{"id":137428,"date":"2025-08-18T11:00:50","date_gmt":"2025-08-18T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137428"},"modified":"2025-08-19T10:57:52","modified_gmt":"2025-08-19T08:57:52","slug":"die-usa-beherrschen-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137428","title":{"rendered":"\u201eDie USA beherrschen Europa\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der aktuelle Gespr&auml;chsband &bdquo;Krieg oder Frieden &ndash; Deutschland vor der Entscheidung&ldquo; vom Westend Verlag dokumentiert ein Gespr&auml;ch zwischen von <strong>Klaus von Dohnanyi<\/strong>, ehemaliger B&uuml;rgermeister von Hamburg und hoher Politiker in der SPD, und <strong>Erich Vad<\/strong>, Brigadegeneral a.D. und ehemaliger milit&auml;rpolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, &uuml;ber deutsche Geschichte, ihre pers&ouml;nlichen Erfahrungen mit Krieg und Frieden, sowie &uuml;ber die dringend n&ouml;tige Neuausrichtung von Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Wir ver&ouml;ffentlichen hier einen Auszug aus dem Buch.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> (&hellip;) Was mir fehlt, Herr Vad, ist das strategische Verst&auml;ndnis der F&uuml;hrungsschichten und Eliten in Europa, einschlie&szlig;lich Deutschlands, auch Frankreichs, angesichts einer Kriegsgefahr, die wir vor den T&uuml;ren Europas haben. Aus unserem Mangel an strategischer &Uuml;berlegung wissen wir nicht, wie wir auf Dauer Europa am besten platzieren sollten, um in dieser Welt, in der wir milit&auml;risch keine Rolle spielen, wenigstens als Wirtschaftsmacht, wo wir ja sehr stark sind, eine Rolle spielen zu k&ouml;nnen, auch um die Friedenspolitik in der Welt voranzutreiben. Die Gefahr, dass wir einbezogen werden in kriegerische Entwicklungen in Asien, ist nicht von der Hand zu weisen, denn die Russen sind mit den Chinesen mehr oder weniger alliiert. Wenn es jetzt in Taiwan zu einem Konflikt k&auml;me, wer wei&szlig;, wie Russland sich in Europa verhalten w&uuml;rde. Niemand kann das vorhersagen.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Nein, das kann niemand sagen. Man muss auch bei diesen kurzen Milit&auml;rschl&auml;gen gegen den Iran folgendes sehen: Der Iran geh&ouml;rt zu den BRICS-Staaten. Iran ist Teil dieser chinesischen Kooperationsinitiative mit engen Verbindungen auch nach Indien. Das iranisch-indische Verh&auml;ltnis ist sehr eng, auch das indisch-russische. Das indisch-chinesische ist nicht spannungsfrei, aber immerhin hatten wir ja im Juli 2025 diesen Gipfel in Rio de Janeiro. Die BRICS-Staaten formieren sich, der globale S&uuml;den sieht unser westliches Agieren in der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik sehr kritisch.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Putin hat ja die BRICS-Staaten erfolgreich bei sich eingeladen.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Ich sehe da auch eine wichtige, vermittelnde Aufgabe f&uuml;r Deutschland und Europa. Statt nur an &raquo;ReArm&laquo;, also Wiederbewaffnung, zu denken, was Ursula von der Leyen derzeit macht, sollte man auch schauen, dass wir eine Br&uuml;cke sind oder auch sein k&ouml;nnten &ndash; zu den BRICS-Staaten. Das w&auml;re eine sch&ouml;ne, vern&uuml;nftige Rolle und das verst&uuml;nde ich auch unter einer konstruktiven Friedenspolitik, die gleichzeitig auch unserer Wirtschaft hilft. Das w&auml;re auch eine Aufgabe des deutschen Bundeskanzlers, der ja irgendwann auch nach China fliegen will, dass man im Grunde genommen auch diese Verbindungen in den globalen S&uuml;den st&auml;rkt, auch, um aus dieser eindimensionalen, t&ouml;richten Konfrontation mit Russland und auch China rauszukommen, die uns gar nichts bringt.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Aber dann m&uuml;ssten wir unsere Priorit&auml;ten anders setzen. Wir m&uuml;ssen unsere Priorit&auml;ten auf eine wirkliche nachhaltige Zukunft Europas setzen. Und die Zukunft Europas liegt in einer weltweiten Beteiligung Europas als Wirtschaftsmacht und nicht als Milit&auml;rmacht. Wir haben das Thema Atomwaffen noch nicht ber&uuml;hrt. Ich halte ja die Tatsache, dass die Franzosen Atommacht sind, f&uuml;r relativ irrelevant, denn sie werden niemals Atomwaffen einsetzen, auf jeden Fall nicht, um Warschau oder Berlin zu retten und damit Paris zu gef&auml;hrden. Das halte ich f&uuml;r v&ouml;llig ausgeschlossen.