{"id":136352,"date":"2025-07-23T10:00:00","date_gmt":"2025-07-23T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136352"},"modified":"2025-07-23T10:12:47","modified_gmt":"2025-07-23T08:12:47","slug":"praezedenzfall-richter-in-bruessel-ordnet-stopp-von-allen-waffenlieferungen-an-israel-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136352","title":{"rendered":"Pr\u00e4zedenzfall: Richter in Br\u00fcssel ordnet Stopp von allen Waffenlieferungen an Israel an"},"content":{"rendered":"<p>Ein beispielloses Urteil eines Br&uuml;sseler Gerichts ordnete nicht nur an, dass die fl&auml;mische Regierung eine bestimmte, f&uuml;r Israel bestimmte Lieferung von milit&auml;rischer Ausr&uuml;stung stoppen muss, sondern verbot auch jede weitere Lieferung von Waffen in dieses Land. Das Urteil stellt einen Pr&auml;zedenzfall dar, der in vielen anderen L&auml;ndern angewendet werden k&ouml;nnte. Von <strong>Marc Vandepitte<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Br&uuml;sseler Gericht erster Instanz hat die fl&auml;mische Regierung angewiesen, einen f&uuml;r Israel bestimmten Container mit milit&auml;rischer Ausr&uuml;stung sofort zu stoppen und jede weitere Waffenlieferung nach Israel zu verbieten.<\/p><p>Der Richter kam zu dem Schluss, dass Flandern &ndash; eine Region im Norden Belgiens &ndash; gegen seine Verpflichtungen im Rahmen der Waffengesetzgebung und internationaler Vertr&auml;ge verst&ouml;&szlig;t, und verh&auml;ngte ein Zwangsgeld f&uuml;r jede Lieferung, die noch erlaubt wird. Er gab vier fl&auml;mischen Nichtregierungsorganisationen, die die Klage eingereicht hatten, in allen Punkten recht.<\/p><p>Der betreffende Container befindet sich im Hafen von Antwerpen. Er enth&auml;lt Kegelrollenlager, die von der Firma Timken &uuml;ber eine franz&ouml;sische Tochtergesellschaft hergestellt werden. Sie sind f&uuml;r Ashot Ashkelon Industries bestimmt, ein israelisches R&uuml;stungsunternehmen. Es liefert Teile f&uuml;r Merkava-Panzer und Namer-Panzerfahrzeuge. Nach Angaben der klagenden Organisationen werden beide t&auml;glich in Gaza eingesetzt.<\/p><p>Das Gerichtsurteil verbietet es der fl&auml;mischen Regierung, weitere Transfers nach Israel zu genehmigen.<\/p><p>Seit 2009 gibt es eine Vereinbarung, keine Waffen nach Israel zu exportieren, die dessen Streitkr&auml;fte st&auml;rken k&ouml;nnten, aber in der Praxis wurde dies systematisch ignoriert.<\/p><p>Um die Einhaltung des Urteils zu garantieren, verh&auml;ngt das Gericht eine Geldstrafe von 50.000 Euro f&uuml;r jede Lieferung, die weiterhin nach Israel genehmigt wird.<\/p><p>Exporte k&ouml;nnen nur dann genehmigt werden, wenn die fl&auml;mische Regierung den Nachweis erbringt, dass die Produkte f&uuml;r zivile Zwecke verwendet werden. Laut der Rechtsanw&auml;ltin Lies Michielsen vom PROGRESS Lawyers Network, die den Fall vertritt, bedeutet das Urteil, dass die Regierung den endg&uuml;ltigen Verwendungszweck des nach Israel exportierten Materials <em>aktiv<\/em> &uuml;berpr&uuml;fen muss.<\/p><p><strong>Bedeutung<\/strong><\/p><p>Diese Entscheidung ist sehr wichtig, weil das Gericht best&auml;tigt, dass es illegal ist, die Lieferung von Waffen an einen Staat zu erm&ouml;glichen, der Kriegsverbrechen oder sogar V&ouml;lkermord begeht.<\/p><p>&bdquo;Das Gericht best&auml;tigt, was Politiker sich weigern, anzuerkennen&ldquo;, sagt Fien De Meyer von der Liga f&uuml;r Menschenrechte.<\/p><p>Dies bedeutet das Ende der Straffreiheit: Regierungen k&ouml;nnen nicht l&auml;nger wegschauen, w&auml;hrend ihre Waffen f&uuml;r Gr&auml;ueltaten eingesetzt werden.