{"id":136481,"date":"2025-07-28T11:00:23","date_gmt":"2025-07-28T09:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136481"},"modified":"2025-08-22T10:56:46","modified_gmt":"2025-08-22T08:56:46","slug":"ein-blick-hinter-die-kulissen-des-spief-russlands-perspektive-auf-eine-multipolare-weltordnung-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136481","title":{"rendered":"Ein Blick hinter die Kulissen des SPIEF: Russlands Perspektive auf eine multipolare Weltordnung (Teil 1)"},"content":{"rendered":"<p>Das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) ist weit mehr als nur ein Treffen von &Ouml;konomen und Gesch&auml;ftsleuten. In einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Umbr&uuml;che und verh&auml;rteter Fronten bietet es auch eine seltene Plattform f&uuml;r den Dialog &ndash; und f&uuml;r einen Blick auf Russlands Sicht der sich neu formierenden Weltordnung. <strong>Christoph Polajner<\/strong> von der Eurasien Gesellschaft nimmt seit 2022 regelm&auml;&szlig;ig an diesem Forum teil, um genau diese Perspektiven zu erkunden und Gespr&auml;chskan&auml;le offenzuhalten, die anderswo l&auml;ngst geschlossen sind. Im zweiteiligen Interview spricht er &uuml;ber seine Eindr&uuml;cke vom diesj&auml;hrigen SPIEF, die Verschiebungen in der internationalen Wirtschaft und Diplomatie und die entscheidende Frage, wie eine stabile europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur in einer multipolaren Welt wiederhergestellt werden kann. Das Interview mit Christoph Polajner f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> am 14. Juli 2025.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3400\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136481-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136481-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250728_Ein_Blick_hinter_die_Kulissen_des_SPIEF_Russlands_Perspektive_auf_eine_multipolare_Weltordnung_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Polajner, Sie nehmen seit 2022 regelm&auml;&szlig;ig als Vertreter der Eurasien Gesellschaft am SPIEF teil und waren auch im Juni dort. Was motiviert Sie zu dieser kontinuierlichen Pr&auml;senz, besonders in der aktuellen Zeit?<\/strong><\/p><p><strong>Christoph Polajner<\/strong>: Das stimmt. Ich bin seit 2014 regelm&auml;&szlig;ig in der Region und habe zwischen 2015 und 2017 in der Ukraine und Russland zum Ukraine-Konflikt gearbeitet. Gespr&auml;chskan&auml;le aus dieser Zeit habe ich, wo immer es ging, gepflegt und ausgebaut. In der Eurasien Gesellschaft haben wir entschieden, dass ich dies auch in meiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft tue, da wir uns als eine Plattform verstehen, die Menschen zusammenbringt, die sich f&uuml;r eine friedliche Koexistenz und kooperative Beziehungen der L&auml;nder Europas und Asiens einsetzen. Ich nehme an verschiedenen Konferenzen in Russland teil und seit 2022 auch am SPIEF.<\/p><p>Was mich vor allem bewegt, ist die Zukunft Deutschlands, Europas und der internationalen Ordnung. In meiner fr&uuml;heren T&auml;tigkeit bei einer humanit&auml;ren Organisation bin ich in verschiedenen Konfliktregionen gewesen und habe dort die Spannungsrisse in der internationalen Ordnung gesehen. Ordnungsvorstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt gehen immer weiter auseinander und werden zunehmend ausgek&auml;mpft. Meine gro&szlig;e Bef&uuml;rchtung ist, dass das 21. Jahrhundert wenigstens so blutig wie das 20. wird, wenn es uns nicht gelingt, uns durch Verhandlungen auf eine neue und stabile internationale Ordnung zu verst&auml;ndigen. Mit den heutigen Waffen w&auml;re das noch verheerender als in der Vergangenheit.