{"id":136206,"date":"2025-07-20T13:00:48","date_gmt":"2025-07-20T11:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136206"},"modified":"2025-07-18T21:31:09","modified_gmt":"2025-07-18T19:31:09","slug":"die-mexikanische-revolution-ringt-mit-ihren-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136206","title":{"rendered":"Die mexikanische Revolution ringt mit ihren Grenzen"},"content":{"rendered":"<p>Die Regierungspartei Morena &bdquo;regiert f&uuml;r das Volk, aber nicht mit dem Volk&rdquo;. Licht und Schatten der Regierungen der vierten Transformation. Pr&auml;sidentin Claudia Sheinbaum vertieft den sozial-liberalen Ansatz &ndash; aber die Kluft zwischen der Elite und der hispanisch-indigenen Mehrheit bleibt intakt. Von <strong>Eduardo J. Vior<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZeitgleich mit der Ankunft des neuen US-Botschafters in Mexiko und im Vorfeld des bevorstehenden Besuchs des US-Au&szlig;enministers Marco Rubio warfen die geringe Beteiligung an den ersten Direktwahlen zur Besetzung der H&auml;lfte des Justizapparats am 1. Juni sowie die Ermordung von zwei engen Vertrauten der Regierungschefin von Mexiko-Stadt am 20. Mai einen Schatten auf die Idylle, die die Regierung der vierten Transformation (4T) mit der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung erlebt.<\/p><p>Claudia Sheinbaum Pardo vertraut auf die Legitimit&auml;t, die ihr die Allgegenwart des Staates verleiht, um Mexiko endg&uuml;ltig den Stempel des sozialen Liberalismus aufzudr&uuml;cken. Doch die Kluft, die die intellektuelle, politische und wirtschaftliche Elite von den 70 Prozent der hispanisch-indigenen und katholischen Bev&ouml;lkerung trennt, l&auml;sst sich nicht mit rationalen Ma&szlig;nahmen &uuml;berwinden. Es bedarf vielmehr eines Herzens, das der Elite fehlt.<\/p><p>Ximena Guzm&aacute;n Cuevas, pers&ouml;nliche Sekret&auml;rin der Regierungschefin von Mexiko-Stadt, Clara Brugada, und Jos&eacute; Mu&ntilde;oz Vega, Sicherheitsberater von Brugada, wurden am Dienstagmorgen, dem 20. Mai, auf der Stra&szlig;e Calzada de Tlalp&aacute;n im Viertel Colonia Ju&aacute;rez ermordet. Vier Auftragskiller schossen aus n&auml;chster N&auml;he auf sie und flohen auf ihren Motorr&auml;dern in entgegengesetzter Fahrtrichtung.<\/p><p>Das Ereignis hatte sofort erhebliche internationale Auswirkungen. Einen Tag zuvor hatte der neue US-Botschafter Ronald Johnson Pr&auml;sidentin Claudia Sheinbaum sein Beglaubigungsschreiben &uuml;berreicht. Johnson war zuvor in El Salvador t&auml;tig gewesen, wo er die harte Anti-Kriminalit&auml;tspolitik von Pr&auml;sident&nbsp;Nayib Bukele unterst&uuml;tzte. Kaum im Amt, musste er sich nun beeilen, die Ankunft seines Vorgesetzten, des Au&szlig;enministers und nationalen Sicherheitsberaters des Wei&szlig;en Hauses, Marco Rubio, vorzubereiten, der angek&uuml;ndigt hatte, in den darauffolgenden Wochen nach Mexiko zu reisen, um die bilaterale Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit und des Handels zu vertiefen.<\/p><p>Bei dieser Gelegenheit nutzte er seinen Auftritt prompt, um der Presse mitzuteilen, dass die Ermordung der beiden Hauptstadtbeamten zeige, dass in einigen Regionen Mexikos &bdquo;das organisierte Verbrechen herrscht&rdquo; und &bdquo;politische Gewalt eine Realit&auml;t ist&rdquo;. F&uuml;r diese &Auml;u&szlig;erungen erhielt er am Donnerstag, dem 22. Mai, eine scharfe R&uuml;ge von Pr&auml;sidentin Sheinbaum in ihrer &bdquo;Ma&ntilde;anera del Pueblo&rdquo; &ndash; der morgendlichen Pressekonferenz.