{"id":13760,"date":"2012-07-04T12:58:36","date_gmt":"2012-07-04T10:58:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13760"},"modified":"2015-03-06T15:52:28","modified_gmt":"2015-03-06T14:52:28","slug":"island-ein-fanal-der-hoffnung-in-zeiten-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13760","title":{"rendered":"Island \u2013 ein Fanal der Hoffnung in Zeiten der Krise"},"content":{"rendered":"<p>Wir befinden uns im Jahre 2012. In ganz Europa erleiden viel zu gro&szlig;e Banken viel zu gro&szlig;e Verluste und werden vom Staat auf Kosten des Steuerzahlers vor sich selbst gerettet. In ganz Europa zwingen die Finanzm&auml;rkte diese nun finanziell angeschlagenen Staaten dazu, Ausgaben zu k&uuml;rzen, ihr Tafelsilber zu verscherbeln und die letzten Reste des Sozialstaats abzuschleifen. In ganz Europa? Nein! Der kleine Inselstaat Island h&ouml;rt nicht auf, dem Wahnsinn Widerstand zu leisten und reagiert auf die Finanzkrise mit exakt der entgegengesetzten Medizin wie der Rest Europas. Und Island hat damit sogar Erfolg. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie j&uuml;ngere Geschichte Islands gleicht bis zur Finanzkrise einem gro&szlig;en Feldversuch in Sachen Finanzmarktliberalisierung. Abgesehen von winzigen Steueroasen gab es wohl keinen anderen Staat auf der Welt, der seinem Finanzsystem eine derartige Narrenfreiheit einr&auml;umte. Island war vor der Krise kein Land mit Banken, sondern ein gigantischer Hedge-Fonds mit einem kleinen angeschlossenen Land. Diese Politik brachte der 300.000-Seelen-Insel Spitzenpl&auml;tze in den wirtschaftsliberalen Rankings der World Heritage Foundation und des IMD ein. Der eingeschlagene Kurs hatte durchaus auch seine Vorteile f&uuml;r die Inselbewohner. Die L&ouml;hne stiegen von Jahr zu Jahr und lagen vor der Krise rund ein Drittel &uuml;ber denen der EU-Staaten. Gemessen am BIP pro Kopf brachte es Island binnen weniger Jahre zur viertreichsten Nation der Welt. So lange nur genug Geld auf die Insel str&ouml;mte und die isl&auml;ndische Krone permanent aufwertete, konnten die Bewohner in niedrigverzinsten Fremdw&auml;hrungen wie dem Schweizer Franken oder dem japanischen Yen Kredite mit einem negativen Realzins aufnehmen. Und das taten sie reichlich, womit auch die Realwirtschaft boomte.<\/p><p>Doch das isl&auml;ndische Wunder war ein Wunder auf Pump, ein gigantisches Kartenhaus, das beim ersten Sturm einst&uuml;rzen musste. Alleine die drei gr&ouml;&szlig;ten Banken des Landes, die allesamt in der neoliberalen &Auml;ra privatisiert wurden, h&auml;uften eine Bilanzsumme an, die dem Neunfachen des Bruttoinlandprodukts entsprach. Die Nettoauslandsverschuldung wuchs im letzten Jahrzehnt vor der Krise f&uuml;nfmal so stark wie das BIP und betrug vor der Krise 312% der Wirtschaftsleistung &ndash; 80% der Schulden entfielen damals auf die drei gro&szlig;en isl&auml;ndischen Banken. <\/p><p><strong>Zusammenbruch und unkonventionelle L&ouml;sungen<\/strong><\/p><p>Es kam, wie es kommen musste. Im Kielwasser des Lehman-Zusammenbruchs und der Subprime-Krise kehrte das Risiko zur&uuml;ck auf die Finanzm&auml;rkte und pl&ouml;tzlich bekamen Islands Banken von anderen Banken keine Kredite mehr. Wie die Hypo Real Estate hatten die isl&auml;ndischen Banken langfristige Gesch&auml;fte mit kurzfristigen &ndash; und vor der Krise sehr g&uuml;nstigen &ndash; Geldmarktkrediten refinanziert. Dieses Modell kollabierte im Oktober 2008. Als sei dies noch nicht schlimm genug, zogen die &bdquo;Investoren&ldquo; ihr Geld im Eiltempo von der angeschlagenen Insel ab und der daraus resultierende Kursverfall der isl&auml;ndischen Krone gab der Insel den Todessto&szlig;. Die eigentlich ausweglose Situation setzte bei den Isl&auml;ndern jedoch Kreativit&auml;t frei. Die Regeln der freien Finanzm&auml;rkte hatten die Insel in die Katastrophe gef&uuml;hrt, also suchte man seine Rettung in einem Ausweg, der das exakte Gegenteil von &bdquo;Marktkonformit&auml;t&ldquo; darstellte.