{"id":135741,"date":"2025-07-09T10:00:47","date_gmt":"2025-07-09T08:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135741"},"modified":"2025-07-09T14:52:36","modified_gmt":"2025-07-09T12:52:36","slug":"voelkermord-in-gaza-interview-mit-prof-helga-baumgarten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135741","title":{"rendered":"\u201eV\u00f6lkermord in Gaza\u201c \u2013 Interview mit Prof. Helga Baumgarten"},"content":{"rendered":"<p>Ich f&uuml;hre dieses Interview mit Prof. Dr. <strong>Helga Baumgarten<\/strong> nicht nur als &Auml;rztin, Psychotherapeutin, Autorin und politisch engagierte Frau &ndash; sondern auch als pers&ouml;nlich tief Betroffene. Ich war &uuml;ber 20 Jahre mit einem Pal&auml;stinenser aus dem Gazastreifen verheiratet. Wir waren gemeinsam mit unseren Kindern mehrfach dort, meist unter sehr schwierigen Umst&auml;nden. Heute, nach langer Zeit, habe ich ihn wieder getroffen. Er ist schwer traumatisiert &ndash; nicht nur durch den aktuellen Krieg, in dem viele seiner Angeh&ouml;rigen auf grausamste Weise ums Leben gekommen sind, sondern auch durch die tiefen Wunden, die Krieg, Flucht und Verlust bereits in seiner Kindheit hinterlassen haben. Als Sechsj&auml;hriger erlebte er den Sechstagekrieg 1967. Dieses Trauma &ndash; wie viele andere in der pal&auml;stinensischen Gesellschaft &ndash; wurde nie aufgearbeitet, sondern lebt weiter: im K&ouml;rper, im Verhalten, in der n&auml;chsten Generation. Von Dr. <strong>Gabi Weber<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7189\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-135741-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=135741-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250709-Interview-2-Helga-Baumgarten-Weber-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Gabi Weber: Liebe Frau Baumgarten, willkommen zu unserem zweiten Interview! Sie waren mehrere Wochen quer durch die Republik unterwegs, um &uuml;ber Ihr neues Buch <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/voelkermord-in-gaza\/\">&bdquo;V&ouml;lkermord in Gaza&ldquo;<\/a> zu sprechen &ndash; teils gemeinsam mit Ihrem Mitautor Norman Paech, aber meist alleine. Wie war die Resonanz in Deutschland zu diesem Thema?<\/strong><\/p><p><strong>Helga Baumgarten<\/strong>: Die Resonanz war &uuml;berw&auml;ltigend. Egal, wo wir bzw. ich das Buch vorstellte(n), war das Interesse des Publikums enorm. Die Menschen wollen informiert werden. Sie haben kein Vertrauen in die Regierungspropaganda, die leider auch in der Mainstream-Presse verbreitet wird. Immer wieder kam von den Zuh&ouml;rern massive Kritik an den fortgesetzten Waffenlieferungen nach Israel. Sie waren entsetzt von der Behauptung der Berliner Regierung, Israel halte sich an geltendes internationales Recht &ndash; und das angesichts eines offensichtlichen V&ouml;lkermordes in Gaza.<\/p><p>Wir h&auml;tten noch viele weitere Vortr&auml;ge halten k&ouml;nnen &hellip; aber es wurde schlicht zu viel. Ich habe insgesamt 27 Buchpr&auml;sentationen gemacht in etwa sechs Wochen.<\/p><p>Ganz anders sieht es aus, wenn ich die Reaktion einiger deutscher Universit&auml;ten anschaue. Zugesagte R&auml;ume wurden in letzter Minute abgesagt. Speziell in Freiburg reagierte die Universit&auml;t mit Verunglimpfung bzw. Verleumdung sowohl der Veranstalter als auch mir selbst &ndash; kein Respekt f&uuml;r eine Kollegin aus einer Universit&auml;t in Pal&auml;stina.