{"id":136905,"date":"2025-08-04T10:00:32","date_gmt":"2025-08-04T08:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136905"},"modified":"2025-08-04T17:02:31","modified_gmt":"2025-08-04T15:02:31","slug":"von-daddys-politik-zu-globalen-gefahren-anatol-lieven-warnt-vor-intellektueller-laehmung-westlicher-eliten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136905","title":{"rendered":"Von \u201eDaddy\u2019s Politik\u201c zu globalen Gefahren: Anatol Lieven warnt vor \u201eintellektueller L\u00e4hmung\u201c westlicher Eliten"},"content":{"rendered":"<p>Der britische Politikwissenschaftler <strong>Anatol Lieven<\/strong> analysiert in einem Interview die aktuelle US-Nahostpolitik und globale Sicherheitsherausforderungen. Er &uuml;bt scharfe Kritik an Trumps reaktiver Politik und dem Einfluss der Israel-Lobby. Dar&uuml;ber hinaus thematisiert Lieven, dass die regelbasierte Weltordnung erodiert, die BRICS-Staaten an Bedeutung gewinnen und westliche Eliten existenzielle Bedrohungen wie den Klimawandel zu wenig beachten. Das Interview mit Anatol Lieven f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3743\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136905-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136905-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250804_Von_Daddys_Politik_zu_globalen_Gefahren_Anatol_Lieven_warnt_vor_intellektueller_Laehmung_westlicher_Eliten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Die neue Nahostpolitik Trumps wird von manchen als &bdquo;Daddy&lsquo;s Politik&ldquo; bezeichnet. Mark Rutte sagte, Trump sei wie ein Vater, der eingreift, wenn &bdquo;zwei b&ouml;se Jungs&ldquo; wie Iran und Israel streiten. Ist das die neue Form der US-Politik in der Welt, ein Kinderspielplatz, auf dem der Vater interveniert?<\/strong><\/p><p><strong>Anatol Lieven<\/strong>: Ich hoffe es in gewisser Weise, denn Europa hat seine eigene Sicherheit oft genug komplett durcheinandergebracht. Vielleicht brauchen wir wirklich jemanden, der uns mal auf den Kopf haut. Im Nahen Osten macht Trump eine spontane Politik. Seine H&auml;rte gegen&uuml;ber Israel, indem er sie zum Stopp aufforderte, war &uuml;berraschend und untypisch &ndash; sonst tat das niemand, au&szlig;er vielleicht im Hinblick auf den Iran. Ob das jedoch weiterf&uuml;hrt, ist unsicher. Obwohl Trump seine Positionen erstaunlich gut ohne politischen Preis &auml;ndern kann, ist es diesmal anders: Die Israel-Lobby auf der anderen Seite ist nicht nachsichtig mit Pr&auml;sidenten, die Israel herausfordern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Trump starken Druck auf das Land in der Pal&auml;stinenserfrage aus&uuml;bt, auch weil er 2028 nicht wieder kandidiert und kein ernsthaftes Interesse daran hat. Doch seine Impulsivit&auml;t und Wut k&ouml;nnten gef&auml;hrlich werden; die USA hatten immer enormen Einfluss auf Israel, die Macht ist da. Ich bin zwar pessimistisch, aber es gibt vielleicht eine kleine Chance.<\/p><p><strong>Diese starke Rolle der Israel-Lobby wird ja oft diskutiert. Eine Expertin in der <em>ARD<\/em> meinte sogar, Trumps Handlungen basierten im Grunde darauf, dass Israel ihn antreibt. Wie sehen Sie das im Vergleich zu fr&uuml;heren US-Regierungen, etwa Obama oder Biden?<\/strong><\/p><p>Obama wehrte sich nur beim Atomabkommen mit dem Iran und stie&szlig; dabei auf enormen Widerstand. Biden unternahm nichts, um Israel in Schach zu halten, abgesehen von vereinzeltem Widerstand im Pentagon gegen einen tats&auml;chlichen Krieg mit dem Iran. Dass die USA diesmal nicht eingriffen, um Israels Angriffe auf den Iran zu stoppen, lag wohl an Israels demonstrierter technologischer &Uuml;berlegenheit, die das Risiko minimierte. Doch auch hier gibt es Grenzen: Netanjahu wollte, dass Trump den Iran unendlich bombardiert und zerst&ouml;rt &ndash; das wollte Trump nicht. Er ist auch nicht bereit, mehr US-Truppen in den Nahen Osten zu schicken. Der Einfluss der Israel-Lobby ist riesig, aber nicht absolut. Trump ist manchmal in der Lage, Widerstand zu leisten, besonders wenn es um den Schaden f&uuml;r ihn selbst oder die USA geht. Er glaubt nicht, dass eine fortgesetzte Luftkampagne gegen den Iran gut f&uuml;r ihn oder sein Land w&auml;re.