{"id":136311,"date":"2025-07-22T09:00:26","date_gmt":"2025-07-22T07:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136311"},"modified":"2025-07-25T16:02:24","modified_gmt":"2025-07-25T14:02:24","slug":"whataboutism-ein-kampfbegriff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136311","title":{"rendered":"\u201eWhataboutism\u201c \u2013 Ein Kampfbegriff"},"content":{"rendered":"<p>Beim &bdquo;Whataboutism&ldquo; handelt es sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht um einen formellen Argumentationsfehler, sondern um ein Instrument der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung. Mit dieser Methode kann man jemanden kritisieren und ihn gleichzeitig auf die eigenen Argumentationsregeln festnageln. Von <strong>Klaus Mendler<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5023\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136311-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136311-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250722_Whataboutism_Ein_Kampfbegriff_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Neulich war die Autorin Juli Zeh in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qIrZL7tCsa4\">SRF-Sendung &bdquo;Sternstunde Philosophie&ldquo;<\/a> zu sehen, und es gab in diesem Gespr&auml;ch einen sehr irritierenden Moment: Als es um Donald Trump ging, machte Juli Zeh deutlich, dass sie die moralische Emp&ouml;rung der Moderatorin Barbara Bleisch nicht teilen kann, und dass sie Trump nicht als schlimmsten US-Pr&auml;sidenten aller Zeiten sehe, denn es habe andere Pr&auml;sidenten gegeben, die z.B. f&uuml;r Millionen von Toten in Vietnam verantwortlich zeichnen. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qIrZL7tCsa4\">Daraufhin (bei Minute 15:35)<\/a> entgegnete Moderatorin Bleisch: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Aber ist das nicht Whataboutism, man guckt, was haben andere gemacht &hellip;&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Begriff Whataboutism geistert schon seit l&auml;ngerer Zeit durch die Medien, aber noch nie kam er mir so deplatziert vor wie hier. Nach meinem vorl&auml;ufigen Verst&auml;ndnis bedeutete Whataboutism ein rhetorisches Ablenkungsman&ouml;ver: Konfrontiert mit einem Vorwurf, verweist der Beschuldigte auf andere, die das Gleiche wie er oder noch Schlimmeres gemacht h&auml;tten. <\/p><p>Aber was hat dies mit der vorliegenden Situation zu tun? Wenn man Donald Trump irgendeine Schweinerei vorwirft, und er antwortet darauf: &bdquo;Aber was ist mit Nixon?&ldquo;, dann w&auml;re das in der Tat Whataboutism. Aber Juli Zeh ist nicht Trump, auch keine Anh&auml;ngerin von ihm, sondern sie betrachtet die amerikanische Politik aus einer neutralen Position, und dies &auml;ndert alles. Sie muss keinen Vorwurf von sich ablenken, weil ihr gar nichts vorgeworfen wird.<\/p><p>Kein Wunder also, dass Frau Zeh mit Leichtigkeit den Einwand der Moderatorin abschmettern konnte. Sie wies darauf hin, dass es v&ouml;llig legitim sei, verschiedene Pr&auml;sidenten miteinander zu vergleichen, schon allein, weil Vergleichen eine grundlegende Methode des menschlichen Denkens sei.<\/p><p>Damit war der Fall eigentlich erledigt, aber mir ging die Frage nicht aus dem Kopf: Was hat es eigentlich genau auf sich mit diesem &bdquo;Whataboutism&ldquo;?<\/p><p>Das rhetorische Man&ouml;ver, um das es hier geht, ist alles andere als neu. Schon vor rund zweitausend Jahren sagte Cicero &uuml;ber seinen Prozessgegner Verres: &bdquo;Was wird er also sagen? Dass andere es ebenso machten. Aber was soll das beweisen? Sucht man Einw&auml;nde gegen eine Anklage, oder Gesellschaft f&uuml;r die Auswanderung ins Exil?