{"id":137113,"date":"2025-08-09T12:00:42","date_gmt":"2025-08-09T10:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137113"},"modified":"2025-08-08T10:39:50","modified_gmt":"2025-08-08T08:39:50","slug":"meinungsverschiedenheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137113","title":{"rendered":"Meinungsverschiedenheiten"},"content":{"rendered":"<p>Wie kommt es, dass wir in unseren Wertvorstellungen so nah beieinander, aber in unseren Be-Wertungen vieler Themenbereiche so weit auseinander liegen? Wir m&uuml;ssen bestimmte Themen auslassen, damit wir uns nicht zerstreiten, obwohl doch Streit, Diskussion und Auseinandersetzung so fruchtbar und anregend sein k&ouml;nnten. Ein sehr pers&ouml;nliches Essay von <strong>Thomas Winz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDa k&uuml;ndigt mir jemand kurz nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine 2022 seine Freundschaft auf, nur weil ich laut &uuml;berlege, was wohl Russland zum Einmarsch in die Ukraine bewogen haben k&ouml;nnte und ob an den russischen Begr&uuml;ndungen irgendetwas dran sein k&ouml;nnte. &bdquo;Das geht gar nicht. Damit entschuldigst du den &Uuml;berfall Putins auf die Ukraine. Das ist zu verurteilen und Punkt.&ldquo;<\/p><p>Da sterben und leiden Menschen. Ja, das ist furchtbar und w&uuml;hlt uns mit Recht auf. Aber in anderen Kriegen sterben auch Menschen und wir k&ouml;nnen trotzdem kontrovers dar&uuml;ber streiten. Oder doch nicht? K&ouml;nnen wir einigerma&szlig;en zivilisiert &uuml;ber Vietnam, Jugoslawien, Irak, Libyen, Syrien, Israel, Iran usw. kontrovers miteinander reden? &Uuml;ber das Massaker der Hamas und den folgenden Gaza-Krieg ging eine Diskussion im Freundeskreis auch schief. Meine Frau und ich sind verst&ouml;rt &uuml;ber die Haltung unserer Freunde, die das Vorgehen der israelischen F&uuml;hrung trotz der Zehntausenden toten pal&auml;stinensischen Kinder bef&uuml;rworten oder zumindest entschuldigen.<\/p><p>Nun ist der Krieg in der Ukraine besonders nah. Viel weiter war allerdings Jugoslawien auch nicht entfernt.<\/p><p>Hier sind aber zwei L&auml;nder involviert, von denen sich eines nach der Lesart unserer Medien dem Westen zuwenden will und kleiner als der Aggressor ist und das andere ein Land, das sich gef&uuml;hlt schon immer b&ouml;se darstellt: mongolische Horden &ndash; Zar Peter der Gro&szlig;e &ndash; Stalin &ndash; der Iwan &ndash; Putin.<\/p><p>Gorbatschow war ein positiver Ausrutscher, ein Wimpernschlag der Geschichte. Auf der anderen Seite ein ehemaliger Schauspieler, der &ndash; als Pr&auml;sident gew&auml;hlt &ndash; sympathisch r&uuml;berkommt.<\/p><p>Erkl&auml;ren diese Bilder unsere unvers&ouml;hnlichen Meinungsunterschiede? Wie kann es sein, dass Menschen von ganz unterschiedlichen Bildern oder, modern ausgedr&uuml;ckt, Narrativen gepr&auml;gt sind?<\/p><p>Zurzeit und in der Bundesrepublik beherrschen bestimmte, eher &uuml;bersichtliche, undifferenzierte Narrative den &ouml;ffentlichen Diskurs in allen Themenbereichen, wobei manche Themen nicht oder fast nicht stattfinden.<\/p><p>Manche Vorstellungen haben eine lange Geschichte, wie ich oben in puncto Russland schon anriss.