{"id":13581,"date":"2012-06-20T10:21:02","date_gmt":"2012-06-20T08:21:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13581"},"modified":"2015-03-06T09:49:56","modified_gmt":"2015-03-06T08:49:56","slug":"spekulationsbombe-mit-nebenwirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13581","title":{"rendered":"Spekulationsbombe mit Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Vom Kursanstieg einer Aktie oder eines B&ouml;rsenindexes gleicht doppelt profitieren &ndash; Outperformance-Zertifikate wie DB2GBH machen es m&ouml;glich. Sie symbolisieren den in der Finanzwelt unvermindert vorherrschenden Drang zur Generierung von Spekulationsgewinnen. Aber es drohen auch hohe Verlustrisiken. Ein Gewinner steht allerdings von vorneherein fest: der Emittent. Von <strong>G&uuml;nter Wierichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZertifikate sind Schuldverschreibungen. Der Anleger &uuml;berl&auml;sst dem Emittenten einen bestimmten Geldbetrag und erwirbt so ein Forderungsrecht. Festgelegte Zinsen gibt es nicht, vielmehr ist die H&ouml;he der am Laufzeitende f&auml;lligen R&uuml;ckzahlung an bestimmte Ereignisse gebunden. Dies kann im Endeffekt zu einem R&uuml;ckzahlungsbetrag f&uuml;hren, der erheblich &uuml;ber der anf&auml;nglich geleisteten Geldsumme liegt. Allerdings ist ein Totalverlust des Kapitals ebenfalls m&ouml;glich &ndash; auch wenn der Emittent zwischenzeitlich nicht Pleite geht. Denn der Emittent spekuliert mit dem ihm zur Verf&uuml;gung gestellten Geld. Setzt er auf das falsche Pferd, l&auml;sst der Anleger Federn.<\/p><p>Das Outperformance-Zertifikat DB2GBH startete am 1. Februar 2011. Als R&uuml;ckzahlungszeitpunkt wurde der 31. Juli 2012 festgelegt. Basiswert, also Spekulationsobjekt des Zertifikates, ist die Aktie der Allianz. Die stand zum Startzeitpunkt bei 106,25 Euro, dementsprechend konnte der Anleger f&uuml;r diesen Preis ein Zertifikat erwerben. Alternativ h&auml;tte er nat&uuml;rlich sein Geld auch direkt in eine Allianz-Aktie stecken und damit Aktion&auml;r des Versicherungskonzerns werden k&ouml;nnen. Durch den Kauf eines Zertifikates wurde er hingegen Gl&auml;ubiger des Emittenten; in unserem Fall ist dies die Deutsche Bank. Die Allianz ist damit f&uuml;r die Deutsche Bank ein im Kundenauftrag eingesetztes Spekulationsvehikel. Es geht nicht darum, sich an dem Versicherungskonzern mittel- oder langfristig zu beteiligen. Der Anleger m&ouml;chte saftige Gewinne realisieren. Mit Outperformance-Zertifikaten ist dies m&ouml;glich, denn die Deutsche Bank winkt mit der Aussicht, dass eine &uuml;berproportionale Gewinnbeteiligung f&auml;llig wird, sofern der Aktienkurs am Ende der Laufzeit &uuml;ber 106,25 Euro liegen sollte. Notiert die Allianz-Aktie am 31. Juli 2012 beispielsweise mit 116,25 Euro, kassiert der Zertifikatsinhaber nicht nur die 10,00 Euro Kursdifferenz gegen&uuml;ber dem Einstandskurs von 106,25 Euro, sondern insgesamt 18,00 Euro als Gewinn. DB2GBH weist demnach, wie man im Fachjargon sagt, eine Partizipationsrate von 180 % auf. Ist der Aktienkurs am 31. Juli 2012 geringer als 106,25 Euro, so wird der Zertifikatsinhaber einem Aktion&auml;r gleichgestellt. In diesem Fall erh&auml;lt er den aktuellen Gegenwert des Aktienkurses. <\/p><p><strong>Was man gerne verschweigt<\/strong><\/p><p>Vordergr&uuml;ndig betrachtet stellt der Erwerb des Zertifikates aus Sicht des Anlegers im