{"id":135875,"date":"2025-07-12T13:00:09","date_gmt":"2025-07-12T11:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135875"},"modified":"2025-07-11T19:45:59","modified_gmt":"2025-07-11T17:45:59","slug":"zur-hoelle-mit-dem-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135875","title":{"rendered":"\u201eZur H\u00f6lle mit dem Krieg\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das ber&uuml;hmte und immer noch weithin unbekannte Pamphlet des US-Generals <strong>Smedley Butler<\/strong> erscheint endlich in einer qualifizierten deutschen &Uuml;bersetzung des Verlags Fiftyfifty. &bdquo;War is a Racket&ldquo; erschien 1935; eine deutsche &Uuml;bersetzung des kurzen Texts war inklusive des englischen Originals in einer Art Raubdruck von 2019 verf&uuml;gbar. Eine Rezension von <strong>Christian Deppe<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer deutsche Titel &ndash; im Original sind es die letzten Worte des Texts &ndash; ist der Bannfluch des hochdekorierten Generals, der am Ende seiner Laufbahn zu der Erkenntnis kam, dass er Tausende Soldaten f&uuml;r das US-Kapital in den Tod geschickt hat. 1881 geboren, ging Butler mit 17 Jahren zur Armee und gewann seine R&auml;nge und Auszeichnungen in den US-Kriegen in der Karibik, in Mittelamerika und in Asien. 1930 nahm er seinen Abschied, als ihm bei der Berufung auf das Oberkommando des Marine Corps ein anderer General vorgezogen wurde.<\/p><p>Biographisches streift Butler nur in einer kurzen Bemerkung: &bdquo;F&uuml;r viele Jahre hatte ich als Soldat den Verdacht, dass der Krieg Unfug ist; erst als ich mich ins Zivilleben zur&uuml;ckzog, wurde mir das voll bewusst.&ldquo; (S. 14 unten). Von den Motiven und Wandlungen Butlers w&uuml;sste man gerne mehr.<\/p><p>Kann man &uuml;ber ein Buch gegen den Krieg, ein auf den Frieden gerichtetes Buch, neutral sprechen? Nein, nicht in dieser Zeit, nicht in diesem Land und ohnehin nicht, geht es doch um Leben und Tod, um den Zustand und den Wohlstand der Gesellschaft und direkt um die Frage: Was tun? Was tun gegen die Treiber und Betreiber von R&uuml;stung und Krieg?<\/p><p>Die Bedeutung des englischen &bdquo;racket&ldquo; changiert zwischen Schwindel, Betrug, Gaunerei, kriminelle Bande, Schl&auml;ger und Gesch&auml;ftemacherei. In dieser Mehrdeutigkeit ist das Wort nicht b&uuml;ndig ins Deutsche &uuml;bersetzbar; &bdquo;Unfug&ldquo; ist die harmloseste Fassung. Die praktischen Vorschl&auml;ge Butlers zur Zerschlagung des &bdquo;racket&ldquo; im vierten Kapitel spiegeln die Bedeutungen und m&uuml;nden in den Aufruf zur Beendigung aller Kriege: &bdquo;Zur H&ouml;lle mit dem Krieg.&ldquo; Der Titel ist gut gew&auml;hlt, nicht nur wegen der Schwierigkeiten von &bdquo;racket&ldquo;.<\/p><p>Ein General wird zum Pazifisten? Wie kommt das? Krieg ist nichts als eine Gaunerei, ein eintr&auml;gliches Gesch&auml;ft, so die Erkenntnis Butlers. Es sind die V&ouml;lker, die k&auml;mpfen und sterben; es sterben nicht die, die den Krieg anzetteln und den Profit einstreichen. Das durch Kriege gewonnene Land wird von den wenigen ausgebeutet, die schon aus dem Krieg Profit zogen. Bis 1898, so Butler, besa&szlig;en die USA kein Territorium au&szlig;erhalb des US-Festlands. Dann begannen die Kriege, und die Schulden der USA wuchsen um ein Vielfaches. Das ist aktuell: Die USA vollziehen an sich selbst, was seinerzeit gegen&uuml;ber der Sowjetunion Erfolg hatte: Sie r&uuml;sten sich in den Ruin.