{"id":13757,"date":"2012-07-04T08:59:05","date_gmt":"2012-07-04T06:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13757"},"modified":"2015-03-06T15:50:15","modified_gmt":"2015-03-06T14:50:15","slug":"merkels-zukunftsdialog-ein-lehrstuck-fur-die-post-basisdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13757","title":{"rendered":"Merkels \u201eZukunftsdialog\u201c \u2013 Ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr die \u201ePost-Basisdemokratie\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Um dem weitverbreiteten, durch massive Proteste und dem Aufkommen der Piratenpartei zum Ausdruck gekommenen Verlangen nach mehr B&uuml;rgerbeteiligung nachzugeben, lie&szlig; die Kanzlerin einen &bdquo;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&ldquo; inszenieren. Noch bevor irgendwelche Ergebnisse des &bdquo;Expertendialogs&ldquo;, des &bdquo;B&uuml;rgerdialogs und des &bdquo;Online-Dialogs&ldquo; vorliegen, ist nun ein von Angela Merkel herausgegebenes Buch erschienen, das beweisen soll, dass die Kanzlerin mit &bdquo;B&uuml;rgern ins Gespr&auml;ch gekommen&ldquo; ist. Die ganze Inszenierung ist ein Lehrst&uuml;ck f&uuml;r eine &bdquo;Post-Basisdemokratie&ldquo;. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer britische Soziologe Colin Crouch hat den Begriff &bdquo;Postdemokratie&ldquo; in die &ouml;ffentliche Debatte eingef&uuml;hrt. Spitzt man seine Analyse &uuml;ber den Zustand der Demokratien zu, meint er mit diesem Begriff, dass zwar formal die demokratischen Formen weiterbestehen, dass sie aber f&uuml;r die tats&auml;chlichen politischen Entscheidungsprozesse irrelevant seien. Dass Wahlk&auml;mpfe mit den Inhalten der sp&auml;teren Regierungspolitik kaum etwas zu tun h&auml;tten und dass der Souver&auml;n, also das Volk, nichts zu sagen habe, weil die Finanz- und Kommunikationseliten die Politik und die &ouml;ffentliche Meinung bestimmten.<\/p><p>Dass diese wissenschaftliche These einer weitverbreiteten Stimmungslage in der Bev&ouml;lkerung entspricht (&bdquo;die da oben, machen doch sowieso was sie wollen&ldquo;), scheint nun auch von der Kanzlerin und ihren Kommunikationsberatern bemerkt worden zu sein. Dem durch massive Proteste zum Ausdruck gekommenen Verlangen nach mehr B&uuml;rgerbeteiligung und gleichzeitig dem Zeitgeist der Internetgeneration nachgebend, haben &ndash; angeregt und begleitet durch den <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-BDE54411-12EB522F\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_111504.htm\">&bdquo;Zukunftsdialog&ldquo; der Bertelsmann Stiftung<\/a> &ndash; die Berater der Kanzlerin f&uuml;r Angela Merkel einen &bdquo;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&ldquo; inszeniert.<\/p><p>Dar&uuml;ber ist jetzt auch noch ein von <a href=\"http:\/\/www.murmann-verlag.de\/buch\/dialog-%C3%BCber-deutschlands-zukunft\">Angela Merkel herausgegebenes Buch erschienen<\/a>, das beweisen soll, dass die Kanzlerin mit &bdquo;B&uuml;rgern ins Gespr&auml;ch gekommen (ist), um die Politik dialogischer zu machen.