<\/p><p>Andere Staaten gaben ihren Banken Milliardensummen und lie&szlig;en sie weiter zocken. Island unterstellte seine Banken der Finanzmarktaufsicht, wickelte sie kontrolliert ab und sorgte durch Kapitalverkehrskontrollen daf&uuml;r, dass eine Kapitalflucht vermieden werden konnte. Nur das inl&auml;ndische Kerngesch&auml;ft wurde aus den alten Banken herausfiletiert und in neue Banken transferiert, die ganz einfach das K&uuml;rzel &bdquo;N&yacute;r&ldquo; (Neu) bekamen. So wurden beispielsweise aus der komplett &uuml;berschuldeten &bdquo;Landsbanki&ldquo;  zwei Banken &ndash; die staatliche &bdquo;N&yacute;r Landsbanki&ldquo; mit den isl&auml;ndischen Aktiva und Passiva, und die alte private &bdquo;Landsbanki&ldquo; mit dem internationalen Gesch&auml;ft und ihrer hoffnungslosen &Uuml;berschuldung. Das Eigenkapital der neuen Banken musste jedoch vom isl&auml;ndischen Staat gestellt werden. Island gr&uuml;ndete also keine Bad Banks, sondern Good Banks und lie&szlig; den Rest ganz einfach in die geordnete Abwicklung gehen. Die leitenden Bankmanager der gro&szlig;en Pleitebanken bekamen keine millionenschweren Abfindungen, sondern einen Haftbefehl zugestellt. Gegen rund 200 Personen aus der Finanzbranche wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, &uuml;ber 80 davon wurden bereits rechtskr&auml;ftig verurteilt.<\/p><p><strong>Die isl&auml;ndische Revolution<\/strong><\/p><p>Selbstredend kamen die isl&auml;ndischen Politiker der liberal-konservativen Regierung, die das Land in das Schlamassel gebracht hatten, nicht von sich aus auf solch unkonventionelle Ideen. Vom Ausbruch der Krise an demonstrierten die Isl&auml;nder vor dem Parlamentsgeb&auml;ude gegen die herrschenden Parteien und gegen das neoliberale System. Im Januar 2009 stand das Land am Rande einer Revolution und die alte Regierung dankte auf den Druck der Stra&szlig;e hin ab und &uuml;bergab die Regierungsgesch&auml;fte einer neuen Linksregierung, die sp&auml;ter in vorgezogenen Neuwahlen best&auml;tigt wurde. Dieser Linksregierung ist es auch zu danken, dass das Land sich auch in realwirtschaftlichen Fragen einen sehr unkonventionellen Weg aus der Krise bahnen konnte.<\/p><p>Neben den Kosten f&uuml;r die Kapitalisierung der neuen staatlichen Banken kam auch die auf die Finanzkrise folgende realwirtschaftliche Krise den Staat recht teuer zu stehen. Die Staatsschuldenquote Islands stieg w&auml;hrend der Krise von 27% auf heute 130%. Doch anstatt den Staatshaushalt durch Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen zu &bdquo;sanieren&ldquo;, setzte Island auf Konjunkturma&szlig;nahmen und spannte keinen Schutzschirm f&uuml;r seine Banken, sondern einen Schutzschirm f&uuml;r seine Bev&ouml;lkerung. So verabschiedete die neue Linksregierung beispielsweise ein Gesetz, das auch r&uuml;ckwirkend die Vergabe von Fremdw&auml;hrungskrediten f&uuml;r gesetzeswidrig erkl&auml;rte. Durch die Abwertung der isl&auml;ndischen Krone um rund 50% w&auml;re die Bev&ouml;lkerung ansonsten hoffnungslos &uuml;berschuldet gewesen, da jeder ausstehende Kredit sich de facto in seinem Wert verdoppelt h&auml;tte. Zus&auml;tzlich