{"id":137344,"date":"2025-08-13T10:00:40","date_gmt":"2025-08-13T08:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137344"},"modified":"2025-08-13T16:52:36","modified_gmt":"2025-08-13T14:52:36","slug":"zionismus-im-endstadium-ein-mythos-zerbricht-an-der-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137344","title":{"rendered":"Zionismus im Endstadium \u2013 Ein Mythos zerbricht an der Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 2025 steht Israel vor einer Z&auml;sur, die weit &uuml;ber eine weitere milit&auml;rische Eskalation hinausgeht. Der Krieg im Gazastreifen, ausgel&ouml;st durch den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023, hat nicht nur zehntausende pal&auml;stinensische Leben gekostet und weite Teile des K&uuml;stenstreifens verw&uuml;stet, sondern auch das politische Selbstverst&auml;ndnis Israels ins Wanken gebracht: Das Land ist innerlich tief gespalten, milit&auml;risch unter Druck, international zunehmend isoliert und wirtschaftlich belastet. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6164\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-137344-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=137344-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250813_Zionismus_im_Endstadium_Ein_Mythos_zerbricht_an_der_Realitaet_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&Uuml;ber 61.000 get&ouml;tete Pal&auml;stinenser, Abwurf von etwa 100.000 Tonnen Sprengstoff seit Beginn der Milit&auml;rkampagne am 7. Oktober 2023 bis Mai 2025 &uuml;ber dem Gazastreifen durch Israel &ndash; ein Zerst&ouml;rungsgrad, der selbst die Bombardements der meisten St&auml;dte im Zweiten Weltkrieg weit &uuml;bersteigt. Der Verlust ganzer Stadtviertel und die humanit&auml;re Katastrophe in Gaza haben zu einer beispiellosen Welle internationaler Kritik gef&uuml;hrt &ndash; von lateinamerikanischen Hauptst&auml;dten &uuml;ber europ&auml;ische Parlamente bis zu den Vereinten Nationen.<\/p><p>Gleichzeitig ersch&uuml;ttert eine tiefe innenpolitische Spaltung das Land. Die seit Ende 2022 amtierende rechts-nationalreligi&ouml;se Regierung unter Benjamin Netanjahu hat mit der Justizreform von 2023 das Fundament des ethnoselektiven israelischen Rechtsstaats infrage gestellt und die gr&ouml;&szlig;ten Proteste in der Geschichte des Landes ausgel&ouml;st. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen: eine demografische Verschiebung zugunsten der ultraorthodoxen Bev&ouml;lkerung, die Abwanderung hochqualifizierter Fachkr&auml;fte und wachsende Zweifel an der F&auml;higkeit der israelischen Armee, das zentrale Sicherheitsversprechen des Zionismus einzul&ouml;sen.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das zionistische Projekt &ndash; verstanden als politischer, ideologischer und gesellschaftlicher Rahmen eines zionistischen Nationalstaats in der Gewandung eines &bdquo;Judenstaates&ldquo; &ndash; an einem Punkt angelangt ist, an dem es sich nur durch tiefgreifende Reformen erneuern kann, oder ob es einem historischen Niedergang entgegentrudelt.<\/p><p><strong>Innere Zerrei&szlig;proben<\/strong><\/p><p>Die gesellschaftlichen und politischen Bruchlinien Israels verlaufen heute tiefer als in jeder Phase seit der Staatsgr&uuml;ndung 1948. Auf der einen Seite steht ein kleiner werdendes liberal-s&auml;kulares Lager, gepr&auml;gt von st&auml;dtischer Mittelschicht, global ausgerichteten Unternehmern und einer starken Orientierung an westlichen Werten. Auf der anderen Seite formiert sich ein rechts-nationalreligi&ouml;ser Block, in dem nationalistische Siedlerbewegung, strengreligi&ouml;se Parteien und eine wachsende ultraorthodoxe Bev&ouml;lkerung ihre Interessen b&uuml;ndeln. Lesen sie dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134113\">hier<\/a>.