{"id":13700,"date":"2012-06-28T09:30:32","date_gmt":"2012-06-28T07:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13700"},"modified":"2015-03-06T11:35:55","modified_gmt":"2015-03-06T10:35:55","slug":"regierungserklarung-zum-europaischen-rat-merkel-die-patin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13700","title":{"rendered":"Regierungserkl\u00e4rung zum Europ\u00e4ischen Rat &#8211; Merkel die Patin"},"content":{"rendered":"<p>Das also soll sie gewesen sein, die gro&szlig;e Debatte zwei Tage vor der Verabschiedung des Fiskalpakts und des ESM, unk&uuml;ndbare v&ouml;lkerrechtliche Vertr&auml;ge, die die Demokratie  in Deutschland und ganz Europa auf unabsehbare Zeit zum Handlanger der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; machen und eine aktive Wirtschaftspolitik und den <a href=\"http:\/\/stephan.schulmeister.wifo.ac.at\/fileadmin\/homepage_schulmeister\/files\/Fiskalpakt_Misere__end_04_12.pdf\">Sozialstaat praktisch auf Dauer strangulieren [PDF &ndash; 191 KB]<\/a>. Die gestrige Regierungserkl&auml;rung der Kanzlerin und die Debatte im Bundestag dar&uuml;ber h&auml;tte man sich auch sparen k&ouml;nnen. Merkel konnte sich wie ein Mafia-Boss als Patin aufspielen. Sieht so die Beteiligung des Parlaments an den Entscheidungen auf europ&auml;ischer Ebene aus? Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Kanzlerin forderte &bdquo;mehr Europa&ldquo;, doch es ging ihr in der Sache nur um die Durchsetzung eines &bdquo;europ&auml;ischen Wirtschaftsmodells&ldquo;, das die &uuml;berzeugt, &bdquo;die Vertrauen verloren haben&ldquo;, n&auml;mlich die Finanzm&auml;rkte. <\/p><p>Merkel bekr&auml;ftigt knallhart ihren Standpunkt, dass es &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/kanzlerin-merkel-schliesst-euro-bonds-aus-a-841115.html\">solange sie lebe<\/a>&ldquo; keine solidarische Haftung zwischen den europ&auml;ischen L&auml;ndern gibt. Und wenn man bedenkt, dass der Fiskalpakt unk&uuml;ndbar ist, hat sie mit diesem Schwur gar nicht so unrecht. Mit ihr gebe es auch keine aktive staatliche Konjunkturpolitik (&bdquo;Wachstum auf Pump&ldquo;). Wachstum &ndash; so ihr Dogma &ndash; werde nur durch Deregulierung des Arbeitsmarktes und Sozialabbau (&bdquo;Strukturreformen&ldquo;) generiert, nur so werde langfristig die Wettbewerbsf&auml;higkeit Europas gesichert werden k&ouml;nne. Das einzige Mittel, die aktuelle Krise, die sie nat&uuml;rlich ausschlie&szlig;lich f&uuml;r eine &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; h&auml;lt, zu bew&auml;ltigen, ist nach Merkel &bdquo;Sparen&ldquo;, Kontrolle, Durchgriffsrechte eines undemokratischen Gouverneursrat  und die Einf&uuml;hrung von Strafen f&uuml;r diejenigen, die die Sparziele nicht schaffen, wenn es sein muss &uuml;ber den Europ&auml;ischen Gerichtshof exekutierbar.<\/p><p>Prim&auml;res Ziele von  Merkel sind ganz offensichtlich nicht die Rettung des Euros oder der Zusammenhalt Europas, dessen Kernelement die W&auml;hrungsunion ist, es geht in erster Linie darum, mit der Androhung des Rauswurfs die im Fiskalpakt angelegte &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?paged=2\">Sparpolitik<\/a>&ldquo; durchzusetzen und die anderen europ&auml;ischen L&auml;nder zu erpressen, sich mittels von der EU diktierten Rosskuren dem deutschen Agenda-Kurs