{"id":136921,"date":"2025-08-04T12:02:23","date_gmt":"2025-08-04T10:02:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136921"},"modified":"2025-08-04T15:52:45","modified_gmt":"2025-08-04T13:52:45","slug":"die-software-palantir-der-sehende-stein-des-ueberwachungszeitalters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136921","title":{"rendered":"Die Software \u201ePalantir\u201c: Der \u201esehende Stein\u201c des \u00dcberwachungszeitalters"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir nicht eingreifen, k&ouml;nnte durch Werkzeuge wie die Software Palantir in nicht allzu ferner Zukunft eine automatisierte Sicherheitsarchitektur jeden Menschen unbemerkt erfassen &ndash; l&uuml;ckenlos, dauerhaft, ohne Widerspruchsm&ouml;glichkeit. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist oder statistisch &bdquo;abweicht&ldquo;, wird zum Verdachtsfall. Jeder Verdacht wird zur Vorverurteilung und Unauff&auml;lligkeit wird zur &Uuml;berlebensstrategie. Der Einsatz von Palantir muss darum strikt begrenzt, gesetzlich reguliert und unter echte, unabh&auml;ngige Kontrolle gestellt werden. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5568\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-136921-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=136921-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250804_Die_Software_Palantir_Der_sehende_Stein_des_Ueberwachungszeitalters_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Blicken wir zun&auml;chst in Tolkiens <em>Herr der Ringe<\/em>: Dort sind die <strong>Palant&iacute;ri<\/strong> (Singular: Palant&iacute;r) magische Seh-Steine, mit denen man &uuml;ber gro&szlig;e Entfernungen kommunizieren und ferne Ereignisse beobachten kann. Diese allsehenden Kugeln verleihen Wissen und Macht, bergen aber auch Gefahren: Sie zeigen nur selektive Wahrheiten und k&ouml;nnen vom B&ouml;sen missbraucht werden. Sauron etwa nutzt einen Palant&iacute;r, um andere in die Irre zu f&uuml;hren und geistig zu unterwerfen. Tolkiens Lehre: Technik, die unkontrollierte Sicht gew&auml;hrt, wird gef&auml;hrlich, wenn Machthunger ins Spiel kommt.<\/p><p>Dass sich ein modernes &Uuml;berwachungsunternehmen aus dem Silicon Valley ausgerechnet <em>Palantir<\/em> nennt, ist also eine bewusste Provokation. Es suggeriert eine Vision grenzenloser Einsicht und Kontrolle &uuml;ber Informationen &ndash; mitsamt den ethischen Fragen, die Tolkien mit den Palant&iacute;ri verkn&uuml;pft hat.<\/p><p><strong>Neoliberal und autorit&auml;r: Die Ideologie hinter Palantir<\/strong><\/p><p>Peter Thiel, Mitgr&uuml;nder und Spiritus Rector von Palantir, liefert die ideologische Blaupause: Er vereint radikalen Neoliberalismus mit antidemokratischem Elitendenken. 2009 erkl&auml;rte Thiel unverhohlen: <em>&bdquo;I no longer believe that freedom and democracy are compatible.&ldquo;<\/em> &ndash; Freiheit und Demokratie seien nicht mehr vereinbar. Er beklagte, Wohlfahrtsstaat und Frauenwahlrecht h&auml;tten den &bdquo;kapitalistischen&ldquo; Liberalismus sabotiert. Thiel misstraut dem Mehrheitsprinzip &ndash; die &bdquo;unbedachte Masse&ldquo; verhindere wahre Freiheit. Stattdessen schw&auml;rmt er von einer technokratischen Eliteherrschaft: Er sch&auml;tzt Denker wie Carl Schmitt (<em>Der F&uuml;hrer sch&uuml;tzt das Recht<\/em>), sympathisiert mit monarchistischen Ideen und kn&uuml;pft Kontakte in neoreaktion&auml;re Kreise. Politisch finanzierte er Donald Trump und andere antiliberale Bewegungen gro&szlig;z&uuml;gig.