amerikanischen Freunde&ldquo; sch&ouml;nschrieb.<\/p><p><strong>Was ist Ihre Botschaft an die Leserschaft?<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens, wenn jemand sich selber in der &Ouml;ffentlichkeit als seri&ouml;s bezeichnet und vor den L&uuml;gen und Fake-News der anderen warnt, sollte man misstrauisch werden. Als Sohn eines Journalisten ist mir schon auf Kindesbeinen zu verstehen gegeben worden, dass die &bdquo;Wahrheit&ldquo; ein sehr dehnbares Ding ist. Abgesehen davon muss die Botschaft nat&uuml;rlich lauten: Lehnt euch zur&uuml;ck und genie&szlig;t den Wahnsinn, der sich da als Buchstabensalat vor euren Augen auftut. Wem das nicht reicht: Vielleicht hilft er euch ja, die Welt ein wenig besser zu verstehen.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; privat<\/small><\/p><p><em>Lesetipp<\/em><\/p><p><em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/buecher-von-fifty-fifty\/wollt-ihr-den-totalen-wahnsinn.html\">Timm Koch: Wollt ihr den totalen Wahnsinn? Der Nazi-Roman<\/a>. Frankfurt am Main 2025, Verlag FiftyFifty, gebundene Ausgabe, 352 Seiten, ISBN 978-3946778516, 24 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist wirklich mit dem kleinen Adolf passiert? Und was mit dem auch nicht sonderlich gro&szlig;en Goebbels? Der Roman &bdquo;Wollt ihr den totalen Wahnsinn?&ldquo; taucht ab in eine Welt, in der sich Realit&auml;t mit Fiktion vermischt und Fiktion mit Realit&auml;t. 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