<\/p><p>Ich besuchte vor einigen Jahren einen Freund in Kenia, der dort als Entwicklungshelfer arbeitete. Schon im Flugzeug, das zur H&auml;lfte mit Afrikanern gef&uuml;llt war, wurde mein selbstverst&auml;ndlich gewachsenes Bild von Afrika ins Wanken gebracht. Es gibt also offensichtlich nicht wenige Afrikaner, die aus Deutschland ganz legal nach Kenia fliegen und wieder zur&uuml;ck. Aha-Erlebnisse reihten sich Minute f&uuml;r Minute bis zur Landung in Hannover aneinander. Meine Fotos best&auml;tigen meine Eindr&uuml;cke.<\/p><p>Ich kam mit einem vollst&auml;ndig ver&auml;nderten Bild von Afrika nach Hause. Mein Weltbild hatte sich in zwei Wochen gewandelt. Das theoretische Wissen, dass &uuml;berall Menschen mit grunds&auml;tzlich den gleichen Bed&uuml;rfnissen leben, war zu einer f&uuml;hlbaren Gewissheit geworden. Danach war ich all den Meldungen &uuml;ber andere L&auml;nder skeptisch eingestellt.<\/p><p>Kann es sein, dass die mir bisher vermittelten Narrative alle falsch, unvollst&auml;ndig, verzerrt waren? Schon beim Jugoslawien-Krieg, sp&auml;ter beim Irak-Krieg und anderen Ereignissen waren mir mindestens Ungereimtheiten oder sogar platte L&uuml;gen aufgefallen. Mein fr&uuml;hes Interesse f&uuml;r Polen hatte in meiner Jugend einen &auml;hnlichen Aha-Effekt ausgel&ouml;st wie sp&auml;ter der Aufenthalt in Kenia.<\/p><p>In der Abwendung von der DKP und dem Zusammenbruch der Gesellschaftsformen, die sich sozialistisch nannten, erkannte ich, dass ich auf eine &bdquo;wissenschaftliche Weltanschauung&ldquo; reingefallen war, die alles andere als wissenschaftlich ist. Immer, wenn ich mich danach gesellschaftlich engagierte, musste ich feststellen, dass ich auf die eine oder andere Art ver&auml;ppelt oder schlicht belogen wurde.<\/p><p>Aber die Erkenntnis, dass auch der bundesdeutsche &bdquo;Mainstream&ldquo;, in dem ich aufgewachsen war, ganz erheblich von der Realit&auml;t abwich, die schlug erst in Kenia richtig zu.<\/p><p>Mein Interesse an Geschichte und besonders an neuen Funden und Erkenntnissen, die nicht selten zu einem Paradigmenwechsel in der Wissenschaft f&uuml;hren, tat ein &Uuml;briges. Was f&uuml;r absurde L&uuml;gen wurden zum Beispiel in der Kolonialzeit und w&auml;hrend des Kalten Krieges aufgetischt und wirken bis heute.<\/p><p>Hinzu kommt, dass die Beeinflussung der &ouml;ffentlichen Meinung durch m&auml;chtige Gruppen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer geschickter wurde. Unter anderen haben Jonas T&ouml;gel und Renate Dillmann dazu lesenswerte B&uuml;cher ver&ouml;ffentlicht. Die Entwicklung von Propaganda nahm im 20. Jahrhundert Fahrt auf durch die Nutzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Psychologie, Soziologie, Biologie und Medizin.<\/p><p>Heute haben Computersysteme, Programme, das Internet und die weltweite gro&szlig;e Verbreitung von Handys den Einfluss auf das Denken, F&uuml;hlen und Handeln auf ein Niveau gehoben, das die Warnungen George Orwells in den Schatten stellt. Folgender Witz beschreibt den Wandel von der eher primitiven Meinungsformung zum Beispiel in der Sowjetunion hin zur ausgefeilten, nicht als solche sofort durchschaubaren Propaganda bzw. &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitsarbeit&ldquo;:<\/p><p>Ein Russe und ein Amerikaner nebeneinander im Flugzeug nach New York. Der Amerikaner fragt: Warum fliegen Sie nach New York? Ich will die amerikanische Propaganda studieren. Aha, welche Propaganda? Der Russe: Genau!