{"id":13685,"date":"2012-06-27T15:33:02","date_gmt":"2012-06-27T13:33:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13685"},"modified":"2019-03-02T17:06:51","modified_gmt":"2019-03-02T16:06:51","slug":"fiskalpakt-durch-schuldentilgungspakt-und-wachstumsinitiative-ablosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13685","title":{"rendered":"Fiskalpakt durch Schuldentilgungspakt und Wachstumsinitiative abl\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Zustimmung zum Fiskalpakt zeichnet sich im Deutschen Bundestag die verfassungsrechtlich erforderliche Mehrheit ab. SPD und DIE GR&Uuml;NEN haben urspr&uuml;nglich ihr Ja an drei Bedingungen gekn&uuml;pft:  eine Wachstums- und Besch&auml;ftigungsinitiative vor allem f&uuml;r die Euro-Krisenl&auml;nder, ein entschiedener  Einstieg in die  Finanztransakti&shy;onsteuer sowie einen zu schaffenden Fonds zur Tilgung &uuml;berm&auml;&szlig;iger Staatsschulden. Alle drei Forderungen sind f&uuml;r sich genommen richtig und verdienen Unterst&uuml;tzung. Die entscheidende Frage ist jedoch, in welchem Ver&shy;h&auml;ltnis diese drei Forderungen zu den mit dem Fiskalpakt eingehandelten gesamtwirtschaftlichen Folgen stehen. Von <strong>Rudolf Hickel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSo gibt es zwischen dem Fiskalspakt und der Finanztransaktionsteuer keinen unmittelbaren &ouml;konomischen Zusammenhang. Diese Steuer auf den Handel mit Finanzmarktproduk&shy;ten rechtfertigt sich aus der Notwendigkeit, &bdquo;Sand in das Getriebe&ldquo; (James Tobin) dieser Gesch&auml;fte zu streuen und Einnahmen zu generieren. Die andere Forderung nach einem Fonds zur Tilgung der exzessiven Staatsschulden ist auf der Strecke der Kompromissverhandlungen verloren gegangen. Hingegen zeichnet sich bei der Forderung nach einer Wachstumsinitiative in der EU ein allerdings flauer Kompromiss ab. <\/p><p><strong>Fiskalpakt: gesamtwirtschaftliche Zwangsjacke<\/strong><\/p><p>Die zu Recht geforderte Wachstums- und Besch&auml;ftigungsinitiative vor allem f&uuml;r die Euro-Krisenl&auml;nder, mit der auch die Wirtschaftsstrukturen modernisiert werden sollen, steht jedoch im unerbittlichen Widerspruch zum geplanten Fiskalpakt, der nicht mit einer Fiskalunion verwechselt werden darf. Denn diese EU-Schuldenbremse wirkt wie ein vergemeinschaftetes Schrumpfpro&shy;gramm f&uuml;r die gesamte EU-Wirtschaft, vor allem in den Krisenl&auml;ndern.<br>\nDie strukturelle Neuverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte soll auf 0,5% des Bruttoinlandsprodukts reduziert werden. Sollte der Fiskalpakt in Kraft getreten sein, gibt es f&uuml;r die L&auml;nder in Deutschland nicht mehr die jetzt verfassungsrechtlich vorgesehene Anpassungsphase bei der Reduktion der Neuverschuldung auf Null bis 2019.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus wird der Abbau von Staatschulden im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt vorgeschrieben. J&auml;hrlich m&uuml;ssen die Schulden, die &uuml;ber 60% des Bruttoinlandprodukts hinausgehen um ein Zwanzigstel reduziert werden. Dadurch wird mittelfristig eine harte Einsparpolitik in den &ouml;ffentlichen Haushal&shy;ten sowie auch die Anhebung von Steuern  &ndash; etwa auf die Massenein&shy;kommen erzwungen. Die binnenwirtschaftliche Entwicklung wird belastet und der Abbau wichtiger Ausgaben f&uuml;r den Sozialstaat droht. &Ouml;ffentliche Investitionen im Bereich Bildung und Infrastruktur mit einer gesamtwirtschaft&shy;lich hohen Rendite f&uuml;r zuk&uuml;nftige Generationen geraten unter Druck. Inwieweit gegen&uuml;ber dem strukturellen Defizit in konjunkturellen Krisen die Staatsverschuldung antizyklisch genutzt werden kann, ist derzeit v&ouml;llig offen. Es gibt keine gesicherte Methode zur empirisch belegbaren Unterscheidung zwischen konjunkturellem und strukturellem Defizit. &Uuml;ber 70 sehr unterschiedliche Verfahren sind in der Diskussion. <\/p><p>Der Fiskalpakt basiert auf einem fundamentalen gesamtwirtschaftlichen Denkfehler. Bei der Bek&auml;mpfung der Staatsverschuldung wird ohne Blick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung von einem exzessiven, verschwenderischen Ausgabenverhalten ausgegangen. Staatsschulden entstehen jedoch gerade in Krisenzeiten durch die Produktions- und die nachfolgenden Steuerausf&auml;lle. Werden Defizite mit Ausgabenk&uuml;rzungen bek&auml;mpft setzt folgende Mechanik ein:  Ausgabenk&uuml;rzungen zur scheinbaren Reduktion dieses Ausgangsdefizits belasten die Binnenwirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt und schlie&szlig;lich die Staatseinnahmen schrumpfen. Am Ende steigen kurzfristig die Staatsschulden auch wegen zunehmender Krisenkosten. Diese kontraproduktive Politik kann kein &bdquo;Vertrauen&ldquo; auf den Finanzm&auml;rkten schaffen. Statt dieser Schrumpfstrategie muss bei der &ouml;ffentlichen Haushaltsanierung das Ziel zukunftsf&auml;higes Wirtschaftswachstum die F&uuml;hrungsrolle &uuml;bernehmen. Dies ist auch die Lehre aus den Fehlern der f&uuml;r Griechenland verordneten Austerit&auml;tspolitik als Gegenleistung f&uuml;r die Finanzhilfen. An die Stelle einer &bdquo;Haushaltsnotlagenpolitik&ldquo; &aacute; la Br&uuml;ning, dem Reichskanzler zum Ende der Weimarer Republik, muss ein Herkulesplan aufgelegt werden: St&auml;rkung der Binnenwirtschaft, Ausbau der &ouml;ffentlichen Infrastruktur, Aufbau einer zukunftsf&auml;higen Wirtschaftsstruktur, aber auch innere Reformen in den jeweiligen Krisenl&auml;ndern.  <\/p><p>Wird der Fiskalpakt realisiert, dann wird der inneren Logik folgend die Notwendigkeit einer gegensteuernden  Konjunktur- und Wachstumspolitik auch mit steigenden Schulden systematisch erzeugt.  (Ohne daf&uuml;r allerdings noch den finanziellen Spielraum zu haben.( Anmerkung WL))<\/p><p><strong>Alternative: Schuldentilgungspakt<\/strong><\/p><p>Was ist die Alternative? Realisiert werden muss ein mittelfristiger Defizitabbau ohne schuldentreibende Schrumpfung der Gesamtwirtschaft.  Hinzu  kommen m&uuml;ssen k&uuml;nftig neue Regeln &ouml;konomisch angemessener Neuverschuldungsdisziplin. Dazu dient in einem ersten Schritt ein europaweiter Schuldentilgungspakt: Die Schulden eine EU-Landes, die &uuml;ber den Anteil von 60% des Bruttoin&shy;landsprodukts hinausgehen, werden in einen gemeinschaftlich verant&shy;worteten Entschuldungsfonds &uuml;bertragen. Die Idee stammt vom &bdquo;Sach&shy;verst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Ent&shy;wicklung&ldquo;. Zu seiner Refinanzierung bietet der Fonds Eurobonds, die von der EU verantwortet werden, den Kapitalm&auml;rkten an. Um deren Bonit&auml;t zu sichern, m&uuml;ssten die L&auml;nder bis zu 20% ihrer Schulden durch  Gold- und Devisenreserven garantieren. Die hier geb&uuml;ndelten Schulden werden &uuml;ber einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren durch die betroffenen L&auml;nder abfinanziert. Derzeit l&auml;ge das gesch&auml;tzte Volu&shy;men in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren bei 2,3 Bio. &euro; in der EU. Die betroffenen L&auml;n&shy;der werden verpflichtet, ihre Tilgungsleistungen durch eine spezifische Abgabe zu finanzieren. F&uuml;r Deutschland wird eine zeitlich befristete Abgabe auf hohe Verm&ouml;gen vorgeschlagen. <\/p><p>&Uuml;ber den Schuldenabbau hinaus sollte k&uuml;nftig eine entwicklungsad&auml;&shy;quate Haushaltspolitik realisiert und damit ein exzessiver Schuldenauf&shy;bau verhindert werden. Die Begrenzung darf jedoch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nicht belasten. Um die Wachstumspotenziale zu nutzen, steigen k&uuml;nftig die staatlichen Ausgaben mit der Rate des Produktionspotenzials, die die erforderlichen Steuereinnahmen sichert.<br>\n&ndash;<br>\n<em>Anmerkung: Diskussionsbeitr&auml;ge unserer Autoren m&uuml;ssen  nicht in allen Punkten der Meinung der Redaktion entsprechen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Zustimmung zum Fiskalpakt zeichnet sich im Deutschen Bundestag die verfassungsrechtlich erforderliche Mehrheit ab. SPD und DIE GR&Uuml;NEN haben urspr&uuml;nglich ihr Ja an drei Bedingungen gekn&uuml;pft: eine Wachstums- und Besch&auml;ftigungsinitiative vor allem f&uuml;r die Euro-Krisenl&auml;nder, ein entschiedener Einstieg in die Finanztransakti&shy;onsteuer sowie einen zu schaffenden Fonds zur Tilgung &uuml;berm&auml;&szlig;iger Staatsschulden. Alle drei Forderungen sind<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13685\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[156,137,30],"tags":[785,1247,325],"class_list":["post-13685","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schulden-sparen","category-steuern-und-abgaben","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-finanztransaktionssteuer","tag-fiskalpakt","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13685"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13685\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49779,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13685\/revisions\/49779"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}