{"id":136614,"date":"2025-07-29T11:00:19","date_gmt":"2025-07-29T09:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136614"},"modified":"2025-07-30T07:20:04","modified_gmt":"2025-07-30T05:20:04","slug":"erwerbstaetig-und-obdachlos-alltag-einer-unsichtbaren-minderheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136614","title":{"rendered":"Erwerbst\u00e4tig und obdachlos: Alltag einer unsichtbaren Minderheit"},"content":{"rendered":"<p>Trotz Vollzeitjob abends in der Notunterkunft oder gar auf der Stra&szlig;e schlafen &ndash; was nach einem unvorstellbaren Widerspruch klingt, ist in Deutschland l&auml;ngst Realit&auml;t: Tausende Menschen finden trotz Erwerbsarbeit keine eigene Wohnung. Diese Menschen f&uuml;hren ein Leben im permanenten Ausnahmezustand &ndash; sichtbar vielleicht f&uuml;r Sozialarbeiter vor Ort, im politischen Berlin jedoch weitgehend unsichtbar. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2686\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136614-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136614-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250729_Erwerbstaetig_und_obdachlos_Alltag_einer_unsichtbaren_Minderheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die g&auml;ngigen Klischees von Obdachlosigkeit (Faulheit, Sucht, &bdquo;selbst schuld&ldquo;) greifen hier nicht: Diese Betroffenen gehen einer Arbeit nach und geh&ouml;ren dennoch zum wachsenden Ph&auml;nomen der sogenannten &bdquo;Working Poor ohne Wohnsitz&ldquo; (Working Poor = Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten). Nach Sch&auml;tzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat sich der Anteil erwerbst&auml;tiger Wohnungsloser in Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts nahezu verdoppelt. 2009 hatten rund 6&#8239;Prozent der Wohnungslosen einen Job, 2019 waren es bereits 11,7&#8239;Prozent &ndash; also jeder Neunte. In Gro&szlig;st&auml;dten und Ballungsr&auml;umen sprechen Sozialarbeiter inzwischen von einem festen Personenkreis, der tags&uuml;ber in niedrig entlohnten Jobs arbeitet und abends mangels Wohnung in Notquartieren, Wohnheimen oder improvisierten Schlafpl&auml;tzen unterkommt.<\/p><p>Aktuelle Zahlen unterstreichen die Dramatik noch: Offiziell waren Ende Januar 2024 547.200 Menschen in Deutschland obdach- oder wohnungslos. Darin eingerechnet sind zwar auch Gefl&uuml;chtete ohne eigene Bleibe &ndash; doch selbst abz&uuml;glich dieser Gruppe bleibt eine historisch hohe Zahl von Einheimischen ohne Wohnung. Unter ihnen befindet sich eine wachsende &bdquo;neue Unterschicht&ldquo; aus Erwerbst&auml;tigen, die trotz regelm&auml;&szlig;igen Einkommens durchs Raster des Wohnungsmarkts fallen. Ihr Alltag ist von st&auml;ndiger Unsicherheit gepr&auml;gt: Sie pendeln zwischen Arbeitsstelle und Notunterkunft, lagern Habseligkeiten in Spinden oder bei Freunden, k&auml;mpfen mit b&uuml;rokratischen H&uuml;rden (ohne feste Meldeadresse) und stehen unter enormen psychischem Druck, Job und Wohnungslosigkeit zugleich zu bew&auml;ltigen. Viele sch&auml;men sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen, da sie sich trotz eigener Arbeit als &bdquo;nicht bed&uuml;rftig genug&ldquo; f&uuml;r klassische Obdachlosenhilfe empfinden. Kurz: Diese Menschen f&uuml;hren ein Leben im permanenten Ausnahmezustand &ndash; sichtbar vielleicht f&uuml;r Sozialarbeiter vor Ort, im politischen Berlin jedoch weitgehend unsichtbar.