<\/p><p>Die Justizreform von 2023 war der Katalysator f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ten Massenproteste, die das Land je erlebt hat. Wochenlang f&uuml;llten Hunderttausende die Stra&szlig;en von Tel Aviv, Jerusalem und Haifa, um gegen die geplante Einschr&auml;nkung der Befugnisse des Obersten Gerichts zu demonstrieren. F&uuml;r viele Liberale stand nicht weniger als die demokratische Grundordnung auf dem Spiel. Die Gegenseite hingegen sah in der Reform einen legitimen Versuch, &bdquo;die Macht des Volkes&ldquo; gegen&uuml;ber einer angeblich elit&auml;ren, linken Richterschaft zu st&auml;rken.<\/p><p>Der demografische Wandel versch&auml;rft diese Fronten. Die ultraorthodoxen Haredim, deren Geburtenrate trotz eines R&uuml;ckgangs auf rund sechs Kinder pro Frau noch immer doppelt so hoch ist wie der Landesdurchschnitt, k&ouml;nnten in wenigen Jahrzehnten ein Drittel der Bev&ouml;lkerung ausmachen. Gleichzeitig verl&auml;sst eine wachsende Zahl gut ausgebildeter Israelis das Land &ndash; allein 2024 mehr als 40.000, viele aus Schl&uuml;sselbranchen wie Hightech und Forschung. Dieser <em>Brain Drain<\/em> trifft vor allem jene s&auml;kularen, steuerstarken Schichten, die traditionell das R&uuml;ckgrat von Wirtschaft, Milit&auml;r und staatlicher Verwaltung bilden.<\/p><p>Die Folge ist ein politischer und sozialer Dualismus: Hier das international vernetzte, wirtschaftlich leistungsstarke &bdquo;Israel der Start-ups&ldquo;, dort ein wachsender Block von Gruppen, die sich st&auml;rker an religi&ouml;sen Gesetzen, nationalistischen Idealen und der Ausweitung j&uuml;discher Siedlungen orientieren. Diese Kluft gef&auml;hrdet den inneren Kitt des Zionismus &ndash; die Idee eines Staates, der alle sich als j&uuml;disch identifizierenden Zionisten unabh&auml;ngig von Herkunft oder Religiosit&auml;t integriert.<\/p><p><strong>Sicherheits- und Milit&auml;rkrise<\/strong><\/p><p>Der 7. Oktober 2023 war ein Einschnitt, der das Selbstverst&auml;ndnis Israels ersch&uuml;tterte. In einer koordinierten Operation durchbrachen bewaffnete Einheiten aus dem Gazastreifen &ndash; allen voran die milit&auml;rischen Brigaden der Hamas &ndash; den Grenzzaun, t&ouml;teten etwa 1.200 Menschen und verschleppten rund 240 Geiseln. F&uuml;r viele Israelis brach damit das zentrale Versprechen des Zionismus &ndash; Sicherheit durch milit&auml;rische &Uuml;berlegenheit &ndash; in sich zusammen.<\/p><p>Die milit&auml;rische Antwort war und ist bis zum heutigen Tag massiv: monatelange Bombardierungen, Bodeneins&auml;tze und eine vollst&auml;ndige Abriegelung des Gazastreifens. Ziel ist vorgeblich die Zerschlagung der Hamas. Doch bis Mitte 2025 ist die Organisation nicht vollst&auml;ndig besiegt, Geiseln werden noch immer festgehalten, und Israels Streitkr&auml;fte sehen sich in einen Abnutzungskrieg verstrickt, der Teile der israelischen Gesellschaft zerm&uuml;rbt.<\/p><p>Parallel wuchs die Gefahr eines Mehrfrontenkriegs. An der Nordgrenze feuerten Hisbollah-Milizen aus dem Libanon Raketen auf israelisches Gebiet, in der Westbank eskalierte die Siedlergewalt, und die israelische Armee musste Kr&auml;fte auf mehrere Brennpunkte verteilen. Milit&auml;ranalysen zeigten: H&auml;tte die Hisbollah im Herbst 2023 ihre volle Schlagkraft entfaltet, w&auml;re Israels Verteidigungsf&auml;higkeit ernsthaft an ihre Grenzen gesto&szlig;en.