<\/p><p>Liegt die Profitrate der Konsum- und der Investitionsg&uuml;terindustrie bei um die zehn Prozent, so explodiert sie in der R&uuml;stungsindustrie: &bdquo;Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt&ldquo;, so Butler, 20, 100, 300 und 1.800 Prozent sind m&ouml;glich. Butler f&uuml;hrt die Bilanzen einiger Konzerne (Du Pont, Anaconda) und die Praktiken einiger Branchen an (die an die j&uuml;ngsten Skandale der Beschaffung von Masken und Impfstoffen erinnern). Die Banken aber sch&ouml;pfen den Rahm ab. Wie sie das machen, blieb trotz Untersuchung durch den Senat geheim. Dessen Empfehlungen sollen die Kriegsprofite verringern &ndash; nicht aber die Verluste von Menschenleben. R&uuml;stungsg&uuml;ter saugen der Gesellschaft die f&uuml;r ihren Erhalt und ihre Entwicklung notwendigen Mittel ab. Anders als Investitions- und Konsumg&uuml;ter sind sie pr&auml;emptiver Schrott, dead end, und bringen den Tod.<\/p><p>Den Profit der Industrie und der Banken bezahlen wir alle, durch Steuern und Anleihen, die von den Banken manipuliert werden. Die Soldaten zahlen mit ihrem Leben. Butler fordert dazu auf, die Soldatenfriedh&ouml;fe in den L&auml;ndern zu besuchen, in denen die USA Krieg gef&uuml;hrt haben, und in die Hospit&auml;ler zu gehen, in denen die Verst&uuml;mmelten und Traumatisierten, &bdquo;50.000 zerst&ouml;rte Menschen&ldquo;, &bdquo;lebende Tote&ldquo;, aus der &Ouml;ffentlichkeit herausgehalten werden, in Kasernen eingesperrt. Das ruft die Fotos der Verst&uuml;mmelten des Ersten Weltkriegs in Ernst Friedrichs &bdquo;Krieg dem Kriege&ldquo; in Erinnerung. Die zerst&ouml;rten Menschen geh&ouml;rten zu den &bdquo;Besten&ldquo;, wurden auf Krieg programmiert, abgerichtet und dann aus der Kriegsmaschinerie ausgespuckt: &bdquo;Physisch sind sie in guter Verfassung, mental sind sie gestorben.&ldquo; Sp&auml;ter bekam das einen Namen und eine Abk&uuml;rzung: &bdquo;PTBS&ldquo; &ndash; Posttraumatische Belastungsst&ouml;rung. Die Soldaten bezahlen damit &bdquo;ihren Teil der Kriegsgewinne&ldquo;.<\/p><p>Bis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 k&auml;mpften Soldaten f&uuml;r Geld, dann wurden Medaillen und Propaganda als Lockmittel eingesetzt: Krieg ist doch ein Abenteuer, der liebe Gott und das Vaterland wollen ihn.<\/p><p>Butlers Erkenntnisse zielen auf praktisches Handeln: Abr&uuml;stungskonferenzen und Friedensverhandlungen beseitigen nicht das Kriegsmotiv, den Profit. Es gibt nur eine Abr&uuml;stung, und das ist die Verschrottung allen Kriegsger&auml;ts und das Verbot der Erforschung immer grausamerer Waffen, damals wie heute t&ouml;dlicher Chemikalien und Gase. Das geht nur so: Die Profiteure des Krieges sollen nicht mehr als das Einkommen erhalten, &bdquo;das dem Soldaten im Sch&uuml;tzengraben gezahlt wird&ldquo;. Kapital und Arbeiterschaft sollen dar&uuml;ber nachdenken, und &bdquo;man wird sehen, es wird keinen Krieg geben&ldquo;. Um die Gaunerei der Kriegswirtschaft zu beenden, braucht es eine beschr&auml;nkte Volksbefragung, die Abstimmung &uuml;ber einen Kriegseintritt allein durch die Betroffenen, die &bdquo;zum K&auml;mpfen und Sterben gerufen w&uuml;rden&ldquo;, also nicht der alten M&auml;nner (und, inzwischen, Frauen). Eine weitere Ma&szlig;nahme sei, so Butler, die strikte Beschr&auml;nkung des Milit&auml;rs und seiner Waffen auf die Verteidigung des eigenen Territoriums.