<\/p><p><strong>Die israelisch-US-amerikanischen Angriffe auf den Iran werfen die Frage nach dem Zusammenbruch der bisherigen Weltordnung und dem Aufkommen einer neuen, multipolaren Ordnung auf. Welche Rolle spielen diese Angriffe in diesem Prozess, und wie beurteilen Sie deren Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Machtzentren?<\/strong><\/p><p>Im Hinblick auf Prestige und Image ist dies die gr&ouml;&szlig;te Niederlage f&uuml;r den Westen und dessen Vorstellung einer regelbasierten Ordnung und des V&ouml;lkerrechts. Es war eine riesige Dem&uuml;tigung f&uuml;r Europa, das sich wieder einmal als impotent und sprachlich unf&auml;hig erwiesen hat, ohne echte Politik dahinter. In einem verzweifelten Versuch, das v&ouml;lkerrechtswidrige israelische Verhalten zu rechtfertigen, gibt es in Deutschland nun die Aussage, israelische Bomben und Massaker seien legitim oder besser, weil Israel eine Demokratie ist. Das impliziert, eine demokratische Bombe, die einem Kind die Beine abrei&szlig;t, t&auml;te dies irgendwie auf eine bessere Weise als jede andere. Der Rest der Welt sieht dies als die alte Version der europ&auml;ischen Imperien, die glaubten, das Recht zu haben, zu massakrieren, weil die Opfer &bdquo;Wilde&ldquo; waren. Das kommt in Indien oder Afrika nicht gut an, selbst bei L&auml;ndern, die sich prinzipiell als Partner des Westens sehen.<\/p><p>Ich denke, das war die gr&ouml;&szlig;te Niederlage f&uuml;r uns, und noch gr&ouml;&szlig;er eigentlich f&uuml;r die Europ&auml;ische Union. Die USA waren letztendlich immer eine realistische Macht, die das in ihrer Rhetorik zu rechtfertigen versuchte. Aber die Europ&auml;ische Union sollte ganz auf Regeln und Ideologie basieren, und diese liegen jetzt, was den Rest der Welt betrifft, in Tr&uuml;mmern. Was Russland betrifft, ja, das ist offensichtlich eine Niederlage. Russland konnte dem Iran wegen des Ukraine-Krieges nicht helfen, und die Luftverteidigungssysteme, die Russland dem Iran gegeben hatte, wurden von den Israelis ausgel&ouml;scht.<\/p><p><strong>Welche langfristigen Auswirkungen sehen Sie daraus f&uuml;r die globale Ordnung, insbesondere im Hinblick auf die Zukunft von BRICS?<\/strong><\/p><p>Meine Einsch&auml;tzung ist, dass die j&uuml;ngsten Entwicklungen &ndash; die wahrgenommene Ohnmacht des Westens und die Entt&auml;uschung &uuml;ber dessen vermeintlich regelbasierte Ordnung &ndash; die BRICS-Gruppe langfristig st&auml;rken werden. Das bedeutet zwar nicht, dass Indien und China zu vollwertigen Verb&uuml;ndeten avancieren, doch die Verschiebung der globalen Dynamik ist unverkennbar. BRICS ist kein straffes B&uuml;ndnis, eher eine Bewegung. Beim letzten BRICS Academic Forum zeigte sich klar, dass Indien BRICS anders sieht als Russland, China und S&uuml;dafrika. Brasilien war unentschieden, andere abwartend. Das ist keine Niederlage f&uuml;r BRICS, aber eine riesige Niederlage f&uuml;r die Vereinten Nationen, die letzte in einer langen Reihe.<\/p><p>Was China betrifft: Die US-amerikanische Vorstellung einer &bdquo;Allianz der autorit&auml;ren Staaten&ldquo; &ndash; Russland, China, Iran und Nordkorea als enges B&uuml;ndnis &ndash; ist l&auml;cherlich. Die Chinesen haben privat wie &ouml;ffentlich immer klargestellt: &bdquo;Wir sind keine Verb&uuml;ndeten der Iraner. Wir werden sie in ihrer Politik nicht unterst&uuml;tzen oder ermutigen. Wir glauben an Stabilit&auml;t im Nahen Osten und am Golf.