{"id":137503,"date":"2025-08-15T14:16:04","date_gmt":"2025-08-15T12:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137503"},"modified":"2025-08-16T15:32:57","modified_gmt":"2025-08-16T13:32:57","slug":"hoffnung-in-duesteren-zeiten-interview-mit-hans-von-sponeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137503","title":{"rendered":"Hoffnung in d\u00fcsteren Zeiten &#8211; Interview mit Hans von Sponeck"},"content":{"rendered":"<p>Der ehemalige UN-Diplomat und beigeordnete Generalsekret&auml;r Hans-Christof von Sponeck sprach mit den <em>NachDenkSeiten<\/em> &uuml;ber die ersch&uuml;tternden Vorg&auml;nge in Gaza, pers&ouml;nliche Beziehungen zu Pal&auml;stinensern, deutsche Waffenlieferungen und internationale Reaktionen auf den Krieg. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4144\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-137503-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=137503-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250815_Hoffnung_in_duesteren_Zeiten_Interview_mit_Hans_von_Sponeck_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Zur Person: <strong>Hans-Christof von Sponeck<\/strong>, geboren 1939, studierte in Deutschland und den USA Geschichte, Demographie und Kulturanthropologie. Nach einer T&auml;tigkeit f&uuml;r die Deutsche Stiftung f&uuml;r Internationale Zusammenarbeit begann er 1968 eine Diplomatenkarriere bei den Vereinten Nationen. Seine Einsatzl&auml;nder waren unter anderem Ghana, Pakistan, T&uuml;rkei, Botswana und Indien. 1998 trat er als Koordinator f&uuml;r humanit&auml;re Fragen seinen Dienst in der irakischen Hauptstadt Bagdad an. Aus Protest gegen die Sanktionspolitik des UN-Sicherheitsrates reichte von Sponeck im Februar 2000 seinen R&uuml;cktritt ein. Er hatte zuletzt den Rang eines beigeordneten UN-Generalsekret&auml;rs. In den Folgejahren versuchte er mehrfach, die &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber die prek&auml;re humanit&auml;re Lage im Irak aufzukl&auml;ren. Hierzu ver&ouml;ffentlichte er mehrere B&uuml;cher. Seit 2006 ist von Sponeck Lehrbeauftragter am Zentrum f&uuml;r Konfliktforschung der Universit&auml;t Marburg. Hans-Christof von Sponeck wurde mit mehreren Friedenspreisen ausgezeichnet.<\/em><\/p><p><strong>Wenn Sie nach Gaza blicken und die ersch&uuml;tternden Bilder sehen, die schutzlosen Menschen dort, wie geht es Ihnen als langj&auml;hriger und sehr aktiver UN-Diplomat? Welche Gedanken und Gef&uuml;hle bewegen Sie?<\/strong><\/p><p>Die Bilder aus Gaza sind Bilder des Grauens, die t&auml;glich wie am Flie&szlig;band im deutschen Fernsehen der &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentiert werden. Gaza ist integraler Teil der deutschen Nachrichten geworden. Es geht um die Zukunft der Gro&szlig;en Koalition, es geht um steigende Lebenshaltungskosten, irgendwo zwischen den Nachrichten wird Gaza erw&auml;hnt, ohne weitere Erl&auml;uterungen. Weiter geht es mit Fu&szlig;ball und zum Schluss der Wetterbericht.