anzupassen. Ganz Europa m&uuml;sse sich an der Wettbewerbsf&auml;higkeit der Deutschen messen lassen. Man m&uuml;sse die Wettbewerbsf&auml;higkeit an den Besten in Europa und in weltweitem Ma&szlig;stab messen, sagte Merkel. <\/p><p>Mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit sei der einzige Schl&uuml;ssel zu mehr Wachstum, und da seien Portugal, Irland, Italien und Spanien mit den ihnen aufgezwungenen &bdquo;Reformen&ldquo; auf einem guten Weg. Hauptsache die &bdquo;Hausaufgaben&ldquo;, die die EU-Kommission aufgegeben hat, w&uuml;rden gemacht, dann werde alles gut. Wie die wirtschaftliche Lage in diesen L&auml;ndern tats&auml;chlich aussieht, das ist f&uuml;r sie vernachl&auml;ssigbar. Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen das Austerit&auml;tsdiktat hat, das ist f&uuml;r sie keiner Rede wert, Hauptsache die wirtschafts- und finanzpolitische Schock-Therapie wird durchgehalten.<\/p><p>Hinsichtlich des in den hauptbetroffenen Krisenstaaten notwendigen Wachstums zur Tilgung der Staatschulden, hat Merkel bestenfalls die Tonart ge&auml;ndert. Sie erw&auml;hnte das in Rom von ihr und Mario Monti, Francois Hollande und Mariano Rajoy vorgeschlagene &bdquo;Wachstumspaket&ldquo; mit Einstellungszusch&uuml;ssen an Unternehmen, wenn sie Jugendlichen ein wie auch immer geartetes Besch&auml;ftigungsangebot machten. Sie bot jungen Arbeitslosen aus S&uuml;deuropa an, dass sie ja nach Deutschland kommen k&ouml;nnten. Und sie erw&auml;hnte das Schlagwort vom &bdquo;better spending&ldquo;. Was nichts anderes verdecken soll, als dass vorhandene EU-Mittel die schon bisher f&uuml;r mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit und Wachstum sorgen sollten nun k&uuml;nftig erneut f&uuml;r mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit und Wachstum sorgen sollen.<br>\nIn der Sache wird damit kein Cent mehr f&uuml;r zus&auml;tzliches Wachstum investiert, schlie&szlig;lich sind nach Meinung Merkels Investitionsprogramme nichts mehr als &bdquo;Strohfeuer&ldquo; und &bdquo;Wachstum auf Pump&ldquo; funktioniere sowieso nicht. Sie blockt damit eine aktive Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik ab. Einzig das eine wie auch immer geartete und wie auch immer eintr&auml;gliche Finanztransaktionssteuer k&ouml;nne f&uuml;r Investitionen eingesetzt werden, stellte sie in Aussicht. Bis es dazu kommen mag, d&uuml;rften Griechenland und andere s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder m&ouml;glicherweise schon l&auml;ngst pleite sein.<\/p><p>Den Vorschl&auml;gen von EU-Ratspr&auml;sident Van Rompuy, EU-Kommissionspr&auml;sident Barroso, Euro-Gruppenchef Juncker und dem Zentralbankpr&auml;sidenten Draghi z.B. f&uuml;r eine Bankenunion mit gemeinsamer Aufsicht oder  einen Einlagensicherungsfonds erteilte die Kanzlerin eine glatte Absage, die in Form und Inhalt jeden diplomatischen Umgangston vermissen l&auml;sst. Sie kanzelt die Vierergruppe geradezu als Weicheier ab. <\/p><p>Mit dem was die Kanzlerin in ihrer Regierungserkl&auml;rung zum Europ&auml;ischen Rat verk&uuml;ndet hat, kann man sich die Fahrkosten nach Br&uuml;ssel am Ende der Woche ersparen. Alle, die  anreisen m&uuml;ssen sich nach dieser Regierungserkl&auml;rung regelrecht vor den Kopf gesto&szlig;en f&uuml;hlen. Da gibt es nichts, was noch zu verhandeln w&auml;re.