&ldquo; Daf&uuml;r gibt es gute wirtschaftliche Gr&uuml;nde, da sie von &Ouml;l und Gas aus der Region abh&auml;ngen. Es geht nicht um eine gescheiterte milit&auml;rische Beziehung zum Iran. Ich denke, es wird den Chinesen helfen, anderen L&auml;ndern, inklusive Indien, zu sagen: &bdquo;Seht, wir wollen hier Stabilit&auml;t, aus den gleichen Gr&uuml;nden wie ihr. Wir wollen Frieden und Stabilit&auml;t im Nahen Osten, wir wollen die Sicherheit der &Ouml;lexporte. Seht, wer das st&ouml;rt, wer all unsere wirtschaftlichen Interessen durch seine verr&uuml;ckte Politik sch&auml;digt.&ldquo; Indien h&auml;ngt auch stark von &Ouml;l aus dem Golf, Iran und Russland ab.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie die gespaltene Haltung Neu-Delhis genauer beleuchten?<\/strong><\/p><p>Die indische Perspektive ist vielschichtig. Einerseits gibt es unter hinduistischen Nationalisten und Modi-Anh&auml;ngern Sympathien f&uuml;r Israel, oft getragen von einer Ablehnung gegen&uuml;ber Muslimen. Diese Fraktion sch&auml;tzt Israels Vorgehen, da sie sich ein &auml;hnliches Vorgehen gegen&uuml;ber Pakistan w&uuml;nschen w&uuml;rde, w&auml;re dieses nicht nuklear bewaffnet. Andererseits besteht jedoch selbst innerhalb desselben politischen Lagers ein starkes Bewusstsein f&uuml;r Indiens vitale Interessen am Golf. Indien hat dort den strategisch wichtigen Hafen in Chabahar (Iran) gebaut, der gl&uuml;cklicherweise von den j&uuml;ngsten US-amerikanischen und israelischen Angriffen verschont blieb. Indien betrachtet den Iran als sehr wichtigen Partner und eine essenzielle Route f&uuml;r indische Exporte nach Zentralasien, in die T&uuml;rkei und nach Europa. Die Tatsache, dass die USA und Israel ohne Konsultation gehandelt haben und Indien machtlos war, erzeugt ein tiefes Gef&uuml;hl der Dem&uuml;tigung. Die wahrgenommene Ignoranz der USA gegen&uuml;ber Indien ist ein wiederkehrendes Muster, das selbst bei Anh&auml;ngern der Modi-Regierung zunehmend Unmut hervorruft.<\/p><p><strong>Das klingt nach einer wachsenden Distanzierung vom Westen. Sehen Sie BRICS in diesem Kontext als eine Art Gegenpol oder sogar als eine Alternative zu bestehenden internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen?<\/strong><\/p><p>Ich erwarte nicht, dass BRICS zu einem milit&auml;rischen B&uuml;ndnis heranwachsen wird. Doch ich halte es nicht f&uuml;r ausgeschlossen, dass bei einem kompletten Zusammenbruch der Beziehungen zwischen den USA und China die Vereinten Nationen irgendwann kollabieren k&ouml;nnten. In einem solchen Szenario k&ouml;nnte BRICS als alternative Plattform f&uuml;r internationale Konsultationen und Friedensbem&uuml;hungen vorgeschlagen werden. Dies ist zwar noch Zukunftsmusik, jedoch eine reale M&ouml;glichkeit. Es w&auml;re dann eher eine Plattform wie die Vereinten Nationen, kein echtes B&uuml;ndnis, da die Interessen der Mitglieder, wie Brasilien und Indien, zu heterogen sind, um sich milit&auml;risch gegen andere zu verb&uuml;nden. Und gegen wen auch?<\/p><p><strong>Welche neuen oder reformierten multilateralen Formate und Strukturen sind erforderlich, um echte Sicherheit, Frieden und Stabilit&auml;t zu f&ouml;rdern, besonders in Regionen wie Osteuropa, die erhebliche geopolitische Spannungen erlebt haben?<\/strong><\/p><p>Nun, was Europa betrifft, habe ich meine eigene Idee, es ist der &bdquo;Lieven-Plan&ldquo;. Die grundlegende Idee ist, einen vollkommen neuen Konsultationsprozess f&uuml;r Europa zu schaffen, und zwar unter dem Dach des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Der Knackpunkt ist, dass Russland in jedem anderen Format, das wir bisher hatten oder uns vorstellen k&ouml;nnten, hoffnungslos in der Unterzahl w&auml;re. Das haben wir bei der OSZE und dem NATO-Russland-Rat gesehen &ndash; diese Formate sind gescheitert. Der UN-Sicherheitsrat ist der einzige Ort, an dem Russland als gleichberechtigter Akteur am Tisch sitzt.