<\/p><p>Der Eindruck war klar: Die Menschen in Deutschland kritisieren die Regierungspolitik gegen&uuml;ber Israel, die man ihnen aufzwingen will. Sie vertreten eine v&ouml;llig andere Position zum V&ouml;lkermord in Gaza und zur ethnischen S&auml;uberung in der Westbank und in Ost-Jerusalem. Aber dazu brauchen sie Informationen.<\/p><p><strong>F&uuml;r mich als ehemalige Vorsitzende von <a href=\"https:\/\/cafepalestinefreiburg.blogspot.com\/\">Cafe Palestine Freiburg e. V.<\/a> wiederholt sich gerade vieles: Uns wurde damals (2008) die Wanderausstellung &bdquo;Die Nakba &ndash; Flucht und Vertreibung der Pal&auml;stinenser&ldquo;, initiiert von der &bdquo;Fl&uuml;chtlingshilfe Libanon e. V.&ldquo;, einseitig durch den damaligen OB Dr. Dieter Salomon verboten. Genauso ist es im Mai 2025 auch der Gruppe ergangen, die diese anerkannte Ausstellung in den R&auml;umen der Unibibliothek Freiburg zeigen wollte. Ihr eigener Vortrag, Frau Baumgarten, wurde wiederum in den R&auml;umen der Uni Freiburg nicht genehmigt, obwohl Sie dort schon vor Jahren f&uuml;r Cafe Palestine &uuml;ber &bdquo;Die Hamas&ldquo; sprechen konnten. Nun mussten Sie in Freiburg unter freiem Himmel <\/strong><em><strong>vor<\/strong><\/em><strong> der Universit&auml;t sprechen. Die Richter des Verwaltungsgerichts Freiburg haben sich bzw. ihre Haltung zur freien wissenschaftlichen Meinungs&auml;u&szlig;erung offensichtlich nicht erhalten k&ouml;nnen. M&uuml;ssen wir hier nicht fragen, was denn wir Deutsche aus unserer Vergangenheit gelernt haben?<\/strong><\/p><p>Ja, das waren noch bessere Zeiten, als es m&ouml;glich war, an der Uni einen Vortrag zur Hamas zu halten. Eigentlich sollte es ja selbstverst&auml;ndlich sein, dass man solche Themen aufgreift und kritisch behandelt. Aber es gibt wenigstens noch die Alternative, einfach vor der Uni zu reden! Hoffen wir, dass das nicht auch bald verboten wird.<\/p><p>Was haben wir Deutschen aus der Vergangenheit gelernt? Eine schwierige Frage. Aber wir sollten auch hier klar unterscheiden. Regierung und Mainstream-Presse meinen, es sei &bdquo;deutsche Staatsraison&ldquo;, Israel uneingeschr&auml;nkt zu unterst&uuml;tzen. Es ist Berlin egal, ob eine israelische Regierung Kriegsverbrechen begeht. Es schert sie nicht, ob in Gaza Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ja, ein V&ouml;lkermord begangen wird. Und Berlin &uuml;bersieht gro&szlig;z&uuml;gig, dass der Internationale Gerichtshof in Den Haag schon im Januar 2024 einen V&ouml;lkermord f&uuml;r &bdquo;plausibel&ldquo; gehalten hat. Gro&szlig;e Teile in der deutschen Gesellschaft sehen das anders. Sie folgen der Politik der deutschen Regierung nicht und kritisieren sowohl die deutsche Politik gegen&uuml;ber Israel als auch Israels Verbrechen in Gaza.<\/p><p>Es gibt zwei Interpretationen f&uuml;r die notwendige Reaktion auf den Holocaust. Die Erste ist eine enge Reaktion, die den V&ouml;lkermord der Deutschen lediglich auf die j&uuml;dischen Opfer begrenzt. Sie sieht deshalb Israel als <em>den<\/em> Repr&auml;sentanten dieser Opfer. Die Zweite ist eine universelle Reaktion. Sie argumentiert, dass nach 1945 kein V&ouml;lkermord mehr passieren darf. Es ist dabei egal, von wem er ver&uuml;bt wird, und gleichg&uuml;ltig, gegen wen er ver&uuml;bt wird. Das ist z.B. die Position der &bdquo;Jewish Voice for Peace&ldquo; in den USA und der &bdquo;J&uuml;dischen Stimme f&uuml;r Frieden und Gerechtigkeit in Deutschland&ldquo;. Die Mehrzahl der Holocaust-Forscher sehen das so, und ich selbstverst&auml;ndlich auch.