{"id":136669,"date":"2025-07-30T12:00:25","date_gmt":"2025-07-30T10:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136669"},"modified":"2025-08-22T10:50:55","modified_gmt":"2025-08-22T08:50:55","slug":"die-verschenkte-zeit-europa-zwischen-konflikt-und-neuer-weltordnung-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136669","title":{"rendered":"Die verschenkte Zeit: Europa zwischen Konflikt und neuer Weltordnung (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Die Idee eines gemeinsamen europ&auml;ischen Hauses scheint verblasst. In einer Welt im Umbruch fordert <strong>Christoph Polajner<\/strong>, stellvertretender Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft, eindringlich eine R&uuml;ckkehr zum Dialog und die &Uuml;berwindung der tiefen Gr&auml;ben, die Europa spalten. Er nimmt regelm&auml;&szlig;ig am Sankt Petersburger Wirtschaftsforum teil und pl&auml;diert f&uuml;r eine Abkehr von Konfrontation zugunsten einer positiven Zukunftsvision und des Aufbaus neuer Sicherheitsarchitekturen. Mit Christoph Polajner sprach <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2581\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136669-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136669-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250730_Die_verschenkte_Zeit_Europa_zwischen_Konflikt_und_neuer_Weltordnung_Teil_3_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Lesen Sie hierzu auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136481\">Teil 1<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136622\">Teil 2<\/a> des dreiteiligen Interviews mit Christoph Polajner.<\/em><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Polajner, was genau unternimmt die Eurasien Gesellschaft, um die noch vorhandenen Br&uuml;cken zwischen Europa und Eurasien zu st&auml;rken?<\/strong><\/p><p><strong>Christoph Polajner:<\/strong> Das ist ein erkl&auml;rtes Ziel unserer Gesellschaft, auch wenn wir nat&uuml;rlich sehr klein sind und unsere M&ouml;glichkeiten bescheiden einsch&auml;tzen m&uuml;ssen. Unser Hauptanliegen ist es, Menschen zusammenzubringen, die sich f&uuml;r eine friedliche Koexistenz der L&auml;nder Europas und Asiens einsetzen und das Potenzial der Zusammenarbeit erkennen. Diesen Fokus auf das Kooperationspotenzial vermisse ich oft im hiesigen Diskurs.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund war das Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg sehr inspirierend. Dort wurden viele Ideen diskutiert, mit denen ich mich seit Langem besch&auml;ftige, wie beispielsweise die Ver&auml;nderung der internationalen Ordnung und der internationalen Institutionen, Weltreservew&auml;hrungen, Konnektivit&auml;t sowohl im Hinblick auf den Ausbau der Landverbindungen zwischen Europa und Asien als auch auf die Nordostpassage, also den Seeweg von der Nordsee entlang der russischen K&uuml;ste nach Asien. Was ich meinerseits dort immer wieder in Gespr&auml;che eingebracht habe, ist die Wiederbelebung der Idee eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok.<\/p><p>Unsere Rolle sehen wir darin, Gespr&auml;chskan&auml;le aufrechtzuerhalten, gerade in einer Zeit, in der es zwischen Russland und den EU-Staaten kaum noch Austausch zu Themen wie dem Krieg in der Ukraine, europ&auml;ischer Sicherheit, der internationalen Ordnung und der Wiederherstellung der bilateralen Beziehungen gibt. Wir m&ouml;chten auch vermitteln, dass es hier nach wie vor Personen gibt, die an einen geeinten und friedlichen europ&auml;ischen Raum glauben. Ich pers&ouml;nlich erinnere mich gern an die Stimmung der fr&uuml;hen 90er-Jahre. In der Charta von Paris von 1990 hei&szlig;t es &bdquo;Das Zeitalter der Konfrontation und der Teilung Europas ist zu Ende gegangen.