<\/p><p>Nun bedingt die Lebenserfahrung, dass wir erkennen, wie die Menschen um uns herum Geschichten erfinden, ja geradezu darin leben, um sich gut zu f&uuml;hlen, weil es ihren Interessen f&ouml;rderlich ist oder auch, weil sie in ihrem Leben nichts anderes kennengelernt haben. Ach ja, ich verga&szlig; zu erw&auml;hnen, dass ich in einem katholischen Umfeld aufgewachsen bin und mich schon in der Pubert&auml;t zum Ungl&auml;ubigen wandelte. Nicht an etwas zu glauben, sondern es wissen zu wollen, ist der Kern aller Skepsis.<\/p><p>Heutzutage bietet das Internet den Zugang zu den unterschiedlichsten Informationen und Weltsichten, allerdings auch zu haneb&uuml;chenem Unsinn. Immerhin kann ich mir mit wenig Aufwand zum Beispiel eine Rede von Putin im Original mit guter &Uuml;bersetzung anh&ouml;ren und mir meine eigenen Gedanken dazu machen. Bisher war ich im Wesentlichen auf die bundesdeutschen Medien angewiesen. Im Fernsehen besteht die Information fast nur aus Kommentaren und Ausschnitten und selten aus Original-Wiedergaben. In den gro&szlig;en gedruckten Medien ist es nicht anders. Aber ich habe immerhin mehr Zeit zum &Uuml;berdenken beim Lesen. Seit einiger Zeit finde ich im Fernsehen und in Zeitungen kaum noch kritische Stimmen. Das nervt mich mittlerweile.<\/p><p>Warum Menschen an dem festhalten, was seit ihrer Kindheit als Gewissheit empfunden wird, und warum es schwerf&auml;llt, ein Verst&auml;ndnis der Welt um uns herum durch ein anderes zu ersetzen, ist klar: Wir f&uuml;hlen uns unsicher, verloren, ungesch&uuml;tzt, isoliert. Wir m&ouml;chten einfach nicht auf schwankendem Boden stehen. Es f&auml;llt leichter, etwas zu glauben, als der Welt mit Skepsis zu begegnen. Einen Glauben aufzugeben, ist nur unter besonderen Umst&auml;nden m&ouml;glich. Ich erlebe an mir, wie es mich ersch&uuml;ttert, traurig und w&uuml;tend macht, zu erkennen, dass viele meiner Auffassungen auf falschen Annahmen beruhten, die mir allerdings ununterbrochen von anderen best&auml;tigt wurden. Dass ich sogar bewusst belogen werde von Menschen, die mit ihren L&uuml;gen Geld verdienen oder Verbrechen begehen wollen, macht mich fassungslos. Dieser Zustand ist unangenehm. Dass meine Mitmenschen ebenso belogen wurden und werden, sodass es dadurch zu Zerw&uuml;rfnissen kommt, &auml;rgert mich und macht mich w&uuml;tend.<\/p><p>Wenn ich dann mit meinen neuen Erkenntnissen und Auffassungen gegen den Strom schwimme, mich isoliert f&uuml;hle, als Au&szlig;enseiter gesehen werde und Nachteile in Kauf nehmen m&uuml;sste, verstehe ich gut, wenn Menschen sich lieber anpassen.<\/p><p>Die andere Variante ist die Flucht in eine trotzige Abwehrhaltung, in eine dogmatische, &uuml;berhebliche, besserwisserische, sektiererische Theorie, die mindestens so daneben liegt wie meine bisherige Weltanschauung.<\/p><p>Alte Verschw&ouml;rungstheorien durch neue, einen alten Glauben durch einen neuen Glauben zu ersetzen, f&uuml;hlt sich vielleicht geschmeidig an, ist aber definitiv nicht klug, auch wenn ich mich neunmalklug gebe.<\/p><p>Darum sage ich zum Beispiel ungern, dass ich Atheist bin. Das klingt danach, als wenn ich dem <em>Glauben<\/em> anh&auml;nge, dass es &bdquo;Gott&ldquo; nicht gibt. Ich bezeichne mich lieber als ungl&auml;ubig.<\/p><p>Der kleine Thomas soll ein neugieriges, lebhaftes Kind gewesen sein, das zum Trotz und zur Bockigkeit neigte.