Vergleich zum Kauf einer Allianz-Aktie in jedem Fall die bessere Alternative dar. Denn bei steigendem Aktienkurs schneidet er besser, bei sinkendendem Kurs hingegen nicht schlechter ab als ein Aktion&auml;r. Irgendetwas muss also nicht stimmen, denn es gibt im Leben schlie&szlig;lich nichts umsonst &ndash; erst recht nicht in der Finanzwelt. <\/p><p>Zun&auml;chst einmal tr&auml;gt der K&auml;ufer des Zertifikates das Risiko einer Pleite des Emittenten. Vor etwa vier Jahren mussten viele Anleger die bittere Erfahrung machen, dass eine zuvor hoch gelobte Investmentbank namens Lehman Brothers insolvent wurde. Die Folgen waren jahrelange Rechtsstreitigkeiten &uuml;ber Falschberatungen und mangelhafte Risikoaufkl&auml;rung. Im Endeffekt gab es f&uuml;r die Anleger neben dem ganzen &Auml;rger bestenfalls noch eine magere Entsch&auml;digung. Aber lassen wir das Emittentenrisiko einmal au&szlig;en vor und stellen uns die Frage, wie die Deutsche Bank es schafft, dem Zertifikatsk&auml;ufer einen Vorteil gegen&uuml;ber einem Aktieninvestor zu verschaffen, ohne dass diesem Vorteil eine offenkundige Schlechterstellung entgegen steht. Die Antwort ist ganz einfach: Das Zertifikat hat eine Laufzeit von 18 Monaten; w&auml;hrend dieser Zeit zahlt die Allianz zwei Mal eine Dividende an ihre Aktion&auml;re. Da die Deutsche Bank als Emittentin des Zertifikates das von den K&auml;ufern ihres Produktes erhaltene Geld f&uuml;r den Kauf von Allianz-Aktien verwendet, kassiert sie die Dividende. In H&ouml;he des Dividendengegenwertes kauft sie Optionen, genauer gesagt: Kaufoptionen auf Allianz zum Basispreis 106,25 Euro. Die Deutsche Bank erwirbt somit das Recht, Allianz-Aktien am Laufzeitende des Zertifikates zum Preis von 106,25 Euro erwerben zu d&uuml;rfen. Damit hat sie gleich in doppelter Weise auf das &bdquo;Pferd&ldquo; Allianz gesetzt: durch den Erwerb der Aktie sowie durch den Kauf der Kaufoptionen (<em>long call<\/em>). <\/p><p>Das Einbehalten der Dividende durch den Zertifikatsemittenten wird in den Verkaufsprospekten zwar erw&auml;hnt, in Beratungsgespr&auml;ch h&auml;ufig jedoch kaum thematisiert. Es spielt allerdings eine au&szlig;erordentlich wichtige Rolle, weil an dieser Stelle nicht nur die Implikationen von Aktienkursentwicklung und Zertifikatsgewinn, sondern auch die auf Intransparenz und Insiderkenntnissen beruhenden Ertragspotenziale der Finanzbranche deutlich werden. W&uuml;rde man der Einfachheit halber unterstellen, dass aus den zu erwartenden Dividendenzahlungen genau eine Option je Zertifikat finanziert werden k&ouml;nnte, erg&auml;ben sich aus der Sicht des Emittenten am Laufzeitende folgende Szenarien:<\/p><ol>\n<li>Szenario<br>\nDie Aktie der Allianz notiert unter 106,25 Euro, zum Beispiel bei 96,25 Euro: Die Option ist wertlos geworden und verf&auml;llt. Der Emittent verkauft die zum Laufzeitbeginn gekaufte Aktie und schreibt dem Zertifikatsk&auml;ufer 96,25 Euro gut. Verlust f&uuml;r den Anleger: 10 Euro.<\/li>\n<li>Szenario<br>\nDie Aktie der Allianz notiert &uuml;ber 106,25 Euro, zum Beispiel bei 116,25 Euro: Die Option hat einen so genannten inneren Wert von 10,00 Euro. Der Emittent verkauft die zum Laufzeitbeginn gekaufte Aktie und schreibt dem Zertifikatsk&auml;ufer 116,25 Euro gut. Gleichzeitig erh&auml;lt dieser den Outperformance-Gewinn aus der Option in H&ouml;he von 10,00 Euro. Gesamtgewinn: 20,00 Euro.