kappte man durch ein Gesetz s&auml;mtliche ausstehenden Hypothekendarlehen des Privatsektors auf 110% des Werts der besicherten Immobilie. Dadurch wurden massenhafte Privatinsolvenzen und die damit verbundenen Zwangsversteigerungen, die den kollabierenden Immobilienmarkt abermals unter Druck gesetzt h&auml;tten, vermieden. F&uuml;r Menschen, die aufgrund der &ouml;konomischen Rahmenbedingungen nun Probleme haben, ihre alten Kredite zu bedienen, hat Island ein Hilfspaket geschn&uuml;rt, das bis zu 80% der f&auml;lligen Raten &uuml;bernimmt. Da die Banken dem Staat geh&ouml;ren, entspricht dieses Hilfspaket einem Teilschuldenerlass f&uuml;r Menschen, die &bdquo;schuldlos&ldquo; in finanzielle Not gerieten. Die Banken konnten sich gegen derlei menschenfreundliche und bankenfeindliche Gesetze nicht wehren, waren sie doch allesamt mittlerweile umstrukturiert und zu 100% unter staatlicher Verwaltung. Insgesamt sorgten diese Gesetze daf&uuml;r, dass mehr als ein Viertel der isl&auml;ndischen Bev&ouml;lkerung von einem Teilschuldenerlass <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/news\/2012-02-20\/icelandic-anger-brings-record-debt-relief-in-best-crisis-recovery-story.html\">profitieren konnte<\/a>, der insgesamt rund 13% des nationalen BIP entspricht.<\/p><p>Auch sozialpolitisch ging Island seinen <a href=\"http:\/\/www.socialprotection.eu\/files_db\/1157\/asisp_ANR2011_Iceland.pdf\">eigenen Weg [PDF &ndash; 755 KB]<\/a>. Man k&uuml;rzte die hohen Pensionen und Renten der Oberschicht und erh&ouml;hte parallel die Mindestrenten f&uuml;r die &auml;rmere Bev&ouml;lkerung. Anstatt die Budgets im Sozialsektor zu k&uuml;rzen, erh&ouml;hte man sie und konnte so der sich abzeichnenden Rekordarbeitslosigkeit gezielte F&ouml;rderungsma&szlig;nahmen und Sozialprogramme entgegensetzen. Der Erfolg dieser Ma&szlig;nahmen war gewaltig &ndash; der H&ouml;hepunkt der Arbeitslosenquote betrug im Jahr 2009 rund 10% und bereits seit dem ersten Quartal 2010 ist die Quote wieder r&uuml;ckl&auml;ufig und betr&auml;gt momentan rund 7,4% &ndash; weniger als der EU-Durchschnitt. Der Unterschied zu den neoliberalen Musterstaaten Estland und Lettland, die auf die Krise mit scharfen Austerit&auml;tsprogrammen reagiert haben, k&ouml;nnte kaum gr&ouml;&szlig;er sein &ndash; Estland k&auml;mpft mit einer Arbeitslosenquote von 16,1%, Lettland mit 18,3%. W&auml;hrend Islands Wirtschaft im Katastrophenjahr 2009 noch um 6,7% schrumpfte, wuchs das nationale BIP im letzten Jahr bereits wieder um 2,9% und wird auch in diesem Jahr laut OECD-Prognose um 2,4% wachsen. Auch die Inflation ist mit rund 3% wieder unter Kontrolle, nachdem die Verbraucherpreise in der Krise durch die Abwertung der Krone um rund 15% stiegen.  Selbstverst&auml;ndlich war dieser Schutzschirm f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung f&uuml;r den Staat nicht eben billig. 2010 hatte der isl&auml;ndische Staatshaushalt ein Defizit von 12%, 2011 sank dieses Defizit jedoch aufgrund der anziehenden Konjunktur bereits auf 6%, und f&uuml;r dieses Jahr gehen die Experten der OECD sogar bereits von einem ausgeglichenen Haushalt aus. Bis 2016 will Island seine Staatsschuldenquote bereits wieder auf 80% gesenkt haben. So kann es gehen, wenn man sich keinen selbstm&ouml;rderischen Austerit&auml;tsprogrammen unterwirft.<\/p><p><strong>Wer zahlt die Zeche?