<\/p><p>Das Urteil schafft einen juristischen Pr&auml;zedenzfall, der Regierungen zwingt, Verantwortung zu &uuml;bernehmen. Es wird erwartet, dass &auml;hnliche Klagen in anderen L&auml;ndern folgen werden.<\/p><p><strong>Folgema&szlig;nahmen<\/strong><\/p><p>Fast zur gleichen Zeit wurde in Belgien <a href=\"https:\/\/www.dewereldmorgen.be\/artikel\/2025\/07\/12\/unicum-belgie-aangeklaagd-voor-medeplichtigheid-aan-genocide-in-gaza\/\">eine weitere Klage<\/a> eingereicht, diesmal gegen die Bundesregierung. Eine Gruppe macht Belgien f&uuml;r seine passive Mitschuld am V&ouml;lkermord in Gaza verantwortlich.<\/p><p>Die Initiative wird von einem pal&auml;stinensischen B&uuml;rger, mehreren belgischen NGOs und einer Juristin unterst&uuml;tzt. Sie fordern, dass Belgien alle Milit&auml;rlieferungen an Israel stoppt, Importe aus den besetzten pal&auml;stinensischen Gebieten konfisziert, Investitionen in diesen Gebieten blockiert und das Assoziierungsabkommen zwischen der Europ&auml;ischen Union und Israel aussetzt.<\/p><p>Den Kl&auml;gern zufolge ist die Unt&auml;tigkeit Belgiens sowohl moralisch als auch rechtlich inakzeptabel. Die Klage wird von K&uuml;nstlern und Intellektuellen unterst&uuml;tzt, die Mittel zur Deckung der Prozesskosten sammeln.<\/p><p>Auf europ&auml;ischer Ebene werden ebenfalls Ma&szlig;nahmen ergriffen. Die <a href=\"https:\/\/euobserver.com\/eu-and-the-world\/ar48acfd1a\">juristische Nichtregierungsorganisation JURDI<\/a> hat die EU-Kommission und den EU-Rat wegen ihrer &bdquo;Fahrl&auml;ssigkeit&ldquo; angesichts der Gewalt in Gaza vor dem Europ&auml;ischen Gerichtshof verklagt. Zum ersten Mal in der Geschichte werden diese beiden m&auml;chtigen Institutionen verklagt, weil sie ihren rechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.<\/p><p>Die Organisation beruft sich auf Artikel 265 des EU-Vertrags, der Sanktionen f&uuml;r die Unt&auml;tigkeit von Institutionen vorsieht. Nach Ansicht der NGO legen die europ&auml;ischen Institutionen doppelte Ma&szlig;st&auml;be an: Sie haben Russland hart sanktioniert, aber Israel nicht, trotz dokumentierter schwerer Menschenrechtsverletzungen.<\/p><p>JURDI fordert unter anderem die Aussetzung des EU-Israel-Abkommens, die Einstellung der Subventionen sowie Sanktionen gegen israelische Regierungsvertreter. Die Klage argumentiert, dass die EU rechtlich und moralisch verpflichtet ist, zu handeln, und weist darauf hin, dass auch f&uuml;hrende europ&auml;ische Politiker wegen Beihilfe zum V&ouml;lkermord strafrechtlich verfolgt werden k&ouml;nnten.<\/p><p><strong>Mitt&auml;terschaft<\/strong><\/p><p>In diesen F&auml;llen ist folgende Frage von grundlegender Bedeutung: Ist ein Land als Drittpartei oder, im weiteren Sinne, die Europ&auml;ische Kommission rechtlich verpflichtet, V&ouml;lkermord an einem anderen Ort zu verhindern? Nach der V&ouml;lkermordkonvention ja. Laut diesem Vertrag muss jedes Land nicht nur bestrafen, sondern auch aktiv vorbeugen.<\/p><p>Im Januar forderte der Internationale Gerichtshof Israel bereits auf, alle notwendigen Ma&szlig;nahmen zu ergreifen, um einen V&ouml;lkermord zu verhindern. Aber gilt diese Verpflichtung auch f&uuml;r L&auml;nder wie Belgien, die nicht direkt beteiligt sind?<\/p><p>Laut 18 f&uuml;hrenden belgischen Juristen: ja. In <a href=\"https:\/\/www.dewereldmorgen.be\/artikel\/2025\/06\/23\/verschijnt-belgie-straks-voor-het-internationaal-strafhof\/\">einem Brief<\/a> weisen sie darauf hin, dass ein Land wie Belgien Gefahr l&auml;uft, vor den Internationalen Gerichtshof gebracht zu werden, wenn es weiterhin zur Situation in Gaza schweigt. Unt&auml;tigkeit kann rechtlich als Mitt&auml;terschaft gewertet werden.