<\/p><p><strong>Wer wird geh&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Demokratietheoretisch gilt &bdquo;politische Responsivit&auml;t&ldquo; als Gradmesser daf&uuml;r, inwieweit Regierende auf die Anliegen und W&uuml;nsche aller Bev&ouml;lkerungsgruppen eingehen. In der idealen Demokratie sollte politische Gleichheit herrschen &ndash; das hei&szlig;t, kein Anliegen einer sozialen Gruppe wird systematisch &uuml;berh&ouml;rt. Die Realit&auml;t jedoch weicht von diesem Ideal ab. Studien zeigen, dass in modernen Demokratien vor allem die Anliegen einkommensschwacher und an den Rand gedr&auml;ngter Gruppen h&auml;ufig unber&uuml;cksichtigt bleiben. So fand die Politikwissenschaftlerin Lea Els&auml;sser f&uuml;r Deutschland eine &bdquo;starke soziale Schieflage in der politischen Repr&auml;sentation&ldquo;: Entscheidungen fielen deutlich zugunsten der oberen Berufsgruppen aus, w&auml;hrend die politischen Anliegen der unteren Schichten von keiner Regierungspartei aufgegriffen wurden. Anders formuliert: Wer arm oder ohne Einfluss ist, dessen Stimme verhallt oft im politischen Prozess. Wenn ganze Gruppen &ndash; etwa Geringverdienende, prek&auml;r Besch&auml;ftigte oder gar Erwerbst&auml;tige ohne eigene Wohnung &ndash; kaum Chancen haben, mit ihren Interessen durchzudringen, wird das demokratische Versprechen der Gleichheit verletzt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie repr&auml;sentativ die Politik des Bundestages tats&auml;chlich ist &ndash; und wer systematisch au&szlig;en vor bleibt.<\/p><p><strong>Ungleiches Geh&ouml;r im Bundestag<\/strong><\/p><p>Die politische Aufmerksamkeitsskala im Bundestag ist deutlich verschoben. Ein Blick auf die Interessenvertretung verschiedener Gruppen zeigt, wer Geh&ouml;r findet &ndash; und wer nicht. Organisierte Wirtschafts- und Kapitalinteressen genie&szlig;en dabei ein ungleich gr&ouml;&szlig;eres Gewicht als die Belange verletzlicher sozialer Gruppen. So traf sich die Bundesregierung der Ampel-Koalition im Jahr 2022 zu 142 pers&ouml;nlichen Gespr&auml;chen mit Lobbyist:innen der Immobilienwirtschaft, aber nur 50-mal mit Mieterorganisationen. Unternehmen wie Vonovia oder Branchenverb&auml;nde hatten nahezu dreimal so h&auml;ufig Zugang zu Ministerien wie der Deutsche Mieterbund. W&auml;hrend Wirtschaftsminister und Vizekanzler Habeck (Gr&uuml;ne) etwa zehnmal den Vorstand des Wohnungskonzerns Vonovia zum Austausch empfing, fand im gleichen Zeitraum kein einziges Treffen mit dem Mieterbund statt.<\/p><p>Dieses krasse Ungleichgewicht illustriert, wessen Anliegen auf h&ouml;chster Ebene Priorit&auml;t genie&szlig;en &ndash; n&auml;mlich die der gro&szlig;en Akteure des Wohnungsmarkts. Die Interessen von Mietern, geschweige denn von wohnungslosen Erwerbst&auml;tigen, sind dagegen personell und organisatorisch weit weniger pr&auml;sent. Im Parlament selbst spiegeln Debatten und Vorst&ouml;&szlig;e diese Asymmetrie wider. Anfragen oder Gesetzentw&uuml;rfe zur spezifischen Situation erwerbst&auml;tiger Obdachloser sucht man im Bundestag bislang vergeblich. Zwar wird Wohnungslosigkeit als allgemeines