<\/p><p>Gleichzeitig m&uuml;ssen wir uns klar distanzieren von einer verh&auml;ngnisvollen Einstellung, die sich inzwischen auch in Deutschland wieder in die &Ouml;ffentlichkeit wagt. Aus der Anklage gegen die israelische Politik heute in Gaza, aus der Kritik am Zionismus und am Siedlerkolonialismus wird in einer verabscheuungsw&uuml;rdigen Wende wieder eine Beschuldigung <em>der<\/em> Juden, heute, in der Vergangenheit und &uuml;berhaupt: also Antisemitismus pur.<\/p><p>Fassen wir zusammen: Nat&uuml;rlich ist es unsere Pflicht als Deutsche, den V&ouml;lkermord in Gaza anzuprangern und uns dagegenzustellen. Es ist unsere Pflicht, den Prozess der ethnischen S&auml;uberung in ganz Pal&auml;stina zu kritisieren. Wir m&uuml;ssen die Regierung in Berlin zwingen, endlich mit den leeren Worten aufzuh&ouml;ren und Taten folgen zu lassen.<\/p><p><strong>Weltweit gehen Hunderttausende auf die Stra&szlig;en gegen den V&ouml;lkermord an den Pal&auml;stinensern. Das Schiff &bdquo;Madleen&ldquo; wurde in internationalen Gew&auml;ssern von Israel aufgebracht. Das Schiff hatte versucht, die jahrelang anhaltende Blockade Gazas zu durchbrechen: mit Hilfsg&uuml;tern f&uuml;r Gaza. Greta Thunberg war eine der elf Aktivisten an Bord, zusammen mit einem Journalisten!<\/strong><\/p><p><strong>Alle wurden nach Israel &bdquo;deportiert&ldquo; &ndash; wie Greta Thunberg es formulierte. Eine erste Gruppe, darunter auch Greta Thunberg, durfte nach einer Nacht in Abschiebehaft am israelischen Ben-Gurion-Flughafen zur&uuml;ckfliegen. Weitere sechs Aktivisten wurden in einem Gef&auml;ngnis beim Flughafen festgehalten. Die letzten drei wurden schlie&szlig;lich am 16. Juni &uuml;ber Jordanien &bdquo;abgeschoben&ldquo;. Die pal&auml;stinensisch-israelische Menschenrechtsorganisation Adalah hatte alle vertreten und half bei deren R&uuml;ckreise in ihre Heimatstaaten. Alle d&uuml;rfen die n&auml;chsten 100 Jahre (!!!) nicht mehr nach Israel einreisen. Welches perfide Spiel spielt Israel hier &ndash; leider nicht zum ersten Mal!<\/strong><\/p><p>Ja, offensichtlich ist das nicht das erste Mal, dass Israel mit Gewalt gegen internationale Protestaktionen und Hilfsschiffe f&uuml;r Gaza vorgeht. Nur einen Monat vor dem &Uuml;bergriff gegen die &bdquo;Madleen&ldquo; und der Festnahme der Aktivisten auf dem Schiff griff die israelische Armee das Boot &bdquo;Conscience&ldquo; mit Drohnen an. Dieses Schiff war im Auftrag der &bdquo;Freiheitsflotte&ldquo; (Freedom Flotilla) aus Tunesien in Richtung Gaza in See gestochen war. Das Boot konnte nach Malta abgeschleppt werden, und es gab gl&uuml;cklicherweise keine Opfer.<\/p><p>Drei ehemalige Abgeordnete der Partei der Linken waren 2010 auf dem Konvoi &bdquo;Mavi Marmara&ldquo; der Gaza-&bdquo;Freiheitsflotte&ldquo;: mein Mitautor Norman Paech, Annette Groth und Inge H&ouml;ger. Auf diesem Hilfskonvoi mit mehreren Schiffen wurden zehn Menschen von dem angreifenden israelischen Armee-Kommando get&ouml;tet. Der UN-Menschenrechtsrat berichtete im September 2010, dass alle durch Gewehrsch&uuml;sse get&ouml;tet worden waren, und er spricht in sechs F&auml;llen von schlichter Hinrichtung.