{"id":13564,"date":"2012-06-18T16:50:28","date_gmt":"2012-06-18T14:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13564"},"modified":"2019-07-05T11:11:52","modified_gmt":"2019-07-05T09:11:52","slug":"wahlempfehlung-der-ftd-belegt-die-ahnungslosigkeit-der-redaktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13564","title":{"rendered":"\u201eWahlempfehlung\u201c der FTD belegt die Ahnungslosigkeit der Redaktion"},"content":{"rendered":"<p>Mit Recht wurde auf den NachdenkSeiten dar&uuml;ber nachgedacht, was die &bdquo;Wahlempfehlung&ldquo; der Financial Times Deutschland erstens f&uuml;r die politische Kultur, Abteilung Massenmedien, bedeutet und zweitens f&uuml;r den griechischen Wahlkampf bedeuten und bewirken sollte.<br>\nWas die erste Frage betrifft, so kann man nur einigerma&szlig;en fassungslos konstatieren, wie ein geachtetes Presseorgan alles tut, um seinen Ruf zu verspielen.<br>\nKein Mensch, der eine Ahnung von Griechenland hat, kann davon ausgehen, dass die Wahlempfehlung einer deutschen Zeitung die Wirkung hat, die griechischen W&auml;hler im Sinne der formulierten Aussage zu &uuml;berzeugen. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nSchon die Wahlempfehlungen, die von der FTD-Redaktion regelm&auml;&szlig;ig zu den deutschen Bundestagswahlen abgegeben werden, sind gelinde gesagt ungew&ouml;hnlich. Und man w&uuml;rde schon gerne wissen, wie eigentlich die Willensbildung in diesen F&auml;llen innerhalb der Redaktion abl&auml;uft. Gibt es da eine breite Debatte auf einer Redaktionskonferenz mit anschlie&szlig;ender Abstimmung? Und wenn ja, wer ist da stimmberechtigt und ist die Abstimmung geheim oder offen (im zweiten Fall m&uuml;ssten die Kolleg\/innen Redakteure unter den Augen der Chefs abstimmen). Oder findet die Willensbildung ohnehin auf der Ebene der Chefredaktion statt? <\/p><p>Wenn es aber eine Abstimmung geben sollte, warum erf&auml;hrt man dann nicht die Mehrheitsverh&auml;ltnisse, was doch eigentlich logisch w&auml;re bei der Empfehlung f&uuml;r eine Wahl, bei der es ja auch um relative oder absolute Mehrheiten geht.<br>\nEine Antwort auf diese Fragen w&auml;re auch im Fall der Wahlempfehlung f&uuml;r die griechischen W&auml;hler aufschlussreich. Und aus zwei Gr&uuml;nden noch wichtiger: Zum einen handelt es sich ja um eine Grundsatzentscheidung, weil die FTD zum ersten Mal eine ausl&auml;ndische Wahl mit ihrer Empfehlung w&uuml;rdigt. Wollte &bdquo;die Redaktion&ldquo; wirklich eine solche Aktion? Und wie kam der Beschluss zustande? Die zweite Frage lautet: Wer hat hier wie abgestimmt und mit welchem Sachverstand? Hatten die mit dem Thema Griechenland und Eurokrise befassten Kollegen die Chance, ihre Meinung vorzubringen? Oder wurde diskussionslos abgestimmt oder vielleicht gar nicht? Und wenn dies der Fall war, wer hat dann entschieden und den Text formuliert?<\/p><p>All diese Fragen h&auml;tte man gern beantwortet, weil jeder FTD-Leser ja wei&szlig;, dass in der Zeitung ziemlich verschiedene Meinungen zu diesen Themenbereichen vertreten werden. Und dass etwa zur Krisenpolitik der deutschen Staatslenker ausgesprochen kritische Stimmen in dem Blatt zu lesen waren und sind. Dieser erfreuliche Meinungspluralismus wird nat&uuml;rlich nivelliert, wenn es zu einer quasi hoheitlichen &bdquo;redaktionellen Wahlaussage&ldquo; kommt.  <\/p><p>In eine andere Dimension f&uuml;hrt die Reflexion dar&uuml;ber, was die FTD (wer immer sich in diesem Fall hinter dem Label verbirgt) mit ihrer Aktion in Griechenland bewirken wollte und was sie tats&auml;chlich bewirkt hat. Was Sie bewirken wollte, kann nur die Zeitung selbst kl&auml;ren, und ihre erste eigene Stellungnahme dazu (auf den heutigen NachdenkSeiten aufzufinden) ist dabei nicht sehr hilfreich. F&uuml;r den au&szlig;enstehenden Beobachter, der mit Griechenland und den dortigen Mechanismen der &ouml;ffentlichen Meinung vertraut ist, gibt es nur zwei denkbare Antworten: Entweder die Redaktion wei&szlig; nichts &uuml;ber die &ouml;ffentliche Meinung in Griechenland und dar&uuml;ber, wie sie speziell in Wahlkampfzeiten funktioniert. Das w&auml;re h&ouml;chst blamabel, aber auch unverst&auml;ndlich angesichts des Sachverstands, der in dieser Redaktion zweifellos vorhanden ist. Plausibler erscheint mir deshalb die Annahme, dass die Verantwortlichen sehr wohl wussten, was sie mit ihrer Wahlempfehlung in Griechenland bewirken. Und dann wird es erst richtig interessant. Denn dann fragt sich, auf welche Weise man mit diesen Effekten kalkuliert hat, um die Wahl zu beeinflussen.