Problem gelegentlich diskutiert &ndash; etwa im Rahmen des &bdquo;Nationalen Aktionsplans Wohnungslosigkeit 2024&ldquo;. Doch selbst dort bleiben working homeless als eigene Gruppe unerw&auml;hnt. Eine &ouml;ffentliche Anh&ouml;rung zur Wohnungslosigkeit im Bundestag im Jahr 2023 musste von Betroffenenvertretern gar kritisiert werden, weil wohnungslose Menschen selbst nicht angeh&ouml;rt wurden. Die Schw&auml;chsten bleiben stumm &ndash; und das Parlament bleibt meist stumm &uuml;ber sie.<\/p><p>Diese parlamentarische Blindstelle korrespondiert mit den politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen. Einflussreiche Verb&auml;nde der Bau- und Immobilienbranche, genauso wie Eigent&uuml;mer- und Vermieter-Lobbys, &uuml;ben erheblichen Druck auf die Gesetzgebung aus &ndash; sei es bei Mietrechtsreformen, bei steuerlichen Rahmenbedingungen oder F&ouml;rderprogrammen. Forderungen nach strengerem Mieterschutz oder einer sozialen Wohnraumoffensive sto&szlig;en dabei oft auf gebremstes Interesse, wenn sie m&auml;chtigen Interessen zuwiderlaufen. Im Ergebnis setzt sich eine selektive Responsivit&auml;t fort: Durchsetzungsstark sind Anliegen, die von wirtschaftlich potenten Akteuren vorgebracht werden (etwa Steuererleichterungen f&uuml;r Investoren oder Abbau von Bauvorschriften). Schweres politisches Geh&ouml;r finden hingegen jene Probleme, f&uuml;r die es keine einflussreiche Lobby gibt &ndash; wie eben das Schicksal von Menschen, die trotz Arbeit ohne Wohnung dastehen.<\/p><p><strong>Die Politik der Regierung Merz &ndash; Priorit&auml;ten und Folgen<\/strong><\/p><p>Unter der Regierung Friedrich Merz haben sich diese Schieflagen deutlich versch&auml;rft. Die neue schwarz-rote Koalition (CDU\/CSU und SPD) verfolgt in der Sozial- und Wohnungspolitik einen Kurs, der prim&auml;r auf wirtschaftliche Anreize und Haushaltsdisziplin setzt &ndash; und weniger auf den Schutz der finanziell Schw&auml;chsten. Konkrete Beispiele verdeutlichen dies: Gleich zu Beginn k&uuml;ndigte Kanzler Merz an, das im Jahr 2023 eingef&uuml;hrte B&uuml;rgergeld grundlegend zu &uuml;berarbeiten. Tats&auml;chlich wird nun das B&uuml;rgergeld zur neuen &bdquo;Grundsicherung&ldquo; mit h&auml;rteren Regeln umgebaut &ndash; inklusive strengerer Auflagen f&uuml;r Erwerbslose und Sanktionen bis hin zum vollst&auml;ndigen Leistungsentzug bei mehrfacher Stellenablehnung.<\/p><p>Diese Versch&auml;rfung der Sozialhilfe &ndash; von Merz&rsquo; Generalsekret&auml;r Carsten Linnemann als &bdquo;wichtigste Sozialreform seit Agenda&nbsp;2010&ldquo; gepriesen &ndash; sendet ein klares Signal: Der Fokus liegt darauf, Leistungsbeziehende schneller in Arbeit zu dr&auml;ngen, notfalls mit Druck. F&uuml;r jene jedoch, die trotz Arbeit arm sind, bedeutet dieser Kurs keinerlei Verbesserung &ndash; im Gegenteil. Wer etwa aufgrund prek&auml;rer Jobs auf erg&auml;nzende Leistungen angewiesen ist oder bei Jobverlust auf das B&uuml;rgergeld zur&uuml;ckf&auml;llt, sieht sich k&uuml;nftig strengeren Bedingungen ausgesetzt. Strukturelle Armutspr&auml;vention (z.&#8239;B. durch h&ouml;here Mindestl&ouml;hne oder Ausbau von Hilfen) steht erkennbar nicht im Vordergrund.