&ldquo; Wir hatten das Ziel, ein &bdquo;gemeinsames europ&auml;isches Haus&ldquo; zu bauen. Leider ist diese Idee auf beiden Seiten des geteilten Europas &ndash; sowohl in der EU als auch in Russland &ndash; &uuml;ber drei Jahrzehnte hinweg verblasst. Aber ich bin froh, dass es auch auf russischer Seite noch Menschen gibt, die daran glauben. Ich bin der festen &Uuml;berzeugung, dass wir als Europ&auml;er nur dann eine gute Zukunft haben, wenn wir diese Teilung des europ&auml;ischen Raumes &uuml;berwinden.<\/p><p><strong>Wie beurteilen Sie die aktuellen Chancen Europas, diese Spaltung zu &uuml;berwinden?<\/strong><\/p><p>Im Moment erleben wir, dass sich die Welt rasant neu ordnet. Russland hat dies wesentlich fr&uuml;her erkannt als wir, aus ganz unterschiedlichen Gr&uuml;nden. Hierzulande hat man sich sehr in der jahrhundertelangen europ&auml;ischen Vorherrschaft eingerichtet und in dem Gef&uuml;hl, den Kalten Krieg gewonnen zu haben. Es gab zwar einzelne Dialogformate mit Russland und auch einige Konzepte f&uuml;r eine engere Zusammenarbeit, aber am Potenzial der Beziehungen gemessen war das viel zu wenig. Das lag sicherlich auch daran, dass viele bei uns das Land &ndash; au&szlig;er vielleicht als Lieferant von Rohstoffen &ndash; als wenig relevant betrachteten.<\/p><p>Jetzt befinden wir uns in der f&uuml;r Europa sehr schlechten Situation, dass sich die Welt neu sortiert, der europ&auml;ische Raum aber geteilt ist. Zwischen uns Europ&auml;ern &ndash; also den Russen und Belarussen auf der einen Seite und den EU-Staaten auf der anderen Seite &ndash; fehlt die Diskussion dar&uuml;ber, welchen Platz wir in dieser neuen Welt einnehmen m&ouml;chten. Das ist in fast allen anderen Teilen der Welt anders: Die US-Amerikaner, Chinesen, BRICS-Staaten, Afrikaner und Lateinamerikaner denken intensiv dar&uuml;ber nach. Aber wir als Europ&auml;er tun es nicht beziehungsweise wir definieren uns gegenseitig nur in Abgrenzung zum jeweils anderen Teil des europ&auml;ischen Kulturraums und bem&uuml;hen uns, uns durch Waffen, Munition und Sanktionen gegenseitig m&ouml;glichst gro&szlig;en Schaden zuzuf&uuml;gen. Dadurch f&auml;llt Europa als Ganzes zur&uuml;ck, und so viel ist klar: Der Rest der Welt wartet nicht auf uns.<\/p><p>Russland organisiert das Wirtschaftsforum in St. Petersburg, sie laden ein, und selbst wir als kleine Organisation k&ouml;nnen hinreisen. Man wird freundlich empfangen und kommt mit vielen Menschen ins Gespr&auml;ch. Das ist eine gute Gelegenheit, die vorangehend genannten Fragen zu diskutieren &ndash; aber es nehmen sehr wenige Personen aus der EU teil. Auf der anderen Seite gibt es, wenn auch mit etwas Versp&auml;tung, &auml;hnliche Diskussionen hier in Deutschland, beispielsweise auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz, die zuletzt ebenfalls den Titel &bdquo;Multipolarit&auml;t&ldquo; trug &ndash; aber wir laden keine Menschen aus Russland mehr ein. Das bedeutet, dass wir keine Plattformen haben, auf denen wir als Europ&auml;er gemeinsam dar&uuml;ber sprechen k&ouml;nnten, wie der Krieg beendet wird, wie wir eine europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur aufbauen, welchen Platz wir in einer sich neu ordnenden Welt einnehmen m&ouml;chten, wie wir wirtschaftlich oder auch als Menschen wieder zusammenfinden m&ouml;chten.<\/p><p><strong>Der ungarische Au&szlig;en- und Handelsminister P&eacute;ter Szijj&aacute;rt&oacute; ist auch zum Forum gereist. Welche Bedeutung messen Sie der Haltung Ungarns bei?