{"id":137,"date":"2004-08-05T11:35:09","date_gmt":"2004-08-05T10:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=137"},"modified":"2016-03-29T09:34:11","modified_gmt":"2016-03-29T07:34:11","slug":"helmut-kohls-wurdigung-des-20-juli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137","title":{"rendered":"Helmut Kohls W\u00fcrdigung des 20. Juli"},"content":{"rendered":"<p>Von Dr. Johannes Posth, Kiew, Abdruck in FAZ Nr. 177 vom 2. August 2004, Seite 6<br>\n<!--more--><br>\nBei der W&uuml;rdigung des Attentats auf Hitler und der daran Beteiligten in der FAZ vom 9.07.04 in der Rubrik &bdquo;Zeitgeschehen&ldquo; folgt Helmut Kohl im Wesentlichen &uuml;blichen und bekannten Mustern und Aussagen.<\/p><p>Unbehagen l&ouml;st der Artikel allerdings aus zwei Gr&uuml;nden aus, der eine eine inhaltliche Unzul&auml;nglichkeit, der andere die Person des Autors betreffend.<\/p><p>Die fragende Feststellung, da&szlig; es &ndash; anders als z.B. in Frankreich &ndash; nach dem 8.05.45 &bdquo;um die &Uuml;berlebenden des deutschen Widerstandes gegen Hitler lange still geblieben&ldquo; sei, ist mit dem Hinweis auf &bdquo;schwere Niederlagen f&uuml;r das eigene Vaterland&ldquo; hier und Befreiung vom &bdquo;fremden Usurpator&ldquo; durch die Resistance dort nur unvollst&auml;ndig und unzureichend erkl&auml;rt; sie entspricht nicht der inzwischen gewonnenen Erkenntnis &uuml;ber den Grad der tiefen und &uuml;ber 1945 hinaus nachwirkenden Verstrickung des &uuml;berwiegenden Teiles aller Schichten der deutschen Bev&ouml;lkerung in die Vergehen und Verbrechen jener Zeit, die der eigentliche Grund f&uuml;r diese Zur&uuml;ckhaltung oder besser Unf&auml;higkeit war, sich mit den Widerst&auml;ndlern und dem Attentat zu identifizieren. Dieser Umstand ist daher zugleich auch wiederum ein Beleg f&uuml;r jene Verwicklung.<\/p><p>Die nach dem Ende des Krieges vorhandene und bis in unsere Tage andauernde fehlende Bereitschaft gro&szlig;er Teile oder sogar der Mehrheit der Deutschen, den auch f&uuml;r die Alliierten mit gro&szlig;en Opfern verbunden Einsatz ihrer Soldaten gegen die deutsche Gewaltherrschaft als Befreiung zu verstehen und zu empfinden, spricht f&uuml;r die Intensit&auml;t dieser Befindlichkeit. Noch am 8.05.1985, also 40 Jahre nach Kriegsende, verlie&szlig;en im Deutschen Bundestag die Abgeordneten einer Partei der Fraktion, der auch Kohl angeh&ouml;rte, den Saal, als der damalige Bundespr&auml;sident von Weizs&auml;cker in einer Gedenk-Rede das Wort &bdquo;Befreiung&ldquo; in den Mund nahm. Das deutsche Volk war in seiner Mehrheit leider nicht eindeutig gegen Hitler, sondern hat zu lange Zeit nicht nur weggeschaut und geschehen lassen, sondern leider auch &ndash; und nicht nur aus Zwang &ndash; mitgetan, wie wir heute wissen. Von erstaunlichen und sehr r&uuml;hmlichen, aber letztlich isolierten Ausnahmen abgesehen. Deshalb war der 20. Juli 1944 ein &bdquo;Widerstand ohne Volk&ldquo; (Historiker H.Mommsen). Diese Erkenntnis blendet der Historiker Kohl in seiner Darstellung aus, indem er &ndash; wie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten aufgrund der noch lange vorherrschenden Verdr&auml;ngung &uuml;blich &ndash; Hitler brandmarkt, aber das dazugeh&ouml;rende verantwortungslose, unmenschliche Verhalten oder konkrete Mittun der Menschen in der zivilen Gesellschaft und als Soldaten, ohne das die millionenfachen Untaten und Verbrechen in und au&szlig;erhalb Deutschlands nicht stattgefunden h&auml;tten, und die daraus herr&uuml;hrende Mitverantwortung und Schuld zu erw&auml;hnen unterl&auml;&szlig;t. Die inzwischen m&ouml;gliche und notwendige Klarheit, was die Mithaftung der Menschen im damaligen Deutschland angeht, l&auml;sst Kohl leider vermissen. Seine Hinweise auf &bdquo;die Versuche der Machthaber, mit Verf&uuml;hrung und Gewalt den Geist und das Gewissen gleichzuschalten&ldquo; und die &bdquo;finstere Zeit&ldquo; sind allzu allgemein, diffus und unn&ouml;tig wie unangemessen abstrakt. Der Artikel entspricht insoweit nicht mehr dem heutigen Stand der Aufkl&auml;rung &uuml;ber die Geschehnisse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 und deren Ursachen, um die sich gerade die FAZ durch vielf&auml;ltige Ver&ouml;ffentlichungen nachhaltig verdient gemacht hat.<\/p><p>Da&szlig; Helmut Kohl in der gro&szlig;en deutschen Tageszeitung FAZ prominenter Raum f&uuml;r seine Darstellung er&ouml;ffnet worden ist, stimmt aber eher aus einem anderen Grunde bedenklich. Die gro&szlig;en Verdienste Kohls als Bundeskanzler etwa um die Organisation der unseren europ&auml;ischen Nachbarn vertr&auml;glichen Wiedervereinigung oder um die einheitliche europ&auml;ische W&auml;hrung, die in die Geschichte eingehen werden, stehen au&szlig;er Frage. Aber Kohl verst&ouml;&szlig;t doch bis heute gegen nicht irgendein, sondern gegen das f&uuml;r unser demokratisches Staatswesen wesentliche und bedeutsame &bdquo;Gesetz &uuml;ber die politischen Parteien&ldquo;, dessen nach den vorangegangenen &bdquo;Parteispendenaff&auml;ren&ldquo; pr&auml;zisierte Spendenregelung er selbst als Bundeskanzler unterzeichnet hatte, indem er Spender Geldbetr&auml;ge in Millionenh&ouml;he f&uuml;r seine Partei, die er erhalten hat, nicht benennt, wie es das Gesetz vorsieht. Das ist doch kein Kavaliersdelikt, sondern eher ein noch immer andauernder Rechtsbruch. Wenn heute zurecht vermehrt Verfall der Ma&szlig;st&auml;be und des Anstands sowie Verlust der Werte in Wirtschaft und Politik beklagt und mehr Demut angemahnt werden, darf man fragen: Gibt es keinen unbescholteneren Politiker, dem man f&uuml;r eine W&uuml;rdigung des 20. Juli 1944 den Vortritt vor Kohl h&auml;tte lassen k&ouml;nnen? Nach der Lekt&uuml;re des Artikels bleiben ein Unbehagen und ein fader Nachgeschmack. <\/p><p>Dr. Johannes Posth, Kiew<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dr. Johannes Posth, Kiew, Abdruck in FAZ Nr. 177 vom 2. 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