<\/p><p>Die Verhandlungsstrategie der Bundesregierung gegen&uuml;ber der EU und ihren europ&auml;ischen Nachbarn erinnert an Methoden von Mafia-Bossen Abtr&uuml;nnigen ihre Macht zu demonstrieren und ihnen ihre Aufm&uuml;pfigkeit ein f&uuml;r alle Mal auszutreiben: Man verspricht jemand, den man vorher in den Abgrund gesto&szlig;en hat, nur dann nicht zu Tote st&uuml;rzen zu lassen, wenn er hoch und heilig verspricht, sich k&uuml;nftig den Gesetzen der Patin zu unterwerfen.<\/p><p>Die Regierungserkl&auml;rung von Kanzlerin Merkel war nichts mehr als eine Machtdemonstration, die allen Beteiligten in Europa klar machen sollte, wir lassen Euch h&auml;ngen, wenn ihr nicht dem Weg des massiven &bdquo;Sparens&ldquo; und der &bdquo;Strukturreformen&ldquo; nach deutschem Vorbild folgt.<\/p><p>Frank-Walter Steinmeier von der SPD und die haushaltspolitische Sprecherin der Gr&uuml;nen, Priska Hinz, hatten am Grundkurs der Kanzlerin nur wenig auszusetzen. Sie &uuml;bten sich einmal mehr im Selbstlob dar&uuml;ber, was sie der Regierung angeblich alles abgerungen haben, um ihr die notwendige Zweidrittel-Mehrheit zu verschaffen. &Uuml;ber den Fiskalpakt und &uuml;ber den Europ&auml;ischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) selbst verloren beide Parteien kaum ein kritisches Wort mehr.   <\/p><p>Priska Hinz heftete sich die vage Zusage einer Transaktionssteuer ans Revers. Und obwohl sie die Regierungserkl&auml;rung h&auml;tte eines Besseren belehren m&uuml;ssen, sprach sie von einer &bdquo;Kurskorrektur&ldquo; der Kanzlerin. Das einseitige Spardiktat gehe zu Ende, ja die gr&uuml;ne Hinterb&auml;nklerin tr&auml;umte von einer &bdquo;Kehrtwende bei Steuersenkungen&ldquo; und sogar von einem &bdquo;Investitionsprogramm&ldquo;. Mehr parteipolitischer Selbstbetrug geht wohl kaum noch. <\/p><p>Steinmeier m&auml;kelte &ndash; wie gewohnt &ndash; an Merkel nur herum. Er blies die Backen auf, dass ein Ende &bdquo;der Schneise der Verw&uuml;stung&ldquo; nicht in Sicht sei und dass die Kanzlerin nicht &bdquo;Teil der L&ouml;sung, sondern Teil des Problems&ldquo; sei. Doch gepfiffen hat er nicht, sondern er wies er nur beleidigt darauf hin, dass die SPD 10 Wochen lang nicht zu Gespr&auml;chen &uuml;ber den Fiskalpakt eingeladen worden sei. Um sich danach zu r&uuml;hmen, das, was Monti, Hollande und Rajoy der Kanzlerin bei ihrem Treffen in Rom abgerungen hatten, als Erfolg der Sozialdemokraten einzuheimsen (&bdquo;Es sind unsere zus&auml;tzlichen Forderungen.&ldquo;). &bdquo;Konsolidierung und Wachstum&ldquo; gebe es nur dank der SPD, wollte er glauben machen.<br>\nDie Rechtskonstruktion des Fiskalpakts neben und au&szlig;erhalb des europ&auml;ischen Institutionensystems m&uuml;sse die &bdquo;absolute Ausnahme&ldquo; bleiben. Es d&uuml;rfe nicht sein, dass das Nachdenken &uuml;ber die Zukunft Europas &bdquo;allein in den H&auml;nden der Exekutivvertreter&ldquo; liege. Obwohl Fiskalpakt und ESM genau das vorsehen, will Steinmeier seiner Fraktion empfehlen diesen Vertragswerken zuzustimmen. Seine Forderung wenigstens &bdquo;Vertreter der Parlamente hinzuziehen&ldquo; zeigt nur, dass er die Vertragstexte offenbar nicht gr&uuml;ndlich gelesen hat, denn an eine demokratische Legitimation der Entscheidungen etwa des Gouverneursrates f&uuml;r den ESM ist dort wirklich zuletzt gedacht.