<\/p><p>Wir verlieren im Moment viel Zeit. Auf russischer Seite gibt es viele Gespr&auml;chspartner, und wir h&auml;tten die letzten Jahre dringend nutzen m&uuml;ssen, um mehr Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und L&ouml;sungen zu erarbeiten. Ziel ist es, den Krieg in der Ukraine schnell zu beenden, das Sterben zu stoppen, die Gr&auml;ben in Europa nicht noch tiefer werden zu lassen und einen einheitlichen europ&auml;ischen Raum mit Russland zu schaffen. Als Europ&auml;er sind wir, selbst mit den Russen, nicht einmal mehr zehn Prozent der Weltbev&ouml;lkerung und fallen nicht nur demographisch immer weiter zur&uuml;ck, sondern gegen&uuml;ber Asien und den USA auch technologisch. Ich bin &uuml;berzeugt, dass die beste L&ouml;sung darin besteht, den Konflikt zu beenden, wieder aufeinander zuzugehen und eine stabile europ&auml;ische Ordnung zu etablieren. Die Eurasien Gesellschaft m&ouml;chte dabei einen kleinen Beitrag leisten, indem wir Fachleute zusammenbringen und erste Gespr&auml;che in diese Richtung f&uuml;hren. Mit der Wahl Donald Trumps sind nun auch die USA wieder im Dialog mit Russland und damit fast die ganze Welt &ndash; mit Ausnahme der meisten EU-Staaten.<\/p><p>Es zeigt sich, dass man entgegen der hiesigen Berichterstattung viele Menschen treffen kann, die sich intensiv mit der Entstehung des Konflikts, seinen Ursachen und m&ouml;glichen L&ouml;sungen auseinandersetzen. Die Meinungen in Russland im Hinblick auf L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r den Konflikt und das Potenzial der Wiederann&auml;herung unserer L&auml;nder sind tats&auml;chlich vielf&auml;ltig. Der pers&ouml;nliche Austausch hilft, diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, und kann auch dazu beitragen, Zerr- und Feindbilder abzubauen und Vertrauen wiederaufzubauen.<\/p><p><strong>F&uuml;r diejenigen, die es nicht kennen: K&ouml;nnen Sie das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum kurz vorstellen und seine internationale Bedeutung, auch jenseits der Wirtschaft, umrei&szlig;en?<\/strong><\/p><p>Ja, das St. Petersburg International Economic Forum, kurz SPIEF, wurde 1997 ins Leben gerufen und hat sich seitdem zu einer sehr wichtigen Wirtschaftskonferenz entwickelt &ndash; nicht nur in Russland, sondern auch international. Es entstand in einer schwierigen wirtschaftlichen Phase f&uuml;r Russland, als die Wirtschaft nach der Schocktherapie zusammengebrochen war und das Land deindustrialisiert wurde. &Uuml;ber die Jahre ist es zu einer Konferenz herangewachsen, die auch international auf gro&szlig;es Interesse stie&szlig;. Bis 2021 kamen die gr&ouml;&szlig;ten Delegationen aus den USA, Deutschland, Frankreich, Gro&szlig;britannien und Italien. Im Laufe der Zeit gewann nat&uuml;rlich auch China an Bedeutung f&uuml;r Russland, und dementsprechend nahmen auch immer mehr chinesische Delegationen teil.<\/p><p>Das Interessante am SPIEF ist, dass neben rein wirtschaftlichen Fragen auch viele Fragen der internationalen Ordnung besprochen werden. Das hat es f&uuml;r mich pers&ouml;nlich besonders attraktiv gemacht. Ich bin nicht prim&auml;r mit wirtschaftlichem Interesse angereist, sondern um zu verstehen, wie Russland auf Fragen der internationalen Ordnung und die Ver&auml;nderungen im globalen System blickt. Gleichzeitig bin ich davon &uuml;berzeugt, dass auch mit wirtschaftlicher Vernunft argumentiert werden muss, um diesen Krieg zu beenden, da humanit&auml;re Argumente und die Risiken einer weiteren Eskalation bisher offensichtlich nicht ausgereicht haben, hier zu einem notwendigen Umdenken zu gelangen.