<\/p><p>Gleichzeitig predigt Thiel libert&auml;ren Markt-Fundamentalismus. Er propagiert, Steuern und Regulierung seien von &Uuml;bel, und sagt provokativ: &bdquo;Competition is for losers&ldquo; &ndash; Wettbewerb sei etwas f&uuml;r Verlierer. Unternehmer sollten Monopole anstreben, ungest&ouml;rt vom Staat. Diese Weltanschauung &ndash; libert&auml;r in der &Ouml;konomie, autorit&auml;r in der Politik &ndash; pr&auml;gt Palantirs Selbstverst&auml;ndnis.<\/p><p>Passend dazu w&auml;hlte man bewusst den Namen <em>Palantir<\/em>. Die Tolkien&rsquo;schen Seh-Steine symbolisieren allsehende, zentrale Macht &uuml;ber Information. Palantir pr&auml;sentiert sich folgerichtig als allwissendes Instrument f&uuml;r Sicherheitsbeh&ouml;rden &ndash; <em>das<\/em> Werkzeug, um Datenstr&ouml;me zu durchleuchten. CEO Alex Karp behauptet, Palantir st&auml;rke liberale Gesellschaften, ohne selbst illiberal zu sein. Doch Kritiker verweisen auf die Realit&auml;t: Eine Firma mit Thiels antidemokratischer DNA und engen Verbindungen zu US-Geheimdiensten soll den &bdquo;sehenden Stein&ldquo; des digitalen Zeitalters liefern. Dieser symbolische Allmachtsanspruch &ndash; totale Einsicht in alle Daten &ndash; weckt entsprechendes Unbehagen.<\/p><p><strong>Palantir Gotham &ndash; Architektur einer allsehenden Analyseplattform<\/strong><\/p><p>Palantir Gotham ist die Software-Plattform, die diese Vision technisch umsetzt. Urspr&uuml;nglich f&uuml;r Geheimdienste entwickelt, dient Gotham heute als universelles Big-Data-Analysewerkzeug f&uuml;r Sicherheitsbeh&ouml;rden. Die Plattform verschmilzt heterogene Datenquellen zu einem einheitlichen sogenannten Ontologie-Modell: Das hei&szlig;t, Personen, Orte, Ereignisse und ihre Beziehungen werden als verkn&uuml;pfte Objekte abgebildet. Das erm&ouml;glicht eine bundesweite Suche &uuml;ber alle Datenbest&auml;nde &ndash; ein Ermittler kann mit einer Abfrage s&auml;mtliche Polizeidatenbanken, Telefon&uuml;berwachungslogs, Internetdaten etc. gleichzeitig durchforsten.<\/p><p>Gotham pr&auml;sentiert die Treffer, f&uuml;hrt Daten zusammen und macht Zusammenh&auml;nge in Graphen sichtbar. So entstehen digitale Netzwerke wie an einer &bdquo;Pinnwand&ldquo;: Mit wenigen Klicks lassen sich alle direkten und indirekten Kontakte einer Person aufsp&uuml;ren; zuvor verborgene Verbindungen treten zutage. Auch geografische Analysen sind integriert &ndash; etwa kann die Software alle relevanten Personen anzeigen, die sich in einem bestimmten Zeitraum im Umkreis eines Tatorts aufhielten.<\/p><p>Diese F&auml;higkeiten haben Gotham den Ruf eines <em>&bdquo;digitalen Kraken&ldquo;<\/em> eingebracht, der seine Daten-Tentakel &uuml;berall ausstreckt. Gotham selbst bietet jedoch Mechanismen f&uuml;r Datenschutz-Compliance: differenziert abgestufte Zugriffsrechte, umfassende Protokollierung jeder Abfrage und optionales Maskieren sensibler Daten. Palantir betont, dass Audit-Trails und Berechtigungskonzepte fest eingebaut sind, um Missbrauch vorzubeugen.<\/p><p>Inzwischen hat Palantir auch KI-Funktionalit&auml;ten eingebettet. Module wie <em>Ava<\/em> durchforsten automatisch die Daten nach Mustern und Anomalien. Machine-Learning-Algorithmen k&ouml;nnen etwa bei der Gefahrenprognose helfen (z.B. in Predictive-Policing-Modellen). Palantir versichert jedoch, Gotham bleibe ein <em>&bdquo;Mensch-in-der-Schleife&ldquo;<\/em>-System &ndash; die KI liefert nur Vorschl&auml;ge, die menschliche Analytiker pr&uuml;fen und freigeben. S&auml;mtliche KI-Ergebnisse sind mit den zugrundeliegenden Rohdaten verkn&uuml;pft und im Audit-Log protokolliert. So sollen Transparenz und Kontrolle gewahrt bleiben. Gleichwohl bleibt die genaue Algorithmik firmengeheim und f&uuml;r Au&szlig;enstehende eine Blackbox.