<\/p><p>Als meine Schwester geboren wurde und sie als Nesth&auml;kchen und sehns&uuml;chtig gew&uuml;nschtes M&auml;dchen im Mittelpunkt stand, wurde ich stiller und angepasster. Ich ahmte die verw&ouml;hnte Prinzessin nach, um auch verw&ouml;hnt zu werden. Ich fl&uuml;chtete oft in die Natur. Da war es nett, spannend, und ich wurde in der fr&uuml;hen Erkenntnis best&auml;tigt, dass nichts so bleibt, wie es ist, sondern sich st&auml;ndig ver&auml;ndert.<\/p><p>In der Pubert&auml;t kam der Trotzkopf wieder zum Vorschein, und ein Effekt war, dass ich als einer der j&uuml;ngsten Mitstreiter bei den Antikriegsdemonstrationen mitmarschierte und in &bdquo;revolution&auml;ren&ldquo; Zusammenk&uuml;nften dabei war &ndash; ohne viel zu verstehen. Ich verschlang kritische Literatur und wissenschaftliche Beitr&auml;ge. Das Niveau &uuml;berforderte mich. Trotzdem blieb viel &ndash; auch viel Richtiges &ndash; h&auml;ngen. Heute bin ich froh, dass ich als naiver Jugendlicher doch &uuml;berwiegend an grunds&auml;tzlich Gutem und Richtigem teilgenommen habe, wie dem Engagement gegen den Vietnam-Krieg, gegen die aufstrebende NPD oder f&uuml;r Sch&uuml;lermitbestimmung.<\/p><p>F&uuml;r einige Episoden in meiner DKP-Zeit, als ich die Sowjetunion oder die DDR f&uuml;r Taten verteidigte, die einfach abscheulich waren, sch&auml;me ich mich bis heute.<\/p><p>Homosexuelle &bdquo;Experimente&ldquo; in der Pubert&auml;t versuchte ich erfolglos zu verdr&auml;ngen. Meine Eltern schockte ich, als ich mich von der Polizei mit Haschisch erwischen lie&szlig; und eine Arbeitsstrafe absolvieren musste.<\/p><p>Den &bdquo;autorit&auml;ren Charakter&rdquo; und autorit&auml;re, gewaltsame Erziehung haben die Philosophen der Frankfurter Schule als eine der Ursachen f&uuml;r die Entstehung des Faschismus identifiziert und generell f&uuml;r Autorit&auml;tsh&ouml;rigkeit. Das trifft auf meine Familie nicht zu, obwohl mein Vater &ndash; geboren 1922 &ndash; von der Nazi-Ideologie infiziert worden war und in der Wehrmacht durch Frankreich und Osteuropa marschierte.<\/p><p>Dass mein Vater ein widerspr&uuml;chlicher Mensch war, hat mich sicherlich gepr&auml;gt. Er war ein liebevoller Vater, der meinen Wissensdurst unterst&uuml;tzt hat und der sich &uuml;ber die neuesten Erkenntnisse der Arch&auml;ologie freute. Dass immer wieder die Untersch&auml;tzung unserer Vorfahren einem Erstaunen &uuml;ber ihre F&auml;higkeiten weichen musste, hat ihn begeistert und er hat mir diese Begeisterung mitgegeben. Danke dir, Papa.<\/p><p>Er war sicher ein guter, einf&uuml;hlsamer und verantwortungsbewusster Urologe. Aber in ihm w&uuml;hlte gleichzeitig der Hass gegen &bdquo;die Juden&ldquo; und die &bdquo;j&uuml;dische Weltverschw&ouml;rung&ldquo;. Die &Uuml;berheblichkeit des Herrenmenschen gegen die &bdquo;Untermenschen&ldquo; in Deutschland, Europa und der Welt, gegen Behinderte und Schwule etc. qu&auml;lte ihn weiter. Im (internationalen) Kollegenkreis, im Urlaub und im Kontakt mit &bdquo;Untermenschen&rdquo; und &bdquo;unwertem Leben&rdquo; muss es ihn gesch&uuml;ttelt haben, weil die schwachsinnige, menschenverachtende Nazi-Ideologie so gar nicht passte.<\/p><p>Was in ihm wohl vor sich ging, als sein Sohn Thomas eine Frau aus einer polnischen Familie als seine zuk&uuml;nftige Ehefrau vorstellte? Diese Widerspr&uuml;che haben ihn sein Leben lang besch&auml;ftigt.