<\/p><p>Es gelingt mir nicht, mein Entsetzen in Worte zu fassen. Es gelingt mir nicht, zu verstehen, wie es m&ouml;glich sein kann, dass die Regierung Israels, eines Volkes, das selbst so gelitten hat, zum gr&ouml;&szlig;ten Schl&auml;chter des Augenblicks geworden ist. Es gelingt mir nicht, zu begreifen, warum die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen es nicht als ihre moralische Verpflichtung ansehen, diesem gr&ouml;&szlig;ten V&ouml;lkerrechtsbruch des bisherigen 21. Jahrhunderts mit den Mitteln, die sie haben, ein Ende zu setzen.<\/p><p><strong>Haben Sie pers&ouml;nliche Erinnerungen an die Pal&auml;stinenser in Gaza und\/oder in Jerusalem, im besetzten Westjordanland?<\/strong><\/p><p>Israel war keine zehn Jahre alt, als ich 1957 als siebzehnj&auml;hriger Sch&uuml;ler mit einem Reisestudienstipendium allein dorthin reiste und in <em>Ein Gev<\/em> und <em>Ein Gedi,<\/em> zwei Kibbutzim, mitgeholfen habe. Von Pal&auml;stina habe ich damals nichts gewusst.<\/p><p>Die Jahre in den Vereinten Nationen haben mir erm&ouml;glicht, mich mit dem pal&auml;stinisch-israelischen Konflikt zu befassen und die schwelende Ungerechtigkeit f&uuml;r Pal&auml;stinenser zu verstehen. 2009 bekam ich durch UNRWA, die UN-Hilfsorganisation f&uuml;r die Pal&auml;stinenser, die Gelegenheit, das Leben einer jungen Pal&auml;stinenserin, Sanaa Shabayeck, kennenzulernen. Sie lebte in Gaza Stadt und war 15 Jahre alt. Sie musste sich um ihre vier Geschwister k&uuml;mmern. Ihr Vater war im Gef&auml;ngnis, wegen Drogen. Sanaa hatte in ihrem jungen Leben viel durchgemacht und gegen&uuml;ber ihren Klassenkameraden entwickelte sie ein aggressives Verhalten. Ihr gro&szlig;es Talent war, zu malen, und die Lehrer wollten sie dabei unterst&uuml;tzen. Sie erlaubten ihr, die W&auml;nde des Klassenzimmers zu bemalen, und nach und nach half ihr das, eine innere Ruhe zu finden. Sie wurde eine junge K&uuml;nstlerin mit einem traurigen Gesicht.<\/p><p>Im Sommer des Jahres war ich zu einem Vortrag in der Schweiz eingeladen und erz&auml;hlte von der jungen K&uuml;nstlerin in Gaza. Die spontane Reaktion der Sch&uuml;ler war, dass sie helfen wollten. In den darauffolgenden Wochen haben sie Autos gewaschen und haben 1.000 Schweizer Franken damit gesammelt. Die Sch&uuml;ler waren stolz. Von dem Geld wurden Malutensilien und ein Tablet-PC gekauft und f&uuml;r Sanaa ging ein Traum in Erf&uuml;llung. Ohne die Lehrer und so menschlichen Mitarbeiter von UNRWA w&auml;re das nicht m&ouml;glich gewesen.<\/p><p>Ja, angesichts der katastrophalen Situation in Gaza habe ich mich erinnert und &ndash; nach sechzehn Jahren &ndash; versucht, Sanaa zu finden. Vielleicht k&ouml;nnte ich helfen, ihr Mut machen? Die UNRWA reagierte, wie ich bef&uuml;rchtet hatte. Bei der gegenw&auml;rtigen Lage, der gro&szlig;en Unsicherheit und dem andauernden V&ouml;lkermord sei es unm&ouml;glich, Sanaa zu finden. Ich will dennoch weiter versuchen, etwas &uuml;ber Sanaa und auch &uuml;ber ihre Lehrerin Soha Shaat in Erfahrung zu bringen. Ob sie noch leben oder ob sie Opfer von M&ouml;rdern geworden sind &ndash; wer wei&szlig;.