<\/p><p>Aber zur&uuml;ck zur Gegenwart: Adalah hat &uuml;berzeugend argumentiert, dass der israelische Angriff auf die &bdquo;Madleen&ldquo; klar gegen internationales Recht versto&szlig;en hat. Gerade an diesem Beispiel entlarvt sich unsere Politik gegen&uuml;ber Israel: Israel muss sich nicht an internationales Recht halten. F&uuml;r Israel gelten andere Regeln, n&auml;mlich keine Regeln.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch fehlt die Frage der kollektiven Traumata aus der jeweiligen Geschichte: der Holocaust f&uuml;r Israel, die Nakba f&uuml;r die Pal&auml;stinenser &ndash; und nat&uuml;rlich auch die deutsche Schuld am Holocaust! &ndash; sowie deren Auswirkung auf die politische Realit&auml;t heute.<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r gibt es einen einfachen Grund. Ich bin keine Spezialistin in dieser Frage, und ich schreibe nicht &uuml;ber Themen, bei denen ich mich nicht auskenne.<\/p><p>Ich kann aber darauf verweisen, wie z.B. Amira Hass, Korrespondentin f&uuml;r die liberale israelische Zeitung <em>Haaretz<\/em>, mit der Geschichte ihrer Eltern und ihrer Familie umgeht. Amiras Eltern sind &Uuml;berlebende der deutschen Konzentrationslager. Das wird f&uuml;r sie immer unvergessen bleiben. Aber ihre Eltern haben ihr ein Verm&auml;chtnis mitgegeben: sich immer und &uuml;berall f&uuml;r die Opfer von Unterdr&uuml;ckung einzusetzen. Amira hat lange in Gaza gelebt und lebt zwischenzeitlich in Ramallah [pal&auml;stinensische Autonomiegebiete im Westjordanland &ndash; Anm. d. Red.].<\/p><p>Und in Deutschland ist Norman Finkelstein aus New York sehr bekannt. Auch er wird nie die Geschichte seiner Familie als Opfer des deutschen Faschismus vergessen k&ouml;nnen. Genau wie Amira Hass zieht er jedoch eine entscheidende Konsequenz daraus: Nie mehr, egal wo und egal durch wen! Das ist, wie ich oben schon kurz angerissen habe, auch die Position von &bdquo;Jewish Voice for Peace&ldquo; oder der &bdquo;J&uuml;dischen Stimme f&uuml;r Frieden und Gerechtigkeit&ldquo;. Sie alle wehren sich gegen die Instrumentalisierung des Holocaust, der Shoa, durch das derzeitige Regime in Israel.<\/p><p>Zu den Pal&auml;stinensern: In Israel d&uuml;rfen die Pal&auml;stinenser nicht mehr in &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden den Gedenktag an die Nakba (Flucht und Vertreibung der Pal&auml;stinenser) begehen. Immer mehr Menschen &ndash; in den besetzten Gebieten wie auch weltweit &ndash; stellen den 15. Mai als Erinnerung an die Nakba jedoch in den Mittelpunkt des Gedenkens. Dies sind jedoch eher neuere Entwicklungen. Die Generation, die mit schlimmen Massakern aus ihren H&auml;usern und aus ihrer Heimat vertrieben wurde, hat lange nicht dar&uuml;ber gesprochen. Sie hat jedoch den Schl&uuml;ssel zum eigenen Haus als Symbol behalten. F&uuml;r sie bleibt die Hoffnung, irgendwann einmal zur&uuml;ckkehren zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Zu den Traumata der Pal&auml;stinenser in Deutschland hat Sarah Bulbeisi eine grundlegende Arbeit vorgelegt: &bdquo;Tabu, Trauma und Identit&auml;t. Subjektkonstruktionen von Pal&auml;stinenserInnen in Deutschland und der Schweiz, 1960-2015&ldquo;, erschienen 2020. Dieses Buch m&ouml;chte ich allen zur Lekt&uuml;re empfehlen. Auch zahlreiche junge Journalistinnen in Deutschland haben dies thematisiert, eine davon ist Hebh Jamal.