<\/p><p>Die innere Substanz der Armee leidet ebenfalls. &Uuml;ber 100.000 Reservisten haben seit 2023 den Dienst verweigert &ndash; teils aus Protest gegen die Regierung, teils aus moralischen Gr&uuml;nden angesichts der hohen zivilen Opferzahlen in Gaza. Die IDF, lange eine Institution, die das Land &uuml;ber soziale und politische Gr&auml;ben hinweg verband, ist selbst zum Schauplatz gesellschaftlicher Spannungen geworden.<\/p><p>Hinzu kommt eine neue juristische Dimension: Der Internationale Gerichtshof erkl&auml;rte 2024 die Besatzung der pal&auml;stinensischen Gebiete f&uuml;r v&ouml;lkerrechtswidrig. Kurz darauf erlie&szlig; der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Premierminister Netanjahu und den damaligen Verteidigungsminister Gallant wegen mutma&szlig;licher Kriegsverbrechen. Auch wenn Israel die Zust&auml;ndigkeit ablehnt, ist dies ein beispielloser Bruch mit der bisherigen internationalen Immunit&auml;t seiner Spitzenpolitiker.<\/p><p><strong>Internationale Isolation<\/strong><\/p><p>Die strategische Partnerschaft mit den USA bleibt f&uuml;r Israels Sicherheit zentral, doch die politische Basis dieser Beziehung erodiert. Zwar stellte Washington w&auml;hrend des Gaza-Kriegs umfangreiche Milit&auml;rhilfe bereit und sch&uuml;tzte Israel im UN-Sicherheitsrat vor scharfen Resolutionen. Gleichzeitig w&auml;chst jedoch in Teilen der US-Gesellschaft die Distanz &ndash; besonders unter j&uuml;ngeren j&uuml;dischen Amerikanerinnen und Amerikanern. Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil dieser Generation Israels Vorgehen in Gaza als V&ouml;lkermord bewertet. 2023 bis heute kommt es immer wieder zu Massenprotesten j&uuml;discher Gruppen, die unter dem Motto &bdquo;Not in our name&ldquo; einen sofortigen Waffenstillstand fordern.<\/p><p>In Europa war die Solidarit&auml;t nach dem 7. Oktober zun&auml;chst gro&szlig;, kippte jedoch mit steigenden Opferzahlen. Irland, Spanien, Belgien und Luxemburg traten offen f&uuml;r die Einhaltung des humanit&auml;ren V&ouml;lkerrechts ein. Selbst bei uns in Deutschland wird inzwischen zaghaft &uuml;ber die Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit israelischer Milit&auml;reins&auml;tze diskutiert.<\/p><p>Noch deutlicher ist der Stimmungswandel im Globalen S&uuml;den. Bolivien brach Ende 2023 die diplomatischen Beziehungen ab, Chile und Kolumbien zogen ihre Botschafter ab. Auf einem Sondergipfel verurteilten die BRICS-Staaten &ndash; darunter neue Mitglieder wie Saudi-Arabien und &Auml;gypten &ndash; Israels Vorgehen scharf. Saudi-Arabien legte die geplanten Normalisierungsverhandlungen auf Eis, da die &ouml;ffentliche Meinung im arabischen Raum eine Ann&auml;herung an Israel derzeit nicht toleriert.<\/p><p>In internationalen Foren versch&auml;rft sich der Druck. Die UN-Generalversammlung forderte im Dezember 2024 mit breiter Mehrheit den R&uuml;ckzug aus den besetzten Gebieten. Parallel nehmen Forderungen nach Wirtschaftssanktionen zu, w&auml;hrend wissenschaftliche Kooperationen eingefroren und Kulturveranstaltungen boykottiert werden. Israels au&szlig;enpolitischer Spielraum schrumpft &ndash; eine Entwicklung, die viele Beobachter mit der zunehmenden Isolation des Apartheidregimes in S&uuml;dafrika vergleichen.<\/p><p><strong>&Ouml;konomische Belastungen<\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250813-koch-bruttoinlandsprodukt.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250813-koch-bruttoinlandsprodukt.