<\/p><p>Auch in der Wohnungs- und Steuerpolitik setzt die Merz-Regierung Akzente, die vor allem Verm&ouml;genden und Investoren zugutekommen. Im Wahlprogramm der Union lag der Schwerpunkt beim Thema Wohnen darauf, durch Neubau-Offensiven, Deregulierung und Steuersenkungen das Angebot zu erh&ouml;hen. So sollen vereinfachte Bauvorschriften, beschleunigte Genehmigungsverfahren und steuerliche Entlastungen f&uuml;r private Wohnungsbauinvestoren den Wohnungsmarkt beleben. Gegen mehr Angebot ist zwar grunds&auml;tzlich nichts einzuwenden &ndash; doch handelt es sich vorwiegend um Angebote des freien Marktes, nicht um gezielte Hilfe f&uuml;r Geringverdiener.<\/p><p>Tats&auml;chlich fehlen im Programm von CDU\/CSU jegliche konkreten Ma&szlig;nahmen zum Mieterschutz. Die Union stellt lediglich allgemein fest, man stehe &bdquo;f&uuml;r einen wirksamen und angemessenen Mieterschutz &ndash; dazu geh&ouml;ren auch Regeln zur Mieth&ouml;he&ldquo;. Auf gut Deutsch: Man will Vermieterinteressen nicht allzu sehr beschneiden. Folgerichtig wurde die Mietpreisbremse &ndash; ohnehin ein eher mildes Instrument &ndash; von der neuen Koalition nicht verl&auml;ngert, sondern stillschweigend auslaufen gelassen (ein Kurs, den bereits die FDP in der Vorg&auml;ngerregierung propagiert hatte). Mietendeckel oder umfassende Mietstopps &ndash; wie von sozialen Verb&auml;nden gefordert &ndash; sind mit Merz&rsquo; CDU\/CSU v&ouml;llig vom Tisch.<\/p><p>Im sozialen Wohnungsbau zeichnen sich &auml;hnliche Priorit&auml;ten ab. Die Ampel-Regierung hatte vollmundig 100.000 neue Sozialwohnungen j&auml;hrlich versprochen, dieses Ziel aber krachend verfehlt (2022 wurden z.B. nur rund 22.500 Sozialwohnungen neu gebaut, w&auml;hrend zugleich 36.500 aus der Bindung fielen). Nun setzt die Merz-Regierung zwar verbal auf eine &bdquo;solide F&ouml;rderung&ldquo; des sozialen Wohnungsbaus, bleibt aber vage. Konkrete zus&auml;tzliche Milliarden f&uuml;r kommunalen und gemeinn&uuml;tzigen Wohnungsbau &ndash; wie sie Fachleute fordern &ndash; sind im Koalitionsvertrag nicht festgeschrieben. Stattdessen konzentriert man sich darauf, Privatinvestitionen durch Steueranreize zu stimulieren.<\/p><p>Entsprechend begr&uuml;&szlig;t die Immobilienwirtschaft die geplanten Sonderabschreibungen und steuerlichen Verg&uuml;nstigungen, die Renditeanreize erh&ouml;hen sollen. Leistbare Wohnungen f&uuml;r niedrige Einkommen entstehen dadurch jedoch nicht automatisch. Im Gegenteil: Ohne staatliche Vorgaben flie&szlig;t Kapital bevorzugt in lukrative Neubauprojekte im h&ouml;heren Preissegment, w&auml;hrend g&uuml;nstiger Wohnraum in Ballungszentren knapp bleibt. Kurzum: Die Regierung Merz verst&auml;rkt marktorientierte Rezepte und zieht sich an mancher Stelle aus der sozialen Verantwortung zur&uuml;ck &ndash; mit der Konsequenz, dass strukturelle Ungleichheiten eher zunehmen.<\/p><p>Hinzu kommt ein merklicher Klimawandel im politischen Diskurs: Sozialstaatliche Instrumente und Hilfen stehen unter Rechtfertigungsdruck, w&auml;hrend Eigentum und Investition als sch&uuml;tzenswerte G&uuml;ter betont werden. Steuerpl&auml;ne der Koalition &ndash; wie die vollst&auml;ndige Abschaffung des Solidarit&auml;tszuschlags f&uuml;r Spitzenverdiener oder gro&szlig;z&uuml;gige Freibetr&auml;ge bei Erbschaft- und Verm&ouml;genssteuern &ndash; beg&uuml;nstigen eindeutig Wohlhabende. Die Finanzierungsspielr&auml;ume f&uuml;r Sozialausgaben und Wohnprogramme werden damit tendenziell enger. Insgesamt entsteht so das Bild einer Politik, die &uuml;berwiegend jene f&ouml;rdert, die bereits haben, w&auml;hrend neu entstandene Notlagen &ndash; wie die der obdachlosen Erwerbst&auml;tigen &ndash; keinen vergleichbaren Stellenwert genie&szlig;en.