{"id":13696,"date":"2012-06-28T09:03:04","date_gmt":"2012-06-28T07:03:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13696"},"modified":"2015-03-06T11:34:10","modified_gmt":"2015-03-06T10:34:10","slug":"demokratie-austeritat-und-die-zwei-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13696","title":{"rendered":"Demokratie, Austerit\u00e4t und die zwei Europas"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt das marktkonforme Europa der Angela Merkel, das sich in Br&uuml;ssel hinter den Institutionen der EU verschanzt hat und im Kielwasser der Krise die Mitgliedsstaaten auf die neoliberale Austerit&auml;tspolitik nach deutschem Vorbild umzukrempeln versucht. Die demokratische Legitimation dieses Europas ist jedoch zumindest fragw&uuml;rdig. Es gibt aber auch noch das demokratische Europa, das trotz der unverhohlenen Erpressungen aus Berlin und Br&uuml;ssel seine Stimme gegen diese Austerit&auml;tspolitik erhebt. Dieses Europa hat sich gestern in der parlamentarischen Versammlung des Stra&szlig;burger Europarats eindrucksvoll zu Wort <a href=\"http:\/\/assembly.coe.int\/ASP\/NewsManager\/EMB_NewsManagerView.asp?ID=7789&amp;L=2\">gemeldet<\/a> und der Austerit&auml;tspolitik Merkelscher Schule eine klare Absage erteilt. Eine breite Mehrheit der Abgeordneten stimmte &uuml;ber alle Parteigrenzen <a href=\"http:\/\/assembly.coe.int\/ASP\/Votes\/BDVotesParticipants_EN.asp?VoteID=34223&amp;DocID=14201\">hinweg<\/a> mit siebzigprozentiger Mehrheit einem <a href=\"http:\/\/assembly.coe.int\/ASP\/Doc\/XrefViewHTML.asp?FileID=18745&amp;Language=EN\">Bericht<\/a>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] des deutschen Linken-Politikers <a href=\"http:\/\/andrej-hunko.de\/\">Andrej Hunko<\/a> zu, in dem die europ&auml;ischen Staaten aufgefordert werden, ihre einseitige Austerit&auml;tspolitik zu Lasten der Volkswirtschaft und der sozial Schwachen neu zu justieren, sowie die Staatshaushalte nicht durch K&uuml;rzungen, sondern durch eine h&ouml;here Besteuerung der Wohlhabenden zu sanieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer deutsche Linken-Politiker Andrej Hunko erhielt im letzten Jahr vom Ausschuss f&uuml;r Soziales, Gesundheit und nachhaltige Entwicklung des Europarates den Auftrag, als Berichterstatter ein Papier zu den menschenrechtlichen Auswirkungen der Austerit&auml;tspolitik zu erstellen und konkrete Forderungen an die nationalen Parlamente zu formulieren, wie man der Krise politisch begegnen kann, ohne dabei die Orientierung an der europ&auml;ischen Sozialcharta und der Menschenrechtscharta aus den Augen zu verlieren. Auch wenn Hunkos Bericht im Ausschuss an einigen wenigen Stellen verbal leicht &bdquo;glattgeb&uuml;gelt&ldquo; wurde, stellt er ein klares Statement gegen die vorherrschende europ&auml;ische Krisenstrategie dar. Hunko fordert nicht nur, dass die Politik einseitige Ausgabenk&uuml;rzungen, die vor allem die schw&auml;cheren B&uuml;rger belasten, einstellen und stattdessen die Wohlhabenden st&auml;rker an den Folgekosten der Krise beteiligen soll; er schlachtet in seinem Bericht auch einige &bdquo;heilige K&uuml;he&ldquo; der EU. So empfiehlt sein Bericht beispielsweise den nationalen Regierungen, die g&auml;ngige Staatsfinanzierung &uuml;ber die Finanzm&auml;rkte in Frage zu stellen und stattdessen