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Die Nuklearfrage ist schon spannend. Zwei Atomm&auml;chte, die USA und Israel, haben Iran attakiert. Milit&auml;risch betrachtet ist Israel informell Atommacht. Iran selbst ist von Atomm&auml;chten umgeben: Pakistan, Indien, Russland, die 5. US-Flotte und Israel. Ob Iran nun wirklich welche haben will oder nicht, mag dahingestellt sein. Ich k&ouml;nnte mir vorstellen, dass sie Atomwaffen haben wollen. Warum? Damit nicht wieder das passiert, was ihnen jetzt passiert ist. Denn gegen&uuml;ber nuklear bewaffneten L&auml;ndern wie Nordkorea w&auml;re ein solches Vorgehen nicht m&ouml;glich. Die Ukraine hat im Budapester Memorandum 1994 auf atomare Waffen verzichtet und musste deshalb den Russischen Angriff im Februar 2022 &uuml;ber sich ergehen lassen.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Zu Letzterem bin ich ganz anderer Meinung als Sie.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Ich glaube, wenn die Ukrainer Atomwaffen gehabt h&auml;tten, h&auml;tten die Russen sie nicht angreifen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi: <\/strong>Aber Herr Vad, das ist doch ein M&auml;rchen, das verbreitet wird. Die Atomwaffen, die in der Ukraine stationiert wurden, sind genauso zu bewerten wie die Atomwaffen, die die Amerikaner in Europa und auch in Deutschland stationieren. Die geh&ouml;ren niemandem hier au&szlig;er den Amerikanern. Die Atomwaffen in der Ukraine waren dort stationiert, um m&ouml;glichst weit westlich die Verteidigung der Russischen F&ouml;deration zu st&auml;rken. Das war doch eine reine &ndash; sage ich mal &ndash; Lagerungs-, Abschuss- oder Ortsfrage. Aber das waren doch keine Nuklearwaffen, die die Ukraine auch nur f&uuml;r einen Augenblick h&auml;tte benutzen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Das stimmt, Herr von Dohnanyi. Das war eine Teilhabe, so &auml;hnlich wie wir das in der NATO haben.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Tats&auml;chlich hatten die Ukrainer nichts abgegeben, was sie hatten, denn der Knopf, mit dem diese Raketen &uuml;berhaupt abgeschossen werden, war definitiv in Moskau und nicht in Kiew. Deswegen sehe ich das v&ouml;llig anders. Ich glaube, die Ukraine hat dort nichts abgegeben. Das ist ein M&auml;rchen, das verbreitet wird- auch von Herrn Selenskyj, wenn er behauptet: &raquo;Wir haben unsere Atomwaffen an Russland zur&uuml;ckgegeben.&laquo; Das ist doch dummes Zeug. Die Ukrainer hatten gar keine. Das ist so, als ob wir sagen w&uuml;rden, wir haben die Waffen, die die Amerikaner hier gelagert haben, abgegeben. Die geh&ouml;ren uns nicht &ndash; Gott sei Dank, ich wei&szlig; es nicht &hellip; Auf jeden Fall liegt die Verf&uuml;gungsmacht &uuml;ber diese Raketen ausschlie&szlig;lich bei den USA und nicht bei uns.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Sehr richtig. Ich wollte mit dem Ukrainebeispiel zum Ausdruck bringen, dass die Ukrainer, wenn sie Nuklearwaffen gehabt h&auml;tten und auch die Verf&uuml;gungsgewalt dar&uuml;ber, dass sie dann wahrscheinlich nicht von den Russen angegriffen worden w&auml;ren. Es scheint &ndash; in Anlehnung an Carl Schmitt &ndash; wohl doch so zu sein, dass man erst dann wirklich souver&auml;n ist, wenn man &ndash; neben digitaler Souver&auml;nit&auml;t &ndash; &uuml;ber Nuklearwaffen verf&uuml;gt.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Okay, jetzt ist es klarer.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Was die Mittelstreckenraketen anbelangt, sehe ich das genauso. Wir stationieren im n&auml;chsten Jahr amerikanische Mittelstreckenraketen, mit einer Abwehrkomponente, mit einer Angriffskomponente, mit Hyperschallwaffen, nuklear oder konventionell best&uuml;ckt. Ich halte das auch f&uuml;r eine sehr schlechte L&ouml;sung, weil es nur ein bilaterales Abkommen Deutschlands mit den USA ist, also nicht NATO-weit verhandelt wurde und weil die Vereinbarung nicht verkn&uuml;pft wurde &ndash; wie damals der NATO-Doppelbeschluss unter Helmut Schmidt und Helmut Kohl &ndash; mit Abr&uuml;stungsma&szlig;nahmen, Dialog und vertrauensbildenden Ma&szlig;nahmen. Und dass wir keinen politischen Zugriff auf diese Mittelstreckenraketen haben. Das st&ouml;rt mich. Wenn wir diese Systeme aufstellen, um die Bedrohung vom Oblast Kaliningrad auszugleichen, dann m&uuml;ssen das europ&auml;ische Systeme oder deutsche Systeme sein. Und die deutsche Regierung muss entscheiden, wann, wo und wie sie eingesetzt werden.