<\/p><p>Br&uuml;derle von der FDP tat wieder einmal das, was er am besten kann, er senkte die Debatte auf Stammtischniveau. Der FDP-Fraktionsvorsitzende setzte Steinmeier schachmatt, indem er ihm ein aktuelles Interview von Gerhard Schr&ouml;der im Handelsblatt unter die Nase rieb, in dem der Altkanzler eine &bdquo;mutige Reformagenda&ldquo; und &bdquo;Strukturreformen&ldquo; forderte und die Sozialdemokraten davor warnte &bdquo;den Job der franz&ouml;sischen Sozialisten&ldquo; zu machen. Zur Rettung Europas gebe es nur drei Wege, n&auml;mlich Wettbewerbsf&auml;higkeit, Wettbewerbsf&auml;higkeit und nochmals Wettbewerbsf&auml;higkeit.<br>\nIn chauvinistischer Manier &bdquo;kauderte&ldquo; Br&uuml;derle, dass es so viel &bdquo;deutsche soziale Marktwirtschaft&ldquo; in der EU noch nie gab und dass die &bdquo;deutsche Stabilit&auml;tskultur&ldquo; nunmehr &bdquo;europ&auml;isiert&ldquo; werde. Die deutsche Oma solle nicht mit ihrem Sparbuch f&uuml;r die Investmentbanker in anderen L&auml;ndern haften m&uuml;ssen. Mit &bdquo;Schuldensozialismus&ldquo; sei niemand gedient.<\/p><p>Da nutzte es nichts, dass Gregor Gysi von der Linksfraktion zurecht darauf hinwies, dass wenn man die Aussagen Br&uuml;derles ernst n&auml;hme, im Bundestag nur &bdquo;Sozialisten&ldquo; s&auml;&szlig;en, weil die Schulden schon l&auml;ngst vergemeinschaftet seien, indem z.B. der deutsche Anteil an den Kapitaleinlagen in den EMS in H&ouml;he von 27 Prozent schlie&szlig;lich auch vom deutschen Steuerzahler aufgebracht werden w&uuml;rden. Der Unterschied zu den wirklichen Sozialisten in der Linken sei der, dass diese lieber die Banken vergemeinschaften wollten, statt die Schulden der Banken zu vergemeinschaften, wie das die anderen Parteien wollten. Gysi rechnete der Regierung noch einmal vor, dass, wenn sie nicht massive Einschnitte in den Haushalt vorn&auml;hme, nach in Kraft treten des Fiskalpaktes sie selbst als Erste von den von ihr durchgesetzten Sanktionen aus Br&uuml;ssel betroffen w&auml;re. Was als Wachstumspaket verkauft w&uuml;rde, sei nicht mehr als die Umwidmung von vorhandenen Finanzmitteln. Mit seinen Forderungen, dass die L&ouml;hne in Europa angeglichen werden m&uuml;ssten oder die Steuern auf ein angemessenes Niveau angehoben m&uuml;ssten und mit seiner Warnung, dass der Bundestag zentrale Befugnisse an die Exekutive abgebe, blieb er ein einsamer Rufer in der W&uuml;ste.<\/p><p>Es ist nur noch ein Trauerspiel, wie im deutschen Bundestag &uuml;ber eine wirkliche Schicksalsfrage diskutiert wird. Da hilft es auch nicht, wenn das Bundesverfassungsgericht die Rechte des Parlaments noch so sehr verteidigt.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das also soll sie gewesen sein, die gro&szlig;e Debatte zwei Tage vor der Verabschiedung des Fiskalpakts und des ESM, unk&uuml;ndbare v&ouml;lkerrechtliche Vertr&auml;ge, die die Demokratie in Deutschland und ganz Europa auf unabsehbare Zeit zum Handlanger der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; machen und eine aktive Wirtschaftspolitik und den <a href=\"http:\/\/stephan.schulmeister.wifo.ac.at\/fileadmin\/homepage_schulmeister\/files\/Fiskalpakt_Misere__end_04_12.pdf\">Sozialstaat praktisch auf Dauer strangulieren [PDF &ndash; 191 KB]<\/a>. 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