&ldquo; &ndash; Also woher pl&ouml;tzlich die Aufregung um diesen Begriff?<\/p><p>Eng verwandt mit dem Whataboutism ist das aus der klassischen Argumentationskunst bekannte Tu-quoque-(&bdquo;du auch&ldquo;)-Argument. Hierbei handelt es sich um eine fehlerhafte Argumentation, bei der eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kritik umgangen wird, indem man dem Kritiker entgegenh&auml;lt, er w&uuml;rde selbst auch machen, was er beim anderen kritisiert. Der Fehler liegt darin, einfach eine Gleichheit von Kritiker und Kritisiertem zu unterstellen, aber wenn zwei Personen dasselbe tun, ist es nicht immer dasselbe. <\/p><p>Manchmal allerdings doch! Man muss hier deshalb immer genau hinschauen. Beispiele: Ein Vater sagt zu seinem 12-j&auml;hrigen Sohn, er solle keinen Alkohol trinken, und der sagt daraufhin: &bdquo;Du trinkst doch auch!&ldquo; Dieses Argument ist falsch, weil es ein Unterschied ist, ob Kinder oder Erwachsene Alkohol trinken. Aber wenn ein Erwachsener zu einem anderen Erwachsenen sagt: &bdquo;Du sollst keinen Alkohol trinken&ldquo;, und der antwortet: &bdquo;Was willst du von mir, du s&auml;ufst doch genauso viel wie ich!&ldquo;, dann ist das nicht so einfach von der Hand zu weisen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Kritik findet zwar auch hier nicht statt, aber der Kritisierte kann sie zu Recht ablehnen, weil der Kritiker gar keine Legitimit&auml;t hat, ihn zu kritisieren.<\/p><p>Zur&uuml;ck zum eigentlichen Begriff &bdquo;Whataboutism&ldquo;. Eine kleine Internetrecherche f&uuml;hrt schnell zu dem Ergebnis, dass dieses Wort erstmals 1974 in Irland auftauchte, zun&auml;chst in Variationen wie &bdquo;Whataboutists&ldquo; oder &bdquo;Whataboutery&ldquo;. Dies war die Zeit des Nordirlandkonflikts, in dem sich katholische und protestantische Gruppierungen b&uuml;rgerkriegsartig bek&auml;mpften. Am 30. Januar 1974 ver&ouml;ffentlichte <em><a href=\"https:\/\/www.irishtimes.com\/culture\/in-a-word-whataboutism-1.3129364\">The Irish Times<\/a><\/em> einen Leserbrief eines gewissen Sean O&rsquo;Conaill, in dem dieser sich &uuml;ber die &bdquo;Whataboutists&ldquo; beklagte, die auf jede Verurteilung der IRA mit einem Beispiel f&uuml;r noch schlimmere Taten der Gegenseite antworten w&uuml;rden. Dieser Begriff wurde in der Folgezeit von verschiedenen Journalisten aufgegriffen, die den &bdquo;Whataboutism&ldquo; dann daf&uuml;r verantwortlich machten, dass der B&uuml;rgerkrieg immer weitergehe.<\/p><p>Mr. O&rsquo;Conaills Leserbrief l&auml;sst keinen Zweifel daran, auf welcher Seite er im Nordirlandkonflikt steht: Eindeutig f&uuml;r die Protestanten, gegen die IRA. Auch die Journalisten, die den Begriff weitertragen, bedienen sich der typischen rhetorischen Mittel aus der Werkzeugkiste der Kriegspropaganda, wie sie in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Prinzipien_der_Kriegspropaganda\">Liste des Lord Ponsonby<\/a> nachzulesen sind: Unsere Gegner sind alleine f&uuml;r den Konflikt verantwortlich, unsere Gegner begehen absichtlich schreckliche Kriegsverbrechen, wir dagegen h&ouml;chstens aus Versehen. Auch der Vorwurf des Whataboutism wird in diesem Interesse verwendet. Dieser Begriff stammt also keineswegs aus einem philosophischen Seminar &uuml;ber argumentative Logik, sondern aus der Praxis der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung.<\/p><p>In den folgenden Jahren begann der Aufstieg des Begriffs &bdquo;Whataboutism&ldquo; im Kalten Krieg, als Vorwurf westlicher Politiker und Journalisten gegen die Sowjetunion, wenn z.B. die USA den Sowjets Menschenrechtsverletzungen vorwarfen und die im Gegenzug auf den Rassismus in den USA hinwiesen. Man kann dies als typische Tu-quoque-Situation sehen: Zwei Alkoholiker werfen sich gegenseitig Alkoholismus vor. Aber es gibt hier noch andere Aspekte zu bedenken. &bdquo;Die Weltgeschichte ist das Weltgericht&ldquo; (Friedrich Schiller), und kein philosophischer Debattierclub, in dem nur die Logik des st&auml;rkeren Arguments z&auml;hlt. Vor Gericht gibt es auch Mittel wie den Befangenheitsantrag, und man sollte den sowjetischen Vorwurf in diesem Sinne verstehen: Ihr habt keinerlei moralische Berechtigung, &uuml;ber uns zu urteilen! Ist das Whataboutism? &bdquo;Hohes Gericht, der Staatsanwalt hat gar kein abgeschlossenes Studium und ist au&szlig;erdem betrunken!&ldquo; &ndash; &bdquo;Whataboutism!&ldquo; Die Absurdit&auml;t liegt hier auf der Hand.<\/p><p>In j&uuml;ngerer Zeit wird der Vorwurf des Whataboutism h&auml;ufig gegen Russland gerichtet. Typisches Beispiel: Der Westen bezeichnet die Abspaltung der Krim von der Ukraine als unzul&auml;ssig, weil ein solcher Schritt gegen das V&ouml;lkerrecht versto&szlig;e. Aus Russland kommt daraufhin die Erwiderung, die Abspaltung des Kosovo von Serbien sei vom Westen aber ohne weiteres akzeptiert worden. &ndash; &bdquo;Whataboutism!&ldquo;<\/p><p>Auch hier ist der Vergleich mit einer Gerichtsverhandlung aufschlussreich, denn die genannte Argumentation ist im Prinzip einfach nur der Hinweis auf einen Pr&auml;zedenzfall. Was soll daran unzul&auml;ssig sein? Nat&uuml;rlich ist der eine Fall nicht genau identisch mit dem anderen, aber sie sind doch vergleichbar. In beiden F&auml;llen geht es darum, dass eine Region, die bislang Teil eines gr&ouml;&szlig;eren Staates war, ihre B&uuml;rger &uuml;ber eine Sezession abstimmen l&auml;sst und sich dann gem&auml;&szlig; dem Mehrheitsentscheid f&uuml;r unabh&auml;ngig erkl&auml;rt. Im ersten Fall (Kosovo) hat das &bdquo;Weltgericht&ldquo; der westlichen Staaten die Sezession akzeptiert und damit quasi einen Pr&auml;zedenzfall geschaffen. Warum sollte es nicht legitim sein, bei der Krim-Frage darauf hinzuweisen? Im Gegenteil: Wenn ein Gericht einmal einen Freispruch und dann in einem gleichartigen Fall eine Verurteilung verh&auml;ngt, ist es zwingend geboten, diesen Widerspruch aufzugreifen und zu kritisieren.<\/p><p>Fazit: Beim &bdquo;Whataboutism&ldquo; handelt es sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht um einen formellen Argumentationsfehler, sondern um ein Instrument der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung. Mit dieser Methode kann man jemanden kritisieren und ihn gleichzeitig auf die eigenen Argumentationsregeln festnageln. Der Kritisierte hat dadurch nicht die M&ouml;glichkeit, dem Kritiker die Legitimit&auml;t abzusprechen oder den Kontext der Kritik zu hinterfragen. Der &bdquo;Whataboutism&ldquo; hat einen Platz in der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95294\">Liste der Manipulationsmethoden<\/a> verdient.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136455\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: robertindiana \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim &bdquo;Whataboutism&ldquo; handelt es sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht um einen formellen Argumentationsfehler, sondern um ein Instrument der psychologischen Kriegsf&uuml;hrung. Mit dieser Methode kann man jemanden kritisieren und ihn gleichzeitig auf die eigenen Argumentationsregeln festnageln. 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