<\/p><p><strong>Die internationale &Ouml;ffentlichkeit reagiert gegen&uuml;ber dem Krieg in Gaza sehr unterschiedlich. Die westlichen Regierungen um die USA, die eng mit Israel verb&uuml;ndet sind, betonen das Recht auf Selbstverteidigung. Sie unterst&uuml;tzen Israel politisch, finanziell und milit&auml;risch. Die L&auml;nder des &bdquo;globalen S&uuml;dens&ldquo; gruppieren sich um S&uuml;dafrika, das vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine Klage gegen Israel wegen des Verdachts auf V&ouml;lkermord an den Pal&auml;stinensern eingereicht hat. Die Jugend der Welt an den Universit&auml;ten und au&szlig;erhalb organisieren sich in vielen Gruppen und fordern die Rechte der Pal&auml;stinenser ein und &bdquo;Freiheit f&uuml;r Pal&auml;stina&ldquo;. Wo stehen die Vereinten Nationen in dieser Welt angesichts des Grauens, das dort geschieht?<\/strong><\/p><p>Die Vereinten Nationen &ndash; und alle Mitgliedsstaaten &ndash; sind an das Internationale Recht gebunden und das erlaubt in Artikel 51 der UNO-Charta jedem Land das Recht der Verteidigung. Am 7. Oktober 2023 wurde Israel angegriffen und hatte das Recht, sich zu verteidigen. Aber Israel hatte nicht das Recht, milit&auml;risch so vorzugehen, dass bestehendes Kriegsrecht auf die brutalste Weise verletzt und die Genfer Konventionen zum Schutz der Bev&ouml;lkerung ausnahmslos ignoriert werden. Wenn also die US-Administration oder andere NATO-Staaten Israel unterst&uuml;tzen, folgt diese Entscheidung deren (politischem) Willen, Macht auszu&uuml;ben, sie folgt nicht dem Recht.<\/p><p>Nach 23 Monaten des Blutbads, das Israel der pal&auml;stinensischen Bev&ouml;lkerung antut, sind der Welt drei Tatsachen klargeworden: Der israelischen Regierung ist die Zerschlagung der Hamas wichtiger als das Leben der einfachen pal&auml;stinensischen B&uuml;rger; den Freunden Israels ist die Unterst&uuml;tzung mit Waffen wichtiger als die Einhaltung internationalen Rechts; multinationale Organisationen, insbesondere die Vereinten Nationen, haben sich als unf&auml;hig erwiesen, einen wirkungsvollen Beitrag f&uuml;r die Beendigung dieses asymmetrischen Konflikts zu liefern.<\/p><p><strong>Und wie sieht es mit Deutschland, mit der Bundesregierung aus?<\/strong><\/p><p>Trotz aller Versuche des gegenw&auml;rtigen Bundeskanzlers zu betonen, die Bundesregierung stehe an der Seite des internationalen Rechts, ist bei genauem Hinsehen und bei allem, was wir wissen, das Gegenteil der Fall. Deutschland hat weiter Waffen an Israel geliefert, warum? Ist die Behauptung, die Bundesregierung mache sich mitschuldig, falsch?<\/p><p><strong>Nun sagt der Kanzler, Deutschland setze die Lieferung der Waffen an Israel aus, die in Gaza eingesetzt werden k&ouml;nnten. Aber es ist ja davon auszugehen, dass deutsche Waffen und Waffensysteme auch bei den israelischen Angriffen im Westjordanland, gegen Libanon, Syrien, Jemen und nicht zuletzt Iran zum Einsatz kommen.<\/strong><\/p><p>Obwohl schon Ende des Jahres 2023 immer mehr Regierungen die Politik des V&ouml;lkermords der Regierung Netanyahu deutlich verurteilten, teilte die Regierung Scholz dem Internationalen Gerichtshof mit, Deutschland werde Israel als Drittpartei in dem Gerichtsverfahren <em>S&uuml;dafrika gegen Israel wegen V&ouml;lkermord <\/em>beistehen. Der damalige Regierungssprecher Hebestreit meinte, der Vorwurf des V&ouml;lkermords &bdquo;entbehrt jeder Grundlage.&ldquo; Heute sprechen selbst israelische Organisationen wie <em>B&rsquo;Tselem<\/em> und die <em>Physicians for Human Rights<\/em> davon, dass im Gazastreifen &bdquo;koordinierte Angriffe stattfinden, mit dem Ziel, eine ganze Gruppe zu zerst&ouml;ren&ldquo;, und dass dort &sbquo;&bdquo;ein Genozid passiert&ldquo;.