{"id":1368,"date":"2006-06-26T16:49:04","date_gmt":"2006-06-26T14:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1368"},"modified":"2016-02-04T16:46:51","modified_gmt":"2016-02-04T15:46:51","slug":"unsere-eliten-sind-dumm-oder-korrupt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1368","title":{"rendered":"\u201eUnsere Eliten sind dumm oder korrupt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschland 2006 &ndash; es steht schlecht da, sagen fast alle. Albrecht M&uuml;ller &auml;rgert das. Denn er wei&szlig;, wie es &ouml;konomisch vorw&auml;rts ginge: Schulden machen wie die USA.&ldquo;<br>\nDas ist der Titel und Vorspann zu einem <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/25.06.2006\/2608653.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/25.06.2006\/2608653.asp\">Interview im Tagesspiegel<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nZwei Erg&auml;nzungen:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Was mit &bdquo;Schulden machen&ldquo; gemeint ist, wird im Text des Interviews klar. Ich zitiere einen Teil des Interviews, um dieses immer wiederkehrende Missverst&auml;ndnis klarzumachen: Wer eine Volkswirtschaft kreditfinanziert ankurbeln will, ist per se kein Schuldenmacher. Hier der Interviewteil:<\/p><p>&bdquo;Sie meinen die klassische Methode des &Ouml;konomen Keynes: Mehr Schulden machen und mit staatlichen Investitionen Wachstum erzeugen. Das gilt wegen der hohen Schuldenlast als &uuml;berholt. Darum setzen die meisten &Ouml;konomen nicht auf das Ankurbeln der Nachfrage, sondern auf die Verbesserung des Angebots, also die Bedingungen f&uuml;r die Unternehmen. <\/p><p>AM: Stimmt, in Deutschland machen wir das seit 25 Jahren so. Unternehmenssteuern senken, Sozialabgaben senken, L&ouml;hne senken und Staatsausgaben senken. Und was ist dabei herausgekommen? H&ouml;here Arbeitslosigkeit und mehr Schulden.<\/p><p>Was wird aus der Maastricht-Grenze f&uuml;r den Euro, wonach die Neuverschuldung nicht mehr als drei Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen darf? <\/p><p>AM: Die k&ouml;nnen wir ja ohnehin nicht halten, solange wir im Konjunkturloch stecken. In anderen L&auml;ndern ist das gar nicht umstritten. Schweden hat seine Krise in den 90er Jahren vor allem mit hohem Einsatz staatlicher Mittel und einer Schuldenquote von &uuml;ber elf Prozent &uuml;berwunden. Genauso hielten es die Briten, dort ging es bis acht Prozent, und auch die Clinton-Regierung hat hohe Schulden hingenommen, um dann Schulden abzubauen. Diese einfachen Zusammenh&auml;nge verstehen unsere Meinungsf&uuml;hrer offenbar nicht. F&uuml;r diese Unf&auml;higkeit zahlen wir alle: Stellen Sie sich vor, wir h&auml;tten den letzten Boom im Jahr 1992 nicht mit einer dummen Hochzins- und Sparpolitik abgebrochen und seitdem statt der j&auml;mmerlichen 1,2 Prozent Wachstum im Jahresdurchschnitt 2,5 Prozent erreicht. Dann h&auml;tten wir heute ein um fast ein Drittel h&ouml;heres Bruttoinlandsprodukt, das w&auml;ren fast 700 Milliarden Euro mehr pro Jahr; der Schuldenabbau w&auml;re gar kein Problem. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass eine Debatte &uuml;ber diesen Verlust bei uns vermieden wird?&ldquo;<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Am Ende des Interviews werde ich gefragt:<\/p><p>&bdquo;Sie werden in der SPD gesehen wie Norbert Bl&uuml;m oder Heiner Gei&szlig;ler bei der CDU: Als einer von den Alten, die ihre alten Zeiten wiederhaben wollen.&ldquo; <\/p><p>AM: &ldquo;Das ist ja das Problem: Wir Alten sind die Radikalen, weil wir es uns leisten k&ouml;nnen. Wenn ich in meinem Examensjahr 1963 hundert Bewerbungen h&auml;tte schreiben m&uuml;ssen und dann doch keinen Job gekriegt h&auml;tte, h&auml;tte ich vielleicht auch keinen Mut entwickelt, radikale kritische Fragen zu stellen. Ich kann die Ohnmacht und Mutlosigkeit der Jungen gut verstehen. Da ist es gut, wenn zum Ausgleich wenigstens ein paar Alte aufm&uuml;pfig werden.