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Aber, lieber Herr Vad, das ist doch eine v&ouml;llige Fehleinsch&auml;tzung unserer Beziehung zu den USA. Die USA beherrschen Europa und die denken gar nicht daran, auch nur die Herstellung des Knopfes in einer deutschen Firma zuzulassen. Das ist doch v&ouml;llige Illusion. Wir haben doch nichts zu sagen. Wir transportieren am Ende m&ouml;glicherweise mit hier stationierten Tr&auml;gersystemen die Raketen an die Einsatzorte. Darum geht es doch bei der nuklearen Teilhabe. Wobei ich der Meinung bin, dass diese ganze Atombewaffnung &uuml;bersch&auml;tzt wird. Ich wei&szlig; nicht, ob Sie in meinem Buch meinen Bericht an den Bundeskanzler Helmut Schmidt gelesen haben. Ich hatte damals den Auftrag, den deutschen &Uuml;bungsstab zu leiten zusammen mit meinem Freund Klaus Blech, der dann sp&auml;ter deutscher Botschafter in Moskau wurde. Blech war damals Leiter der politischen Abteilung im Ausw&auml;rtigen Amt. Wir waren also zu zweit leitungsm&auml;&szlig;ig mit dieser NATO-&Uuml;bung befasst. Eines guten Tages legten wir uns w&auml;hrend der &Uuml;bung gegen 3 Uhr zu Bett. Als wir um 5 Uhr wieder aufstanden, berichtete man uns, die Amerikaner h&auml;tten gerade als &Uuml;bungsma&szlig;nahme Deutschland nuklear verseucht, um die Russen am Vormarsch zu hindern.<\/p><p><strong>Erich Vad:<\/strong> Ja, das stimmt. Solche Fallex und Wintex-&Uuml;bungen der NATO gab es alle zwei Jahre im Kalten Krieg. Deutschland w&auml;re in solchen Szenarien verw&uuml;stet worden.<\/p><p><strong>Klaus von Dohnanyi:<\/strong> Und das ist auch heute noch so. Ich bin zu Bundeskanzler Helmut Schmidt gegangen und habe ihn gefragt: &raquo;K&ouml;nnen sie sich vorstellen, was da passiert ist? Wir wachen morgens auf und h&ouml;ren pl&ouml;tzlich, dass die Amerikaner taktische Nuklearwaffen abgeworfen h&auml;tten, um einen ganzen Streifen in Deutschland unbegehbar zu machen. Mitten in Deutschland. Die haben uns nicht mal gefragt.&laquo; Da sagte er: &raquo;Ich wei&szlig;, das ist amerikanische Verteidigung.&laquo;<\/p><p><em>Transparenzhinweis: Unsere Redakteurin Maike Gosch hat das Gespr&auml;ch moderiert.<\/em><\/p><p><em>Klaus von Dohnanyi, Erich Vad: Krieg oder Frieden &ndash; Deutschland vor der Entscheidung. Neu-Isenburg 2025, Westend Verlag, gebundene Ausgabe, 144 Seiten, ISBN 978-3-98791-336-5, 20 Euro, erscheint am 18. August 2025. Erh&auml;ltlich im Buchhandel oder <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/geopolitik\/krieg-oder-frieden-deutschland-vor-der-entscheidung.html\">online<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Westend Verlag<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der aktuelle Gespr&auml;chsband &bdquo;Krieg oder Frieden &ndash; Deutschland vor der Entscheidung&ldquo; vom Westend Verlag dokumentiert ein Gespr&auml;ch zwischen von <strong>Klaus von Dohnanyi<\/strong>, ehemaliger B&uuml;rgermeister von Hamburg und hoher Politiker in der SPD, und <strong>Erich Vad<\/strong>, Brigadegeneral a.D. und ehemaliger milit&auml;rpolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, &uuml;ber deutsche Geschichte, ihre pers&ouml;nlichen Erfahrungen mit Krieg und Frieden,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137428\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":137429,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,170],"tags":[1519,1980,3525,379,2008,951,3564,3500,259,260,1556],"class_list":["post-137428","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-friedenspolitik","tag-atomwaffen","tag-brics","tag-buchauszug","tag-china","tag-indien","tag-iran","tag-nukleare-teilhabe","tag-raketenstationierung","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Foto-Dohnanyi-Vad.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=137428"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137647,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137428\/revisions\/137647"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/137429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=137428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=137428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=137428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}