<\/p><p>Die Juristen fordern Sanktionen gegen Israel und sind der Meinung, dass die Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel das Mindeste ist, was getan werden muss. Die L&auml;nder verstecken sich nur allzu oft hinter diplomatischer Zur&uuml;ckhaltung, aber eine solche Haltung ist rechtlich und moralisch nicht mehr haltbar, argumentieren sie. Nur konkrete Taten, nicht Worte, k&ouml;nnten die Glaubw&uuml;rdigkeit Belgiens und der EU retten.<\/p><p><strong>Keine Ruhepause<\/strong><\/p><p>Das in Flandern erzielte Urteil und andere laufende Klagen stellen einen qualitativen Sprung im Kampf gegen den V&ouml;lkermord dar. Aber dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei. V&ouml;lkermord macht keine Pause. W&auml;hrend die Politiker z&ouml;gern, leidet die Bev&ouml;lkerung von Gaza.<\/p><p>Jetzt ist es an der Zeit, den Druck aufrechtzuerhalten und zu verst&auml;rken. Auch in anderen L&auml;ndern m&uuml;ssen Klagen eingereicht werden. Zu den wichtigsten Forderungen geh&ouml;ren die sofortige Umsetzung des Waffenexportverbots, volle Transparenz bei der Ausfuhr von R&uuml;stungsg&uuml;tern und die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die an diesen Verbrechen beteiligt sind.<\/p><p>Derartige Forderungen sind sehr wichtig, aber sie reichen sicher nicht aus, um die Massaker in Gaza zu beenden. Durch Massenproteste und Solidarit&auml;tsaktionen muss Druck auf die politisch Verantwortlichen in aller Welt ausge&uuml;bt werden.<\/p><p>Die pal&auml;stinensischen Widerstandsbewegungen in Gaza haben deshalb einen <a href=\"https:\/\/cubaenresumen.org\/2025\/07\/19\/resistencia-palestina-convoca-a-movilizacion-global-contra-el-genocidio-en-gaza\/\">gemeinsamen Aufruf<\/a> zu einer weltweiten Mobilisierung ab dem 20. Juli 2025 gestartet, um die Bev&ouml;lkerung von Gaza zu retten vor dem durch die israelische Besatzung verursachten V&ouml;lkermord, Hunger und Durst.<\/p><p>Sie prangern das internationale Schweigen an und rufen L&auml;nder und B&uuml;rger in aller Welt dazu auf, auf die Stra&szlig;e zu gehen und zu handeln, um den V&ouml;lkermord zu stoppen.<\/p><p><em>Der Artikel erschien im spanischen Original bei <a href=\"https:\/\/rebelion.org\/precedente-historico-un-juez-ordena-detener-el-envio-de-armas-a-israel\/\">Rebeli&oacute;n<\/a> &ndash; aus dem Spanischen &uuml;bersetzt von <strong>Marta Andujo<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Zerbor<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134078\">75 Prozent der Bundesb&uuml;rger f&uuml;r Stopp von Waffenlieferungen an Israel &ndash; Bringt das Kanzler Merz zum Umdenken?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135897\">Interview mit Pankaj Mishra: &bdquo;Die Welt nach Gaza&ldquo; und der globale Kampf der Narrative zu Israel und Pal&auml;stina<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135960\">Gespr&auml;che zur Waffenruhe in Gaza kaschieren Israels Vertreibungspl&auml;ne<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116346\">Vogel-Strau&szlig;-Taktik der Bundesregierung: Von Deutschland gelieferte Kriegswaffen im Einsatz gegen zivile Ziele in Gaza<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/e8740f7ca9cd42af943434312c2cbe62\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein beispielloses Urteil eines Br&uuml;sseler Gerichts ordnete nicht nur an, dass die fl&auml;mische Regierung eine bestimmte, f&uuml;r Israel bestimmte Lieferung von milit&auml;rischer Ausr&uuml;stung stoppen muss, sondern verbot auch jede weitere Lieferung von Waffen in dieses Land. Das Urteil stellt einen Pr&auml;zedenzfall dar, der in vielen anderen L&auml;ndern angewendet werden k&ouml;nnte. 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