<\/p><p>Unstrittig ist Palantirs Leistungsf&auml;higkeit: Milliarden Datens&auml;tze lassen sich in Minuten durchsuchen, was zuvor Tage gedauert h&auml;tte. Doch auch hier gilt: <em>Garbage in, garbage out<\/em> &ndash; will sagen: Fehlerhafte oder voreingenommene Eingabedaten f&uuml;hren zu fehlerhaften Ausgaben. Die Software liefert Hypothesen, keine Wahrheiten. Palantir selbst sagt, man baue &bdquo;Entscheidungshilfen, keine Entscheidungsautomaten&ldquo; &ndash; die Verantwortung bleibt beim Menschen.<\/p><p><strong>Palantir in Deutschland: Ausbreitung und verfassungsrechtliche H&uuml;rden<\/strong><\/p><p>In Deutschland ist Palantir (Stand Juli 2025) vor allem in vier Bundesl&auml;ndern im Polizeieinsatz. <strong>Hessen<\/strong> f&uuml;hrte Ende 2017 als erstes <em>HessenData<\/em> ein &ndash; im Eilverfahren ohne Ausschreibung. Das System l&auml;uft seit 2018 und wurde als Anti-Terror-Tool beworben (ein angeblich vereitelter Anschlag 2018 wurde sp&auml;ter angezweifelt). <strong>Nordrhein-Westfalen<\/strong> folgte 2020 mit <em>DAR<\/em>, das nach regul&auml;rer Ausschreibung Palantir nutzt und alle Polizeidatenbanken des Landes verkn&uuml;pft. <strong>Bayern<\/strong> entschied sich 2022 f&uuml;r Palantir (<em>VeRA<\/em>) und startete 2023 einen Pilotbetrieb &ndash; zun&auml;chst ohne gesetzliche Grundlage, was der Datenschutzbeauftragte scharf kritisierte. Inzwischen arbeitet Bayern an der Gesetzesanpassung, VeRA l&auml;uft testweise mit echten Daten. <strong>Baden-W&uuml;rttemberg<\/strong> beschaffte 2023 Palantir, musste aber erst das Polizeigesetz &auml;ndern (Juli 2025), um den Einsatz zu erlauben &ndash; geplant ist ein Probelauf unter parlamentarischer Aufsicht. Damit werden ab 2025 vier L&auml;nder Palantir verwenden. <\/p><p><strong>Hamburg<\/strong> hatte zwar eine Erm&auml;chtigung f&uuml;r Palantir geschaffen, doch nach dem BVerfG-Urteil 2023 &ndash; das diese Norm verwarf &ndash; wurde dort kein System eingef&uuml;hrt. <strong>Berlin<\/strong> erw&auml;gt, Palantir &uuml;ber den bayerischen Rahmenvertrag zu beziehen, z&ouml;gert aber mangels Gesetzesgrundlage noch. Auf <strong>Bundesebene<\/strong> hatte das BKA Palantir fest eingeplant, doch im Juli 2023 stoppte Innenministerin Nancy Faeser (SPD) das Vorhaben nach dem Karlsruher Urteil. Der Bund will nun eine eigene Software entwickeln. Einige konservativ regierte L&auml;nder (Bayern, BaW&uuml;, perspektivisch Berlin) treiben Palantir zwar voran, doch die meisten L&auml;nder halten sich vorerst zur&uuml;ck.<\/p><p><strong>Rechtliche Auseinandersetzungen:<\/strong> Der entscheidende Pr&auml;zedenzfall war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 16. Februar 2023. Karlsruhe erkl&auml;rte die Palantir-Erm&auml;chtigungen in Hessen und Hamburg f&uuml;r verfassungswidrig. Grund: Die Gesetze erlaubten eine <em>zu<\/em> breite Datenanalyse ohne hinreichende Schwellen. Insbesondere fehlte die Trennung zwischen Daten tats&auml;chlicher Verd&auml;chtiger und solcher Unbeteiligter &ndash; Letztere wurden als &bdquo;Beifang&ldquo; bislang mitdurchleuchtet, was das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verletzte. <\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) forderte klare Grenzen: Nur bei konkreter Gefahr oder einem definierten Verdachtsgrad d&uuml;rfen derart invasive Big-Data-Tools eingesetzt werden. Zudem m&uuml;ssten Daten unbescholtener B&uuml;rger technisch gekennzeichnet und besonders gesch&uuml;tzt werden. Als Folge des Urteils musste Hessen sein Polizeigesetz nachbessern (was wiederum als unzureichend kritisiert wird). Hamburgs Norm wurde sofort aufgehoben. Die Gesellschaft f&uuml;r Freiheitsrechte e. V. (GFF) hat inzwischen auch gegen Hessens neues Gesetz Verfassungsbeschwerde angek&uuml;ndigt, ebenso gegen NRW und Bayern.