eine direkte Staatsfinanzierung &uuml;ber die EZB zu pr&uuml;fen und zusammen mit der EU die rechtlichen Rahmenbedingungen daf&uuml;r zu er&ouml;rtern. Solche Forderungen sind vern&uuml;nftig und &ndash; zumindest in der deutschen politischen Landschaft &ndash; klar links zu verorten. Eine Verabschiedung eines solchen Papiers durch ein demokratisch legitimiertes Gremium auf europ&auml;ischer Ebene ist ein Novum. Da wundert es nicht, dass die deutschen Austerit&auml;tsbef&uuml;rworter aus CDU und FDP alles versucht haben, um den Hunko-Bericht zu verhindern.<\/p><p><strong>L&uuml;cken in den Reihen der Austerit&auml;tsbef&uuml;rworter<\/strong><\/p><p>Hinter den Kulissen verlaufen die politischen Frontlinien zwischen Europas Austerit&auml;tsbef&uuml;rwortern und &ndash;gegnern auf eine seltsame Art und Weise asymmetrisch. Die einzigen &bdquo;echten&ldquo; und bedingungslosen Verb&uuml;ndeten der gro&szlig;en deutschen Austerit&auml;tskoalition sind die marktliberalen und konservativen finnischen Parteien, die nationalkonservative Schweizer SVP, die markliberalen estnischen Regierungsparteien und allerlei nationalchauvinistische Hardliner, die ohnehin alles was Europa betrifft, reflexhaft ablehnen. Hinzu kommen vereinzelte Abgeordnete der konservativen Parteien der Eurozone. Von einem &bdquo;konservativen Block&ldquo; hinter Merkel kann jedoch bei bestem Willen keine Rede sein. Au&szlig;er in Deutschland, Finnland, der Schweiz und Estland gibt es in allen europ&auml;ischen Nationen im konservativen Lager zahlreiche Stimmen gegen diesen Austerit&auml;tskurs. Stimmen, die in demokratischen Institutionen wie dem Europarat und dem Europaparlament zu Wort kommen, in den streng hierarchisch gepr&auml;gten Institutionen der EU jedoch an die Seite gedr&auml;ngt werden und untergehen. Dass selbst im &bdquo;liberalen&ldquo; Lager Europas die Front der Austerit&auml;tsbef&uuml;rworter mehr als l&uuml;ckenhaft ist, zeigte einmal mehr die Abstimmung zum Hunko-Bericht im Europarat.<\/p><p>Hinter den Kulissen kam es dort zum offenen Bruch innerhalb der &bdquo;liberalen&ldquo; Fraktion ALDE. Der kompromisslos marktliberale Fl&uuml;gel, unter Beteiligung der deutschen FDP, konnte gegen den erheblichen Widerstand anderer liberaler Abgeordneter einen Fraktionsbeschluss durchsetzen, nach dem s&auml;mtliche in der ALDE zusammengeschlossenen Abgeordneten den Hunko-Bericht einstimmig abzulehnen h&auml;tten. Dieser &ndash; aus den EU-Gremien bekannte &ndash; undemokratische Fraktionszwang verfehlte jedoch sein Ziel mit Ach und Krach. Viele ALDE-Abgeordnete blieben der Abstimmung fern und von den anwesenden ALDE-Abgeordneten stimmten rund 40% f&uuml;r den Antrag.<\/p><p><strong>Die SPD isoliert sich<\/strong><\/p><p>Noch gr&ouml;&szlig;er war die Zustimmung im sozialdemokratischen Lager, zu dem im Europarat auch die meisten Abgeordneten der &bdquo;nicht-linken&ldquo; Gr&uuml;nen z&auml;hlen. Bereits in der offenen Debatte im Plenum &auml;u&szlig;erten sich zahlreiche Abgeordnete der sozialdemokratischen Parteien mit aller Vehemenz gegen die vorherrschende neoliberale Austerit&auml;tspolitik. Insbesondere die Debattenbeitr&auml;ge der britischen Labour-Abgeordneten, die sich in aller Form von der neoliberalen Agenda Tony Blairs distanzierten, &uuml;berraschten deutsche Ohren. W&uuml;rde