{"id":135749,"date":"2025-07-09T11:00:54","date_gmt":"2025-07-09T09:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135749"},"modified":"2025-07-09T11:36:38","modified_gmt":"2025-07-09T09:36:38","slug":"aussenminister-lawrow-im-interview-moskau-fordert-dauerhaften-frieden-statt-waffenpause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135749","title":{"rendered":"Au\u00dfenminister Lawrow im Interview: Moskau fordert dauerhaften Frieden statt Waffenpause"},"content":{"rendered":"<p>Russlands Au&szlig;enminister Sergej Lawrow spricht Klartext: In einem Interview mit der ungarischen Zeitung <em>Magyar Nemzet<\/em> erl&auml;utert Lawrow, welche Punkte f&uuml;r Moskau in einem Friedensabkommen mit der Ukraine unverhandelbar sind. Ein Blick auf Russlands Forderungen, auf die UN-Charta und die &bdquo;pragmatische&ldquo; Ann&auml;herung an Budapest, die im Westen f&uuml;r Aufsehen sorgt. Das Interview hat <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> zusammengefasst.<br>\n<!--more--><br>\nRussland ist weiterhin offen f&uuml;r eine politisch-diplomatische L&ouml;sung des Ukraine-Konflikts, jedoch nur unter der Bedingung eines &bdquo;dauerhaften Friedens&ldquo; und keiner blo&szlig;en &bdquo;Atempause&ldquo;. Russlands Au&szlig;enminister Sergej Lawrow warnte am Montag in einem Interview mit der ungarischen Zeitung <em>Magyar Nemzet<\/em> davor, dass eine solche Pause vom Kiewer Regime und seinen externen Unterst&uuml;tzern lediglich genutzt werden k&ouml;nnte, um ihre Truppen neu zu gruppieren, die Mobilisierung fortzusetzen und ihr milit&auml;risches Potenzial zu st&auml;rken. Eine nachhaltige Regelung erfordere, die urspr&uuml;nglichen Ursachen des Konflikts zu beseitigen. Dazu z&auml;hle prim&auml;r, die Bedrohungen f&uuml;r Russlands Sicherheit im Zusammenhang mit der NATO-Erweiterung und der Einbeziehung der Ukraine in diesen Milit&auml;rblock zu beseitigen. <\/p><p>Es ist zudem aus Sicht von Lawrow unerl&auml;sslich, die Menschenrechte in den von Kiew kontrollierten Gebieten zu gew&auml;hrleisten, da das &bdquo;ukrainische Regime&ldquo; seit 2014 alles Russische &ndash; Sprache, Kultur, Traditionen, kanonische Orthodoxie und russischsprachige Medien &ndash; &bdquo;ausrottet&ldquo;. Ein weiteres zentrales Element eines Friedensabkommens sei die v&ouml;lkerrechtliche Anerkennung der &bdquo;neuen territorialen Realit&auml;ten&ldquo;, die durch die Eingliederung der Krim, Sewastopols, der Volksrepubliken Donezk und Luhansk sowie der Regionen Saporischschja und Cherson in Russland entstanden seien. Die Bev&ouml;lkerungen dieser Gebiete h&auml;tten sich, so Lawrow, in Referenden durch &bdquo;freie Willens&auml;u&szlig;erung&ldquo; f&uuml;r die Wiedervereinigung mit Russland ausgesprochen. <\/p><p>Zudem m&uuml;ssten die Demilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine, die Aufhebung antirussischer Sanktionen, der R&uuml;ckzug aller Klagen gegen Russland und die R&uuml;ckgabe illegal im Westen festgenommener russischer Verm&ouml;genswerte im Abkommen verankert werden. Lawrow forderte die Ukraine auf, zu den &bdquo;Urspr&uuml;ngen ihrer Staatlichkeit&ldquo; zur&uuml;ckzukehren und den neutralen, blockfreien und atomwaffenfreien Status zu respektieren, der in der Souver&auml;nit&auml;tserkl&auml;rung von 1990 festgelegt wurde.