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Die Folgen des Gaza-Kriegs haben Israels Wirtschaft empfindlich getroffen. Im vierten Quartal 2023 brach das Bruttoinlandsprodukt aufs Jahr hochgerechnet um fast 20 Prozent ein &ndash; der st&auml;rkste R&uuml;ckgang seit Jahrzehnten. Die Ursachen: massive Kriegsausgaben, Einbruch des Konsums, ausbleibende Investitionen und ein dramatischer R&uuml;ckgang des Tourismus. Im Folgequartal gab es jedoch eine leichte Erholung.<\/p><p>Die direkten Kriegskosten bis Mitte 2025 werden auf mehrere Dutzend Milliarden US-Dollar gesch&auml;tzt. Drei Nachtragshaushalte waren n&ouml;tig, um die Verteidigungsausgaben zu decken, w&auml;hrend die Kreditw&uuml;rdigkeit des Landes von internationalen Ratingagenturen herabgestuft wurde. Der Schekel verlor zeitweise deutlich an Wert, was die Zentralbank zu St&uuml;tzungsk&auml;ufen zwang.<\/p><p>Besonders der Hightech-Sektor, lange Wachstumsmotor der &bdquo;Start-up Nation&ldquo;, leidet unter Investitionszur&uuml;ckhaltung und Abwanderung von Fachkr&auml;ften. Viele internationale Investoren warten politische Stabilit&auml;t ab, bevor sie neue Projekte starten. Parallel ist der Tourismus &ndash; vom Pilgergesch&auml;ft bis zu Gesch&auml;ftsreisen &ndash; eingebrochen; die Verluste gehen in die Milliarden.<\/p><p>&Ouml;konomisch gilt Israel nach wie vor als leistungsf&auml;hig, doch die Abh&auml;ngigkeit von ausl&auml;ndischem Kapital und die Konzentration der Steuerlast auf eine relativ kleine, wohlhabende Bev&ouml;lkerungsschicht machen das Land verwundbar. Anhaltende Unsicherheit k&ouml;nnte die wirtschaftliche Basis des zionistischen Projekts weiter aush&ouml;hlen.<\/p><p><strong>Erosion ideologischer Grundlagen<\/strong><\/p><p>Das Selbstverst&auml;ndnis des Zionismus &ndash; ein ethnoselektiver demokratischer Staat als sichere Heimstatt f&uuml;r sich als j&uuml;disch identifizierende Menschen weltweit &ndash; verliert an Bindekraft. Innerhalb Israels hat sich die Gewichtung verschoben: W&auml;hrend die s&auml;kulare Gr&uuml;ndergeneration den Staat pluralistisch verstand, pr&auml;gt heute ein nationalreligi&ouml;ses Denken die Politik. Teile der Regierung sprechen offen von Israel als ausschlie&szlig;lichem &bdquo;Staat des j&uuml;dischen Volkes&ldquo; und verkn&uuml;pfen diese Vorstellung mit einem expansiven Siedlungsprojekt sowie religi&ouml;sen Symbolzielen, etwa dem Bau eines Dritten Tempels.<\/p><p>F&uuml;r viele liberale Israelis bedeutet dies eine Abkehr von universellen Werten. Intellektuelle wie Avraham Burg oder der Philosoph Omri Boehm pl&auml;dieren f&uuml;r einen grundlegenden Neuentwurf, in dem Juden und Pal&auml;stinenser auf Basis gemeinsamer B&uuml;rgerrechte zusammenleben.<\/p><p>Auch die j&uuml;dische Diaspora, lange eine tragende S&auml;ule des zionistischen Projekts, entfernt sich. Besonders in den USA sind j&uuml;ngere Generationen kritisch: Sie verurteilen die Besatzungspolitik und stellen zunehmend den exklusiven Charakter des Staates infrage. Gruppen wie <em>Jewish Voice for Peace<\/em> oder <em>IfNotNow<\/em> fordern offen ein Ende der Besatzung und gleichberechtigte Rechte f&uuml;r Pal&auml;stinenser.<\/p><p>International ist ein tiefgreifender Diskurswandel zu beobachten. Berichte von Human Rights Watch (2021) und Amnesty International (2022) stufen Israels Politik gegen&uuml;ber den Pal&auml;stinensern als Apartheid ein &ndash; eine Wortwahl, die fr&uuml;her als extreme Rhetorik galt, inzwischen aber in den Mainstream der politischen Debatte vorgedrungen ist. Gleichzeitig haben die &bdquo;Neuen Historiker&ldquo; zentrale Gr&uuml;ndungsmythen widerlegt, etwa die Darstellung, die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung habe 1948 freiwillig ihre Heimat verlassen. Selbst prominente Zionisten wie Hillel Halkin erkl&auml;rten j&uuml;ngst, das Projekt sei gescheitert, weil es keine tragf&auml;hige Antwort auf das Verh&auml;ltnis zu den Pal&auml;stinensern gefunden habe.