{"id":1363,"date":"2006-06-23T16:36:11","date_gmt":"2006-06-23T14:36:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1363"},"modified":"2016-02-05T11:31:33","modified_gmt":"2016-02-05T10:31:33","slug":"frustriert-von-deutschland-wandern-so-viele-deutsche-aus-wie-seit-122-jahren-nicht-mehr-die-heutige-nachrichtenlage-macht-diese-flucht-aus-unserem-lande-nur-allzu-verstandlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1363","title":{"rendered":"Frustriert von Deutschland wandern so viele Deutsche aus wie seit 122 Jahren nicht mehr. Die heutige Nachrichtenlage macht diese Flucht aus unserem Lande nur allzu verst\u00e4ndlich."},"content":{"rendered":"<p>Da gibt es in Deutschland geradezu eine hysterische Debatte &uuml;ber die demografische Entwicklung, die vielleicht in ein paar Jahrzehnten zu Buche schlagen wird. &Uuml;ber eine ganz aktuelle Bev&ouml;lkerungsentwicklung &ndash; das &bdquo;manager-magazin&ldquo; spricht gar schon dramatisierend von einer <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,422371,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,422371,00.html\">&bdquo;bev&ouml;lkerungspolitischen Krise&ldquo;<\/a> &ndash; wird bisher kaum geredet, n&auml;mlich dass nach Sch&auml;tzungen im letzten Jahr 250.000 Deutsche ausgewandert sind.<br>\nWarum wohl?<br>\n<!--more--><br>\nUnter der &Uuml;berschrift &bdquo;Wir bluten aus&ldquo; berichtet das &bdquo;manager-magazin&ldquo;, dass die Zahl der Deutschen, die die ihre Heimat verlassen, im Vergleich zu den 90er Jahren um 60 Prozent gestiegen ist, dass nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahre 2005 160.000 Deutsche sich &bdquo;ordnungsgem&auml;&szlig;&ldquo; abgemeldet h&auml;tten und dass die Zahl der Auswanderer tats&auml;chlich eher bei einer viertel Million liegen d&uuml;rfte.<\/p><p>Von &bdquo;ausbluten&ldquo; kann man allenfalls dann sprechen, wenn man auf das deutsche &bdquo;Blut&ldquo;, das abflie&szlig;t, abstellt und nicht die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland dagegen rechnet. So sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Verlauf des Jahres 2004 rund 127.150 Ausl&auml;nderinnen und Ausl&auml;nder in Deutschland eingeb&uuml;rgert worden. Die Zahl der eingeb&uuml;rgerten Ausl&auml;nderinnen und Ausl&auml;nder ist zwar seit 2002, wo noch 154.547 Menschen eingewandert sind, zur&uuml;ckgegangen, sie d&uuml;rfte aber auch 2005 nur einige zehntausend unter der Zahl der ausgewanderten Deutschen liegen. Z&auml;hlt man noch die sich hier dauerhaft aufhaltenden Migranten ohne Einb&uuml;rgerungsstatus hinzu, so d&uuml;rfte die Wanderungsbilanz ziemlich ausgeglichen, ja sogar eher positiv sein.<\/p><p>Die NachDenkSeiten sind weit davon entfernt aus diesen Abwanderungsbewegungen aus Deutschland nun gleich wieder eine der &uuml;blichen Katastrophenmeldungen zu machen, wie das offenbar der in den Magazinen ein als &bdquo;f&uuml;hrender&ldquo; Migrationsforscher apostrophierte Klaus Bade aus Osnabr&uuml;ck tut, der gleich von einer &bdquo;migratorisch suizidalen Situation&ldquo; spricht.<\/p><p>Sowohl Bade, wie laut <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,423009,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,423009,00.html\">SPIEGEL<\/a> auch einige Arbeitsmarktexperten schlagen vor allem deshalb die Alarmglocken, weil ihnen der hohe Anteil der Akademiker unter den deutschen Auswanderern Sorge macht. Wir hatten auf den NachDenkSeiten am 20.6.06 von einer <a href=\"?p=1357\">McKinsey-Umfrage<\/a> berichtet, dass unter dem akademischen Nachwuchs schon mehr als die H&auml;lfte dar&uuml;ber nachdenkt, auszuwandern. Zuwandern, so ihre Warnung, w&uuml;rden vor allem gering Qualifizierte.