<\/li>\n<\/ol><p>Dieses Ergebnis widerspricht der beim Zertifikat DB2GBH angegebenen Partizipationsrate, denn die liegt nicht, wie im obigen Beispiel bei 200 %, sondern nur bei 180 %. Der Grund f&uuml;r diese Differenz liegt in der komplexen Struktur der Zertifikatekonstruktion: Wie viele Kaufoptionen aus den Dividenden gekauft werden k&ouml;nnen, h&auml;ngt neben der H&ouml;he der Dividendenzahlungen von zahlreichen weiteren Faktoren ab, dem aktuellen B&ouml;rsenkurs und der Schwankungsbreite (Volatilit&auml;t) des Basiswertes, der Optionslaufzeit &ndash; und so weiter. Fest steht jedenfalls, dass die Konditionen der hinter dem Zertifikat stehenden Nebengesch&auml;fte sowie die dabei entstehenden Transaktionskosten nicht deutlich werden. Diese Intransparenz ist ein charakteristisches Merkmal der modernen Finanzwelt. Was sich hinter den Kulissen abspielt, bekommt der Anleger n&auml;mlich nicht mit. Und hinter den Kulissen ergeben sich f&uuml;r die Finanzprofis in den Emittentenh&auml;usern unz&auml;hlige M&ouml;glichkeiten, heimlich, still und leise hohe Ertr&auml;ge zu verbuchen. <\/p><p>Hinzu kommt eine weitere ergiebige Ertragsquelle  &ndash; die Market-Maker-T&auml;tigkeit. Der Emittent stellt w&auml;hrend der gesamten Laufzeit des Zertifikates fortlaufend Kauf- und Verkaufskurse. Ein Anleger kann also jederzeit ein- und aussteigen. Was vordergr&uuml;ndig f&uuml;r ihn vorteilhaft erscheint, entpuppt sich in Wahrheit als finanzieller Segen f&uuml;r den Emittenten, der auf diese Weise regelm&auml;&szlig;ig Ertr&auml;ge aus den einkalkulierten Handelsspannen generiert. <\/p><p><strong>Gigantische Spekulationsmaschinerie<\/strong><\/p><p>DB2GBH ist nur ein winziger Baustein im Gef&uuml;ge einer gigantischen Spekulationsmaschinerie, die von der Finanzindustrie in den letzten 10 bis 15 Jahren in Gang gesetzt wurde und seitdem &ndash; allen Einbr&uuml;chen zum Trotz &ndash; unaufhaltsam in Betrieb ist. Diese Maschinerie wird durch permanenten Nachschub an so genannten &bdquo;innovativen&ldquo; Produkten sowie durch die Market-Maker-T&auml;tigkeit der Emittenten gut ge&ouml;lt. Hinzu kommt die Tatsache, dass solche Produkte stets einen Derivate-Anteil beinhalten (in unserem Fall eine Kaufoption). Das explosionsartige Wachstum des Derivatemarktes in den letzten Jahren erkl&auml;rt sich wesentlich aus dem Vorhandensein von Produkten wie DB2GBH.<\/p><p>Diese Produkte m&ouml;gen im Einzelfall f&uuml;r den Anleger einen hohen Spekulationsgewinn mit sich bringen. Sie sind jedoch aus zwei Gr&uuml;nden h&ouml;chst sch&auml;dlich.<\/p><p>Zum einen wird der eigentliche Zweck von Finanzanlagen, die Investition in Unternehmenssubstanz, zugunsten des reinen Spekulationsprinzips au&szlig;er Kraft gesetzt. Es gab zwar immer schon Anleger, die ihre Transaktionen prim&auml;r auf eine Realisierung kurzfristiger Kursgewinne ausgerichtet haben; die Finanzindustrie hat jedoch durch ihre Produktpolitik den Spekulationsaspekt in den letzten Jahren systematisch &uuml;berakzentuiert. So bietet zum Beispiel  Goldman Sachs zurzeit 1.800 Spekulationsprodukte auf die Aktie der Allianz an. Der &bdquo;moderne&ldquo; Spekulant hat es folglich nicht mehr n&ouml;tig, sich mit Aktienk&auml;ufen- und -verk&auml;ufen herumzuschlagen. Die Branche stellt ihm eine riesige Palette von Spekulationsinstrumenten zur Verf&uuml;gung. <\/p><p>Auf der anderen Seite entfalten Produkte wie