<\/p><p><strong>Ausblick<\/strong><\/p><p>Vor Israel stehen zwei grundlegend unterschiedliche Zukunftsszenarien.<\/p><p><strong>Szenario 1: Erneuerung durch Reformen<\/strong><\/p><p>In dieser Variante findet das Land den Weg zu universellen rechtsstaatlichen demokratischen Prinzipien, integriert den ultraorthodoxen Sektor in die Verantwortungsgemeinschaft und leitet einen ethnointegrativen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Pal&auml;stinensern ein. Dies k&ouml;nnte in eine Zwei-Staaten-Konf&ouml;deration oder einen binationalen Staat mit gleichen Rechten f&uuml;r alle seine Staatsb&uuml;rger m&uuml;nden. Voraussetzung w&auml;re die Anerkennung der historischen Verantwortung, die Beendigung der Besatzung und ein Prozess der Vers&ouml;hnung. Die Wahrscheinlichkeit, dass das geschieht, geht gegen null.<\/p><p><strong>Szenario 2: Verh&auml;rtung und Niedergang<\/strong><\/p><p>Bleibt Israel auf seinem jetzigen Kurs, droht eine fortschreitende internationale Isolation. Wirtschaftlicher Druck, diplomatische Sanktionen und der Verlust der Unterst&uuml;tzung wichtiger Diasporagemeinschaften k&ouml;nnten das Land in eine Lage bringen, die dem sp&auml;ten Apartheid-S&uuml;dafrika &auml;hnelt. Ein solcher &bdquo;S&uuml;dafrika-Moment&ldquo; k&ouml;nnte das Ende des zionistischen Staatsmodells einleiten &ndash; ob durch geordneten &Uuml;bergang oder chaotischen Zusammenbruch.<\/p><p><strong>Pal&auml;stinensische Perspektive<\/strong><\/p><p>F&uuml;r viele Pal&auml;stinenser ist die Zwei-Staaten-L&ouml;sung angesichts der Siedlungspolitik obsolet. Die Vision eines demokratischen Einheitsstaats zwischen Mittelmeer und Jordan, in dem alle B&uuml;rger gleiche Rechte genie&szlig;en, gewinnt an Attraktivit&auml;t. Sie w&uuml;rde das zionistisch rassistische Staatsverst&auml;ndnis grundlegend ver&auml;ndern und k&ouml;nnte so langfristig die einzige tragf&auml;hige Basis f&uuml;r ein Ende des Konflikts sein. Ein extrem schmerzhafter, aber notwendiger Prozess.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Israel ist innerlich tief gespalten, milit&auml;risch unter Druck, international zunehmend isoliert, wirtschaftlich belastet und ideologisch radikalisiert[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Die Zeichen einer historischen Ersch&ouml;pfung des zionistischen Projekts sind un&uuml;bersehbar. Ob die Geschehnisse in einen Neuanfang m&uuml;nden oder in den Niedergang, h&auml;ngt davon ab, ob das Land bereit ist, die bestehenden Strukturen radikal zu &uuml;berdenken &ndash; und das Verh&auml;ltnis zu den Pal&auml;stinensern nicht l&auml;nger als Sicherheitsproblem, sondern als Frage von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit zu behandeln. Nur so kann Israel zu einer konstruktiven Rolle in der internationalen Gemeinschaft zur&uuml;ckkehren, von der es sich so weit entfernt hat.<\/p><p><strong>Verwendete Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><em>Haaretz, +972 Magazine, The Guardian, ejewishphilanthropy.com, Reuters, Times of Israel, Ynet, Al Jazeera, Human Rights Watch, u.a., sowie Daten von UN, ICJ, IStGH, israelischen Beh&ouml;rden (ZBS) und Historikern (I. Papp&eacute;).