<\/strong><\/p><p>Es war meiner Ansicht nach sehr gut, dass Herr Szijj&aacute;rt&oacute; pers&ouml;nlich an der Konferenz teilgenommen hat. Mir gefiel besonders die relativ konstruktive ungarische Position. Er wiederholte das Angebot, dass Ungarn als Verhandlungsort f&uuml;r eine L&ouml;sung des Ukrainekriegs dienen k&ouml;nne &ndash; ein Vorschlag, den er bereits Ende Februar 2022 gemacht hatte. Der Au&szlig;enminister hob auch klar hervor, dass sein Land nat&uuml;rlich daran interessiert sei, die Beziehungen zu Russland auszubauen &ndash; auch die wirtschaftlichen; genauso, wie Ungarn auch sehr erfolgreich die Beziehungen zu China ausbaut.<\/p><p>Ungarn ist f&uuml;r mich innerhalb der EU ein positives Beispiel daf&uuml;r, wie ein Land die Ver&auml;nderungen in der internationalen Ordnung richtig analysiert und konstruktiv darauf reagiert, statt in ideologisch verh&auml;rteten Positionen zu verharren. Ich w&uuml;rde mich sehr freuen, wenn es gel&auml;nge, Menschen aus Russland und der Europ&auml;ischen Union, auch die US-Amerikaner, in Ungarn zusammenzubringen, um diese Sonderstellung Ungarns und das daraus resultierende Potenzial zu nutzen, um wieder Frieden in Europa zu schaffen.<\/p><p><strong>Inwiefern teilt die Eurasien Gesellschaft diese Einsch&auml;tzung Ungarns, und welche konkreten Initiativen verfolgen Sie, um den Dialog voranzutreiben?<\/strong><\/p><p>In den letzten Jahren sprach ich mit vielen Personen in Deutschland und einigen anderen EU-L&auml;ndern, die auch davon &uuml;berzeugt sind, dass wir einen Dialog mit Russland zu diesen Themen brauchen, die es aber aufgrund des medialen und politischen Klimas hier als zu riskant erachten, selbst nach Russland zu reisen. &Auml;hnlich ist es auf russischer Seite. Dort kommt hinzu, dass manche davon ausgehen, f&uuml;r viele EU-Staaten kein Visum zu bekommen. Wir versuchen, die Gespr&auml;chskan&auml;le zwischen diesen Personen aufrechtzuerhalten und ganz konkrete Ideen auf beide Seiten zu tragen: Zum Beispiel, was genau die russische Position zur Beendigung des Krieges in der Ukraine ist oder wie erste Elemente f&uuml;r eine neue europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur aussehen k&ouml;nnten, erste Gespr&auml;che f&uuml;r Vorgespr&auml;che zu einer wirtschaftlichen Wiederann&auml;herung, oder f&uuml;r die Idee einer Wiederaufnahme von Sch&uuml;ler- und St&auml;dtepartnerschaften zu werben.<\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich nur ein Tropfen auf den hei&szlig;en Stein. Wir h&auml;tten uns sehr gew&uuml;nscht, gr&ouml;&szlig;ere Gespr&auml;chsformate zu organisieren, in denen wir Fachleute von beiden Seiten zusammenbringen. Das haben wir die vergangenen Jahre mehrfach versucht, vorwiegend in Drittstaaten. Auch Ungarn wurde hierbei sowohl von mehreren Personen aus Russland als auch aus der EU als Staat genannt, in dem sie an einer solchen Veranstaltung teilnehmen k&ouml;nnten.<\/p><p>Bisher scheiterte das Vorhaben aus verschiedenen Gr&uuml;nden. Bedenken potenzieller Teilnehmer hinsichtlich eines steigenden Risikos medialer Angriffe oder mangelnde Finanzierung stehen hier sicherlich ganz oben auf der Liste. Beide Punkte haben mir zu denken gegeben. Man trifft hier viele Personen, die im Gespr&auml;ch unter vier Augen wie wir der Meinung sind, dass wir diesen Krieg schnellstm&ouml;glich beenden und mit Russland wieder zusammenfinden m&uuml;ssen. Sie m&ouml;chten sich aber nicht &ouml;ffentlich in diese Richtung &auml;u&szlig;ern oder konkrete Schritte in diese Richtung unternehmen. &bdquo;Wenn selbst Gerhard Schr&ouml;der und Papst Franziskus f&uuml;r ihre Friedensbem&uuml;hungen so massiv angegriffen werden, was glauben Sie, wie es mir dann erst ergeht?&ldquo; Der Tenor der medialen Berichterstattung zu einzelnen Initiativen, die andere in diese Richtung ergriffen haben und die &ouml;ffentlich bekannt geworden sind, zeigt ja auch, dass solche Bef&uuml;rchtungen nicht ganz unbegr&uuml;ndet sind. Man muss sich aber fragen, was das &uuml;ber das Debattenklima in unserem Land aussagt.