DB2GBH auch gesamtgesellschaftlich eine explosive Wirkung. Das Produkt l&auml;uft noch bis zum 31. Juli 2012. Bis dahin sind immer noch Gewinne m&ouml;glich. Wer am 1. Februar 2011 zum Startpreis von 106,25 Euro eingestiegen ist und bis heute gewartet hat, kann nur entt&auml;uscht sein. Bei einem Wert von 73,00 Euro Ende Mai 2012 ergibt sich ein Verlust von 33,25 Euro f&uuml;r eine Laufzeit von 16 Monaten. Auf ein Jahr und auf das Starkapital bezogen ergibt dies eine Negativrendite von 23 %. Besser steht derjenige da, der Ende September 2011 bei 63,00 Euro zugeschlagen hat. Zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass der Allianz aufgrund der Griechenland-Krise heftige Gewinneinbu&szlig;en drohten. Darunter litt der Aktienkurs und in dessen Gefolge nat&uuml;rlich auch das Zertifikat. Unser Zertifikatsk&auml;ufer vom September 2011 h&auml;tte Ende Mai 2012 einen Gewinn von 10,00 Euro in wesentlich k&uuml;rzerer Zeit eingefahren. Auch jetzt kann man noch einsteigen und auf Gewinne hoffen. Wer wei&szlig; &ndash; vielleicht ist sogar das Outperformance-Sahneh&auml;ubchen von 180 % noch drin. Fazit: DB2GBH ist &ndash; wie jedes Spekulationsinstrument &ndash; ein Spaltprodukt. Es teilt die Anlegerwelt in zwei Klassen ein, in <em>winner<\/em> und in <em>loser<\/em>. Die <em>winner<\/em> realisieren hohe Renditen. Wie im Fall des Anlegers, der zu 63,00 Euro einsteigt und acht Monate sp&auml;ter zu 73,00 Euro wieder aussteigt, deutlich wird, ist dies sogar m&ouml;glich, wenn die als Basiswert zugrunde liegende Aktie den Outperformance-Sektor nicht tangiert. Wird dieser Sektor doch noch erreicht, entfaltet die Spekulationsbombe ihre volle Wirkung. Die <em>loser<\/em> hingegen fahren Negativrenditen ein. Sie haben entweder das Potenzial des Basiswertes (Allianz-Aktie) falsch eingesch&auml;tzt oder aber ein schlechtes Timing hinsichtlich des Zeitpunktes von Kauf und Verkauf erwischt. Die Spekulationsbombe ist quasi in ihren H&auml;nden explodiert. Die gesamtgesellschaftliche Brisanz von Spekulationsprodukten wie DB2GBH besteht also darin, dass diese Produkte in &uuml;beraus starkem Ma&szlig;e eine Ungleichheit von Verm&ouml;genspositionen bef&ouml;rdern. Der Emittent hingegen ist stets auf der sicheren Seite. Er hat das Risiko auf seine Kunden abgew&auml;lzt und kann sich auf seine Ertragsquellen konzentrieren. <\/p><p>Die in Kreisen neoliberal gepr&auml;gter Politiker erhobene Forderung nach einer privatwirtschaftlichen &Ouml;ffnung des Gl&uuml;cksspielmarktes ist in der Finanzwelt durch die immense F&uuml;lle der Spekulationsprodukte und das aggressive Marketing ihrer Emittenten l&auml;ngst Wirklichkeit geworden. Mit substanzorientiertem Investment und gesellschaftlicher Verantwortung hat diese Form der Geldanlage nichts mehr zu tun. Es z&auml;hlt nur das, was in den Produktinformationen unter dem Punkt &bdquo;R&uuml;ckzahlung&ldquo; steht: <em>Cash<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Kursanstieg einer Aktie oder eines B&ouml;rsenindexes gleicht doppelt profitieren &ndash; Outperformance-Zertifikate wie DB2GBH machen es m&ouml;glich. Sie symbolisieren den in der Finanzwelt unvermindert vorherrschenden Drang zur Generierung von Spekulationsgewinnen. Aber es drohen auch hohe Verlustrisiken. Ein Gewinner steht allerdings von vorneherein fest: der Emittent. 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