&ldquo;<\/p><p>Auf diese meiner Antwort hat mir gestern einer unserer Nutzer geschrieben, ich h&auml;tte die Perspektivlosigkeit vieler Junger weit untertrieben. Er schreibt:<\/p><p>&bdquo;Leider geht die Anzahl von 100 Bewerbungen, nach denen &ldquo;Ohnmacht und Mutlosigkeit vielleicht&rdquo; angesagt seien, an der Lebenswelt junger motivierter Arbeitssuchender vorbei. Als 30-j&auml;hriger leistungs- und arbeitswilliger Diplom-Politologe mit Auslandserfahrung, diversen Praktika und ehrenamtlichen Engagement m&ouml;chte ich Ihnen mitteilen, dass die Zahl von &ldquo;100 Bewerbungen, ohne einen Job zu bekommen&rdquo; viel zu niedrig gesch&auml;tzt ist und nicht die Erfahrungen und Lebenswelt junger Arbeitssuchender widerspiegelt.<\/p><p>Die Situation in meinem akademisch gepr&auml;gten Umfeld gestaltet sich n&auml;mlich anders, m&ouml;glicherweise sogar repr&auml;sentativ: Seitdem ich vor drei Jahren mein Studium mit einem guten Examen abschloss, schrieb ich 570 Bewerbungen, ohne bislang eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Jede Woche steigt die Anzahl der geschriebenen Bewerbungen um etwa 5.  Freunde fl&uuml;chten sich in ihre Promotion, um f&uuml;r die kommenden 3 Jahre eine Aufgabe und Besch&auml;ftigung zu finden. Eine Bekannte von mir absolvierte inzwischen 7 Praktika. Ein Bekannter von mir -32 Jahre alt- &uuml;berlegt angesichts seiner langj&auml;hrigen Jobsuche seit einiger Zeit, eine Therapie mit Antidepressiva zu beginnen, weil er keinen Lebenssinn mehr zu entdecken in der Lage ist.<\/p><p>F&uuml;r viele Menschen in dieser Situation dr&auml;ngt sich nicht die Frage auf, ob &ndash; wie sie sagten- nach hundert Bewerbungen bereits &ldquo;Ohnmacht und Mutlosigkeit&rdquo; angebracht seien.  Die Frage lautet vielmehr, wann eigentlich endlich Schluss damit sein soll, Aktenordner mit Stellenabsagen zu f&uuml;llen&hellip;. sollen 5 Aktenordner gef&uuml;llt werden, 10,  oder vielleicht 20&hellip;. oder soll noch die ganze Schrankwand mit Stellenabsagen gef&uuml;llt werden? Die Gr&ouml;&szlig;enordnungen, mit denen &uuml;ber die Anzahl der Bewerbungen junger Menschen gesprochen werden sollte, liegen jedenfalls nicht bei einhundert, sondern lassen sich besser mit der Anzahl gef&uuml;llter Aktenordner erfassen. Ich habe inzwischen 3 gef&uuml;llt, der vierte ist in Arbeit.<\/p><p>Meine Schilderungen sind nur eine pers&ouml;nliche Momentaufahme. Sicher ist jedoch, dass Ihre im Interview genannte Bewerbungsanzahl von 100 viel zu niedrig gegriffen ist und nicht die Realit&auml;t und Erfahrungen motivierter Arbeitssuchender widerspiegelt.<\/p><p>Ihre Nachdenkseiten geh&ouml;ren inzwischen zu meiner t&auml;glichen Lekt&uuml;re. Ihr Buch &ndash; leider noch nicht gelesen &ndash; werde ich mir auch noch zu Gem&uuml;te f&uuml;hren.<br>\nAls Volkswirt haben Sie selbstverst&auml;ndlich ein makro&ouml;konomisches Wissenschaftsinteresse &ndash; und das sei Ihnen ungenommen und ist so in bester Ordnung. Der vorliegende Brief an sie m&ouml;chte Sie nur &ndash; aber damit erz&auml;hle ich Ihnen nichts Neues &ndash; auf die vielen pers&ouml;nlichen Niederlagen und Katastrophen aufmerksam machen, die in Ihrem Interview ungenannt bleiben. Ich danke Ihnen f&uuml;r Ihren wertvollen Beitrag zu aktuellen politischen Debatten.&ldquo;\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschland 2006 &ndash; es steht schlecht da, sagen fast alle. Albrecht M&uuml;ller &auml;rgert das. Denn er wei&szlig;, wie es &ouml;konomisch vorw&auml;rts ginge: Schulden machen wie die USA.&ldquo;<br \/> Das ist der Titel und Vorspann zu einem <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/25.06.2006\/2608653.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/25.06.2006\/2608653.asp\">Interview im Tagesspiegel<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,35,30],"tags":[374,477,300,1221],"class_list":["post-1368","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-eliten","tag-keynesianismus","tag-mueller-albrecht","tag-perspektivlosigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1368"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1368\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30892,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1368\/revisions\/30892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}