<\/p><p><strong>Zu den Friedensverhandlungen<\/strong><\/p><p>Hinsichtlich des aktuellen Stands der Friedensverhandlungen informierte Lawrow, dass auf Russlands Initiative und mit Unterst&uuml;tzung t&uuml;rkischer Partner direkte Gespr&auml;che mit der ukrainischen Seite in Istanbul ohne Vorbedingungen aufgenommen wurden. Bislang haben zwei Verhandlungsrunden (am 16. Mai und 2. Juni) stattgefunden, w&auml;hrend die Termine f&uuml;r eine dritte Runde noch koordiniert werden. Im Rahmen dieser Gespr&auml;che seien bereits Vereinbarungen zu humanit&auml;ren Fragen erzielt worden, wie dem Austausch von Zivilisten und Kriegsgefangenen, darunter Schwerverletzte und junge Soldaten unter 25 Jahren, sowie der R&uuml;ckf&uuml;hrung von &uuml;ber 6.000 gefallenen ukrainischen Soldaten zur Beisetzung. Lawrow erw&auml;hnte zudem eine von der Ukraine &uuml;bermittelte Liste mit 339 Kindern, die den Kontakt zu ihren Eltern verloren haben. Dies widerlege, so der Minister, &bdquo;falsche Propaganda-Behauptungen Kiews&ldquo; &uuml;ber 19.000 angeblich von Russland &bdquo;entf&uuml;hrte&ldquo; Kinder. Russland pr&uuml;fe jeden Fall und bereite eine eigene Liste von 18 Kindern vor (zehn in der Ukraine, acht in europ&auml;ischen L&auml;ndern), um sie mit ihren Familien in Russland wieder zusammenzubringen.<\/p><p><strong>Zu den Ursachen des Ukraine-Konflikts<\/strong><\/p><p>Zu den &bdquo;Ursachen des Konflikts&ldquo; wiederholte Lawrow den Vorwurf, dass ethnische Russen in der Ukraine verfolgt und get&ouml;tet worden seien, insbesondere seit dem Staatsstreich in Kiew 2014. Er nannte als Beispiele den Vorfall im Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014 und sagte, dass ukrainische Kr&auml;fte nach 2014 &bdquo;&uuml;ber zehntausend russische und russischsprachige Einwohner des Donbass&ldquo; get&ouml;tet h&auml;tten. Das Kiewer Regime habe der russischen Sprache und Kultur den Kampf angesagt und Gesetze erlassen, die deren Nutzung verbieten und ethnische Russen diskriminieren. Auch andere ethnische Gruppen wie Ungarn, Rum&auml;nen, Polen und Bulgaren seien von einer &bdquo;gewaltsamen Ukrainisierung&ldquo; betroffen gewesen. <\/p><p>Eine weitere Hauptursache sei die &bdquo;jahrelange Expansion der NATO nach Osten&ldquo;, die die Ukraine in ein &bdquo;milit&auml;risches Sprungbrett zur Eind&auml;mmung Russlands&ldquo; verwandelt habe. Lawrow bestritt, dass die NATO noch ein reines Verteidigungsb&uuml;ndnis sei, und verwies auf milit&auml;rische Interventionen in Jugoslawien, Irak und Libyen. Die Pr&auml;senz von NATO-Basen in der Ukraine stelle eine &bdquo;unmittelbare Bedrohung&ldquo; f&uuml;r Russlands nationale Sicherheit dar. Er erinnerte daran, dass Russland Ende 2021 Sicherheitsgarantien gefordert hatte, die den blockfreien Status der Ukraine bewahren sollten. Diese Initiative sei jedoch vom Westen abgelehnt und die Ukraine stattdessen weiter aufger&uuml;stet worden, was Russland &bdquo;keine andere Wahl&ldquo; gelassen habe, als die &bdquo;spezielle Milit&auml;roperation&ldquo; zu beginnen.<\/p><p><strong>Eine Frage des Selbstbestimmungsrechts<\/strong><\/p><p>Bez&uuml;glich der russischen Souver&auml;nit&auml;tsanspr&uuml;che &uuml;ber die Krim und die vier &bdquo;k&uuml;rzlich annektierten Regionen&ldquo; wies Lawrow den Begriff &bdquo;Annexion&ldquo; als &bdquo;unangemessen und inakzeptabel&ldquo; zur&uuml;ck. Er erinnerte an die Referenden in diesen Gebieten, bei denen die Mehrheit der Teilnehmer f&uuml;r die Wiedervereinigung mit Russland gestimmt habe, was die Aus&uuml;bung des in der UN-Charta verankerten Rechts der V&ouml;lker auf Selbstbestimmung darstelle. <\/p><p>Lawrow warf westlichen L&auml;ndern vor, die UN-Charta selektiv zu zitieren: Sie w&uuml;rden sich auf die territoriale Integrit&auml;t (Artikel 2 Absatz 4) konzentrieren, aber das Recht auf Selbstbestimmung (Artikel 1 Absatz 2) und die Achtung der Menschenrechte (Artikel 1 Absatz 3) ignorieren. Dies sei eine Form der &bdquo;Manipulation und Doppelstandards&ldquo;.