&ldquo; <\/p><p><strong>Monarchische Volksn&auml;he<\/strong><\/p><p>Wie ein Monarch, der, um seine Volksn&auml;he zu demonstrieren, einmal im Jahr Vertretern des Volkes  die H&auml;nde sch&uuml;ttelt, zus&auml;tzlich einige honorige Repr&auml;sentanten seines Reichs aufs Schloss einl&auml;dt und dazu noch einen Kummerkasten ans Schlosstor anbringen l&auml;sst, nimmt sich die Kanzlerin &bdquo;die Zeit&ldquo; (S. 9) im &bdquo;Kaisersaal&ldquo; (sic!) zu Erfurt  ein &bdquo;B&uuml;rgergespr&auml;ch&ldquo; zu f&uuml;hren. Sie f&uuml;hrt dar&uuml;ber hinaus mit 129 &bdquo;Experten&ldquo; in der &bdquo;Kleinen Lage&ldquo; im Kanzleramt, am &bdquo;runden Tisch aus rotem Buchenholz&ldquo; und einer &bdquo;vier Zentimeter&ldquo; dicken Tischplatte (S. 19) einen Zukunftsdialog. Und sie setzt schlie&szlig;lich &ndash; dem Internetzeitalter angemessen &ndash; im Bundespresseamt eine Online-Redaktion ein, auf <a href=\"http:\/\/www.dialog-ueber-deutschland.de\">deren Website<\/a> &bdquo;schon in der ersten Stunde&hellip;hundert Vorschl&auml;ge rein&ldquo; kamen. <\/p><p>Und dann sucht sich der Monarch noch ein paar Hofschreiber, die zu seinem Ruhme die Veranstaltungen in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/bundestagswahl-2013-angela-merkel-eroeffnet-den-wahlkampf-a-842103.html\">folgende &bdquo;gef&uuml;hlige Tonlage&ldquo; bringen<\/a>: Sie lebe hoch unsere Kanzlerin, die nicht nur &bdquo;um Mehrheiten im Bundestag, im Bundesrat, auf europ&auml;ischer und internationaler Ebene&ldquo; werben muss, um die &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; zu bew&auml;ltigen, um die Energiewende umzusetzen, sich um Fragen der Integration und des demografischen Wandels und um neue Bedrohungen k&uuml;mmern muss,  sondern die sich dar&uuml;ber hinaus sogar auch noch die Zeit nimmt (genau 103 Minuten (S. 228)), sich um alle Sorgen und N&ouml;te ihrer B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu k&uuml;mmern: &bdquo;Jenseits des politischen Alltagsgesch&auml;fts (wolle sie sich) auf die Gedanken im Experten-, im B&uuml;rger- und im Online-Dialog&ldquo; einlassen.<\/p><p><strong>Vorgezogener Wahlkampf<\/strong><\/p><p>Der einzige Unterschied zur Hofhaltung zu K&ouml;nigs Zeiten ist die Tatsache, dass Merkel ihren Thron nicht dem Gottesgnadentum verdankt, sondern dass sie sich demokratischen Wahlen durch das Volk stellen muss. Und ausschlie&szlig;lich diesem Zweck, n&auml;mlich die eigene Popularit&auml;t im kommenden Wahlkampf zu steigern, dienen die Zukunfts-Dialoge und schon gar das jetzt auf den Markt geworfene Buch. Es ist nicht mehr als eine (dazu noch uninteressante)  Wahlkampfbrosch&uuml;re. (Die Kanzlerin wird allerdings vermutlich vorsichtig genug sein, dieses Buch nicht wie Christian Wulff durch einen kapitalkr&auml;ftigen Freund sponsern zu lassen.) <\/p><p>Der Charakter einer Werbeschrift l&auml;sst sich allein schon an der f&uuml;r ein Buch &auml;u&szlig;erst  merkw&uuml;rdigen Tatsache festmachen, dass die Ergebnisse dieses &bdquo;Dialogs&ldquo;, &uuml;ber den das Buch doch berichten soll, noch gar nicht vorliegen. Dessen Manuskript wurde Anfang Mai fertig gestellt, die Vorschl&auml;ge der Experten liegen aber noch gar nicht vor und sollen erst Ende August der Kanzlerin &uuml;bergeben werden.<br>\nDie Vorschl&auml;ge der drei (!) B&uuml;rgerspr&auml;che in Erfurt, Heidelberg und Bielefeld sind weder ausgewertet noch bekannt.