{"id":136,"date":"2004-07-13T11:28:06","date_gmt":"2004-07-13T10:28:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=136"},"modified":"2016-03-29T18:08:48","modified_gmt":"2016-03-29T16:08:48","slug":"einkommen-runter-fur-den-standort-am-besten-zuerst-die-hochsten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136","title":{"rendered":"Einkommen runter f\u00fcr den Standort? Am besten zuerst die h\u00f6chsten."},"content":{"rendered":"<p>Von Michael Dauderst&auml;dt, Leiter Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung.<br>\n<!--more--><br>\nDeutschlands L&ouml;hne sind mit die h&ouml;chsten in der Welt. Mit diesen Kosten k&ouml;nnen unsere Unternehmen nicht mehr im globalen Wettbewerb mithalten. Die Pleitenwelle rollt und die Arbeitslosigkeit steigt. Zwar sind wir Exportweltmeister, aber die in den Exporten inkorporierte Arbeit wird immer mehr woanders geleistet. Das kluge, kostenbewusste deutsche Unternehmen verlagert Arbeitspl&auml;tze an kosteng&uuml;nstigere Standorte nach Osteuropa oder besser gleich nach Indien oder China. Wenn wir also Besch&auml;ftigung und Wertsch&ouml;pfung am Standort Deutschland erhalten wollen, dann m&uuml;ssen die Kosten, vor allem die L&ouml;hne, runter (oder &ndash; was ziemlich das gleiche ist &ndash; die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich hoch). So jedenfalls lautet die Mantra, die t&auml;glich von den akademischen H&ouml;hen des ifo-Chefs Sinn bis zu den unsinnigen Tiefen der TV-Talkshows heruntergeleiert wird. <\/p><p>Aber die Kosten (L&ouml;hne, Steuern) des einen (Unternehmens) sind die Einkommen des anderen (Arbeitnehmers, Staates, Zulieferers). Wenn man den Aufwand hier senkt, sinkt der Ertrag dort. Diese simple Logik l&auml;sst sich aber auch umdrehen. Senken wir Einkommen auf der einen Seite, so sinken die Kosten auf der anderen. Aber welche Einkommen bringen die gr&ouml;&szlig;ten Kostensenkungen? Naturgem&auml;&szlig; die h&ouml;chsten. Sehen wir uns die Einkommensverteilung in Deutschland an. Nach Weltbankdaten von 2003, die allerdings auf einer Erhebung von 1998 beruht, verdienten die reichsten 20% der Deutschen 44,7% des Volkseinkommens, die &auml;rmsten 20% aber nur 5,7%. Die &auml;rmeren 60% zusammen kommen mit etwa 31% gerade &uuml;ber den Anteil der reichsten 10% (28,7%). Wenn man deren Einkommen zur Kostenersparnis um 10% reduzieren w&uuml;rde, erreicht man so viel wie bei einer 50%igen K&uuml;rzung der &auml;rmsten 20%. <\/p><p>W&uuml;rden wir die Kapitaleinkommen der Verm&ouml;gensbesitzer und die L&ouml;hne der Spitzenverdiener senken, s&auml;nken die Kosten der Unternehmen. In der Deutschen Bank etwa steigen die Aufwendungen f&uuml;r den Vorstand in f&uuml;nf Jahren um mehr als 400% (1998: 7,7 Mio &euro;; 2003: 31,2 Mio &euro;) und damit vom 84fachen des Durchschnittsentgeltes eines Arbeitnehmers auf das 240fache. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das ist noch harmlos im Vergleich zu den USA, wo das Verh&auml;ltnis zwischen den Einkommen der Produktionsarbeiter und Spitzenmanager vom 93fachen 1988 auf das 419fache 1999 anstieg. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Vielleicht ist das auch ein Grund f&uuml;r das wachsende Handelsbilanzdefizit der USA? Sie produzieren zu teuer, aber suchen das Heil auch nur in der Verlagerung nach Mexiko und Asien&hellip;<\/p><p>Im &ouml;ffentlichen Sektor lie&szlig;en sich mit einem Abbau der Spitzeneinkommen die Steuern senken, auch wenn dort die Einkommensspreizung vielleicht geringer ausf&auml;llt als in der Gesamtgesellschaft. Aber warum sollen nur die Flie&szlig;bandarbeiter bei Siemens sich dem Gehaltsniveau in Ungarn anpassen? Auch der ungarische Europaparlamentarier verdient nur 761 Euro statt der 7009 Euro des deutschen. Bei den Spitzen der Regierung, Verwaltung, Bildung, Gesundheit und Justiz sieht das sicher nicht viel anders aus. Da lie&szlig;e sich mit der Auslagerung von Arbeitspl&auml;tzen einiges einsparen.<\/p><p>Warum klingt das unrealistisch? Sollte es wirklich nur die Macht der Reichen sein, die alle Anpassungslasten auf die Armen abladen will? Zwei andere Faktoren k&ouml;nnten eine Rolle spielen: Erstens, das hohe Einkommen spiegelt hohe Leistung wider; zweitens, die hohen Einkommen sind gegen den Wettbewerb derer, die bereit und in der Lage sind, den Job f&uuml;r weniger Geld zu machen, besser gesch&uuml;tzt. Das erste kann man getrost vergessen. Keiner arbeitet 400 mal so lange und effizient wie ein Durchschnittsarbeiter. Die Ergebnisse der Unternehmen sind auch nicht mit den Vorstandsgeh&auml;ltern korreliert. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Von der Performance unserer anderen Spitzenleute ganz zu schweigen. Auch 350.000 Euro Einkommen d&auml;mpfen die Versuchung, sich ein Wochenende im Adlon spendieren zu lassen, nicht. Die Reichen strengen sich auch nicht besonders an. Zumindest ruinieren sie nicht ihre Gesundheit, denn die Lebenserwartung der h&ouml;her und besser Gestellten ist auch noch h&ouml;her als die der Armen. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] <\/p><p>Also ist die Ungleichheit eher Ausdruck des verhinderten Wettbewerbs. Beim &ouml;ffentlichen Sektor &uuml;berrascht das nicht: er l&auml;sst sich nicht so leicht verlagern. Da m&uuml;sste die demokratische Kontrolle ran. Aber wieso produziert die freie Marktwirtschaft dieses wettbewerbsunf&auml;hige Ergebnis? Weil sie eben doch nicht frei ist. Einmal wird das Angebot an Spitzenqualifikationen begrenzt. Sozialdemokraten k&auml;mpfen dagegen an, indem sie die Eliteuniversit&auml;ten ausbauen. Zum andern ist es die Risikoaversion der Arbeitgeber, f&uuml;r die immer nur das scheinbar beste gut genug ist, obwohl es oft schlecht ist, weswegen weniger prominente Kandidaten f&uuml;r einen Job schlechte Chancen haben und die prominenten die Preise immer h&ouml;her schrauben k&ouml;nnen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Hans-Hagen H&auml;rtel &bdquo;Fundmentaler Wandel der Ma&szlig;st&auml;be&ldquo; in Wirtschaftsdienst 6\/2004, S.349.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Kevin Phillips &bdquo;Die amerikanische Geldaristokratie. Eine politische Geschichte des Reichtums in den USA&ldquo; Frankfurt\/New York 2003, S.191.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Hartel, a.a.O., S. 353.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vicente Navarro &bdquo;Inequalities are Unhealthy&ldquo; in Monthly Review Band 56 Heft 2 (June 2004), S.26-30.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Michael Dauderst&auml;dt, Leiter Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,132,157],"tags":[1474,443,291],"class_list":["post-136","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-managergehaelter","tag-standortwettbewerb","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32567,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136\/revisions\/32567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}