<\/p><p>Der Au&szlig;enminister, von kubanischer Abstammung, tauschte innerhalb weniger Monate &Uuml;berzeugungen gegen Macht ein: Er stellte seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine ein, um die Friedensinitiative von Donald Trump voranzutreiben. Ebenfalls in der dritten Maiwoche verl&auml;ngerte er Chevron die Lizenz zur weiteren F&ouml;rderung venezolanischen &Ouml;ls. Dieser Pragmatismus pr&auml;gt auch sein Verh&auml;ltnis zu Mexiko: Er verspricht, ein verl&auml;sslicher Partner f&uuml;r die Aufrechterhaltung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens zu sein, fordert im Gegenzug aber Anstrengungen vom mexikanischen Staat gegen die Drogenkartelle und gegen die Verbindungen zwischen politischen F&uuml;hrungspersonen und dem organisierten Verbrechen.<\/p><p>Rubio ist sich mit dem US-Pr&auml;sidenten einig, dass die USA den Krieg gegen den Drogenhandel gewinnen k&ouml;nnen, weniger jedoch darin, dass dazu eine milit&auml;rische Intervention im Nachbarland notwendig sei. Der Minister setzt eher auf Zusammenarbeit, und aus seinem Umfeld wird auf die dauerhafte Entsendung von US-Agenten und Milit&auml;rs nach Mexiko hingewiesen, um dort mit Zustimmung des Senats der Republik verschiedene gemeinsame Eins&auml;tze mit dem mexikanischen Verteidigungsministerium durchzuf&uuml;hren. Nat&uuml;rlich spielt die anhaltende Gewalt in Mexiko jenen in die H&auml;nde, die &ndash; wie Michael Anton, Direktor f&uuml;r Politikplanung im US-Au&szlig;enministerium und wichtigster au&szlig;enpolitischer Ideologe der Trump-Administration &ndash; eine einseitige milit&auml;rische Intervention bef&uuml;rworten.<\/p><p>Diese Diskussionen innerhalb der US-Regierung beeinflussen wiederum den Kurs der mexikanischen Regierung, in der eher &bdquo;zivil orientierte&rdquo; Kreise&nbsp;aus der Zeit des Ex-Pr&auml;sidenten Manuel L&oacute;pez Obrador (Amlo) einen Gro&szlig;teil ihrer Macht und Einflusspositionen an das mexikanische Verteidigungsministerium abgetreten haben. Die Pr&auml;sidentin balanciert zwischen beiden Lagern.<\/p><p>Seit 2018 vertreten beide Regierungen der Nationalen Regenerationsbewegung (Morena) konsequent die Auffassung, dass die Bek&auml;mpfung des Drogenhandels in der Verantwortung der Generalstaatsanwaltschaft (FGR), der Justiz und der Polizeikr&auml;fte liege, die zwar von den Streitkr&auml;ften unterst&uuml;tzt, jedoch nicht ersetzt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus, um die Justiz von mafi&ouml;sen Strukturen zu s&auml;ubern, verabschiedete L&oacute;pez Obrador eine Justizreform, die die direkte Wahl von Richterinnen und Magistratinnen vorsieht. Diese fand am 1.&#8239;Juni statt &ndash; doch nur 13&#8239;Prozent der Wahlberechtigten nahmen teil. Dies gab&nbsp;der Rechten Auftrieb, die Legitimit&auml;t der neuen Justizbeh&ouml;rden, darunter einer Person indigener Herkunft, in Frage zu stellen.