<br>\nDie Ideen, die &uuml;ber den Online-Dialog gesammelt wurden, werden derzeit noch vom Bundespresseamt und im Kanzleramt ausgewertet. Au&szlig;erdem sind ja noch eine Jugendkonferenz und eine internationale Veranstaltung geplant. Eine Buchver&ouml;ffentlichung war nach dem <a href=\"https:\/\/www.dialog-ueber-deutschland.de\/DE\/00-Homepage\/homepage_node.html\">offiziellen Ablaufplan auch erst viel sp&auml;ter geplant<\/a>. <\/p><p><strong>Stimmungsaufhellung vor dem Sommerloch<\/strong><\/p><p>Dass eine solche Huldigung der Kanzlerin gerade jetzt erscheint, muss also ganz anderen Motiven entspringen, als sie der &bdquo;Dialog&ldquo; vorspiegelt. Die Planer im Kanzleramt konnten vorausahnen, welche Schrammen das Image der Kanzlerin im Verlauf der Eurokrise und im Prozess der Verabschiedung des Fiskalpakts abbekommen w&uuml;rde und da macht es sich eben ganz gut, das &bdquo;Sommerloch&ldquo; mit einer Werbekampagne f&uuml;r Angela Merkel zu f&uuml;llen.<\/p><p>Dass es sich bei dem &bdquo;Dialog&ldquo;-Projekt insgesamt um nicht mehr als eine plumpe Stimmungsmache und vor allem um eine Vorwahlkampagne f&uuml;r Angela Merkel handelt, l&auml;sst sich unzweifelhaft daraus ableiten, dass es dabei nicht im geringsten um einen Dialog &uuml;ber  die aktuellen dramatischen und f&uuml;r die Zukunft Deutschlands und ganz Europas entscheidenden Fragen der v&ouml;lkerrechtlichen Bindung an eine ideologisch bestimmte Finanz- und Wirtschaftspolitik ging. Es wurde also nicht &uuml;ber die Barrikaden diskutiert, die gerade f&uuml;r eine &bdquo;marktkonforme Demokratie&ldquo; errichtet werden, sondern es durfte nur dar&uuml;ber nachgedacht werden, wie es sich sp&auml;ter hinter diesen Barrikaden leben l&auml;sst:<\/p><p><strong>Per aspera ad astra<\/strong><\/p><p>&bdquo;Wie wollen wir zusammenleben?&ldquo;, &bdquo;Wovon wollen wir leben?&ldquo; und &bdquo;Wie wollen wir lernen?&ldquo;, diese Fragen waren f&uuml;r den Zukunftsdialog zugelassen. Es geh&ouml;rt zu den simpelsten wahlstrategischen Tricks von Regierungsparteien, die keine Erfolge ihres vorausgegangenen Regierungshandelns aufweisen k&ouml;nnen und die mit ihrer Politik gescheitert sind, dass sie von der dunklen Vergangenheit und der d&uuml;steren Gegenwart abzulenken versuchen, indem sie die Scheinwerfer auf die (ferne) Zukunft richten und dabei noch den Eindruck erwecken wollen, als w&uuml;rden sie k&uuml;nftig wieder mehr auf die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger h&ouml;ren. <\/p><p>Nachdem die Kanzlerin also mit ihrem &bdquo;Durchregieren&ldquo; &uuml;ber Deutschland, ja &uuml;ber ganz Europa ihren Wahlerfolg im kommenden Jahr gef&auml;hrdet sieht &ndash; die permanenten Wahlniederlagen der letzten Jahre f&uuml;r ihre Partei zeigen ihre Wirkung -,  spielt sie jetzt die Zuh&ouml;rerin und die K&uuml;mmerin. Sie will damit auf der &bdquo;menschlichen&ldquo; Ebene um Vertrauen werben.<br>\nDazu muss man wissen, dass es zum kleinen Einmaleins eines jedes Wahlk&auml;mpfers geh&ouml;rt, dass Wahlen &ndash; sofern keine wirkliche Alternative und keine Wechselstimmung da ist &ndash; vor allem von der Person gewonnen werden, der die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler ihr Vertrauen f&uuml;r die Zukunft (und eben nicht f&uuml;r die zur&uuml;ckliegende Politik) schenken. Per aspera ad astra, &uuml;ber das Raue gelangt man zu den Sternen, hofften schon die Lateiner.   <\/p><p><strong>Auch in Zukunft nur die alte Litanei<\/strong><\/p><p>Zu den von ihr selbst gestellt Zukunftsfragen nimmt die Kanzlerin allerdings nur knapp und allgemein in ihrem Vorwort als Herausgeberin der Werbebrosch&uuml;re in Buchdeckeln Stellung. Dazu haben ihre Redenschreiber zusammengeklaubt, was sie Merkel schon f&uuml;r  viele Weihnachtsansprachen  und Sonntagsreden aufgeschrieben hatten. <\/p><p>Als Botschaft f&uuml;r ein besseres Zusammenleben erfahren wir nur, &bdquo;wie wichtig es ist, m&ouml;gliche Spaltungen &uuml;ber winden zu k&ouml;nnen und unseren inneren Zusammenhalt zu st&auml;rken&ldquo; (S. 11) Es wird &ndash; wie &uuml;blich &ndash;  das Ehrenamt gew&uuml;rdigt und dass jeder seinen Beitrag leisten k&ouml;nne. Auf die durch die Politik verursachte reale Spaltung der Gesellschaft, n&auml;mlich der zunehmenden Ungleichheit und die immer tiefere Kluft zwischen arm und reich, geht Merkel mit keinem Wort ein. &Uuml;ber mehr Gleichheit als Faktor f&uuml;r ein friedliches Zusammenleben und sogar f&uuml;r &ouml;konomischen Fortschritt verschwendet sie keinen Gedanken. <\/p><p>Auf die Frage, &bdquo;wovon wollen wir leben?&ldquo; wiederholt sie gebetsm&uuml;hlenartig die Stehs&auml;tze, die sie zuletzt noch in ihrer Regierungserkl&auml;rung zum hundertsten Male heruntergebetet hat: Kein &bdquo;Wohlstand auf Pump, zu Lasten k&uuml;nftiger Generationen und auf Kosten der Umwelt&ldquo;. Und dann darf nat&uuml;rlich die Bedrohung durch den Wettbewerb mit den aufstrebenden Staaten nicht fehlen. Ein Popanz den gestern Jens Berger in seinem Beitrag entzaubert und  dessen politische Funktion aufgezeigt hat, n&auml;mlich als das Einschw&ouml;ren auf einen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13741\">weiteren Abbau des Sozialstaats<\/a>. <\/p><p>Und bei der Frage &bdquo;wie wollen wir lernen?&ldquo; lenkt Merkel in <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11374\">bertelsmannscher Manier<\/a> von den gravierenden Problemen in den Bildungssystemen ab und verweist, statt auf die Probleme in Kitas, Schule und Hochschule auf die &bdquo;Lernorte&ldquo; in der &bdquo;Familie&ldquo;, in &bdquo;Nachbarschaftsinitiativen&ldquo; und in der &bdquo;ganzen Gesellschaft&ldquo;, ja sogar das Internet sei zu einem &bdquo;weltweiten Lernort&ldquo; geworden. Und dann singt sie wie schon am letzten Freitag in ihrer Regierungserkl&auml;rung wieder einmal das Klagelied  von den 7 Milliarden Menschen auf der Erde, gegen die sich Europa mit gerade sieben Prozent der Weltbev&ouml;lkerung und Deutschland mit einem Prozent Anteil behaupten m&uuml;ssten. <\/p><p>So eng ist also Merkels Weltbild, dass sie meint, ihren Denkfehler, dass es Deutschland schlechter gehen k&ouml;nnte, wenn es anderen besser geht, st&auml;ndig wiederholen muss. Ihr mit dem Schlagwort &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; verbr&auml;mter Standort-Nationalismus, verr&auml;t nur, dass jedenfalls unsere Kanzlerin auch in Zukunft nichts mehr dazu lernen will und kann. <\/p><p><strong>Vier Stunden f&uuml;r die Zukunft<\/strong><\/p><p>Der Rest dieses Buches besteht darin, dass der ehemalige Spiegel-Redakteur Christoph Schlegel sich als Hofberichterstatter profiliert. Er durfte den Expertendialogen lauschen und hofiert &uuml;ber endlose Seiten hinweg die Kanzlerin. Nur ein Beispiel: &bdquo;Es g&auml;be sicher eine Menge Dinge, die die Kanzlerin zu tun h&auml;tte. Sie aber will in Meseberg mit den Experten &uuml;ber Zukunft sprechen. &Uuml;ber das Morgen. &Uuml;ber die n&auml;chsten f&uuml;nf bis zehn Jahre. &Uuml;ber die langfristigen Linien und die Zukunft des Landes. Vier Stunden.