<\/p><p>Die meisten L&auml;nder warten diese Verfahren ab und nehmen vorerst Abstand von Palantir. Palantir ist hierzulande zwar auf dem Vormarsch, bewegt sich aber in einem rechtlichen Graubereich, den erst Gesetzesreformen und weitere Urteile aufl&ouml;sen werden.<\/p><p><strong>Risiken: Grundrechtsbedenken, Bias und fehlende Kontrolle<\/strong><\/p><p><strong>Grundrechte in Gefahr:<\/strong> Aus Sicht von B&uuml;rgerrechtlern gef&auml;hrdet Palantir zentrale Grundrechte. Die Software schafft eine beispiellose Durchleuchtung pers&ouml;nlicher Daten &ndash; das Recht auf <strong>informationelle Selbstbestimmung<\/strong> (Art. 2 in Verbindung mit Art. 1 Grundgesetz (GG)) und das <strong>Fernmeldegeheimnis<\/strong> (Art. 10 GG) sehen Kritiker massiv verletzt. Eine Plattform, die zig Datenbanken fusioniert und automatisiert auswertet, greift tief in die Privatsph&auml;re auch Unbeteiligter ein. Das BVerfG hat betont, dass schon das maschinelle Verkn&uuml;pfen von Daten einen eigenst&auml;ndigen schweren Grundrechtseingriff darstellt. Palantir erzeugt neue Verdachtsmomente, wo vorher keine waren &ndash; Menschen geraten allein aufgrund von Datenmustern ins Visier. So kann es Unschuldige treffen (Opfer, Zeugen, Zufallsbekanntschaften), was rechtsstaatliche Prinzipien unterl&auml;uft. Zudem bef&uuml;rchten viele ein Klima der <strong>Massen&uuml;berwachung<\/strong>: Wenn B&uuml;rger annehmen m&uuml;ssen, dass all ihre Kontakte, Bewegungen und Kommunikationen langfristig registriert und analysiert werden, wirkt das einsch&uuml;chternd. Die Aus&uuml;bung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit k&ouml;nnte leiden &ndash; ein weiterer Schritt hin zum &Uuml;berwachungsstaat.<\/p><p>Auch <strong>Diskriminierung<\/strong> durch algorithmische Verzerrungen (Bias) ist ein Risiko. Palantir wertet historische Daten aus &ndash; und diese sind oft von bestehenden Vorurteilen gepr&auml;gt. Wurden etwa bestimmte Viertel jahrelang &bdquo;&uuml;berpoliziert&ldquo;, erscheint dort statistisch mehr Kriminalit&auml;t, was Palantirs Analysen dann als &bdquo;Gefahren-Hotspot&ldquo; best&auml;tigen w&uuml;rde. Rassistische Voreingenommenheit (<strong>Racial Bias)<\/strong> und andere Vorurteile k&ouml;nnten so fortgeschrieben werden. Ohne Transparenz &uuml;ber die Algorithmen bleibt unklar, welche Fehlerquellen im System wirken. <\/p><p>Ferner kritisieren Datensch&uuml;tzer die <strong>Zweckentfremdung<\/strong> von Polizeidaten: Palantir hebt die Trennw&auml;nde zwischen verschiedenen Zwecken auf. Daten, die f&uuml;r einen konkreten Anlass erhoben wurden, werden nun f&uuml;r ganz andere Zwecke genutzt &ndash; bis hin zur pr&auml;ventiven &bdquo;Gef&auml;hrder&ldquo;-Suche ohne konkreten Anlass. Das verletzt das Prinzip der Zweckbindung. Schlie&szlig;lich ist Palantir eine Blackbox in privater Hand. Weder &Ouml;ffentlichkeit noch unabh&auml;ngige Stellen k&ouml;nnen nachvollziehen, wie genau das System zu seinen Schlussfolgerungen kommt. Diese Intransparenz erschwert die demokratische Kontrolle. Gleichzeitig wirft die Abh&auml;ngigkeit von einem privaten US-Anbieter Fragen der <strong>digitalen Souver&auml;nit&auml;t<\/strong> auf. Experten warnen vor m&ouml;glichem US-Zugriff und einem Verlust staatlicher Hoheit &uuml;ber sensible Daten.