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, der UN-Sicherheitsrat ist die notwendige Klammer, um Russland einzubinden. Aber was ist mit den USA und anderen wichtigen globalen Akteuren?<\/strong><\/p><p>Absolut. Man kann die USA aus der europ&auml;ischen Sicherheit nicht ausschlie&szlig;en. Nicht nur die US-Amerikaner selbst, sondern auch alle kleineren L&auml;nder in Europa w&uuml;rden darauf bestehen, dass die USA dabei sind. Wenn Sie ein Komitee unter dem UN-Sicherheitsrat schaffen, sind die USA dabei, und China ist dabei. Das ist entscheidend, um ein echtes Gleichgewicht und eine breitere Perspektive zu gew&auml;hrleisten.<\/p><p><strong>Wie w&uuml;rden Sie dann andere wichtige Akteure, insbesondere aus Europa, einbeziehen, die nicht st&auml;ndige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind?<\/strong><\/p><p>Die Frage ist nat&uuml;rlich, wie man beispielsweise Deutschland einbezieht, das selbstverst&auml;ndlich auch dabei sein muss. Meine Idee w&auml;re, klar zu sagen: Wir nehmen Deutschland auf. Die gr&ouml;&szlig;te europ&auml;ische Wirtschaft muss einfach dabei sein. Ich wei&szlig;, die Polen werden w&uuml;tend sein, aber&hellip; Das ist eine Realit&auml;t, die wir anerkennen m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Was ist mit anderen globalen Akteuren, vielleicht &uuml;ber die traditionellen westlichen M&auml;chte hinaus?<\/strong><\/p><p>Ja, genau. Man k&ouml;nnte entweder &uuml;ber eine Einbindung der BRICS-Staaten in irgendeiner Funktion nachdenken, oder man sagt: Jedes gr&ouml;&szlig;ere Land, das bereit ist, eine signifikante Anzahl von Friedenstruppen in die Ukraine zu entsenden &ndash; und somit seine Leute vor Ort hat &ndash;, muss ein Mitspracherecht haben. Das w&uuml;rde als reiner Beratungsausschuss f&uuml;r die Ukraine beginnen, dann sp&auml;ter auch andere Sicherheitsfragen einbeziehen. Wenn Indien und Brasilien bereit w&auml;ren, diesen Beitrag zu leisten, dann nimmt man sie ebenfalls auf.<\/p><p><strong>Solche Gremien k&ouml;nnten jedoch zu gro&szlig; und un&uuml;berschaubar werden. Wie w&uuml;rden Sie das vermeiden?<\/strong><\/p><p>Man muss aufpassen, dass es nicht zu gro&szlig; wird. Sonst wird es un&uuml;berschaubar, da haben Sie recht. Aber ich muss auch, und das sage ich mit echter Scham als Europ&auml;er, anerkennen, dass wir immer und immer wieder versagt haben, unsere eigene Sicherheit zu regeln oder den Frieden auf unserem Kontinent zu erhalten. Vielleicht sollten wir tats&auml;chlich anderen Menschen ein Mitspracherecht einr&auml;umen. Wir kriegen es verdammt noch mal nicht hin.<\/p><p><strong>Sie haben ein Buch &uuml;ber den Klimawandel geschrieben und &auml;u&szlig;ern sich besorgt &uuml;ber die Priorit&auml;ten bei internationalen Treffen, insbesondere im Hinblick auf die Arktis. K&ouml;nnen Sie das n&auml;her erl&auml;utern?<\/strong><\/p><p>Es ist f&uuml;r mich unvorstellbar, dass bei internationalen Treffen &uuml;ber die Arktis und den Klimawandel andere Arktis-Anrainerstaaten nicht teilnehmen werden, wenn die Russen &ndash; das bei Weitem gr&ouml;&szlig;te Arktisland &ndash; eingeladen werden. Glauben diese Leute wirklich, dass die gr&ouml;nl&auml;ndische Eiskappe oder der arktische Permafrost sich um den Krieg in der Ukraine oder unsere Prinzipien des internationalen Rechts k&uuml;mmern? Sie werden ungeachtet unserer Prinzipien vorgehen. Das ist eine physikalische Realit&auml;t, die sich nicht von Politik beeinflussen l&auml;sst.<\/p><p><strong>Sie sprechen auch eine beunruhigende Tendenz in Sicherheitskreisen an, die die Schmelze des Arktiseises prim&auml;r als eine Bedrohung durch vermehrten Schiffsverkehr russischer und chinesischer Schiffe sehen.