&ldquo; (S. 22)<br>\nNa, das ist aber eine bewundernsw&uuml;rdige Leistung: ganze vier Stunden diskutiert die Kanzlerin mit Experten &uuml;ber die Zukunft des Landes. <\/p><p>Damit das Buch &uuml;berhaupt  Merkel zugeschrieben kann, muss Schlegel nat&uuml;rlich immer mal wieder aus seiner Sicht schlaue Bemerkungen der Kanzlerin in seinen Erlebnisbericht &uuml;ber den Expertendialog einstreuen. In seiner devoten Haltung gegen&uuml;ber der Kanzlerin bemerkt er nicht einmal mehr auf welchem Stammtischniveau sich Merkel einbringt: &bdquo;Bildungsinstrumente sind eben auch Handelsware mit einer klar ge&auml;u&szlig;erten Nachfrage auf dem Weltmarkt.&ldquo; Oder: &bdquo;Vielleicht brauchen wir k&uuml;nftig wieder ein St&uuml;ck mehr Leistungsbereitschaft der Chinesen.&ldquo;  Auf diesem Niveau geht es endlos weiter. <\/p><p>Nur wer sich wirklich einmal davon &uuml;berzeugen m&ouml;chte, auf welchem intellektuellen Niveau sich angebliche Experten &uuml;ber die Zukunft unseres Landes &auml;u&szlig;ern, sollte sich diese fast zweihundert Seiten &uuml;ber den Experten-Dialog antun. Wenn es wirklich so war, wie in dem Buch geschildert wird, dann kann einem eigentlich nur angst und bange dar&uuml;ber werden, welche Ratschl&auml;ge uns unsere angeblichen Eliten f&uuml;r die Zukunft geben. Wer von diesen Experten etwas auf sich hielte, m&uuml;sste sich eigentlich zur Wahrung seiner Reputation gegen die dort widergegebene Darstellung seiner Gedanken in diesem Buch zur Wehr setzen.<\/p><p><strong>Elektronischer Kummerkasten<\/strong><\/p><p>Beim auf 1.500 Zeichen begrenzten &bdquo;Online-Dialog&ldquo; musste nat&uuml;rlich vorher gepr&uuml;ft werden, ob die Beitr&auml;ge verfassungskonform, dass sie weder rassistisch noch sexistisch sind, bevor sie hochgeladen wurden, denn manche h&auml;tten in der Website eine  M&ouml;glichkeit gesehen &bdquo;endlich mal Dampf abzulassen&ldquo;. Majest&auml;tsbeleidigung geht nat&uuml;rlich nicht. <\/p><p>Insgesamt 11.618 Vorschl&auml;ge und Ideen seien eingegangen und rund 1,7 Millionen Besuche h&auml;tte das Internetportal verzeichnet  k&ouml;nnen. (Zum Vergleich: Die NachDenkSeiten haben t&auml;glich bis &uuml;ber 70.000 Besucher und bis &uuml;ber 10 Millionen Seitenaufrufe im Monat.) <\/p><p>&Uuml;ber diesen elektronischen Kummerkasten, so berichtet das Buch, wurden dann so zentrale Themen, wie die Legalisierung von Cannabis, ein Denkmal f&uuml;r die Tr&uuml;mmerfrauen, die Direktwahl des Bundespr&auml;sidenten, eine &bdquo;Abschaffung aller Quotenregelungen&ldquo; die &bdquo;Erm&ouml;glichung des Kinderwunsches&ldquo; &bdquo;intensiv diskutiert&ldquo; (S. 233). Und im Disput auf diesem Forum h&auml;tten Themen wie &bdquo;Zoophilie und Tierschutz&ldquo; an Schwung gewonnen, so dass man &bdquo;den Eindruck hat, ein Verbot von Sodomie sei eines der wichtigsten Themen im Land&ldquo; (S. 234). Die Autoren bemerken offenbar gar nicht, dass sie Realsatire schreiben. Nat&uuml;rlich darf ein Lob f&uuml;r die Bertelsmann Stiftung nicht fehlen. Die Stiftung habe zusammen mit dem Deutschen Volkshochschul-Verband 50 &bdquo;Zukunftstage&ldquo; veranstaltet hat und dort gewonnene Anregungen auf der regierungsamtlichen Online-Plattform eingestellt. <\/p><p>Zehn Vorschl&auml;ge, die sp&auml;ter einmal mit der Kanzlerin besprochen werden sollen,  werden von Fachleuten aus dem Expertendialog zusammen mit dem Planungsstab des Kanzleramtes herausgefiltert. Weitere 