<\/p><p>Ist Frieden m&ouml;glich ohne Aufarbeitung der Traumata? Ich denke, Frieden ist die Voraussetzung daf&uuml;r, dass die pal&auml;stinensische und die israelische Gesellschaft anders mit ihren Traumata umgehen und einen Schritt in eine bessere Zukunft gehen k&ouml;nnen. Aber das sage ich als Politologin, nicht als Psychologin oder Massenpsychologin.<\/p><p><strong>Nun w&uuml;rde ich gerne &uuml;ber das israelische Atomprogramm sprechen. Welche L&auml;nder haben dies gef&ouml;rdert, welche Informationen gibt es dar&uuml;ber, wie viele Atomsprengk&ouml;pfe besitzt Israel? Warum spricht niemand offiziell dar&uuml;ber? Und warum wird im Gegensatz dazu ein angebliches iranisches Atomprogramm st&auml;ndig angeprangert?<\/strong><\/p><p>Im Buch bin ich kurz auf die Rolle Frankreichs eingegangen. Frankreich hat zweifellos die entscheidende Rolle gespielt bei der Entwicklung des israelischen Atomprogramms. Im Anschluss daran einigten sich alle folgenden US-Regierungen, dar&uuml;ber den Mantel des Schweigens zu breiten. Auch international blieb es dabei. Lediglich in der UNO-Generalversammlung wird Israel regelm&auml;&szlig;ig aufgefordert, endlich den Atomwaffensperrvertrag, also den Vertrag &uuml;ber die Nichtverbreitung von Kernwaffen, zu unterschreiben. Dort wurde zuletzt auch beschlossen, dass der gesamte Nahe Osten eine atomwaffenfreie Zone wird. Nur f&uuml;nf Staaten stimmten dagegen, darunter Israel und die USA. Weitere 24 Staaten enthielten sich der Stimme, darunter EU-Staaten inklusive Deutschlands.<\/p><p>Da Israel nie offiziell zugegeben hat, Atomwaffen zu besitzen, k&ouml;nnen wir nur von Sch&auml;tzungen ausgehen: zwischen einem Minimum von 90 und einem Maximum von 300 bis 400 Atomsprengk&ouml;pfen. Klare Informationen zum israelischen Nuklearprogramm haben wir erst, seit Mordechai Vanunu 1986 an die &Ouml;ffentlichkeit gegangen ist. Daf&uuml;r sa&szlig; er 18 Jahre in israelischer Haft, bis heute darf er Israel nicht verlassen.<\/p><p>Zum Iran wissen wir, dass dort kein atomares Aufr&uuml;stungsprogramm verfolgt wird. Der Iran hat den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Er besteht auf seinem dort verbrieften Recht der Anreicherung von Uranium f&uuml;r friedliche Zwecke. All das ist in den USA bekannt und wird von den dortigen Geheimdiensten und verantwortlichen Ministern auch kontinuierlich so best&auml;tigt. Der Norden, von den USA &uuml;ber die EU bis Australien, besteht unisono darauf, dass der Iran nie zur Atommacht werden darf. Zu Israel schweigt man.<\/p><p>Auch dies ist nur ein weiteres Indiz daf&uuml;r, dass Israel &uuml;ber internationalem Recht steht und vom Norden nie ernsthaft zur Einhaltung internationalen Rechts gezwungen wird.<\/p><p><strong>Ihr aktuelles Buch hei&szlig;t &bdquo;V&ouml;lkermord in Gaza &ndash; eine politische und rechtliche Analyse&ldquo;. In diesem Buch entspricht der V&ouml;lkermord in Gaza der vierten Phase des Siedlerkolonialismus! K&ouml;nnen Sie die darin genannten Begriffe Siedlerkolonialismus, Genozid, Medizid, Scholastizid unseren Lesern bitte erkl&auml;ren?<\/strong><\/p><p><strong>Siedlerkolonialismus<\/strong> ist schlicht und einfach eine spezielle Form des Kolonialismus. Siedler besetzen Land, das sie als ihr verbrieftes Eigentum betrachten. Sie vertreiben die einheimische Bev&ouml;lkerung oder stecken sie in Reservate. Historische Beispiele sind Nordamerika oder Australien und Neuseeland.