<\/strong><\/p><p>Dank der unkonventionellen Krisenpolitik der Isl&auml;nder schaffte es das Land, den weltweit historisch gr&ouml;&szlig;ten Bankenzusammenbruch (gemessen am BIP des betreffenden Landes) ohne allzu gro&szlig;e Sch&auml;den f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung zu &uuml;berstehen. Aber wer, wenn nicht das isl&auml;ndische Volk, zahlt denn nun die Zeche? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: Zum einen mussten s&auml;mtliche Banken und Hedgefonds ihre Forderungen gegen das isl&auml;ndische Bankensystem komplett abschreiben. Dies ist beileibe kein Grund f&uuml;r den Finanzsektor, in Katzenjammer zu verfallen. Zum Kredit geh&ouml;rt nun einmal das Risiko und wer einer offensichtlich &uuml;berschuldeten Bank Geld leiht, muss nun einmal damit rechnen, dass er dieses Geld nicht zur&uuml;ckbekommt. Etwas komplexer ist die Situation bei den internationalen Kunden, die ihr Erspartes isl&auml;ndischen Banken anvertraut haben. <\/p><p>Relativ glimpflich konnten sich dabei die deutschen Kunden der Kaupthing Bank aus der Aff&auml;re stehlen. Da bei der Liquidation der Bank die Kundeneinlagen vorrangig behandelt wurden, bekamen sie den Gro&szlig;teil ihrer Einlagen (nicht aber die versprochenen Zinsen) zur&uuml;ck. Nicht ganz so glimpflich gestaltete sich der Zusammenbruch f&uuml;r die ausl&auml;ndischen Kunden der Landsbanki. &Uuml;ber die Tochter &bdquo;Icesave&ldquo; konnte die Landsbanki vor allem in Gro&szlig;britannien und den Niederlanden viele Privatkunden gewinnen, die den Isl&auml;ndern ihre Ersparnisse zu einem Zinssatz von mehr als 6% anvertrauten. Eigentlich sollte auch hier die Regel gelten, dass ein Privatkunde sich vollkommen dar&uuml;ber im Klaren sein muss, dass ein h&ouml;herer Zins immer auch mit einem h&ouml;heren Risiko einhergeht und riskante Investments auch immer eine Ausfallwahrscheinlichkeit mit sich bringen. Dies sahen die Regierungen in Gro&szlig;britannien und den Niederlanden jedoch anders und gingen f&uuml;r die isl&auml;ndischen Pleitebanken in Vorleistung, als sie den einheimischen Kunden der &bdquo;Icesave&ldquo; eine volle Kompensation f&uuml;r ihre Einlagen auszahlten. Gro&szlig;britannien und die Niederlande[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] wollten sich dieses Geld von Island wiederholen und den Isl&auml;ndern einen bilateralen Kredit in H&ouml;he von f&uuml;nf Milliarden Euro (dies entspricht rund 50% des isl&auml;ndischen BIP) aufzwingen, mit dem Island die Icesave-Kunden in Gro&szlig;britannien und den Niederlanden indirekt voll entsch&auml;digen sollte, indem man den beiden Regierungen, die bereits in Vorleistung gegangen waren, das Geld zur&uuml;ck&uuml;berweist. Ohne den Widerstandswillen der Isl&auml;nder w&auml;re dieses Man&ouml;ver wohl auch gegl&uuml;ckt.<\/p><p>Unter dem massiven Druck, den Gro&szlig;britannien und die Niederlande &uuml;ber den IWF auf Island aus&uuml;bten, sagte die alte liberal-konservative Regierung den beiden EU-Staaten eine bilaterale Entsch&auml;digung der Icesave-Kunden zu den von Gro&szlig;britannien und den Niederlanden verlangten Konditionen zu. Die neu gew&auml;hlte Linksregierung hielt sich jedoch nicht an die Zusagen ihrer Vorg&auml;ngerregierung und verabschiedete ein &bdquo;Icesave-Gesetz&ldquo;, bei dem die Konditionen wesentlich zugunsten Islands nachgebessert wurden. Dieses Papier akzeptierten jedoch Gro&szlig;britannien und die Niederlande nicht und erh&ouml;hten ihrerseits den Druck auf Island &ndash; mit Erfolg, im Dezember 2009 verabschiedete das isl&auml;ndische Parlament eine Neufassung der Gesetzes, bei der man die britischen und niederl&auml;ndischen Forderungen umsetzte. Diesmal spielte jedoch der linke Pr&auml;sident &Oacute;lafur Ragnar Gr&iacute;msson nicht mit. Er verweigerte die Unterzeichnung des &bdquo;Icesave-Gesetzes&ldquo; und lie&szlig; das isl&auml;ndische Volk in einem Referendum &uuml;ber das Gesetz abstimmen. Am 6. M&auml;rz 2010 stimmten nur zwei Prozent der Isl&auml;nder f&uuml;r das Gesetz und 93% dagegen. Auch der daraufhin erarbeitete dritte Entwurf des &bdquo;Icesave-Gesetzes&ldquo;, der deutlich bessere Konditionen f&uuml;r Island enthielt, wurde vom Pr&auml;sidenten nicht unterzeichnet und dem Volk abermals zur Abstimmung vorgelegt. Und auch am 11. April 2011 lehnte das isl&auml;ndische Volk im zweiten Referendum (39,7% daf&uuml;r, 58,9% dagegen) das Gesetz ab. Dank der bereits wieder anziehenden Konjunktur musste Island nun jedoch nicht mehr die Druckmittel aus Gro&szlig;britannien und den Niederlanden f&uuml;rchten. Island hat die Pl&auml;ne f&uuml;r ein &bdquo;Icesave-Gesetz&ldquo; ad acta gelegt und Gro&szlig;britannien und die Niederlande wollen ihre f&uuml;nf Milliarden Euro nun auf dem Rechtsweg einklagen.<\/p><p><strong>Ist das isl&auml;ndische Modell auf andere Staaten &uuml;bertragbar?<\/strong><\/p><p>Island konnte seinen unkonventionellen Weg nur aus speziellen Gr&uuml;nden gehen:<\/p><ol>\n<li>Das Land ist weder Mitglied der Eurozone noch der EU und konnte daher sowohl seine Landesw&auml;hrung gegen&uuml;ber dem Euro (und den f&uuml;r Island wichtigen Schweizer Franken und dem Yen) abwerten und musste sich bei seiner politischen Reaktion auf die Krise nicht dem Diktat der EU unterwerfen. W&auml;re das Land Mitglied der EU, h&auml;tte es keine Chance gehabt. Wom&ouml;glich w&auml;re dann die &bdquo;isl&auml;ndische Revolution&ldquo; blutig ausgegangen.<\/li>\n<li>Das Land genoss als &bdquo;nordisches Land&ldquo; eine Art Vertrauensvorschuss beim IWF. Ohne die IWF-Kredite h&auml;tte das Land seine neuen Banken nicht kapitalisieren und seine Sozialprogramme nicht finanzieren k&ouml;nnen. Der IWF nahm bei der Island-Krise eine ungew&ouml;hnlich progressive Haltung ein und gab dem isl&auml;ndischen Krisen-Reaktionsprogramm gr&uuml;nes Licht, obgleich dieses Programm in nahezu allen Punkten sowohl Neuland war, als auch der traditionellen IWF-Politik der Deregulierung und Austerit&auml;t widersprach.<\/li>\n<li>Mehrere andere Staaten zeigten sich solidarisch mit Island. Ohne die bilateralen Hilfen der skandinavischen Notenbanken, die der isl&auml;ndischen Notenbank die notwendigen Devisen liehen, die diese nach der Krise dringend brauchte, w&auml;re ein reibungsloser Neustart des isl&auml;ndischen Finanzsystems nicht m&ouml;glich gewesen. Auch die bilateralen Kredite aus Russland und Polen, die zu einem Vorzugszinssatz von rund 4% vergeben wurden, halfen der Insel.<\/li>\n<li>Island verf&uuml;gt &uuml;ber eine starke Exportwirtschaft (z.B. Aluminium und Fischerei), die von der Abwertung der isl&auml;ndischen Krone profitiert und so das Wachstum erzeugen kann, das das Land braucht, um seine Krisenschulden zur&uuml;ckzahlen zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<\/ol><p>Man kann das isl&auml;ndische Modell somit nicht ohne weiteres auf andere Staaten &uuml;bertragen &ndash; vor allem Mitglieder der Eurozone k&ouml;nnen den isl&auml;ndischen Weg gar nicht gehen, da sie ihre W&auml;hrung nicht abwerten und keine souver&auml;ne Notenbankpolitik mehr betreiben k&ouml;nnen. <\/p><p>Das Beispiel Island zeigt jedoch, dass das Mantra von den systemrelevanten Banken nicht haltbar ist. Man hat seine &bdquo;systemrelevanten&ldquo; Banken einfach zu Lasten der Inhaber und