10 Vorschl&auml;ge wurden durch ein &bdquo;Voting&ldquo; der Besucher der Online-Plattform ermittelt, darunter sind die &bdquo;Cannabis-Bef&uuml;rworter&ldquo;, die &bdquo;Bef&uuml;rworter einer F&ouml;rderung freiberuflicher Hebammen&ldquo; oder Anh&auml;nger einer &bdquo;doppelten Staatsb&uuml;rgerschaft&ldquo; und die Vertreter einer &bdquo;wie sie es nennen, offenen Diskussion &uuml;ber den Islam&ldquo;. So lautet in dem Buch die politisch korrekte Formulierung zum letztgenannten Vorschlag und man kann sich ausmalen, was sich dahinter f&uuml;r Sarrazinaten verbergen. <\/p><p>Dennoch ziehen die Autoren des Buches ein positives Fazit &uuml;ber diesen &bdquo;Online-Dialog&ldquo;.<br>\nDas Internet sei ein &bdquo;Raum f&uuml;r Austausch und Partizipation&ldquo;, aber eben kein &bdquo;vollst&auml;ndiger Ersatz f&uuml;r herk&ouml;mmliche demokratische Willensbildung: &bdquo;die Leute, die sich am besten organisieren und Zeit haben, schaffen es nach vorne, in die erste Reihe&ldquo;  (S. 235)<\/p><p>Im normalen politischen Leben ist es allerdings nur wenig anders, da schaffen es n&auml;mlich diejenigen, die sich am besten organisieren und dazu noch das n&ouml;tige Geld haben, bis zur Kanzlerin durchzudringen. <\/p><p><strong>Ein Beispiel f&uuml;r die &bdquo;Post-Basisdemokratie&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der &bdquo;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&ldquo;,  den die Kanzlerin hat inszenieren lassen, und vor allem das jetzt dar&uuml;ber erschienene Buch  sind Belege daf&uuml;r, wie der in zahllosen Protesten und Demonstrationen zum Ausdruck kommende Anspruch auf mehr B&uuml;rgerbeteiligung und auf eine Politik, die den Willen einer Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ernst nimmt, in basisdemokratische Rituale gelenkt wird, die &ndash; ganz nach dem Vorbild von Gei&szlig;lers Schlichtung bei Stuttgart 21 &ndash; den Dampf aus dem Kessel gegen die herrschende Politik verpuffen lassen sollen. Ganz nach dem Muster der &bdquo;Postdemokratie&ldquo; wird mit diesem B&uuml;rgerdialog in Wahrheit ein Beispiel f&uuml;r eine &bdquo;Post-Basisdemokratie&ldquo; geliefert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um dem weitverbreiteten, durch massive Proteste und dem Aufkommen der Piratenpartei zum Ausdruck gekommenen Verlangen nach mehr B&uuml;rgerbeteiligung nachzugeben, lie&szlig; die Kanzlerin einen &bdquo;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&ldquo; inszenieren. Noch bevor irgendwelche Ergebnisse des &bdquo;Expertendialogs&ldquo;, des &bdquo;B&uuml;rgerdialogs und des &bdquo;Online-Dialogs&ldquo; vorliegen, ist nun ein von Angela Merkel herausgegebenes Buch erschienen, das beweisen soll, dass die Kanzlerin<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13757\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[203,85,11],"tags":[1152,315,1347],"class_list":["post-13757","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-postdemokratie","category-pr","category-strategien-der-meinungsmache","tag-basisdemokratie","tag-merkel-angela","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13757"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13757\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13759,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13757\/revisions\/13759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}