<\/p><p><strong>Welchen Gesamteindruck haben Sie vom diesj&auml;hrigen SPIEF gewonnen, und welche Schwerpunktthemen &ndash; insbesondere im Hinblick auf die internationale Ordnung &ndash; waren pr&auml;gend?<\/strong><\/p><p>Ich habe insgesamt einen sehr positiven Eindruck von der Veranstaltung. Das liegt daran, dass eine Vielzahl von Themen besprochen wurde, die ich momentan f&uuml;r &auml;u&szlig;erst relevant halte. Man kann hier eine klare Linie ziehen, die sich von den Inhalten des Jahres 2022, als ich erstmals dort war, &uuml;ber die folgenden Jahre bis hin zum diesj&auml;hrigen Forum im Juni durchzieht.<\/p><p>Gerade 2022 wurde intensiv &uuml;ber die Ver&auml;nderung der internationalen Ordnung gesprochen. F&uuml;r mich war dabei besonders interessant zu sehen, dass der Diskurs in Russland ein v&ouml;llig anderer war als in Deutschland. Hier hatten wir den Eindruck, dass das westeurop&auml;ische beziehungsweise US-amerikanische Modell letztlich das einzig erfolgreiche sei. Es war unser System, das wir exportieren und f&uuml;r das wir werben wollten. Im Kern ging es um die Kontinuit&auml;t der internationalen Strukturen: die Ausdehnung von NATO und EU und nur marginale Anpassungen bei Organisationen wie den Vereinten Nationen, der Weltbank oder dem IWF. Damals, 2022, betrachteten wir den Ukraine-Konflikt vor allem als eine regionale Angelegenheit, die auf russisches Expansionsstreben zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist.<\/p><p>Auf dem SPIEF hingegen wurde, sowohl 2022 als auch in den Folgejahren, eine andere Perspektive eingenommen. Man hat dort die Ansicht vertreten, dass die gesamte internationale Ordnung im Umbruch sei, dass das System von Jalta und Potsdam und die unipolare Welt, die wir seit dem Ende des Kalten Krieges hatten, nun aufbricht. Die Wahrnehmung war bereits 2022, dass eine neue, multipolare Ordnung entsteht und neue Organisationen an Bedeutung gewinnen w&uuml;rden. Dies wurde sehr intensiv diskutiert, sowohl von russischer Seite als auch von den zahlreichen Teilnehmern aus L&auml;ndern des sogenannten Globalen S&uuml;dens.<\/p><p><strong>Apropos Teilnehmer: Hat sich die Zusammensetzung des Forums im Vergleich zu den Jahren vor 2022 signifikant ver&auml;ndert, und welche Trends sind hierbei besonders auff&auml;llig?<\/strong><\/p><p>Die Zusammensetzung hat sich sehr stark ver&auml;ndert. Bis einschlie&szlig;lich 2021 gab es hochrangige Delegationen aus Deutschland, verschiedenen anderen europ&auml;ischen Staaten und den USA. Insbesondere 2022, aber auch in den Folgejahren war die Anzahl der Teilnehmer aus der Europ&auml;ischen Union sehr &uuml;berschaubar. Auff&auml;llig war die durchgehende US-Pr&auml;senz seit 2022. In diesem Jahr war ich Zuh&ouml;rer bei einem bemerkenswerten Panel zur Zukunft der US-amerikanisch-russischen Beziehungen mit Teilnehmern aus beiden Staaten, dort wurden M&ouml;glichkeiten zur wirtschaftlichen Wiederann&auml;herung diskutiert. Hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die US-Teilnehmer agierten wesentlich pragmatischer als viele politische und wirtschaftliche Akteure aus der EU.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie die bemerkenswerte US-Pr&auml;senz, besonders im Vergleich zur Zur&uuml;ckhaltung europ&auml;ischer Delegationen, obwohl die USA traditionell als Treiber der Konfrontation gelten?