<\/p><p>Die Bundesregierung schweigt dazu, warum? Warum hat sie geschwiegen, als Ende Juli das mit Babymilch und anderen humanit&auml;ren G&uuml;tern beladene Schiff &sbquo;<em>Handala&lsquo;<\/em> der internationalen Friedensorganisation <em>Gaza Flottille<\/em> von der israelischen Marine in internationalem Gew&auml;sser aufgebracht wurde? Die Au&szlig;enminister von 28 Nationen, die meisten aus der EU, haben eine Resolution unterzeichnet, die das sofortige Ende des Krieges im Gazastreifen fordert. Warum geh&ouml;rt Deutschland nicht zu den Unterzeichnern? Die peinliche Erkl&auml;rung von Regierungssprecher Kornelius lautete: &bdquo;Kanzler Merz und Au&szlig;enminister Wadephul haben die gleichen Forderungen an Israel in ihren Statements erhoben&ldquo;, das gen&uuml;ge. Hinzu kommt die irrelevante Aussage von Au&szlig;enminister Wadephul: &bdquo;Niemand kann von uns verlangen, dass wir Israel im Stich lassen, das von Iran, von Huthis, Hisbollah und Hamas bedroht ist.&ldquo; Die deutsche Au&szlig;enpolitik ist schwach und besch&auml;mend geworden.<\/p><p>Kanzler Merz hat am Rande des G7-Gipfels in Alberta am 17. Juni gesagt: &bdquo;Israel macht im Iran f&uuml;r uns die Drecksarbeit.&ldquo; Das ist schamlos. Wie ist es m&ouml;glich, dass ein Sprecher des Ausw&auml;rtigen Amts in einer Stellungnahme zu dem israelischen Mord von sechs Journalisten am 12. August in Gaza sagt: &bdquo;Wenn es dazu kommt, wie es jetzt passiert ist, dann liegt es an der Partei, die eine solche T&ouml;tung unternimmt, klar darzulegen, warum dies notwendig war.&ldquo;? Hat unsere politische F&uuml;hrung ihren menschenrechtlichen Kompass vollkommen verloren?! Hat sie Ethik und Moral vergessen, die Teil des menschlichen Wesens ist und bleiben muss?<\/p><p><strong>Sind die Vereinten Nationen nicht auch Teil des Problems? Immerhin haben sie 1947 das, was nach diversen Teilungen &uuml;brig geblieben war von Pal&auml;stina, aufgeteilt in zwei Staaten. Diese Teilung haben die Pal&auml;stinenser und die arabischen L&auml;nder schon auf der Pariser Friedenskonferenz (1920) und gegen&uuml;ber dem britischen Mandat abgelehnt.<\/strong><\/p><p>Das ist eine sehr weitgehende Frage, ich m&ouml;chte auf die aktuelle Situation der UNO und ihr Handeln eingehen. Generalsekret&auml;r Guterres und die Sonderorganisationen der UNO &ndash; UNICEF, das Weltern&auml;hrungsprogramm, die WHO und UNRWA, das Hilfswerk der UNO f&uuml;r Pal&auml;stinensische Fl&uuml;chtlinge im Nahen Osten &ndash; sie tun alles, was sie k&ouml;nnen, um humanit&auml;re Hilfe f&uuml;r die Menschen in Gaza zu leisten. Sie dr&auml;ngen den Sicherheitsrat, Entscheidungen f&uuml;r Pal&auml;stina zu treffen, die seinem Charta-Mandat entsprechen. Die Mitarbeiter vor Ort arbeiten Tag f&uuml;r Tag mit Mut und Hingabe. Sie sind Zeugen der absichtlichen Vernichtung der Bewohner Gazas durch das israelische Milit&auml;r. Mehr als 200 UNO-Mitarbeiter haben in Gaza durch israelische Angriffe ihr Leben verloren. Guterres wurde von Israels Regierung zur unerw&uuml;nschten Person erkl&auml;rt, <em>persona non grata<\/em>, weil er am 25. Oktober 2023 im Sicherheitsrat erkl&auml;rt hatte: &bdquo;Es ist wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattfinden!&ldquo; Das war eine absolut korrekte und mutige Aussage des Generalsekret&auml;rs, die von vielen Regierungen unterst&uuml;tzt worden ist, im Sicherheitsrat aber nicht weiter diskutiert wurde. Guterres wies ja damit auf die Vorgeschichte hin &ndash; die Abriegelung des Gazastreifens seit 2007, die Besiedlung des Westjordanlandes und so vieles mehr.<\/p><p><strong>Konkret gibt es &ndash; neben Sanktionen gem&auml;&szlig; Kapitel VII der UN-Charta &ndash; auch die Forderung nach einer &bdquo;Multinationalen Schutztruppe der Vereinten Nationen&ldquo;, die Gaza &ndash; gegen die Angriffe Israels &ndash; sch&uuml;tzen und die humanit&auml;re Hilfe und den Wiederaufbau absichern m&uuml;sse. Das <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=136731\">fordern Aktivisten<\/a> und sie beziehen sich dabei auf die UNGA-Resolution 477 A(V) aus dem Jahr 1956, als sich der Sicherheitsrat angesichts der Suez-Krise nicht einigen konnte. W&auml;re das eine reale M&ouml;glichkeit, die Pal&auml;stinenser zu sch&uuml;tzen?<\/strong><\/p><p>Der Sicherheitsrat m&uuml;&szlig;te dar&uuml;ber entscheiden, aber er bleibt weiterhin das Opfer der politischen Struktur der Vereinten Nationen. Die erlaubt es, durch das Veto eines st&auml;ndigen Mitglieds &ndash; das sind China, Frankreich, Gro&szlig;britannien, Russische F&ouml;deration und die Vereinigten Staaten von Amerika &ndash; notwendige friedensbildende Ma&szlig;nahmen zu verhindern. Dies wird zum Beispiel erneut der Fall sein, wenn der gerade gemachte Vorschlag Frankreichs, Blauhelme nach Gaza zu entsenden, im Sicherheitsrat diskutiert wird. Die USA werden diesem Vorschlag nicht zustimmen. Der saudi-franz&ouml;sischen Initiative f&uuml;r eine Zwei-Staaten-L&ouml;sung wird es &auml;hnlich ergehen. Die USA wird weiterhin, oft als einziges Land, mit ihrem Veto dem Krieg und nicht dem Frieden dienen. Sie halten so gut wie immer ihre sch&uuml;tzende Hand &uuml;ber Israel.<\/p><p><strong>&Uuml;ber die Debatten und Aussagen im UN-Sicherheitsrat wird ja selten ausf&uuml;hrlich in deutschen Medien informiert. Bitte nennen Sie doch ein Beispiel, wie die USA sich dort in Sachen Gaza verh&auml;lt.<\/strong><\/p><p>Die USA verbreiten Falschaussagen, wie wir es beispielsweise von der US-amerikanischen UN-Botschafterin Shea am 10. August 2025 im Sicherheitsrat h&ouml;rten. Sie wollte dort glaubhaft machen, dass &bdquo;Israel zahlreiche Ma&szlig;nahmen&ldquo; getroffen habe, &bdquo;um Schaden f&uuml;r die Zivilbev&ouml;lkerung zu begrenzen und humanit&auml;re Hilfe zu gew&auml;hren&ldquo;. Alle Augenzeugenberichte sprechen dagegen. Der israelische UNO-Botschafter Danny Danon erkl&auml;rte im Sicherheitsrat, dass es in Gaza keine Hungersnot g&auml;be, es sei Propaganda der Hamas. Aber das ist nichts anderes als eine grobe L&uuml;ge einer unverantwortlichen Regierung. Die entsetzlichen Bilder des Grauens, der Verzweiflung, des Hungers und der unbegrenzten Brutalit&auml;t in Gaza bleiben die einzigen aufrichtigen Zeugen dieses unfassbaren, unleugbaren und gr&ouml;&szlig;ten Verbrechens im 21. Jahrhundert, das Israel gegen die Pal&auml;stinenser ver&uuml;bt. Israel ist keine Demokratie, es ist eher eine Ethnokratie, die sich nur ihrer eigenen Bev&ouml;lkerungsgruppe gegen&uuml;ber verpflichtet f&uuml;hlt.