<\/p><p><strong>Schlussbetrachtung und Ausblick<\/strong><\/p><p>Wohin f&uuml;hrt der Weg, wenn wir nicht eingreifen? Eine dystopische Perspektive: In nicht allzu ferner Zukunft k&ouml;nnte eine automatisierte Sicherheitsarchitektur jeden Menschen unbemerkt erfassen, verkn&uuml;pfen und bewerten &ndash; l&uuml;ckenlos, dauerhaft, ohne Widerspruchsm&ouml;glichkeit. Algorithmen taxieren unsere Leben in Echtzeit, erstellen Risikoprofile, identifizieren vermeintlich &bdquo;auff&auml;llige&ldquo; Kontakte oder Bewegungsmuster &ndash; gespeist aus digitalen Schatten, nicht aus konkreten Taten. Die Schwelle zur Intervention sinkt: Polizeiliche Ma&szlig;nahmen erfolgen dann nicht mehr auf Grundlage eines konkreten Verdachts, sondern auf Basis undurchsichtiger Rechenmodelle, die ihre Kriterien nicht offenlegen.<\/p><p>Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist oder statistisch &bdquo;abweicht&ldquo;, wird zum Verdachtsfall. Und wer davon betroffen ist, erf&auml;hrt es wom&ouml;glich nie. Die demokratische Kontrolle &ndash; parlamentarische Aufsicht, gerichtlicher Rechtsschutz, &ouml;ffentliche Rechenschaft &ndash; Fehlanzeige. Entscheidungen werden von einem privat programmierten Code vorbereitet, der sich jeder politischen Verantwortung entzieht. Die offene Gesellschaft &ndash; die auf Vertrauen, &Ouml;ffentlichkeit und rechtsstaatlicher Prozedur beruht &ndash; wird in eine Gesellschaft vorauseilenden Gehorsams verwandelt. Jeder Verdacht wird zur Vorverurteilung und Unauff&auml;lligkeit wird zur &Uuml;berlebensstrategie.<\/p><p><strong>Diese Zukunft ist kein Science-Fiction-Szenario. Sie wird gebaut &ndash; mit Mitteln wie Palantir.<\/strong><\/p><p>Wenn wir nicht handeln, wird nicht nur der Datenschutz erodiert, sondern der Grundpfeiler demokratischer Gesellschaft: die Achtung vor dem Einzelnen als frei entscheidendes Subjekt. Stattdessen droht eine Welt, in der Maschinen Verdachtsmomente erzeugen und Menschen in Datenstr&ouml;men verschwinden. Eine Welt, in der das Recht auf Abweichung, auf Opposition oder auch nur auf Zweifeln durch automatisierte Konformit&auml;tsmodelle ersetzt wird, verwandelt das Lebenselixier jeder Demokratie in einen giftigen Cocktail des Totalitarismus. <\/p><p><strong>Wer das verhindern will, muss jetzt Grenzen ziehen<\/strong><\/p><p>Eine sogenannte Sicherheitssoftware wie Palantir darf nicht als Trojaner in den Rechtsstaat einziehen. Ihr Einsatz muss strikt begrenzt, gesetzlich reguliert und unter echte, unabh&auml;ngige Kontrolle gestellt werden. Keine Funktion ohne demokratische Legitimation. Keine Analyse ohne Nachvollziehbarkeit. Keine Blackbox in den H&auml;nden eines ideologisch aufgeladenen US-Konzerns mit autorit&auml;rer Schlagseite.<\/p><p>Wir brauchen eine breite, &ouml;ffentliche Debatte &uuml;ber <strong>digitale Souver&auml;nit&auml;t<\/strong> und die Frage, wem wir die Macht &uuml;ber unsere Daten, unsere Profile und damit unser gesellschaftliches Dasein &uuml;berlassen wollen. Es reicht nicht, auf technische &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo; zu vertrauen. Wir m&uuml;ssen politische Verantwortung &uuml;bernehmen &ndash; und klarstellen:<\/p><p><strong>Technik hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt.<\/strong><\/p><p>Wer Sicherheit &uuml;ber Freiheit stellt, bekommt am Ende weder das eine noch das andere &ndash; sondern &Uuml;berwachung, Willk&uuml;r und eine entkernte Demokratie.<\/p><p><small>Titelbild: tadamichi \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir nicht eingreifen, k&ouml;nnte durch Werkzeuge wie die Software Palantir in nicht allzu ferner Zukunft eine automatisierte Sicherheitsarchitektur jeden Menschen unbemerkt erfassen &ndash; l&uuml;ckenlos, dauerhaft, ohne Widerspruchsm&ouml;glichkeit. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist oder statistisch &bdquo;abweicht&ldquo;, wird zum Verdachtsfall. Jeder Verdacht wird zur Vorverurteilung und Unauff&auml;lligkeit wird zur &Uuml;berlebensstrategie. 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