die deutsche SPD ihre Vergangenheit &ndash; und damit auch ihre gegenw&auml;rtige Agenda &ndash; auch nur im Ansatz derart kritisch reflektieren, w&auml;ren dem Land und Europa schon viel geholfen. <\/p><p>Aus den Reihen der europ&auml;ischen Sozialdemokraten bekam der Hunko-Bericht, wie auch von der europ&auml;ischen Linken, geschlossene R&uuml;ckendeckung. Die deutschen Sozialdemokraten l&ouml;sten (ebenso wie die deutschen Abgeordneten der Gr&uuml;nen) den Ideologiekonflikt zwischen der europ&auml;ischen Sozialdemokratie und der SPD-Linie auf ihre Art und Weise &ndash; sie blieben der Abstimmung geschlossen fern. Geht eher ein Kamel durchs Nadel&ouml;hr, als dass ein SPD-Abgeordneter einem Antrag oder Bericht der Linkspartei zustimmt? Nicht nur Angela Merkel, auch die deutsche SPD ist mittlerweile auf europ&auml;ischer Ebene ziemlich isoliert. <\/p><p><strong>Die zwei Europas<\/strong><\/p><p>Die Abstimmung &uuml;ber den Hunko-Bericht zeigt vor allem eines: Abseits der ideologischen Scheuklappen der deutschen Politik ist linke Politik in Europa durchaus mehrheitsf&auml;hig &ndash; jedoch nur dann, wenn die Parlamentarier &uuml;ber den parteipolitischen Tellerrand hinwegschauen und sich an ihrem Gewissen orientieren. Dieses Europa ist ein zukunftsf&auml;higes Modell, zeigt es doch, dass ein Mehr an Demokratie immer im Sinne der Menschen ist. Leider stehen die europ&auml;ischen Weichen derzeit nicht auf mehr, sondern auf weniger Demokratie. Nicht der Hunko-Bericht, der rechtlich lediglich eine Empfehlung darstellt, sondern das gemeinsame Positionspapier der &ndash; demokratisch bestenfalls leidlich legitimierten &ndash; Viererbande van Rompuy\/Draghi\/Barroso\/Juncker wird beim EU-Gipfel an diesem Wochenende Diskussionsgrundlage sein. Und selbst dieses volkswirtschaftlich fragw&uuml;rdige Papier hat allem Anschein nach keine Chance gegen die deutsche Austerit&auml;tsagenda. Europa k&ouml;nnte eine Chance auf eine bessere Zukunft haben, wenn es sich denn nur auf seine demokratischen Traditionen zur&uuml;ckbesinnen w&uuml;rde. Davon sind wir jedoch wahrscheinlich weiter denn je entfernt. Die Zustimmung des Europarates zum Hunko-Bericht ist lediglich ein Lichtstreif an einem Horizont, der sich gleichzeitig bereits mit dunklen Gewitterwolken zuzieht. Optimismus ist hier leider fehl am Platze. Denk ich an Europa in der Nacht, werd&acute; ich um den Schlaf gebracht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Eine deutschsprachige Version, die jedoch nicht die letzten &Auml;nderungsantr&auml;ge, die aber nicht ma&szlig;geblich sind, beinhaltet, finden Sie hier: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/120627_0929-12_DE.pdf\">Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen &ndash; eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie und die sozialen Rechte [PDF &ndash; 303.5 KB]<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/8fe0f0f99834459196688c77a7a67e07\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt das marktkonforme Europa der Angela Merkel, das sich in Br&uuml;ssel hinter den Institutionen der EU verschanzt hat und im Kielwasser der Krise die Mitgliedsstaaten auf die neoliberale Austerit&auml;tspolitik nach deutschem Vorbild umzukrempeln versucht. 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