<\/strong><\/p><p>Ja, das ist entsetzlich. Es gibt jetzt Leute in der ehemaligen Trump-Regierung und in der Sicherheitswelt, auch hier in Europa, all diese Beitr&auml;ge von Think Tanks &uuml;ber das Schmelzen des Arktiseises, und die gro&szlig;e Bedrohung sei, dass mehr russische und chinesische Schiffe fahren k&ouml;nnen &ndash; wie &uuml;brigens auch unsere eigenen. Und sie denken tats&auml;chlich, dass dies die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r die westliche Sicherheit ist. Verglichen mit dem Anstieg der Temperaturen, dem Anstieg des Meeresspiegels, der Gefahr eines au&szlig;er Kontrolle geratenen Klimawandels, D&uuml;rre und Hungersnot in Afrika und S&uuml;dasien und den Auswirkungen davon ist das schlichtweg absurd.<\/p><p>Es gibt einen pr&auml;gnanten Begriff aus der Geschichtsschreibung, ich meine von Arno J. Mayer, der die Situation der &bdquo;Residual-Eliten&ldquo; beschreibt. Mayer sprach von den europ&auml;ischen Aristokratien des 19. Jahrhunderts, die dem Militarismus und einem &uuml;berholten Ehrbegriff verhaftet blieben. Obwohl sie tief in den westlichen und besonders den milit&auml;rischen Establishments verwurzelt waren, hatte ihre Denkweise die neuen Realit&auml;ten der Kriegsf&uuml;hrung von 1914 schlichtweg nicht erfasst. Sie zogen mit gez&uuml;cktem Schwert und in Kavallerieangriffen ins Feld &ndash; und wurden gnadenlos niedergem&auml;ht. Ich sehe hier eine bemerkenswerte Parallele zur Gegenwart: Unsere heutigen Eliten, speziell im Sicherheitsbereich, scheinen mental unf&auml;hig zu sein, sich an die wahren und komplexen Bedrohungen unserer Gesellschaften anzupassen. Es ist, als w&uuml;rden auch sie weiterhin mit den Mitteln von gestern gegen die Herausforderungen von morgen ank&auml;mpfen.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, Sie sehen eine Art intellektuelle L&auml;hmung angesichts der dr&auml;ngendsten Probleme?<\/strong><\/p><p>Ja, absolut. Ich bin &uuml;berzeugt, dass sich das &auml;ndern wird, sobald die Auswirkungen des Klimawandels un&uuml;bersehbar und erdr&uuml;ckend werden. Meine gro&szlig;e Sorge ist jedoch, dass wir bis dahin wertvolle Jahre verlieren &ndash; Jahre unzureichenden Handelns, in denen wir lieber Geld f&uuml;r Panzer ausgeben, statt den Klimawandel zu bek&auml;mpfen. Wenn wir diesen Kurs beibehalten, k&ouml;nnte es zu sp&auml;t sein, um katastrophale Sch&auml;den abzuwenden. Die Ver&auml;nderung wird kommen, aber der Versuch, die festgefahrene Denkweise westlicher Sicherheitsinstitutionen zu &auml;ndern, ist extrem schwierig.<\/p><p><strong>Und die Kluft zwischen Rhetorik und tats&auml;chlichem Handeln ist auch ein zentraler Punkt Ihrer Kritik?<\/strong><\/p><p>Es gibt eine komplette Diskrepanz zwischen Sprache und Verhalten. Irgendwann haben alle europ&auml;ischen Regierungen, Pr&auml;sident Biden, die US-Armee und viele Think Tanks den Klimawandel als existenzielle Bedrohung bezeichnet. Aber haben sie ihn auch so behandelt? Offenbar halten sie die russische oder ukrainische Kontrolle &uuml;ber Saporischschja f&uuml;r wichtiger als die reale Bedrohung, dass Hamburg unter dem Meer verschwinden k&ouml;nnte. Ich werde es Ihnen immer und immer wieder sagen, solange Sie mich freundlicherweise interviewen.<\/p><p><strong>Die historische Perspektive: Was werden unsere Nachfahren sagen? Sie blicken auch 100 Jahre in die Zukunft und fragen, wie unsere Nachkommen unsere heutigen Priorit&auml;ten beurteilen werden.