<\/p><p>Es verwundert mich auch sehr, dass wir in einer Situation mit dem gr&ouml;&szlig;ten Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, wahrscheinlich Hunderten von Opfern pro Tag, gewaltigen wirtschaftlichen Sch&auml;den durch Sanktionen und dem Risiko einer Eskalation zu einem gro&szlig;en europ&auml;ischen Krieg keine Ressourcen bereitstellen, um Fachleute zumindest auf Arbeitsebene zusammenzubringen und Auswege aus diesem Konflikt zu suchen. F&uuml;r die von uns angedachten Formate sind relativ kleine Betr&auml;ge von nur wenigen Zehntausend Euro erforderlich. Wenn man bedenkt, was eine Artilleriegranate in der Herstellung kostet, ist das der Preis von ein paar Granaten, um &uuml;ber Auswege aus dem Konflikt zu sprechen. Das ist meiner Meinung nach dringend erforderlich, da die Antworten auf viele dieser Fragen nicht einfach sind. Wir haben leider den Zerfall eines Gro&szlig;teils der Sicherheits- und R&uuml;stungskontrollarchitektur erlebt: Mit dem <a href=\"file:\/\/\/C:\\Users\\berli\\Desktop\\Vertrag%20%C3%BCber%20konventionelle%20Streitkr%C3%A4fte%20in%20Europa\">KSE-Vertrag<\/a> von 1990 (Vertrag &uuml;ber konventionelle Streitkr&auml;fte in Europa) haben wir ein sicheres und stabiles Gleichgewicht der konventionellen Streitkr&auml;fte auf niedrigerem Niveau umgesetzt. Inzwischen r&uuml;sten wir auf beiden Seiten des europ&auml;ischen Raums wieder massiv auf. Der <a href=\"https:\/\/www.atomwaffena-z.info\/geschichte\/ruestungskontrolle\/inf-vertrag\">INF-Vertrag<\/a> zu den Mittelstreckenwaffen und &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/de\/aussenpolitik\/sicherheitspolitik\/abruestung-ruestungskontrolle\/uebersicht-konvalles-node\/openskies-node\">Open Skies<\/a>&ldquo; (Vertrag &uuml;ber den Offenen Himmel) sind aufgek&uuml;ndigt, <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/new-start-treaty\">New-START<\/a> ist ausgesetzt, Formate wie der NATO-Russland-Rat haben seit Jahren nicht stattgefunden.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen die alten Vertr&auml;ge nicht einfach wiederbeleben. Wir m&uuml;ssen uns Gedanken machen, wie wir Sicherheit in Europa, eine neue europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur unter den aktuellen Bedingungen wiederherstellen k&ouml;nnen. Daf&uuml;r braucht es viele und lange Gespr&auml;che von Fachleuten. Dasselbe gilt f&uuml;r die Frage, wie konkret ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine aussieht.<\/p><p>Ausl&auml;ndische Diplomaten sagten mir auf verschiedenen Veranstaltungen, dass sie erstaunt &uuml;ber die Beschwerden der Europ&auml;er seien, dass die Trump-Administration mit den Russen verhandele, w&auml;hrend die Vertreter der EU nicht einmal einen Platz am &bdquo;Katzentisch&ldquo; h&auml;tten. Sie fragten mich dann aber auch: Wo waren denn die Initiativen der EU der letzten Jahre? Wo haben denn die Franzosen mit den Deutschen, Italienern und Polen beispielsweise wirklich eine Konferenz ins Leben gerufen, um diesen Konflikt zu beenden? Das ist auch die gro&szlig;e Gefahr, die ich sehe: dass die neue internationale Ordnung ohne uns gestaltet wird und die Interessen der EU dabei nicht ber&uuml;cksichtigt werden; und dass wir ein gro&szlig;es Risiko eingehen, dass dieser Konflikt entweder noch sehr lange andauert &ndash; mit einer blutigen Trennungslinie durch den europ&auml;ischen Raum &ndash; oder dass er zu einem gro&szlig;en europ&auml;ischen Krieg eskaliert. Wir verschenken seit Jahren Zeit, die wir dringend br&auml;uchten, um den Konflikt in Europa zu beenden und eine Rolle f&uuml;r Europa in einer sich neu herausbildenden Welt zu finden.