<\/p><p>&bdquo;Zur H&ouml;lle mit dem Krieg&ldquo; ist die Aufforderung, sich dem kriegsl&uuml;sternen Kapital und seinen Helfershelfern in Politik und Medien entgegenzustellen. Drei Schritte, so Butler, sind erforderlich, um den Kriegsschwindel, die Gesch&auml;ftemacherei am Tod, zu beenden. Butlers Vorschl&auml;ge, wie lassen sie sich unter den Bedingungen der Gegenwart realisieren? Wie kann der Profit aus der R&uuml;stung genommen werden? Wie kann die Jugend erm&auml;chtigt werden, &uuml;ber Krieg oder Frieden zu entscheiden? Wie wird das Milit&auml;r auf die Heimatverteidigung und auf geringe Reichweiten der Flugzeuge und Schiffe beschr&auml;nkt (&bdquo;home defense purposes&ldquo;)?<\/p><p>Der Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg wurde von den europ&auml;ischen Alliierten erpresst, so Butler: Die Alliierten seien dabei, den Krieg zu verlieren, so argumentierten die Alliierten, und damit w&auml;ren die Kredite der USA an England, Frankreich und Italien verloren; also m&uuml;ssen die USA an der Seite der Alliierten in den Krieg eintreten, damit ihre Kredite und die Alliierten gerettet werden. Das klingt zeitgen&ouml;ssisch.<\/p><p>&bdquo;Mit dem Frieden mehr Geld verdienen als mit dem Krieg&ldquo; &ndash; mit dieser ebenso &uuml;berraschenden wie illusorischen Perspektive m&uuml;ndet der Text in den nicht &uuml;berraschenden, abrupten Ausruf der letzten Zeile: &bdquo;Also &hellip; ich sage: Zur H&ouml;lle mit dem Krieg!&ldquo; Butler meint offenbar, durch Umwidmung von Forschung und Wissenschaft f&uuml;r friedliche Zwecke Wohlstand f&uuml;r alle erreichen und das Kapital zur M&auml;&szlig;igung durch Gemeinwohlorientierung bewegen zu k&ouml;nnen. Er vermittelt den Eindruck, als habe er sich mit dem anhaltenden Problem der &bdquo;unnat&uuml;rlichen Profitrate&ldquo; (Wolfram Elsner) nicht weiter befassen wollen.<\/p><p>Erich Vad, ehemals milit&auml;rpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel, hat ein Vorwort beigesteuert. Dem Erfahrungsgehalt, der Pr&auml;gnanz und dem Zorn Butlers wird Vad nicht gerecht, wenn er sich f&uuml;r &bdquo;milit&auml;rische St&auml;rke&ldquo; (S. 11) stark macht.<\/p><p>&Uuml;ber Krieg oder Frieden sollen allein die vom Milit&auml;rdienst Betroffenen abstimmen. Damit die Jugend dazu bef&auml;higt wird, geh&ouml;rt das Buch in deren Hand, also in die Bibliotheken der Schulen und in den Unterricht, also in den Lesekanon der F&auml;cher Geschichte und Politik. Patenschaften f&uuml;r Buchspenden an die Schulen und andere Institutionen, auch solche der Bundeswehr, k&ouml;nnen das bef&ouml;rdern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ber&uuml;hmte und immer noch weithin unbekannte Pamphlet des US-Generals <strong>Smedley Butler<\/strong> erscheint endlich in einer qualifizierten deutschen &Uuml;bersetzung des Verlags Fiftyfifty. &bdquo;War is a Racket&ldquo; erschien 1935; eine deutsche &Uuml;bersetzung des kurzen Texts war inklusive des englischen Originals in einer Art Raubdruck von 2019 verf&uuml;gbar. 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