<\/p><p><strong>Die UN-Vollversammlung hat mit gro&szlig;er Mehrheit Israels Besatzung f&uuml;r illegal erkl&auml;rt und die israelische Regierung aufgefordert, sich aus allen besetzten Gebieten zur&uuml;ckzuziehen. Die Vollversammlung fordert auch einen sofortigen Waffenstillstand in Gaza. Nun kann die Vollversammlung nicht entscheiden und der Sicherheitsrat ist durch das Veto blockiert. Was tun?<\/strong><\/p><p>Der sogenannte <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122242\"><em>UN Pact for the Future<\/em><\/a>, der mit gro&szlig;er Mehrheit im September 2024 von der Generalversammlung verabschiedet worden war, soll zu einer umfassenden Reform aller UN-Abteilungen f&uuml;hren, mit besonderer Dringlichkeit soll der Sicherheitsrat reformiert werden.<\/p><p>Danach soll das Veto-Recht neu ausgelegt werden und es soll eine &bdquo;geographische Anpassung&ldquo; vorgenommen werden. Afrika und Lateinamerika haben gegenw&auml;rtig keinen permanenten Sitz und Asien, mit &uuml;ber 50 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung, ist mit nur einem Sitz (China) unterrepr&auml;sentiert. Die angestrebten Reformen sollen es in Zukunft unm&ouml;glich machen, dass ein einzelner Staat, wie im Fall Gaza die USA, zum Mitt&auml;ter von V&ouml;lkerrechtsbruch und Menschenrechtsverbrechen wird und obendrein unbestraft bleibt.<\/p><p><strong>Sie haben k&uuml;rzlich zusammen mit Richard Falk &ndash; dem langj&auml;hrigen UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r die Menschenrechte in den besetzten pal&auml;stinensischen Gebieten &ndash; ein Buch &uuml;ber die Vereinten Nationen ver&ouml;ffentlicht: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122242\"><em>Realism with Hope &ndash; Liberating the United Nations<\/em><\/a>.<\/strong><\/p><p><strong>Was muss sich &auml;ndern, damit die UN ihrem Auftrag, wie er in der UN-Charta aufgeschrieben ist, gerecht werden kann?<\/strong><\/p><p>Die Vereinten Nationen sind nie zu der Demokratie geworden, wie sie in der UNO-Charta dargestellt ist. Achtzig Jahre UNO haben eine UNO geschaffen, die auf den Westen ausgerichtet ist, die von westlichen Interessen dominiert wird. Kriege und Krisen konnten nur selten mit friedlichen Ma&szlig;nahmen gel&ouml;st werden, zu oft hat die UNO politisch versagt. Der lange Reformkatalog des UN-Zukunftspaktes wird nur dann zu einer relevanten und effektiven Organisation f&uuml;hren, wenn Gro&szlig;m&auml;chte bereit sind, sich kompromissbereit zugunsten eines globalen Wohlergehens zu zeigen, sich f&uuml;r Menschenrechte und f&uuml;r sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt f&uuml;r alle Menschen einzusetzen. Anders gesagt, die Gro&szlig;m&auml;chte m&uuml;ssen ihre Dominanz und ihre nationalen Interessen zugunsten der Weltgemeinschaft zur&uuml;ckstellen.<\/p><p><strong>Darauf deutet aktuell wenig hin. Haben Sie Hoffnung, dass die UN befreit werden kann? Dass Gaza frei und von den Pal&auml;stinensern selbstbestimmt wiederaufgebaut werden kann?