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, die US-Amerikaner waren schon immer pragmatischer als wir. Was bei der aktuellen US-Administration auff&auml;llt, ist, dass sie wesentlich weniger ideologisch ist als die vorangegangene. Der Konflikt mit Russland wird nicht mehr als Kampf zwischen Gut und B&ouml;se betrachtet, sondern als ein Konflikt unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Interessen. Diese versucht man zu verstehen, um dar&uuml;ber zu verhandeln und letztendlich Kompromisse zu finden.<\/p><p>Die Interessen Washingtons werden teilweise &ouml;ffentlich kommuniziert: sowohl der Zugang zu nat&uuml;rlichen Ressourcen in der Ukraine und Russland als auch eine verst&auml;rkte Pr&auml;senz US-amerikanischer Firmen auf dem russischen Markt. Als deutscher Staatsb&uuml;rger habe ich mit einigen Bedenken den R&uuml;ckzug vieler deutscher Unternehmen vom russischen Markt und die zum Teil zu Ramschpreisen erfolgte Ver&auml;u&szlig;erung des dortigen Gesch&auml;fts an unterschiedliche Investoren beobachtet. Das geschah teils in sanktionierten Bereichen, wo sie nicht mehr arbeiten konnten, teils aber auch in anderen Sektoren, wo die Entscheidung zum R&uuml;ckzug aufgrund von politischem oder &ouml;ffentlichem Druck oder aus anderen Gr&uuml;nden getroffen wurde.<\/p><p>Meiner Wahrnehmung nach haben sich die US-Amerikaner wesentlich weniger zur&uuml;ckgezogen. Sie durften zwar aufgrund der Sanktionen ihrer Regierung nicht mehr neu in Russland investieren, aber viele betreiben das etablierte Gesch&auml;ft weiter, pflegen deutlich mehr Kontakte und denken vorausschauend an die Zeit nach dem Konflikt, um bei einer m&ouml;glichen Wiederaufnahme von Aktivit&auml;ten gut vorbereitet zu sein.<\/p><p>Ein gutes Beispiel sind hier die Bem&uuml;hungen der US-Handelskammer in Russland in den letzten Monaten. Sie m&ouml;chte russische Individuen von der Sanktionsliste streichen, um ihnen die Reise in die USA zu erm&ouml;glichen und so verschiedene Gespr&auml;chskan&auml;le wieder zu er&ouml;ffnen. Sie wirbt auch &ndash; &uuml;brigens gemeinsam mit der franz&ouml;sischen Handelskammer &ndash; daf&uuml;r, die Sanktionen gegen die zivile Luftfahrt in Russland abzubauen, um &ndash; neben sicherlich auch vorhandenen wirtschaftlichen Interessen &ndash; die Sicherheit des Luftverkehrs nicht weiter zu gef&auml;hrden. Dass Passagiermaschinen vom Himmel st&uuml;rzen, kann sich niemand w&uuml;nschen (Anm. d. Red.: Wie nun, nachdem das Interview gef&uuml;hrt wurde, mit einer Maschine des Herstellers Antonov leider passiert ist), und welche Reputationsrisiken damit f&uuml;r die Hersteller unabh&auml;ngig von der Ursache verbunden sind, muss Boeing gerade erleben. Airbus w&uuml;rde es nicht anders gehen, und das kann nicht in unserem Interesse sein. In China arbeiten die Firmen COMAC und AVIC daran, den bisherigen Platzhirschen Boeing und Airbus Konkurrenz zu machen, in Russland UAC, und in Brasilien stellt Embraer gute Regionalflugzeuge her.<\/p><p>Mehrfach war bei Gespr&auml;chen am Rande des Forums zu h&ouml;ren, dass zwischen US-Amerikanern und Russen &uuml;ber die Wiederaufnahme von direkten Flugverbindungen noch in diesem Jahr gesprochen wird. Mir ist nicht bekannt, dass zwischen der EU und Russland &uuml;berlegt wird, die jeweiligen Luftr&auml;ume auch nur f&uuml;r &Uuml;berfl&uuml;ge wieder zu &ouml;ffnen. Die Lufthansa verliert dadurch Marktanteile an asiatische Fluglinien, die den kurzen und kosteng&uuml;nstigen Weg &uuml;ber Russland nehmen, w&auml;hrend die Lufthansa das meidet.