<br>\n&Auml;hnlich wie bei den Schreckensmeldungen &uuml;ber die angeblich weit &uuml;berdurchschnittlich hohe Kinderlosigkeit von Akademikerinnen bef&uuml;rchten unsere &bdquo;Bev&ouml;lkerungsforscher&ldquo; ein &bdquo;Ausbluten&ldquo; des intellektuellen &bdquo;Erbgutes&ldquo; in Deutschland bei gleichzeitiger Zufuhr von weniger &bdquo;Begabten&ldquo; Migranten. Dieser latente oder gar offene Rassismus ist ja bei vielen sog. Bev&ouml;lkerungsexperten immer wieder anzutreffen.<\/p><p>Tatsache scheint aber auch zu sein, dass sich nicht nur deutsche &Auml;rzte nach England oder sich deutsche Wissenschaftler in die USA absetzen, sondern dass auch deutsche Arbeitslose ins Ausland gehen. Allein in &Ouml;sterreich etwa gibt es mittlerweile mehr deutsche Gastarbeiter als t&uuml;rkische &ndash; n&auml;mlich insgesamt &uuml;ber f&uuml;nfzig Tausend.<\/p><p>Die Angst vor Arbeitslosigkeit oder die Suche nach besseren Jobperspektiven treibe immer mehr Deutsche ins Ausland, schreibt der SPIEGEL. &Uuml;ber die Motive der Auswanderer gibt es allerdings bisher nur Spekulationen, aber auch in meinem ganz pers&ouml;nlichen Umfeld, h&ouml;re ich immer &ouml;fter von Menschen, denen ich begegne, dass sie sagen, &bdquo;am liebsten m&ouml;chte man auswandern&ldquo;.<\/p><p>Mich erstaunt das nicht. Man nehme nur einmal die aktuellen Nachrichten: W&uuml;stenrot will jede vierte Stelle streichen. Der Joint Venture zwischen Siemens und Nokia soll 9.000 Stellen kosten. Bei VW stehen 20.000 Arbeitspl&auml;tze auf dem Spiel. Und dann die Allianz: &bdquo;Aus einer Position der St&auml;rke&ldquo;, wie Allianz-Chef Michael Diekmann so sch&ouml;n formulierte, will der Versicherungskonzern trotz viereinhalb Milliarden Gewinn im letzten Jahr, zusammen mit seiner &bdquo;Tochter&ldquo;, der Dresdener Bank, 7.500, d.h. jede sechste Vollzeitstelle streichen, umgerechnet auf die davon betroffenen Arbeitnehmer sind das um die 10.000 Menschen. Gleichzeitig erkl&auml;rt der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft, dass etwa noch weitere 3% der 233.000, also noch weitere 7.000 Stellen auf diesem Sektor abgebaut w&uuml;rden.<\/p><p>Die Dresdener Bank will durch die Entlassung von 2500 Mitarbeitern das selbst gesetzte Ziel einer Eigenkapitalrendite von 12% erreichen.<br>\nDie Allianz verspricht sich von dem Kahlschlag Kosteneinsparungen von 500 bis 600 Millionen Euro und erwartet damit wohl ihren 4,5 Milliarden Gewinn entsprechend steigern zu k&ouml;nnen. Prompt stiegen die Allianzaktien um &uuml;ber 2%.<\/p><p>Und was hat eigentlich die herrschende Politik zu diesen Entlassungsorgien zu sagen: Sie redet sch&ouml;nf&auml;rberisch weiter &uuml;ber die &bdquo;soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Unser Ober&ouml;konom, der Bundespr&auml;sident redet von &bdquo;Vorfahrt f&uuml;r Arbeit&ldquo;, w&auml;hrend in der Wirtschaft absolute Vorfahrt f&uuml;r die Rendite herrscht.<br>\nDie Allianz und Konsorten k&ouml;nnen sich &uuml;ber die Plattit&uuml;den und Scheingefechte unserer Regierenden nur noch ins F&auml;ustchen lachen. <\/p><p>Da hat die Politik von Rot-Gr&uuml;n und Gro&szlig;er Koalition mit ihrer Rentenpolitik auch der Allianz schon Milliarden f&uuml;r die private Altersvorsorge zugeschoben. Da hat haben Sozialdemokraten und Gr&uuml;ne schon die Unternehmenssteuern um Milliardenbetr&auml;ge gesenkt. Da will die Gro&szlig;e Koalition mit einer neuerlichen Unternehmenssteuerreform weitere 10 Milliarden Steuergeschenke verteilen. Da tun die Regierenden schon alles, um &uuml;ber die Mehrwertsteuererh&ouml;hung und mit einer neuerlichen Gesundheitsreform die sog. Lohnnebenkosten noch um ein paar Prozentp&uuml;nktchen zu senken, als ob die Wirtschaft mit den dadurch gewonnenen Promille auch nur einen einzigen Arbeitsplatz erhalten w&uuml;rde.