<\/p><p>Der sogenannte &bdquo;Krieg gegen den Drogenhandel&rdquo; (2006&ndash;2018) hat in der mexikanischen Gesellschaft zahlreiche, bis heute offene Wunden hinterlassen. Zwischen Dezember 2006 und Januar 2022 wurden zwischen 350.000 und 400.000 Menschen sowohl von Kartellen als auch von Polizei und Milit&auml;r get&ouml;tet. Der massive Einsatz der Streitkr&auml;fte gegen die Kartelle konnte zwar einige Banden zerschlagen, beendete jedoch nicht den Drogenhandel, der weiterhin durch die anhaltende und wachsende Nachfrage jenseits der Nordgrenze befeuert wird. Die Entscheidung f&uuml;r reine Repression wiederum hat staatliche Institutionen wie auch das Milit&auml;r selbst zutiefst korrumpiert.<\/p><p>Derzeit konzentriert sich der Kampf gegen den Drogenhandel auf den Handel mit Fentanyl &ndash; einer hochgradig suchterzeugenden synthetischen Droge, die in den Gro&szlig;st&auml;dten der USA verheerende Sch&auml;den anrichtet. Als besonders wirksam im Kampf gegen dieses &Uuml;bel hat sich die Zusammenarbeit mit China erwiesen, insbesondere bei der Kontrolle der Lieferungen von Vorl&auml;uferstoffen f&uuml;r die Herstellung nach Mexiko.<\/p><p>Seit Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador im Jahr 2018 das Pr&auml;sidentenamt &uuml;bernommen hat, hat sich der sicherheitspolitische Ansatz grundlegend gewandelt: Unter dem Motto &bdquo;Umarmungen statt Sch&uuml;sse&rdquo; haben die Morena-Regierungen den Einsatz der Streitkr&auml;fte teilweise eingeschr&auml;nkt, die Sicherheitsapparate bereinigt, der Einmischung nordamerikanischer Beh&ouml;rden auf mexikanischem Boden Grenzen gesetzt und sozialpolitischen Ma&szlig;nahmen zur Wiedergutmachung in besonders gef&auml;hrdeten Regionen und Bev&ouml;lkerungsgruppen hohe Priorit&auml;t einger&auml;umt. Vor allem haben sie die Korruption energisch bek&auml;mpft &ndash; ein Verdienst, das ihnen national wie international Anerkennung verschafft.<\/p><p>Das Drama der Verschwundenen bleibt jedoch weiterhin bestehen. Sch&auml;tzungen zufolge sind seit 2006 mehr als 116.000 Menschen verschwunden. Gewalt, Auseinandersetzungen zwischen Kartellen und die Beteiligung der Sicherheitskr&auml;fte an Operationen gegen den Drogenhandel waren dabei ausschlaggebende Faktoren.<\/p><p>Als eine der Reaktionen der mexikanischen Gesellschaft auf die Gewalt hat sich die Bewegung Las Madres Buscadoras (Die suchenden M&uuml;tter) herausgebildet. Es handelt sich dabei um Aktivistinnen und M&uuml;tter, die nach ihren verschwundenen Kindern suchen und Gerechtigkeit f&uuml;r die gewaltsamen Verschleppungen im Land fordern. Die Bewegung hat landesweit an St&auml;rke gewonnen und vereint heute zahlreiche Organisationen und Kollektive, die nach Wahrheit und Gerechtigkeit in Bezug auf die Verschwundenen streben.<\/p><p>Damit die mexikanische Gesellschaft die Folgen des &bdquo;Kriegs gegen den Drogenhandel&rdquo; nach und nach &uuml;berwinden kann, verfolgt Morena eine Wiedergutmachungspolitik, die auf Transparenz, Gleichheit und der Durchsetzung des Prinzips der sozialen Gerechtigkeit beruht, verankert in der mexikanischen Verfassung von 1917, der ersten Sozialverfassung des 20. Jahrhunderts.<\/p><p>Morena definiert sich als politische Partei und Bewegung, die eine demokratische und friedliche Transformation Mexikos anstrebt &ndash; inspiriert vom mexikanischen Humanismus und dem Kampf f&uuml;r soziale Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt stehen die Beteiligung der Bev&ouml;lkerung und das Streben nach einem egalit&auml;ren, inklusiven und souver&auml;nen Mexiko. In der Tradition der Unabh&auml;ngigkeit von 1821, der Liberalen Reform von 1857 und der Verfassung von 1917 versteht sich Morena als deren Fortsetzung und bezeichnet den gegenw&auml;rtigen Reformprozess als &bdquo;vierte Transformation&rdquo; (4T).