<\/p><p><strong>SPD: Anspruch und Wirklichkeit eines sozialen Gewissens<\/strong><\/p><p>Besonders kritisch f&auml;llt in diesem Zusammenhang der Blick auf die SPD aus. Als traditionelle Arbeiterpartei und selbsternanntes soziales Gewissen der Koalition m&uuml;sste die SPD eigentlich Anw&auml;ltin der Working Poor und Wohnungslosen sein. Die Realit&auml;t jedoch offenbart ein eklatantes Spannungsverh&auml;ltnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwar betonen SPD-Politiker immer wieder ihre historische Verantwortung, &bdquo;niemanden zur&uuml;ckzulassen&ldquo;. Im aktuellen Regierungsb&uuml;ndnis blieben die Sozialdemokraten jedoch erstaunlich zahm, wenn es um die Verteidigung sozialer Schutzmechanismen ging.<\/p><p>Beispiel Mieterschutz: Hier r&uuml;hmte sich die SPD, noch in der Ampel gemeinsam mit den Gr&uuml;nen eine gro&szlig;e Mietrechtsreform geplant zu haben &ndash; inklusive Versch&auml;rfung der Mietpreisbremse und Kappungsgrenzen. Umgesetzt wurde dies bis 2025 nicht. Die SPD gibt der Blockadehaltung des kleineren Koalitionspartners FDP eine Mitschuld: &bdquo;In der Vergangenheit ist besserer Mieterschutz aufgrund der Blockadehaltung insbesondere der FDP leider nicht gelungen&ldquo;, beklagte etwa Brian Nickholz, der SPD-Beauftragte f&uuml;r Wohnungslosenhilfe. Dennoch bleibt festzuhalten: Als Seniorpartner der letzten Regierung h&auml;tte die SPD st&auml;rker Druck machen k&ouml;nnen, anstatt die Reform scheitern zu lassen.<\/p><p><strong>Beispiel &bdquo;Housing First&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dieses fortschrittliche Konzept der Wohnungslosenhilfe &ndash; obdachlosen Menschen sofort Wohnraum zur Verf&uuml;gung zu stellen, ohne Vorbedingungen &ndash; wird von Experten seit Jahren empfohlen. Im Koalitionsvertrag 2021 hatte die SPD das Ziel verankert, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beenden, und &bdquo;Housing First&ldquo; fl&auml;chendeckend zu etablieren. Doch konkrete Schritte blieben zaghaft. Bis Anfang 2025 existierten nur einige Modellprojekte in wenigen St&auml;dten; ein Bund-L&auml;nder-Fonds, der Housing-First-Programme massiv finanziert, wurde nicht aufgelegt. Die SPD beklagt zwar &ouml;ffentlich den Mangel an Finanzierung und schiebt erneut anderen die Schuld zu &ndash; doch dieses Zaudern kostet Zeit, die viele Betroffene nicht haben.<\/p><p>Auch im sozialen Wohnungsbau zeigte die SPD ein Paradox: Einerseits warb sie im Wahlkampf 2021 mit ehrgeizigen Zahlen (400.000 neue Wohnungen pro Jahr, davon 100.000 Sozialwohnungen). Andererseits sank in ihrer Regierungszeit die Zahl der Sozialwohnungen auf einen historischen Tiefstand von gut 1,07&nbsp;Millionen Ende 2023 &ndash; trotz Wohnungsnot wurden also unter dem Strich weiter Wohnungen aus der Bindung verloren. Der &bdquo;Deutschlandfonds&ldquo; f&uuml;r gemeinn&uuml;tzigen Wohnungsbau, den die SPD nun in ihrem Programm vorsieht, kommt reichlich sp&auml;t und mit ungewisser Finanzausstattung.