<\/p><p>Ich wei&szlig; im &Uuml;brigen nicht, was er im Krieg erlebt hat und woran er beteiligt war, wie stark seine Gewissensbisse waren oder wie ausgepr&auml;gt er in sch&auml;bige Entschuldigungen fl&uuml;chtete. Beide Reaktionen flackerten hin und wieder auf.<\/p><p>Die Trag&ouml;dien, die unsere Familie zu meinen Lebzeiten ersch&uuml;tterten, haben ihn, meine Mutter und uns alle f&uuml;r immer traumatisiert und sehr nachdenklich gemacht.<\/p><p>In meiner Besch&auml;ftigung mit dem Thema Nazizeit, Krieg, Rassismus und Holocaust fiel mir bald auf, dass die hochgelobte Erinnerungskultur mehr Ritual war als echte, tiefe Trauer und Emp&ouml;rung &uuml;ber die Verstrickung unserer V&auml;ter und M&uuml;tter. Heute stelle ich erschreckt fest, wie tot geglaubter Rassismus und insbesondere Russophobie unfassbar leicht und schnell wieder entflammt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Es fehlt bei vielen an der emotionalen, auch schmerzhaften pers&ouml;nlichen Auseinandersetzung und dazu an intellektueller Tiefe.<\/p><p>Zu erkennen, wie widerspr&uuml;chlich unsere Welt und wir Menschen sind, tr&auml;gt sicherlich zu einer gesunden Skepsis gegen&uuml;ber Geschichtenerz&auml;hlern und Dogmatikern bei. Es hilft, erst Fragen zu stellen und sich dann f&uuml;r Antworten zu entscheiden. Manchmal m&uuml;ssen wir damit leben, dass Fragen unbeantwortet bleiben oder erst in der Zukunft beantwortet werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Ein weiterer Aspekt zum Thema der unterschiedlichen Bewertung gleichartiger Ph&auml;nomene wird oft vergessen: Aus meiner Erfahrung mit Suchterkrankungen und psychischen Krankheiten wei&szlig; ich, dass sich ein gesunder Mensch so gut wie nicht in die Seelenwelt eines Suchtkranken, eines Psychopathen oder eines Gewohnheitsverbrechers versetzen kann. Ein Laie untersch&auml;tzt regelm&auml;&szlig;ig die gro&szlig;e Macht, die von diesen Erkrankungen oder dem kriminellen Milieu ausgeht.<\/p><p>Das aufwendig errichtete L&uuml;gengeb&auml;ude psychisch Kranker oder von Schwerverbrechern ist sehr schwer zu durchschauen. So weigerte ich mich lange, zu akzeptieren, dass der Copilot der German-Wings-Maschine, die in den Alpen abst&uuml;rzte, einen Massenmord beging. Unbegreiflich!<\/p><p>Als Pilot eines Kleinflugzeugs flog ich oft mit Passagieren. Ich empfand jedes Mal eine gro&szlig;e Verantwortung. Das ist der Normalfall.<\/p><p>Ganz naiv geht fast jeder von seiner Lebenswelt und seiner Gef&uuml;hlswelt aus. Dass ein Hilfsangebot an der &Uuml;bermacht der inneren D&auml;monen und an sturem Selbstbetrug abprallt und scheitert, ist den wenigsten klar. Dieses &bdquo;Versagen&ldquo; ist menschlich.<\/p><p>Nun lese ich, dass Untersuchungen ergeben haben, dass F&uuml;hrungskr&auml;fte, Politiker und Unternehmer &uuml;berproportional von Suchterkrankung, Psychopathie und Soziopathie betroffen sind. Antisoziale Handlungen (bis hin zur Kriegstreiberei) und L&uuml;gen werden von einigen Entscheidungstr&auml;gern nicht als kriminell, sondern eher als normal und notwendig empfunden.<\/p><p>Wenn wir &bdquo;Normalos&ldquo; aber &uuml;berfordert sind, Psychopathen zu erkennen, zu benennen und sie schlie&szlig;lich zu entmachten, haben sie auch ein leichtes Spiel, uns zu betr&uuml;gen und uns zu beherrschen. Denn dumm sind die meisten krankhaft b&ouml;sartigen Menschen nicht. Sie wissen genau, dass unser normales Empfinden sich weigert, den smarten, redegewandten, gut gekleideten, harmlos aussehenden M&ouml;rder, der in verantwortlicher Position arbeitet, zu durchschauen.