<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.haaretz.co.il\/magazine\/2025-05-22\/ty-article-magazine\/.highlight\/00000196-f3a3-d6d3-ab9e-f3bbf6070000\">Haaretz.co.il<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/ejewishphilanthropy.com\/american-jews-are-becoming-more-american-thats-not-necessarily-bad-news-for-israel\/#:~:text=American%2520Jews%2520adopting%2520American%2520views,still%2520maintain%2520an\">ejewishphilanthropy.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/israeli-army-refusal-crisis-gaza-war\/#:~:text=In%2520recent%2520weeks%252C%2520the%2520media,recruit%2520soldiers%2520via%2520social%2520media\">972mag.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2023\/jul\/24\/what-is-israel-judicial-overhaul-vote-about-what-happens-next#:~:text=The%2520coalition%25E2%2580%2599s%2520judicial%2520overhaul%2520has,and%2520relations%2520with%2520international%2520allies\">theguardian.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/two-israels-face-off-justice-overhaul-deepens-divide-2023-03-07\/#:~:text=And%2520that%2520was%2520a%2520week,Jewish%2520democratic%2520state%2520can%2520coexist\">reuters.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.cbsnews.com\/news\/thousands-jews-leave-israel-after-october-7-attacks\/#:~:text=Israel%2527s%2520Central%2520Bureau%2520of%2520Statistics,in%25202023%252C%2520the%2520bureau%2520reported\">cbsnews.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/war-spurs-brain-drain-outflow-of-israeli-high-tech-employees-report-finds\/#:~:text=From%2520the%2520beginning%2520of%2520the,Tech%2520Employment%2520report\">timesofisrael.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/news\/2024\/11\/21\/palestine-icc-warrants-revive-hope-long-delayed-justice#:~:text=match%2520at%2520L535%2520On%2520November,military%2520wing%252C%2520the%2520Qassam%2520Brigades\">hrw.org<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/features\/2023\/11\/21\/brics-condemns-israel-war-on-gaza-in-signal-to-the-west#:~:text=In%2520his%2520opening%2520statement%2520at,and%2520must%2520be%2520held%2520accountable%25E2%2580%259D\">aljazeera.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/world\/middle-east\/gaza-war-hits-israeli-economy-with-194-q4-drop-2024-02-19\/#:~:text=Sign%2520up%2520here\">reuters.com<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/newleftreview.org\/sidecar\/posts\/the-collapse-of-zionism#:~:text=The%2520third%2520indicator%2520is%2520Israel%25E2%2580%2599s,the%2520political%2520and%2520economic%2520establishment\">newleftreview.org<\/a><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Andy.LIU \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Auf die Frage &bdquo;Unterst&uuml;tzen Sie die Behauptung, dass die israelischen Streitkr&auml;fte bei der Eroberung einer feindlichen Stadt &auml;hnlich vorgehen sollten wie die Israeliten bei der Eroberung Jerichos unter Josua, d. h. alle Einwohner t&ouml;ten sollten?&ldquo; antworteten 47 Prozent aller Befragten mit &bdquo;Ja&ldquo;. 65 Prozent der Befragten antworteten, dass es eine zeitgen&ouml;ssische Inkarnation Amalek gibt, und 93 Prozent von ihnen meinten, dass das Gebot, die Erinnerung an Amalek auszul&ouml;schen, auch f&uuml;r dieses moderne Amalek relevant sei. <a href=\"https:\/\/archive.md\/yI4Dy#selection-1057.0-1057.315\">Haaretz<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 2025 steht Israel vor einer Z&auml;sur, die weit &uuml;ber eine weitere milit&auml;rische Eskalation hinausgeht. 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