<\/p><p>Die Ursachen dieses Versagens liegen tiefer. Die SPD hat sich &ndash; wie Els&auml;sser konstatiert &ndash; in den letzten Jahrzehnten verst&auml;rkt an der Mittelklasse orientiert. Ihre &bdquo;alte Kernw&auml;hlerschaft&ldquo; &ndash; Industriearbeiter, Geringqualifizierte, heute auch prek&auml;r Besch&auml;ftigte &ndash; wird programmatisch zwar beschworen, aber praktisch kaum noch priorisiert. <\/p><p>Das Ergebnis: Weder in der Gro&szlig;en Koalition noch zuvor in der Ampel konnte oder wollte die SPD die Anliegen der unteren sozialen Schichten systematisch mobilisieren. Im Gegenteil trug sie in der Vergangenheit selbst Reformen mit, die die soziale Absicherung schw&auml;chten (Stichwort Agenda&nbsp;2010). Dies hat das Vertrauen vieler Betroffener in die Sozialdemokratie untergraben &ndash; und erkl&auml;rt mit, warum neue soziale Probleme wie das Ph&auml;nomen der &bdquo;arbeitenden Wohnungslosen&ldquo; politisch unterbelichtet bleiben. Wenn die SPD als eigentlich pr&auml;destinierte Interessenvertreterin dieser Gruppe ausf&auml;llt, klafft eine Repr&auml;sentationsl&uuml;cke, die bisher keine andere Kraft f&uuml;llt. Zwar versucht die Linkspartei, das Thema Obdachlosigkeit aufzugreifen, fordert etwa einen Mietendeckel und ein Verbot von Zwangsr&auml;umungen. Doch ihr politischer Einfluss ist begrenzt. Somit bleibt die Interessenvertretung der Working Poor diffus &ndash; und gerade das erm&ouml;glicht erst ihre chronische &Uuml;bergehung im parlamentarischen Raum.<\/p><p><strong>Eine Grundsatzfrage an die demokratische Architektur<\/strong><\/p><p>Der beschriebene Missstand wirft letztlich eine beunruhigende Grundsatzfrage auf: Was sagt es &uuml;ber die politische Architektur der Bundesrepublik aus, wenn selbst erwerbst&auml;tige Menschen &ndash; diejenigen also, die Leistungsbereitschaft zeigen und &bdquo;alles richtig machen&ldquo; &ndash; kein Dach &uuml;ber dem Kopf haben und dennoch im parlamentarischen Diskurs nicht vorkommen? Die Antwort f&auml;llt ern&uuml;chternd aus. Es offenbart sich ein Strukturproblem unserer Demokratie, eine Verzerrung zugunsten der Privilegierten. Selektive Responsivit&auml;t &ndash; das Muster, wonach Politik st&auml;rker auf die Wohlhabenden h&ouml;rt &ndash; ist nicht nur eine theoretische Figur, sondern hier konkret sp&uuml;rbar. Die Schicksale der &bdquo;arbeitenden Obdachlosen&ldquo; sind zum Pr&uuml;fstein geworden, an dem sich zeigt, wie weit sozio&ouml;konomische Ungleichheit bereits in politische Ungleichheit umgeschlagen ist.<\/p><p>Die N&uuml;chternheit, mit der dieser Befund formuliert werden muss, darf nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass er den Kern des demokratischen Versprechens ber&uuml;hrt. Eine Demokratie, die es hinnimmt, dass Menschen mit Vollzeitjob in Notunterk&uuml;nften schlafen, w&auml;hrend Kapitalanleger mit steuerlichen Verg&uuml;nstigungen hofiert werden, muss sich fragen lassen, wessen Interessen sie priorisiert. Wenn das Parlament die einen &ndash; etwa gro&szlig;e Immobilienkonzerne &ndash; mit rotem Teppich empf&auml;ngt, die anderen aber &ndash; wie die neuen st&auml;dtischen Armen &ndash; &uuml;ber Jahre ignoriert, ger&auml;t der Leitsatz &bdquo;Dem Deutschen Volke&ldquo; &uuml;ber dem Reichstagsportal zum Spottvers auf einen wichtigen Teil des Volkes.