der internationalen Gl&auml;ubiger pleite gehen lassen und die realwirtschaftlich relevanten Teile herausgel&ouml;st, verstaatlicht und neu firmiert. Und siehe da &ndash; das Land ist nicht zusammengebrochen, es ist noch nicht einmal isoliert. Nachdem Island heute bereits die H&auml;lfte aller ausstehenden Kredite an den IWF, sowie Russland und Polen zur&uuml;ckgezahlt hat und solide Wirtschaftskennzahlen vorweisen kann, wird es sogar wieder von den Finanzm&auml;rkten geliebt. Bei der ersten freien Auktion von Staatsanleihen konnte sich der Staat im Juni eine Milliarde Dollar zu einem Zinssatz von rund 6% leihen &ndash; diese ist weniger als Spanien oder Italien zahlen m&uuml;ssen. Wer sich gegen den Ausfall einer isl&auml;ndischen Staatsanleihe absichern will, zahlt daf&uuml;r weniger, als wenn er sich gegen den Ausfall einer britischen Staatsanleihe absichern will. Sogar die Ratingagentur Fitch hat den isl&auml;ndischen Staatsanleihen wieder das Pr&auml;dikat &bdquo;Investment Grade&ldquo; verliehen. Das Finanzsystem sch&auml;tzt nicht Staaten, die ihre Realwirtschaft durch Austerit&auml;tspolitik abw&uuml;rgen, sondern Staaten, die ihre Realwirtschaft ankurbeln und dadurch f&uuml;r kalkulierbare, solide Einnahmen sorgen. Und schlussendlich sch&auml;tzt das Finanzsystem auch Staaten, die ihr Risiko abbauen, indem sie jedwede Vergesellschaftung von Risiken der Banken kategorisch ablehnen. <\/p><p>Das Beispiel Island zeigt jedoch noch mehr. Es zeigt auch, dass das deutsche Austerit&auml;tsdogma auf den M&uuml;llhaufen der gescheiterten Ideologien geh&ouml;rt. Es zeigt, dass ein Staat sich in brenzliger Situation sehr wohl durch eine &ldquo;schuldenfinanzierte&rdquo; St&auml;rkung der Konjunktur, durch eine St&auml;rkung der Sozialsysteme, eine Regulierung der Finanzm&auml;rkte und eine R&uuml;cknahme der neoliberalen &bdquo;Reformen&ldquo; retten kann. Es zeigt vor allem auch, dass ein Staat, der nicht seine Banken, sondern seine B&uuml;rger rettet, alles richtig macht. Diese Lektion darf in Europa nicht ungeh&ouml;rt bleiben.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/a00619d0a5d24aa28928b8b0341226fd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Im November 2008 war auch Deutschland noch mit von der Partie und wollte auch die deutschen Kaupthing-Kunden &uuml;ber einen &bdquo;Zwangskredit&ldquo; an Island indirekt entsch&auml;digen. Durch die &ndash; f&uuml;r deutsche Kunden gl&uuml;ckliche &ndash; Abwicklung von Kaupthing erledigte sich dieses Vorhaben jedoch wenige Monate sp&auml;ter von alleine.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir befinden uns im Jahre 2012. In ganz Europa erleiden viel zu gro&szlig;e Banken viel zu gro&szlig;e Verluste und werden vom Staat auf Kosten des Steuerzahlers vor sich selbst gerettet. In ganz Europa zwingen die Finanzm&auml;rkte diese nun finanziell angeschlagenen Staaten dazu, Ausgaben zu k&uuml;rzen, ihr Tafelsilber zu verscherbeln und die letzten Reste des Sozialstaats<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13760\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,50,138],"tags":[283,1348,1151,471],"class_list":["post-13760","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-finanzkrise","category-steuerhinterziehungsteueroasensteuerflucht","tag-finanzmaerkte","tag-island","tag-konjunkturpolitik","tag-systemrelevanz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13760"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13760\/revisions\/25318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}