<br>\nDiese ausschlie&szlig;lich auf die Investitionsseite setzende Politik hat nur einen einzigen Effekt haben, n&auml;mlich dass die Renditeerwartungen der Manager und ihrer Shareholder nur noch weiter nach oben verschoben werden. Die Deutsche Bank hat da mit 25 Prozent die Me&szlig;latte schon vorgegeben. Die anderen werden folgen.<\/p><p>Irgendwann m&uuml;sste doch auch dem verbohrtesten Politiker klar werden, dass das Hinterherlaufen hinter all den Forderungen der Wirtschaft nur dazu f&uuml;hrt, dass die uners&auml;ttliche Gier nach der Steigerung der Rendite nur noch mehr gesteigert wird und dass die letzten Reste unternehmerischer Verantwortung auch gegen&uuml;ber den Arbeitnehmern nur noch weiter abgestreift werden.<\/p><p>Aber nichts dergleichen. Im Gegenteil: Da betreibt unsere Regierung eine regelrechte Hatz auf die &Auml;rmsten der Armen und beschimpft sie als Parasiten und Schmarotzer. Die Raffgier der Manager und der Shareholder ist hingegen unseren regierenden Politikern nicht einmal die kleinste moralische R&uuml;ckendeckung f&uuml;r die betroffenen Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften wert, geschweige denn dass Merkel oder M&uuml;ntefering ihre Rolle als Nasenb&auml;ren der Wirtschaft auch nur irgendwie peinlich w&uuml;rde.<\/p><p>Die ganze Energie von Regierung und Regierungsparteien konzentriert sich darauf, wie man die Garotte der Belastungen f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung noch ein wenig enger drehen k&ouml;nnte und wie man gleichzeitig die Wirtschaft und das gro&szlig;e Geld noch ein St&uuml;ckchen mehr entlasten k&ouml;nnte.<\/p><p>Wenn man diese Entwicklung zur Raffkegesellschaft tagt&auml;glich vor Augen hat und erleben muss, dass unsere ach so gro&szlig;e Koalition den Raffkes nicht nur nichts entgegen zu setzen hat, sondern auch noch ihrer Raffgier T&uuml;r und Tor weiter &ouml;ffnet, dann kann man verstehen, warum immer mehr Menschen sagen: Am liebsten w&uuml;rde ich auswandern.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da gibt es in Deutschland geradezu eine hysterische Debatte &uuml;ber die demografische Entwicklung, die vielleicht in ein paar Jahrzehnten zu Buche schlagen wird. &Uuml;ber eine ganz aktuelle Bev&ouml;lkerungsentwicklung &ndash; das &bdquo;manager-magazin&ldquo; spricht gar schon dramatisierend von einer <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,422371,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/0,2828,422371,00.html\">&bdquo;bev&ouml;lkerungspolitischen Krise&ldquo;<\/a> &ndash; wird bisher kaum geredet, n&auml;mlich dass nach Sch&auml;tzungen im letzten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1363\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,155,123],"tags":[1652,1117,588,405,340],"class_list":["post-1363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-demografische-entwicklung","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-abwanderung","tag-managermagazin","tag-personalabbau","tag-statistisches-bundesamt","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1363"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30914,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1363\/revisions\/30914"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}