<\/p><p>Ihre Wirtschaftspolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie der Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t und dem Schutz des Territoriums Vorrang einr&auml;umt und auf eine nachhaltige und gerechte b&auml;uerliche Landwirtschaft setzt. Die Ergebnisse zeigen sich auf den Stra&szlig;en der Hauptstadt: &Uuml;berall finden sich M&auml;rkte und Stra&szlig;enst&auml;nde mit frischem Gem&uuml;se von hervorragender Qualit&auml;t &ndash; ein Umstand, der die Ern&auml;hrung der Bev&ouml;lkerung sp&uuml;rbar verbessert hat.<\/p><p>Die Bundes-, Landes- und Kommunalregierungen von Morena sind bestrebt, einen Staat zu schaffen, der die Rechte vulnerabler Bev&ouml;lkerungsgruppen sch&uuml;tzt, darunter &auml;ltere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Indigene, Frauen und Kinder. In Mexiko ist die finanzielle Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Menschen &uuml;ber 65 Jahren in der Verfassung verankert &ndash; eine Initiative von Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador. Claudia Sheinbaum schlug k&uuml;rzlich vor, das Eintrittsalter f&uuml;r Frauen auf 60 Jahre zu senken. Anfang 2025 wurde die &bdquo;Rente f&uuml;r das Wohlergehen &auml;lterer Menschen&rdquo; an 12,3 Millionen Anspruchsberechtigte unabh&auml;ngig von deren Einkommenssituation ausgezahlt. Die Unterst&uuml;tzung betr&auml;gt derzeit umgerechnet rund 300 US-Dollar im Zweimonatsrhythmus.<\/p><p>Die Sozialpolitik von Morena folgt einer progressiven Agenda, die soziale Gerechtigkeit und kollektives Wohlergehen anstrebt, mit besonderem Fokus auf den&nbsp;Rechten von Frauen, der LGBTQ+-Gemeinschaft und der indigenen Bev&ouml;lkerung. Morena hat jedoch nicht auf Steuererh&ouml;hungen f&uuml;r Reiche gesetzt, um die soziale Ungleichheit zu verringern, sondern auf Sparma&szlig;nahmen und die Bek&auml;mpfung der Korruption.<\/p><p>Jahrzehntelang behielt die damals regierende Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) die nahezu vollst&auml;ndige Kontrolle &uuml;ber die mexikanische Gesellschaft, indem sie sich deren soziale Organisationen einverleibte und f&uuml;r eigene Zwecke nutzbar machte. So waren das Milit&auml;r, der Unternehmerverband und der Gewerkschaftsdachverband CGTM in die Regierungspartei selbst integriert. Als diese im Jahr 2000 von der Partei der Nationalen Aktion (Partido de Acci&oacute;n Nacional, PAN) abgel&ouml;st wurde, ersetzte eine technokratisch-unternehmerische Elite das bisherige Herrschaftsschema. Sie erwies sich jedoch rasch als unf&auml;hig, das Land zu regieren, und st&uuml;rzte es in den &bdquo;Krieg gegen den Drogenhandel&rdquo;.<\/p><p>Heute lehnt Morena die kollektive Interessenvertretung ab und sucht stattdessen den direkten Kontakt zu den Menschen und vulnerablen Gruppen, ohne ihnen jedoch eine wirksame politische Teilhabe zu erm&ouml;glichen.