<\/p><p>Insgesamt ist auf dem Forum eine deutliche Zunahme der Teilnehmer aus dem sogenannten Globalen S&uuml;den erkennbar. Dies war in all den Jahren sichtbar und ging Hand in Hand mit einer st&auml;rkeren Pr&auml;senz der Firmen aus diesen L&auml;ndern in Russland. Nehmen wir den Automobilbereich: Deutsche Firmen waren dort fr&uuml;her sehr gut vertreten. Was einem bei regelm&auml;&szlig;igen Reisen nach Russland gleich auff&auml;llt, ist, wie stark sich das Bild auf den Stra&szlig;en ver&auml;ndert. Mit jedem Jahr, in dem ich dort war, gab es mehr chinesische Autos. Das liegt nat&uuml;rlich daran, dass die gegen Russland verh&auml;ngten Sanktionen keine globalen UN-Sanktionen sind, sondern Sanktionen der EU und der USA. Andere Staaten sind daran nicht gebunden. Die Chinesen haben das f&uuml;r sich genutzt und ihre Autos verst&auml;rkt nach Russland exportiert und dort auch zum Teil montiert, wodurch sie deutlich an Marktanteilen gewonnen haben. Dies lief nicht ohne Probleme ab, da man in kurzer Zeit kein gro&szlig;es H&auml;ndler- und Ersatzteilnetz aufbauen oder umbauen kann, wo die H&auml;ndlernetze von europ&auml;ischen Firmen &uuml;bernommen wurden. Aber auch diese Schwierigkeiten werden nach und nach angegangen.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielte das Verh&auml;ltnis zum Westen, insbesondere zu Westeuropa und Deutschland, in den Diskussionen auf dem Forum? Wie zeigte sich die russische Haltung dazu?<\/strong><\/p><p>Das Verh&auml;ltnis zum Westen spielte tats&auml;chlich eine sehr gro&szlig;e Rolle, gepr&auml;gt von einer tiefen Entt&auml;uschung auf russischer Seite. Besonders im Hinblick auf Deutschland herrscht das Gef&uuml;hl vor, dass man den Deutschen in der Vergangenheit entgegengekommen sei. Man verweist auf die jahrzehntelange erfolgreiche Auss&ouml;hnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die ma&szlig;gebliche Unterst&uuml;tzung der deutschen Wiedervereinigung &ndash; inklusive des ber&uuml;hmten Gespr&auml;chs zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl in Strickjacken im Kaukasus vor genau 35 Jahren &ndash; und den Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland. Russland habe Deutschland, den Europ&auml;ern und US-Amerikanern damals viel Vertrauen entgegengebracht.<\/p><p>Viel wurde auch &uuml;ber die NATO-Erweiterung diskutiert. Hierzulande wird oft argumentiert, es g&auml;be keine schriftlichen Vereinbarungen dar&uuml;ber, die NATO nicht auszudehnen. Die russische Seite h&auml;lt dem entgegen, dass man den m&uuml;ndlichen Zusagen damals vertraut habe. Viele wichtige Abkommen, auch w&auml;hrend des Kalten Krieges oder der Kuba-Krise 1962, seien nicht als v&ouml;lkerrechtliche Vertr&auml;ge, sondern als &bdquo;Gentleman&rsquo;s Agreements&ldquo; getroffen und eingehalten worden. Es wurde sehr deutlich, dass auf russischer Seite ein starkes Gef&uuml;hl vorherrscht, immer wieder einen Vertrauensvorschuss gegeben und entt&auml;uscht worden zu sein.<\/p><p>Diese Entt&auml;uschung manifestierte sich in mehreren Punkten: der NATO-Erweiterung, der russischen Wahrnehmung einer gezielten Organisation der Maidan-Demonstrationen und der aus russischer Sicht nicht eingehaltenen Zusage f&uuml;r Neuwahlen danach. Auch die Minsker Abkommen und die Aussage der ehemaligen Bundeskanzlerin, diese seien lediglich geschlossen worden, um Zeit zu gewinnen, wurden als eklatanter Vertrauensbruch wahrgenommen. Diese tiefsitzende Entt&auml;uschung f&uuml;hrte zu dem klaren Entschluss, Konsequenzen zu ziehen. Russland, so die Sichtweise dort, habe lange versucht, Teil Europas zu werden, sei aber an den EU-Staaten und den USA gescheitert. Folglich will man nun mit neuen Partnern, insbesondere den BRICS-Staaten und der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit (SOZ), eine neue internationale Ordnung aufbauen.