<\/p><p>In der Kriminologie ist dieser blinde Fleck auch bei versierten Ermittlern gut bekannt.<\/p><p>Als in Griechenland die Idee der Herrschaft des Volkes, der Demokratie, aufkam, hatten die B&uuml;rger schmerzhaft erleben m&uuml;ssen, wie die Gier der Eliten nach Besitz und Macht nicht Halt machte vor der Zerst&ouml;rung der gesamten Gemeinschaft. In der damaligen Gesellschaft z&auml;hlten weder die Frauen noch die Sklaven noch die Zugezogenen zur B&uuml;rgergemeinschaft. Aber nichtsdestotrotz war die Erkenntnis, dass die M&auml;chtigen und Reichen krankhaft gierig waren und entmachtet werden m&uuml;ssen, bahnbrechend modern.<\/p><p>Wir d&uuml;rfen &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; nicht die Augen verschlie&szlig;en vor der t&ouml;dlichen Gefahr f&uuml;r uns alle, wenn wir den Einfluss der skrupellosen Superreichen nicht zun&auml;chst eingrenzen und dann ein f&uuml;r alle Mal durch eine Neugestaltung der Gesellschaft in Schach halten.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen in einem nuklearen Krieg untergehen. In einer selbst gemachten Klimakatastrophe und in der Zerst&ouml;rung unserer nat&uuml;rlichen Lebensgrundlage k&ouml;nnen wir uns ausl&ouml;schen oder ins Chaos und ins globale Elend st&uuml;rzen.<\/p><p>Die Verantwortlichen sind nicht nur die krankhaft Gierigen, sondern wir alle, wenn wir unt&auml;tig bleiben und sie gew&auml;hren lassen.<\/p><p>Die Quintessenz meines kleinen Essays lautet: Jeder von uns kann in seinem Leben vielf&auml;ltigste Ereignisse und Einfl&uuml;sse finden, aus denen sich sein heutiges Selbst- und Weltbild zusammengef&uuml;gt hat. Selbstverst&auml;ndlich hat jeder Mensch auch ganz eigene Entscheidungen getroffen, die ihm nicht aufgedr&auml;ngt oder eingefl&uuml;stert wurden. Jeder verarbeitet &auml;hnliche Erlebnisse auf seine individuelle Art.<\/p><p>Wir unterscheiden uns in unseren Lebensl&auml;ufen und daher auch in unserer Weltsicht.<\/p><p>Ich habe nur einen Ausschnitt aus den mannigfaltigen Einfl&uuml;ssen geliefert, die mich heute ausmachen.<\/p><p>Den aktuellen Krieg mit dem Iran habe ich zum Beispiel nicht erw&auml;hnt, obwohl er auf grausame Weise zeigt, wie V&ouml;lkerrecht, Menschlichkeit und Wahrheit mit F&uuml;&szlig;en getreten werden. Nicht zu untersch&auml;tzen ist die Rolle meiner geliebten Frau, die in Deutschland geboren wurde mit polnischen Wurzeln und einer bewegten, einzigartigen Familiengeschichte, oder die Tatsache, dass wir nach Polen ausgewandert sind und dadurch viel Neues erleben und lernen.<\/p><p>Zum Abschluss:<\/p><p>Trotz unserer Unterschiede und aller kontr&auml;ren Standpunkte sollten wir uns einigen und zusammen aktiv werden:<\/p><p>gegen Krieg und Atomkrieg,<br>\nf&uuml;r Diplomatie,<br>\nf&uuml;r eine friedensstiftende Sprache,<br>\nf&uuml;r Entspannungspolitik und<br>\nf&uuml;r Abr&uuml;stung.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Roman Samborskyi<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kommt es, dass wir in unseren Wertvorstellungen so nah beieinander, aber in unseren Be-Wertungen vieler Themenbereiche so weit auseinander liegen? 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