<\/p><p>Diese Nuance der politischen Ausrichtung von Morena zeigt sich besonders deutlich im Verh&auml;ltnis zur Gewerkschaftsbewegung. In Mexiko sind rund 3.347 Gewerkschaften registriert, die etwa zehn Prozent der erwerbst&auml;tigen Bev&ouml;lkerung vertreten. Diese Gewerkschaften &ndash; zum Teil nur betrieblich organisiert, also jeweils an ein bestimmtes Unternehmen gebunden &ndash; sind in vier gro&szlig;e und mehrere kleinere Dachverb&auml;nde gegliedert, einige sind keinem Verband angeschlossen. Da sich die Gewerkschaften ausschlie&szlig;lich &uuml;ber freiwillige Mitgliedsbeitr&auml;ge finanzieren, verf&uuml;gen sie &uuml;ber geringe operative Handlungsspielr&auml;ume. Der Staat bezieht ihre Vertreter kaum in politische Entscheidungsprozesse ein, die ihre T&auml;tigkeit betreffen, und reduziert ihre Rolle auf die Vertretung beruflicher Belange.<\/p><p>Dieser liberale Ansatz zur L&ouml;sung sozialer Probleme hat seine Kosten. Seit Mai 2024, noch w&auml;hrend der Amtszeit von AMLO, besteht ein Konflikt zwischen dem Staat und der Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educaci&oacute;n (CNTE), der gr&ouml;&szlig;ten gewerkschaftlichen F&ouml;deration, die Lehrerinnen und Lehrer im ganzen Land vertritt. Diese F&ouml;deration, die sich laut Eigendefinition ihrer F&uuml;hrung mehrheitlich als &bdquo;linke Volksbewegung&rdquo; versteht, verfolgt eine bedeutende Forderungsplattform im Rahmen einer radikaldemokratischen Strategie, die Wahlen lediglich als eines von vielen Mitteln betrachtet, mit denen die Bev&ouml;lkerung eine neue Form basisorientierter und partizipativer Demokratie aufbauen kann.<\/p><p>Diese unterschiedlichen Auffassungen &uuml;ber die F&uuml;hrung von Morena haben den Konflikt verl&auml;ngert, ihn f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung kaum nachvollziehbar gemacht und dem ohnehin bereits durch seine geringe Qualit&auml;t belasteten &ouml;ffentlichen Schulsystem erheblichen Schaden zugef&uuml;gt.<\/p><p>Eine am 12. Mai ver&ouml;ffentlichte Meinungsumfrage ergab, dass die Regierung von Claudia Sheinbaum siebeneinhalb Monate nach ihrem Amtsantritt auf eine Zustimmungsrate von 76&#8239;Prozent kommt. Die Befragten sch&auml;tzen ihre transparente, nahbare und engagierte Haltung gegen&uuml;ber den Problemen der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Die Regierung von Morena kann eine beeindruckende Bilanz an Ma&szlig;nahmen zugunsten der Bev&ouml;lkerung vorweisen &ndash; ohne ihr jedoch eine andere Rolle einzur&auml;umen als die an der Wahlurne oder gelegentlich bei Aufrufen zur Unterst&uuml;tzung auf dem Z&oacute;calo, dem zentralen Platz der Hauptstadt. Dieser Elitismus wurde besonders im Zusammenhang mit der Justizreform deutlich. Morena regiert f&uuml;r das Volk, aber nicht mit dem Volk.<\/p><p>Mitten in einer Gewaltwelle, die kaum nachgelassen hat, verst&auml;rkt die katholische Kirche ihre Bem&uuml;hungen um den Wiederaufbau des Friedens. Im Rahmen des Nationalen Dialogs f&uuml;r den Frieden und mehr als 300 Initiativen im ganzen Land engagieren sich Bisch&ouml;fe, Priester und Laien in der Ausbildung von Mediatoren, der psychosozialen Betreuung und der Begleitung von Opfern. Dabei gehen sie Risiken ein und setzen auf Hoffnung, obwohl, wie die Kirchenvertreter selbst betonen, &bdquo;mit dem organisierten Verbrechen kein Dialog m&ouml;glich ist&rdquo;.