<\/p><p><strong>Angesichts dieser Herausforderungen: Welche konkreten Schritte oder Ver&auml;nderungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um die aktuelle Situation in Europa zu verbessern?<\/strong><\/p><p>Das Wichtigste ist, dass wir den Krieg in der Ukraine beenden. Die Gelegenheiten hierzu, die sich zum Beispiel mit den Verhandlungen in Istanbul 2022 ergeben haben, sind leider nicht genutzt worden. Ich glaube, dass die Pr&auml;sidentschaft Donald Trumps ein Verhandlungsfenster ge&ouml;ffnet hat. Das gilt es jetzt zu nutzen, bevor es sich wieder schlie&szlig;t, und die EU-Staaten m&uuml;ssten die Bem&uuml;hungen der USA in diese Richtung unterst&uuml;tzten und nicht konterkarieren.<\/p><p>Wir brauchen wieder eine positive Zukunftsvision f&uuml;r Europa. Momentan sind die beherrschenden Themen: Rekordschulden, Aufr&uuml;stung, Munition, Wehrpflicht, lange Konfrontation und ein Europa, in dem &ndash; wie es Au&szlig;enminister Wadephul formulierte &ndash;Russland f&uuml;r immer unser Feind bleiben wird.<\/p><p>Anfang der 1990er-Jahre, mit der Wiedervereinigung, hatten wir die Vorstellung, dass die Konfrontation in Europa &uuml;berwunden sei und wir gemeinsam ein europ&auml;isches Haus bauen k&ouml;nnten. Diese Vision, dieser &bdquo;Wind of Change&ldquo;, hat viele Menschen begeistert. Wir waren damals mehrheitlich &uuml;berzeugt, dass das die richtige Richtung war und dass wir in einem solchen Europa leben wollten &ndash; lieber als in dem, das wir vorher hatten, und ich glaube auch lieber als in dem, das wir jetzt haben. Diese Idee ist leider verblasst, nicht erst 2022, sondern &uuml;ber Jahrzehnte. Bei der Suche nach den Ursachen kann man nicht nur mit dem Finger auf Russland zeigen. Das liegt auch an den handelnden Akteuren bei uns, und das bringt mich zum dritten Punkt.<\/p><p>Helmut Kohl hat die historische Gelegenheit zur Wiedervereinigung genutzt. Die Chance, die Teilung Europas zu &uuml;berwinden, wurde hingegen verspielt. Neben einem Mangel an geopolitischem Denken liegt das an der hier lange und bei einigen immer noch verbreiteten &Uuml;berzeugung, dass unser System das Beste sei und wir nichts von anderen lernen k&ouml;nnten, au&szlig;erdem m&uuml;sse der Rest der Welt so werden wie wir. Diese Einstellung hat sich bereits im Rahmen der Wiedervereinigung gezeigt. Von dem Erhaltenswerten, was es in der DDR gab, ist fast nichts in den gemeinsamen deutschen Staat &uuml;berf&uuml;hrt worden. Die Einstellung zeigte sich auch im Umgang mit Russland als dem Verlierer des Kalten Krieges und gegen&uuml;ber dem Rest der Welt.<\/p><p>Als ich nach langer Auslandszeit nach Deutschland zur&uuml;ckkam und hier Erfahrungen zu Themen wie Multipolarit&auml;t, BRICS oder der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit in verschiedene Formate eingebracht habe, fiel mir auf: Diese Themen waren hier manchem gar nicht bekannt, erschienen als unbedeutend oder als ein kurioses Hobby von mir; manchem waren sie gar unheimlich. 2022 hatte ich den Eindruck, dass manch einer froh war, wieder ein vertrautes Koordinatensystem zu haben: Gut gegen B&ouml;se, Ost gegen West. Im Oktober desselben Jahres sagte der damalige Hohe Vertreter f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik der EU, Josep Borrell, Europa sei ein Garten und den Gro&szlig;teil der restlichen Welt ein Dschungel.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt dabei die deutsche Politik und welche m&uuml;sste sie spielen?