<\/p><p>Die Antwort kann keine moralische Emp&ouml;rung allein sein, sondern eine R&uuml;ckbesinnung auf die Gleichheitsgrunds&auml;tze der Demokratie. Es geht nicht um Almosen oder symbolische Debatten, sondern um vertretende Politik im Wortsinn: darum, dass auch jene ohne Lobby eine Stimme erhalten. Der Befund mag k&uuml;hl formuliert werden &ndash; doch er zwingt zu einer w&auml;rmeren Politik, die den Menschen wieder &uuml;ber den Markt stellt. Denn letztlich wird der Zustand einer Demokratie daran gemessen, wie sie mit ihren verwundbarsten Mitgliedern umgeht.<\/p><p>Dass in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt Menschen trotz Arbeit im Freien &uuml;bernachten m&uuml;ssen und politisch kaum Erw&auml;hnung finden, ist ein Alarmsignal. Es signalisiert, dass politische Responsivit&auml;t kein abstraktes Ideal ist, sondern eine t&auml;glich neu zu verteidigende Errungenschaft &ndash; und dass diese Errungenschaft in Gefahr ist, wenn wir die leisen Stimmen am Rande &uuml;berh&ouml;ren. Jeder Paragraf, jede Entscheidung im Bundestag sollte sich daran messen lassen, ob sie der Realit&auml;t auf der Stra&szlig;e gerecht wird. Im Fall der obdachlosen Erwerbst&auml;tigen besteht hier dringender Nachholbedarf &ndash; f&uuml;r alle demokratischen Parteien, insbesondere aber f&uuml;r jene, die das Soziale im Namen tragen.<\/p><p><small>Titelbild: Dikushin Dmitry \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz Vollzeitjob abends in der Notunterkunft oder gar auf der Stra&szlig;e schlafen &ndash; was nach einem unvorstellbaren Widerspruch klingt, ist in Deutschland l&auml;ngst Realit&auml;t: Tausende Menschen finden trotz Erwerbsarbeit keine eigene Wohnung. Diese Menschen f&uuml;hren ein Leben im permanenten Ausnahmezustand &ndash; sichtbar vielleicht f&uuml;r Sozialarbeiter vor Ort, im politischen Berlin jedoch weitgehend unsichtbar. Von <strong>Detlef<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136614\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":136615,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,165,127,132],"tags":[861,1862,1260,1785,783,3380,1141,288,1582,291,2768,2638,1142],"class_list":["post-136614","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-ampelkoalition","tag-buergergeld","tag-groko","tag-immobilienwirtschaft","tag-merz-friedrich","tag-mieterschutz","tag-obdachlosigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sozialer-wohnungsbau","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wohnungslosigkeit","tag-wohnungsnot","tag-wohnungswirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/shutterstock_2555662075.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=136614"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136614\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":136652,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136614\/revisions\/136652"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/136615"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=136614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=136614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=136614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}