<\/strong><\/p><p>Genau. Hundert Jahre sp&auml;ter sind wir uns heute einig, dass der Erste Weltkrieg aus niemandes Sicht eine gute Idee war &ndash; weder aus deutscher, russischer noch &ouml;sterreichisch-ungarischer. Nur die Vereinigten Staaten profitierten. Damals dachten all diese Institutionen, sie handelten rational und auf Basis vern&uuml;nftiger Berechnungen. Heute empfinden wir, sie waren verr&uuml;ckt. Sie haben die wahren Bedrohungen f&uuml;r ihre Gesellschaften, wie interne Desintegration und die Natur der Kriegsf&uuml;hrung, v&ouml;llig missverstanden.<\/p><p>Ich frage mich immer wieder, ob wir nicht 100 Jahre vorausschauen k&ouml;nnen, um unsere Nachkommen &ndash; unsere Urenkel im Jahr 2125 &ndash; zu fragen: Werden sie wirklich sagen, dass die ukrainische NATO-Mitgliedschaft die gr&ouml;&szlig;te Sicherheitsbedrohung f&uuml;r Europa war? Das ist l&auml;cherlich. Nat&uuml;rlich nicht. Es wird, je nach Entwicklung, sicherlich der Klimawandel sein, aber es k&ouml;nnte durchaus auch die K&uuml;nstliche Intelligenz sein, die sich als die wahre existenzielle Bedrohung erweist.<\/p><p><strong>Anatol Lieven, ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><em>&Uuml;ber den Interviewpartner: <\/em><em><strong>Anatol Lieven<\/strong><\/em><em> ist Senior Research Fellow f&uuml;r Russland und Europa am Quincy Institute for Responsible Statecraft in Washington, D.C. Zuvor war er Professor an der Georgetown University in Katar und an der Abteilung f&uuml;r Kriegsstudien des King&rsquo;s College London.<\/em><\/p><p><em>Vor einem Jahr haben wir mit ihm auch ein Interview gef&uuml;hrt: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119014\">Anatol Lieven: &bdquo;Wenn ihr nette Barbaren seid, lassen wir euch in Ruhe&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ NMK-Studio<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119014\">Anatol Lieven: &bdquo;Wenn ihr nette Barbaren seid, lassen wir euch in Ruhe&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123280\">Wird eine NATO-Nuklear&uuml;bung Putin wirklich abschrecken?<\/a> <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121947\">&bdquo;Einen Weltkrieg mit Atomwaffen unter allen Umst&auml;nden verhindern!&ldquo; &ndash; Exlusiv-Interview mit Dmitri Trenin<\/a> <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120792\">Wie das russische Establishment das Ende des Krieges wirklich sieht<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/fe085941326e4d7eb65dfab964aae072\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische Politikwissenschaftler <strong>Anatol Lieven<\/strong> analysiert in einem Interview die aktuelle US-Nahostpolitik und globale Sicherheitsherausforderungen. 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Das Interview<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136905\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":136906,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,181,209,177,171],"tags":[1980,379,2733,3360,2008,951,1557,3276,1878,3125,1800,639,1556],"class_list":["post-136905","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-europapolitik","category-interviews","category-klimawandel","category-militaereinsaetzekriege","tag-brics","tag-china","tag-erderwaermung","tag-europaeische-union","tag-indien","tag-iran","tag-israel","tag-multipolare-welt","tag-naher-osten","tag-regelbasierte-ordnung","tag-trump-donald","tag-uno","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/shutterstock_2535188129.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=136905"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136905\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":136942,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/136905\/revisions\/136942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/136906"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=136905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=136905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=136905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}