<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich erscheint in der gegenw&auml;rtigen geopolitischen Gro&szlig;wetterlage ein solcher Umbruch eher unwahrscheinlich, alles andere zu meinen, w&auml;re naiv. Dennoch gibt es M&ouml;glichkeiten, eine friedlichere Welt zu erschaffen, denn derzeit stehen alle 193 UNO-Mitgliedstaaten vor der gleichen Gefahrenlage: Klimawandel, Nuklearbedrohung, Pandemien, K&uuml;nstliche Intelligenz und immer gr&ouml;&szlig;er werdende Migration aufgrund von Armut, Umweltzerst&ouml;rung oder Verfolgung. Diese Gefahren haben das Potential, die politisch und wirtschaftlich f&uuml;hrenden M&auml;chte zur Zusammenarbeit geradezu zu zwingen. Zugunsten aller k&ouml;nnen und m&uuml;ssen sie ihre M&ouml;glichkeiten &ndash; Rechte und Pflichten &ndash; verbinden.<\/p><p>Ich sehe positive Reaktionen bei den gro&szlig;en internationalen staatlichen Institutionen und Organisationen (die Bewegung der Blockfreien Staaten, die Gruppe der 77, die Organisation f&uuml;r islamische Zusammenarbeit, die EU). Weltweit arbeitende, einflussreiche und nichtstaatliche Organisationen (Amnesty International, Oxfam), die Zivilgesellschaft, besonders aber die Jugend machen deutlich, dass sie die Erneuerung der Vereinten Nationen ernst nehmen und sie einfordern.<\/p><p>Das w&uuml;rde auch f&uuml;r eine Zwei-Staaten-L&ouml;sung f&uuml;r Pal&auml;stina und Israel gelten und zu einem Wiederaufbau Pal&auml;stinas f&uuml;hren, der Jahrzehnte andauern w&uuml;rde. Es w&uuml;rde zu einem Ende des Krieges in der Ukraine f&uuml;hren, eine bessere Zukunft im Mittleren Osten und den Aufbau einer regulierten Weltwirtschaftsordnung erm&ouml;glichen. Die <a href=\"https:\/\/unric.org\/de\/17ziele\/\">17 nachhaltigen Entwicklungsziele<\/a>, die die Vereinten Nationen f&uuml;r 2030 anstreben, die Verpflichtung, das Internationale Recht einzuhalten und Menschlichkeit f&uuml;r alle. In diesem Sinne behalte ich Hoffnung in d&uuml;steren Zeiten.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: kckate16\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige UN-Diplomat und beigeordnete Generalsekret&auml;r Hans-Christof von Sponeck sprach mit den <em>NachDenkSeiten<\/em> &uuml;ber die ersch&uuml;tternden Vorg&auml;nge in Gaza, pers&ouml;nliche Beziehungen zu Pal&auml;stinensern, deutsche Waffenlieferungen und internationale Reaktionen auf den Krieg. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":92024,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,126,209,171],"tags":[302,1917,2465,2222,1557,783,639,1556,1703,3504,2377],"class_list":["post-137503","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-gaza","tag-genozid","tag-guterres-antonio","tag-humanitaere-hilfe","tag-israel","tag-merz-friedrich","tag-uno","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-von-sponeck-hans","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Shutterstock_2071983536-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=137503"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137573,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137503\/revisions\/137573"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/92024"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=137503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=137503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=137503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}