<\/p><p>Der Au&szlig;enminister verwies auf eine UN-Erkl&auml;rung von 1970, die besagt, dass das Prinzip der territorialen Integrit&auml;t nur f&uuml;r Staaten gilt, deren Regierungen die gesamte Bev&ouml;lkerung ohne Diskriminierung vertreten. Das Kiewer Regime habe jedoch Russophobie zur Staatsdoktrin erhoben und repr&auml;sentiere die russischsprachige Bev&ouml;lkerung dieser Regionen nicht. Moskau f&uuml;hrt &Auml;u&szlig;erungen von Wolodymyr Selenskyj an, der 2021 Bewohner des S&uuml;dostens als &bdquo;Kreaturen&ldquo; bezeichnet und sie aufgefordert habe, &bdquo;nach Russland zu verschwinden&ldquo;. F&uuml;r Russland bedeutet dies, dass das Kiewer Regime keinen Anspruch auf die Anwendung des Prinzips der territorialen Integrit&auml;t auf diese Gebiete hat, da es deren Bev&ouml;lkerung nicht vertritt.<\/p><p><strong>Zu den ungarisch-russischen Beziehungen und Europa<\/strong><\/p><p>Die russisch-ungarischen Beziehungen bezeichnete Lawrow als &bdquo;pragmatisch&ldquo;. Er lobte die &bdquo;ausgewogene Linie der ungarischen F&uuml;hrung&ldquo;, die trotz des Drucks aus Br&uuml;ssel einen pragmatischen Kurs verfolge. Trotz antirussischer Sanktionen w&uuml;rden sich die bilateralen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen entwickeln, und das &bdquo;Flaggschiffprojekt&ldquo;, die Erweiterung des Kernkraftwerks Paks, schreite erfolgreich voran. Lawrow bekr&auml;ftigte Russlands Ruf als &bdquo;verl&auml;sslicher Lieferant&ldquo; von Kohlenwasserstoffen und sah insgesamt &bdquo;gute Perspektiven f&uuml;r einen weiteren Dialog&ldquo; auf Basis gegenseitigen Nutzens und der Ber&uuml;cksichtigung der Interessen beider L&auml;nder.<\/p><p>Schlie&szlig;lich reagierte Lawrow auf die Anschuldigungen westlicher Geheimdienste und europ&auml;ischer Politiker, Pr&auml;sident Putin beabsichtige, Europa zu &bdquo;besetzen&ldquo; oder den russischen Einfluss auszudehnen. Er bezeichnete diese Anschuldigungen als unbegr&uuml;ndet und &auml;u&szlig;erte die Vermutung, dass diese &bdquo;mythische russische Bedrohung&ldquo; von den westlichen F&uuml;hrungskreisen erzeugt werde, um die Bev&ouml;lkerung angesichts sozialer und wirtschaftlicher Probleme &ndash; Inflation, Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen, illegale Migration &ndash; zu einen und von eigenen Misserfolgen abzulenken. Lawrow zeigte sich besorgt dar&uuml;ber, dass sich die &bdquo;vereinte Europa&ldquo; in einen &bdquo;milit&auml;risch-politischen Block&ldquo; und &bdquo;Anh&auml;ngsel der NATO&ldquo; verwandle, was er als &bdquo;gef&auml;hrliche Tendenz&ldquo; mit weitreichenden Folgen f&uuml;r alle Europ&auml;er einstufte.<\/p><p><em>Das Interview ist <a href=\"https:\/\/magyarnemzet.hu\/kulfold\/2025\/07\/lavrov-exkluziv-interju-haboru-kapcsolat\">im ungarischen Orginal hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ lev radin<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135363\">Gef&auml;hrdet Strafanzeige gegen Merz wegen &bdquo;Aufstachelung zum Angriffskrieg&ldquo; dessen Kanzlerschaft?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=132200\">&bdquo;Eine historische Pflicht&ldquo; &ndash; Interview mit Russlands Botschafter Netschajew zum 80. 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