<\/p><p>Zu dieser Frage vorweg: Kein Mensch, der eine Ahnung von Griechenland hat, kann davon ausgehen, dass die Wahlempfehlung einer deutschen Zeitung die Wirkung hat, die griechischen W&auml;hler im Sinne der formulierten Aussage zu &uuml;berzeugen. Wie man seit nunmehr zwei Jahren wei&szlig;, wird jede &Auml;u&szlig;erung aus Deutschland durch das Prisma einer spezifischen Wahrnehmung gebrochen, die von einem prinzipiellen Misstrauen gepr&auml;gt ist. Dieses Misstrauen kann man bedauerlich oder berechtigt finden (und f&uuml;r das &bdquo;berechtigt&ldquo; gibt es viele und keineswegs nur irrationale Gr&uuml;nde), aber es ist da. Eine Empfehlung aus deutscher Quelle (und sei es die reinste) kann also gar nicht bewirken, was sie zu bewirken vorgibt. <\/p><p>Hinzu kommt ein zweiter Grund: Eine Wahlaussage von einer deutschen Zeitung in griechischer Sprache ist v&ouml;llig &uuml;berfl&uuml;ssig. Denn in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit sind alle Publikationen im Ausland &uuml;ber griechische Themen ausgesprochen bekannt, weil sie t&auml;glich &uuml;ber die eigenen Massenmedien verbreitet werden. Es gibt kaum ein Land, in dem die eigenen Medien &ndash; und zwar Fernsehen wie Tages- und Wochenzeitungen &ndash; so ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die Wahrnehmung Griechenlands im Ausland berichten. In den Fernseh-Nachrichten nehmen die &bdquo;ausl&auml;ndischen Stimmen &uuml;ber Griechenland&ldquo; einen gr&ouml;&szlig;eren Raum ein als die politischen Ereignisse im Ausland. Und das gilt erst in den Zeiten der Krise. Die meisten griechischen W&auml;hler wissen also nicht nur, was Herr Sch&auml;uble und Frau Merkel, Signore Monti und Monsieur Hollande und andere europ&auml;ische Politiker &uuml;ber die griechische Krise sagen, sondern auch was der Economist und der Guardian, der Spiegel und die S&uuml;ddeutsche Zeitung, und eben auch die Financial Times Deutschland schreiben. Um ihre Darstellung der griechischen Verh&auml;ltnisse in Griechenland bekannt zu machen, brauchte die FTD also keine Wahlempfehlung zu geben. Wenn sie es dennoch getan hat, stellt sich die Frage nach dem Zweck.<\/p><p>Ich bin v&ouml;llig ernsthaft der Meinung, dass sich &bdquo;die Redaktion&ldquo; &ndash; da ich sie nicht f&uuml;r inkompetent halte &ndash; dar&uuml;ber im klaren war, was f&uuml;r ein perfekter Steilpass ihre Wahlaussage f&uuml;r die Syriza und Alexis Tsipras sein w&uuml;rde. Und nat&uuml;rlich hat Tsipras den Steilpass aufgenommen und versucht, zu einem letzten Volleyschuss in Richtung seines Wahlziels zu nutzen. Wobei die Frage freilich ist, ob er dabei im Abseits stand oder nicht (die ich am Ende beantworten will).<br>\nTsipras hat, wie alle Parteien, die FTD-Intervention in die griechischen Wahlen v&ouml;llig zurecht als unanst&auml;ndige Einmischung kritisiert. Er ging dabei so weit, den Text mit den Flugbl&auml;ttern zu vergleichen, die von den Nazi-Besatzern in den ersten Tagen der Okkupation &uuml;ber Griechenland abgeworfen wurden, um die Bev&ouml;lkerung zur &bdquo;friedlichen&ldquo; Kapitulation aufzufordern. <\/p><p>Ich will hier nicht er&ouml;rtern, wie passend dieser Vergleich ist und wie konsistent Tsipras argumentiert, der sich selbst vor einem Monat auf recht demonstrative Weise in den franz&ouml;sischen Wahlkampf &bdquo;eingemischt&ldquo; hat. Klar ist jedenfalls, dass v&ouml;llig klar sein musste, wie ein linker Populist in der letzten Phase des Wahlkampfs auf die deutsche &bdquo;Einmischung&ldquo; reagieren w&uuml;rde. In vielen Berichten &uuml;ber den Wahlkampf (auch in meinem Report f&uuml;r diese Seiten) wurde darauf hingewiesen, dass die &bdquo;indirekte&ldquo; Wahlempfehlung, die Sch&auml;uble vor dem 6. Mai gegeben hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu dem damals &uuml;berraschenden Wahlerfolg der Syriza beigetragen hat. Nach meiner festen &Uuml;berzeugung war dies auch f&uuml;r die FTD kein Geheimnis, also hat sie mit diesem Effekt bewusst kalkuliert.