<\/p><p>Der Erste, der Israel als siedlerkolonialistischen Staat gebrandmarkt hat, ist der pal&auml;stinensische Historiker Fayez Sayegh. In seiner kleinen Schrift von 1965 &bdquo;Zionistischer Kolonialismus in Pal&auml;stina&ldquo; zeigt er die Grundlage von Siedlerkolonialismus: Rassismus und Gewalt gegen die einheimische Bev&ouml;lkerung. Entscheidend ist, dass das gesamte historische Pal&auml;stina, vom Jordanfluss im Osten bis zur Mittelmeerk&uuml;ste im Westen zum j&uuml;dischen Staat Israel gemacht wird. F&uuml;r die Pal&auml;stinenser gibt es dort keinen Platz.<\/p><p>Patrick Wolfe ist heute der wichtigste Theoretiker des Siedlerkolonialismus. Er hat herausgearbeitet, dass Siedlerkolonialismus zwangsl&auml;ufig zum V&ouml;lkermord f&uuml;hrt. Genau diesem V&ouml;lkermord sind die Pal&auml;stinenser seit Oktober 2023 im Gazastreifen ausgesetzt. Dieser V&ouml;lkermord, der englische Begriff ist <strong>Genozid<\/strong> [genocide &ndash; Anm. d. Red.], hat zu einer ganzen Reihe von neuen Begriffen gef&uuml;hrt wie Medizid und Scholastizid.<\/p><p><strong>Medizid<\/strong> ist die Zerst&ouml;rung des Gesundheitswesens, das ja im Gazastreifen zu entsetzlichen Folgen gef&uuml;hrt hat bis heute. Gerade erst wurde wieder ein pal&auml;stinensischer Arzt bei einem israelischen Bombenangriff get&ouml;tet: Dr. Marwan al-Sultan, Direktor des Indonesischen Krankenhauses in Gaza. Er war einer der zwei letzten Kardiologen in Gaza.<\/p><p><strong>Scholastizid<\/strong> ist die systematische Zerst&ouml;rung des Bildungssystems, wie wir es seit Oktober 2023 in Gaza sehen m&uuml;ssen, also ein Teil des &bdquo;kulturellen V&ouml;lkermords&ldquo;. Rafael Lemkin, der Genozid ins V&ouml;lkerrecht eingef&uuml;hrt hat, schreibt dazu: &bdquo;Die Zerst&ouml;rung der Kultur ist der erste Schritt zur vollst&auml;ndigen Zerst&ouml;rung einer Nation.&ldquo;<\/p><p><strong>Ein Kapitel Ihres Buches tr&auml;gt den Titel &bdquo;Gaza &ndash; der gr&ouml;&szlig;te Kinderfriedhof der Welt, sie haben alle einen Namen&ldquo;. Sie haben in Ihrem Buch UN-Generalsekret&auml;r Antonio Guterres zitiert, der schon Ende 2023 davor warnte, dass Gaza zu einem einzigen Friedhof f&uuml;r Kinder werde.<\/strong><\/p><p>Leider ist die T&ouml;tung von Kindern nichts Neues. Nach Abschluss des Buchmanuskriptes wurde ich auf einen Artikel in der <em>New York Times<\/em> vom 9. Oktober 2024 aufmerksam [<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132689\">die NachDenkSeiten berichteten<\/a> &ndash; Anm. d. Red.]. Dieser Artikel basiert auf den Augenzeugenberichten von 65 amerikanischen &Auml;rzten, die jeweils f&uuml;r kurze Hilfseins&auml;tze nach Gaza gereist waren. Jeder dieser &Auml;rzte musste t&auml;glich mehrere F&auml;lle von Kindern mit Kopf- oder Herzsch&uuml;ssen behandeln. Die tragische Erkenntnis: Kinder wurden und werden bis heute gezielt get&ouml;tet. In der Mehrzahl sind es Kinder unter zehn Jahren.<\/p><p>Der amerikanische Dokumentarfilmer Josh Rushing griff die Geschichte auf. Er sprach mit 20 der 65 &Auml;rzte und drehte einen Film unter dem Titel &bdquo;Kids under Fire&ldquo;, &uuml;bersetzt: Kinder unter Beschuss, mit dem Untertitel: &bdquo;Eine Untersuchung &uuml;ber die Erschie&szlig;ung von Kindern durch israelische Soldaten&ldquo;. Der Film kann auf <em>YouTube<\/em> heruntergeladen werden.