<\/strong><\/p><p>Die deutsche Politik ist in ihrem Aufbau h&auml;ufig sehr provinziell, vieles versinkt selbst in einer epochalen Umbruchphase wie dieser im parteipolitischen Kleinklein. Viel zu h&auml;ufig dominieren die Eigeninteressen einzelner Personen oder Parteien. Die eigene Wiederwahl steht in der Zielhierarchie bei vielen im Zweifelsfall an erster Stelle. Es gibt folglich ein feines Gesp&uuml;r f&uuml;r die Grenzen des Korridors des politisch Korrekten und ein Verst&auml;ndnis f&uuml;r innerparteiliche Machtstrukturen, aber wenig Gesp&uuml;r f&uuml;r andere Kulturr&auml;ume und wenig Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Ver&auml;nderungen in der internationalen Ordnung. L&auml;ngere internationale Erfahrung, intensive Besch&auml;ftigung mit anderen Kulturen und selbst gute Kenntnis von Fremdsprachen sind unter deutschen Politikern leider nach wie vor die Ausnahme. Folglich fehlt es am Erfahrungshorizont, um manche Entwicklungen einzuordnen.<\/p><p>In vielen L&auml;ndern au&szlig;erhalb der EU nehme ich da eine ganz andere Mentalit&auml;t wahr: Der Bedeutungszuwachs des Globalen S&uuml;dens, die neuen Formate, das wird allen voran als Chance auf mehr Mitsprache in internationalen Angelegenheiten und neue und erfolgreichere Entwicklungsmodelle gesehen.<\/p><p>Die Welt &auml;ndert sich rasant; demographisch, technologisch, wirtschaftlich. Und da die unterschiedlichen Vorstellungen nicht in einem Verhandlungsprozess in Einklang gebracht werden, geraten wir in sehr unruhiges Fahrwasser. Ich frage mich manchmal, ob wir die richtigen Personen auf der Br&uuml;cke haben, um das Land durch diese St&uuml;rme hindurchzusteuern, wenn es schon innerhalb des eigenen Landes (gesellschaftliche Polarisierung, Wiedervereinigung) und des eigenen Kulturraums (Russland) nicht gelingt, wie soll dann die Verst&auml;ndigung mit einem asiatischen Raum gelingen, in dem heute doppelt so viele Menschen Leben wie im Rest der Welt zusammen, oder mit einem Afrika aus &uuml;ber 50 Staaten, das bis zur Mitte des Jahrhunderts nochmal um eine Milliarde Menschen anw&auml;chst? Dass Bundeskanzler Merz k&uuml;rzlich im Hinblick auf Russland erkl&auml;rte, die Mittel der Diplomatie seien ausgesch&ouml;pft, macht mich da nicht zuversichtlicher.<\/p><p>Die meisten Menschen hier w&uuml;nschen sich Frieden und Stabilit&auml;t, Gl&uuml;ck f&uuml;r ihre Familien und wirtschaftliche Sicherheit &ndash; und nicht die Ausdehnung der NATO um jeden Preis. Es ist, glaube ich, an der Zeit, dass bei uns verst&auml;rkt Menschen Verantwortung &uuml;bernehmen, die Erfahrungen in anderen Teilen der Welt haben, respektvoll gegen&uuml;ber anderen L&auml;ndern und Kulturen sind, diese aus sich heraus zu verstehen versuchen und im Austausch mit ihnen an einer internationalen Ordnung arbeiten, in der wir alle unseren Platz finden.<\/p><p><em>Lesen Sie die ersten beiden Teile des Gespr&auml;chs zu Christoph Polajners Teilnahme am SPIEF hier:<\/em><\/p><ul>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136481\">Ein Blick hinter die Kulissen des SPIEF: Russlands Perspektive auf eine multipolare Weltordnung (Teil 1)<\/a><\/em><\/li>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136622\">Die russische Wirtschaft im Umbruch: Resilienz, Neuausrichtung und die Zukunft der Beziehungen (Teil 2)<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Die chinesische und russische Flagge auf einem Geb&auml;ude in St. Petersburg w&auml;hrend des SPIEF 2025 &ndash; Quelle: Christoph Polajner<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=131140\">Mit dem Zug durch Eurasien &ndash; Eindr&uuml;cke eines Deutschen auf einer Reise von Porto nach Wladiwostok<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121568\">Der Eurasienkomplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117799\">Vortrag von Vizeadmiral a. 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