<\/p><p>Ob und wie viele Prozent der FTD-Aufruf der Syriza gebracht hat, ist eine andere Frage, die niemand beantworten kann. Was ich sagen will, ist folgendes: Kein Mensch in Griechenland brauchte eine FTD-Belehrung dar&uuml;ber, nach welchen Kriterien und mit welchem Kalk&uuml;l er oder sie abstimmen soll. Die Argumente waren hin- und hergedreht bis zum geht nicht mehr. Die Positionen der verschiedenen europ&auml;ischen Politiker waren bekannt, am bekanntesten die der deutschen. Die Zuspitzung auf die Frage Euro oder Drachme war zwar Teil der Demagogik (und zwar in beiden politischen Lagern) aber welches Gewicht diese Frage hatte, konnte jeder Griechen ohne Hilfestellung einer deutschen Zeitung beurteilen. Die Intervention der FTD konnte also nur emotionalisieren, und das war auch so. Mit Sicherheit hat kein Grieche, der vorher Syriza w&auml;hlen wollte, nach der Lekt&uuml;re des FTD-Textes eine andere Partei gew&auml;hlt. Wahrscheinlicher ist da, dass die Wut &uuml;ber die ungebetene Empfehlung aus deutschen Landen noch einige W&auml;hler f&uuml;r die Syriza eingenommen hat. <\/p><p>Deshalb ist die &Uuml;berlegung keineswegs abwegig, die der Kommentator Angelos Stangos am Samstag vor den Wahlen in der Zeitung Ta Nea angestellt hat. Nachdem er Tsipras wegen seiner Nazi-Vergleiche ger&uuml;gt hat, begibt er sich auf die Ebene der Verschw&ouml;rungs-Hypothesen und dreht die Argumentation um, mit denen sich allen griechische Parteien gegen die FTD-Einmischung verwahrt haben: &ldquo;K&ouml;nnte diese Ver&ouml;ffentlichung nicht dazu gedacht sein, die Syriza zu st&auml;rken, damit sie st&auml;rkste Partei wird &ndash; um den Vorwand f&uuml;r diejenigen in Deutschland und Europa zu liefern, die wollen, dass die Syriza f&uuml;r den Austritt Griechenlands aus der Eurozone sorgt?&rdquo;<\/p><p>Nat&uuml;rlich sollte dieser Kommentar wiederum &ndash; auf geschickte Weise &ndash; die Ansicht verst&auml;rken, dass Tsipras und die Syriza bei einem Wahlsieg den Verbleib Griechenlands in der Eurozone gef&auml;hrden. Aber ungeachtet dieser Absicht ist diese spezielle Variante von Verschw&ouml;rungstheorie nicht weniger plausibel als die in Griechenland vorherrschenden linken Versionen. Sie hat nur eine Schw&auml;che. Sie geht davon aus, dass die Syriza im Fall eines Wahlsiegs erstens eine autonome linke Regierung h&auml;tte bilden k&ouml;nnen, und zweitens genau die Politik praktiziert h&auml;tte, die sie im Wahlkampf verk&uuml;ndet hat. Beide Annahmen aber sind unrealistisch. Das werde ich darzustellen versuchen, wenn sich in den n&auml;chsten Tagen abzeichnet, welche Regierung aus den Wahlen vom 17. Juni hervorgehen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Recht wurde auf den NachdenkSeiten dar&uuml;ber nachgedacht, was die &bdquo;Wahlempfehlung&ldquo; der Financial Times Deutschland erstens f&uuml;r die politische Kultur, Abteilung Massenmedien, bedeutet und zweitens f&uuml;r den griechischen Wahlkampf bedeuten und bewirken sollte.<br \/> Was die erste Frage betrifft, so kann man nur einigerma&szlig;en fassungslos konstatieren, wie ein geachtetes Presseorgan alles tut, um seinen Ruf zu<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13564\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,183,190],"tags":[829,1555,1230],"class_list":["post-13564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-medienkritik","category-wahlen","tag-ftd","tag-griechenland","tag-tsipras-alexis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13564"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53112,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13564\/revisions\/53112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}