<\/p><p>Zudem besteht Russland f&uuml;r eine Beendigung des Krieges darauf, dass die Ukraine weder Teil der NATO noch eines anderen gegen Russland gerichteten B&uuml;ndnisses und auch kein Stationierungsraum f&uuml;r ausl&auml;ndische Truppen oder Offensivwaffen wird. Dass sich die Position der US-amerikanischen Administration hierzu ge&auml;ndert hat und im Abschlussdokument des letzten NATO-Gipfels nicht mehr die Rede davon ist, dass &bdquo;die Zukunft der Ukraine in der NATO liegt&ldquo; und man die Ukraine auf ihrem &bdquo;unumkehrbaren Weg zur euro-atlantischen Integration unterst&uuml;tzen wolle&ldquo;, wie es noch auf dem NATO-Gipfel 2024 formuliert worden war, wird als positiv wahrgenommen. Aber, wie mir mehrere Gespr&auml;chspartner sagten: &bdquo;Niemand ist bereit, uns das zu garantieren.&ldquo;<\/p><p>Auf pers&ouml;nlicher Ebene waren die Gespr&auml;che &uuml;berwiegend freundlich. Dennoch sp&uuml;rt man &uuml;ber die Jahre, dass sich ein leichter &bdquo;Schleier&ldquo; &uuml;ber manche Themen und Begegnungen gelegt hat; es ist nicht mehr so unbeschwert wie noch vor zehn Jahren. Dies ist eine Folge der verh&auml;rteten Positionen und der zunehmenden Kriegstoten auch auf russischer Seite. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass manche Firmen, die sich aus Russland zur&uuml;ckzogen, &uuml;ber das Notwendige hinaus agierten, um russischen Partnern die Gesch&auml;ftsfortf&uuml;hrung maximal zu erschweren, und auch die Bundesregierung in der nationalen Umsetzung von Sanktionen eifriger ist als manch anderer europ&auml;ischer Staat.<\/p><p><em>Lesen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136622\">im zweiten Teil dieses Interviews<\/a> mehr &uuml;ber die Rolle des Ukraine-Kriegs, die Resilienz der russischen Wirtschaft und die langfristigen strategischen Neuausrichtungen Russlands. Im Anschluss steht Ihnen hier <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136669\">der dritte Teil des Interviews<\/a> zur Verf&uuml;gung.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>&Uuml;ber den Interviewpartner: <strong>Christoph Polajner<\/strong> ber&auml;t in den Schnittpunkten von Geopolitik, Geo&ouml;konomie, Au&szlig;enpolitik und Wirtschaft und ist Gr&uuml;ndungsmitglied und Stellvertretender Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft mit Sitz in Berlin. Seine geographischen Schwerpunkte sind China und Russland, inhaltlich sind es Eurasien, die BRICS, die Shanghai Cooperation Organization, der Ukrainekonflikt und die chinesisch-russischen Beziehungen. Er war lange Jahre weltweit t&auml;tig: in Lateinamerika, Afrika, S&uuml;dostasien, Zentralasien, der Ukraine, China und Russland, den Gro&szlig;teil der Zeit f&uuml;r eine humanit&auml;re Organisation. Er hat einen Master-Abschluss in Chinese Studies mit den Schwerpunkten chinesischer Au&szlig;enpolitik und Wirtschaft.<\/em><\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250619%20-Autor_DSC_1274.jpg\" alt=\"\" title=\"\">\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p><small>Titelbild: Quelle: Christoph Polajner<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/2e54c6b7b7024f4cbe1304f7c41471d3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) ist weit mehr als nur ein Treffen von &Ouml;konomen und Gesch&auml;ftsleuten. 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