<\/p><p>In Mexiko bezeichnen sich laut offiziellen Daten aus dem Jahr 2020 rund 77,7&#8239;Prozent der Bev&ouml;lkerung als katholisch. Im Vergleich zur Volksz&auml;hlung von 2010 ist das ein R&uuml;ckgang um f&uuml;nf Prozent. 8,1&#8239;Prozent der Befragten gaben an, agnostisch zu sein.<\/p><p>Die gro&szlig;e Mehrheit der 98 Millionen Katholiken geh&ouml;rt laut soziologischen Erhebungen einer &bdquo;benachteiligten sozialen Schicht&rdquo; an und gilt als &bdquo;&auml;u&szlig;erst fromme Gemeinde&rdquo;. F&uuml;r ausl&auml;ndische Besucher, die das Land mit wachem Blick bereisen, ist die Allgegenwart volkst&uuml;mlicher Glaubensformen &uuml;berw&auml;ltigend. Montagmorgens um 11 Uhr an der Basilika von Guadalupe im Norden der Hauptstadt: Meine Frau und ich wollten das Heiligtum besuchen und dachten, ein Montagvormittag sei ein ruhiger Moment daf&uuml;r. Wie sehr wir uns geirrt hatten!<\/p><p>Die neue Basilika, die 1976 neben der alten eingeweiht wurde &ndash; deren Stabilit&auml;t durch wiederholte Erdbeben gef&auml;hrdet ist &ndash; hat eine halbkreisf&ouml;rmige Architektur und einen in Abschnitte unterteilten Vorhof. Als wir dort waren, waren drei der vier Abschnitte von Gl&auml;ubigen gef&uuml;llt, die an einer der Messen teilnahmen, die dort tats&auml;chlich st&uuml;ndlich gefeiert werden!<\/p><p>Am Ende verabschiedete der Priester die Gemeinde mit den Rufen: &bdquo;Es lebe die Jungfrau von Guadalupe!&rdquo;, &bdquo;Es lebe Christus, der K&ouml;nig!&rdquo; (dreimal) und &bdquo;Es lebe Mexiko!&rdquo; F&uuml;r alle, die sich ein wenig mit Geschichte auskennen, waren die Ankl&auml;nge an die Cristero-Bewegung aus Jalisco un&uuml;bersehbar &ndash; jenen katholischen Aufstand, der sich zwischen 1926 und 1929 gegen die s&auml;kularen Reformen der postrevolution&auml;ren Regierung richtete.<\/p><p>Wenn man nur durch das Landeszentrum reist, begegnen einem &uuml;berall Feste, Prozessionen, Feiern und religi&ouml;se Andachten. Der Katholizismus des mexikanischen Volkes ist allgegenw&auml;rtig und tief in Tradition und Geschichte verwurzelt.<\/p><p>Nach der demografischen Katastrophe durch Pest und Epidemien nach der Eroberung ab 1521, bei der Mexiko fast 90 Prozent seiner 20 Millionen Einwohner verlor, wurde das Vizek&ouml;nigreich Neuspanien als Zentrum der spanischen Macht in Amerika neu aufgebaut. Sein Gold und Silber gelangten nach Manila auf den Philippinen, wo sie gegen Waren aus China &ndash; damals das Zentrum der Welt &ndash; getauscht wurden. Diese Produkte wurden nach Acapulco transportiert, durchquerten das Land bis Veracruz und wurden von dort nach Spanien verschifft. Im Laufe des 17. Jahrhunderts verlor Spanien jedoch die Kontrolle &uuml;ber den Atlantik an Engl&auml;nder, Holl&auml;nder und Franzosen, und viele Jahre lang legte die Flotte weder ab noch kam an. So blieben die chinesischen Produkte in Mexiko, wo sie von der Elite eifrig konsumiert wurden. Zu jener Zeit war Neuspanien bei Weitem reicher als die Metropole und zweifellos das Zentrum des spanischen Reiches.