<\/p><p>Rushing sprach mit Miranda Cleland von Defense for Children International und fragte sie schlicht, wie junge Soldaten derartige Verbrechen begehen k&ouml;nnen. Ihre Antwort schockierte ihn und muss uns alle schockieren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Seit Jahren werden in der Westbank Kinder gezielt erschossen &hellip; und niemand reagiert darauf oder unternimmt irgendetwas dagegen. Israelische Soldaten erschie&szlig;en pal&auml;stinensische Kinder, weil sie es wollen. Und ich glaube, sie tun es, weil sie es tun d&uuml;rfen und weil sie niemand jemals gestoppt hat.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>In Rushings Film erz&auml;hlt die &Auml;rztin Dr. Miri Sayed von der vierj&auml;hrigen Mira, die sie am 24. August auf ihren Behandlungstisch bekam. Mira hatte eine einzige Schusswunde im Kopf, und das CT zeigte das Geschoss sehr deutlich. Mira wurde operiert und &uuml;berlebte. Wir wissen, dass sie schnellstm&ouml;glich in ein spezialisiertes Krankenhaus au&szlig;erhalb Gazas h&auml;tte gebracht werden m&uuml;ssen. Ob das gelang und ob sie noch lebt, wissen wir leider nicht. Wie lange schaut die Welt, schauen wir in Deutschland all diesen Verbrechen tatenlos zu, ja schauen wir einfach weg?<\/p><p><strong>Und wie geht es weiter?<\/strong><\/p><p>Der V&ouml;lkermord muss enden, besser heute als morgen! Die Besatzung muss enden! Pal&auml;stinenser m&uuml;ssen endlich ihr Recht auf Selbstbestimmung verwirklichen k&ouml;nnen! Und es muss endlich Freiheit und Gleichheit geschaffen werden, &bdquo;from the river to the sea&ldquo;!<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r dieses Interview!<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Anas-Mohammed\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich f&uuml;hre dieses Interview mit Prof. Dr. <strong>Helga Baumgarten<\/strong> nicht nur als &Auml;rztin, Psychotherapeutin, Autorin und politisch engagierte Frau &ndash; sondern auch als pers&ouml;nlich tief Betroffene. Ich war &uuml;ber 20 Jahre mit einem Pal&auml;stinenser aus dem Gazastreifen verheiratet. Wir waren gemeinsam mit unseren Kindern mehrfach dort, meist unter sehr schwierigen Umst&auml;nden. Heute, nach langer Zeit,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135741\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":135742,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209,171],"tags":[1519,3466,3041,3058,2637,302,1917,1289,2222,1557,1792,2394,304,2669,2520,3545,1911,303,2039,2360],"class_list":["post-135741","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-atomwaffen","tag-baumgarten-helga","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-embargo","tag-gaza","tag-genozid","tag-holocaust","tag-humanitaere-hilfe","tag-israel","tag-kolonialismus","tag-kriegstrauma","tag-kriegsverbrechen","tag-leitmedien","tag-mord","tag-nakba","tag-paech-norman","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/shutterstock_2619304853.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=135741"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135741\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135770,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135741\/revisions\/135770"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/135742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=135741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=135741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=135741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}