<\/p><p>So entstand eine zahlenm&auml;&szlig;ig gro&szlig;e und komplexe hispanisch-indigene Gesellschaft, die auch die bourbonischen Reformen des 18. Jahrhunderts nicht zu zerschlagen vermochten. Diese Aufgabe &uuml;bernahm ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Freimaurerei. Die liberalen Reformen ab 1857 und die Mexikanische Revolution ab 1910 richteten sich gegen die Konservativen, aber auch in gro&szlig;em Ma&szlig;e gegen die katholische Kirche. Seit der liberalen Reform von Benito Ju&aacute;rez gilt in Mexiko die strikte Trennung von Kirche und Staat; dieser ist rigoros s&auml;kular, konfessionelle Schulen werden streng &uuml;berwacht, und an &ouml;ffentlichen Universit&auml;ten ist der Unterricht religi&ouml;ser F&auml;cher untersagt.<\/p><p>Wie lassen sich die Widerspr&uuml;che erkl&auml;ren zwischen den 76 Prozent Zustimmung f&uuml;r die Pr&auml;sidentin, dem elit&auml;ren und individualistischen Ansatz der liberalen Reformen der Morena-Regierung und dem militanten Katholizismus der &uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit der Bev&ouml;lkerung? Es entsteht der Eindruck, dass die mexikanische Bev&ouml;lkerung nach der Katastrophe des &bdquo;Kriegs gegen den Drogenhandel&rdquo; und angesichts der anhaltenden Gewalt den Regierungen der 4T einen Kredit des Vertrauens einger&auml;umt hat und dass sich diese bewusst sind, ihn zur&uuml;ckzahlen zu m&uuml;ssen. So erkl&auml;rt sich die Rasanz, mit der sie Reformen in allen politischen Bereichen vorantreiben. Sie sind begierig darauf, die seit 1810 ausstehenden liberalen Versprechen umzusetzen. Dabei werden sie jedoch mit einem Berg von Schulden konfrontiert sein, die sich seit 1521 angeh&auml;uft haben.<\/p><p><em><strong>Eduardo J. Vior<\/strong> analysiert politische Entwicklungen weltweit. Er wurde an der Universit&auml;t Gie&szlig;en in Sozialwissenschaften und an der brasilianischen Bundesuniversit&auml;t von Paran&aacute; in Soziologie promoviert.<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: Hans Weber, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/275736\/mexiko-liberale-revolution-grenzen\">Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Yats<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Regierungspartei Morena &bdquo;regiert f&uuml;r das Volk, aber nicht mit dem Volk&rdquo;. Licht und Schatten der Regierungen der vierten Transformation. Pr&auml;sidentin Claudia Sheinbaum vertieft den sozial-liberalen Ansatz &ndash; aber die Kluft zwischen der Elite und der hispanisch-indigenen Mehrheit bleibt intakt. Von <strong>Eduardo J. Vior<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":136207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,60,20,146],"tags":[1276,1092,2564,1563,1760,2393,1570,2812,1556,2399,3417],"class_list":["post-136206","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","category-soziale-gerechtigkeit","tag-attentat","tag-drogen","tag-gewalt","tag-kartell","tag-kriminalitaet","tag-lopez-obrador-andres-manuel","tag-mexiko","tag-saekularisation","tag-usa","tag-wiedergutmachung","tag-zivilgesellschaftlicher-dialog"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/shutterstock_2385342859.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=136206"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":136265,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136206\/revisions\/136265"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/136207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=136206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=136206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=136206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}