{"id":13764,"date":"2012-07-04T16:31:24","date_gmt":"2012-07-04T14:31:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13764"},"modified":"2015-03-06T15:54:16","modified_gmt":"2015-03-06T14:54:16","slug":"darf-man-begriffe-benutzen-die-bisher-der-beschreibung-der-verhaltnisse-in-der-nazizeit-vorbehalten-waren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13764","title":{"rendered":"Darf man Begriffe benutzen, die bisher der Beschreibung der Verh\u00e4ltnisse in der Nazizeit vorbehalten waren?"},"content":{"rendered":"<p>Robert Misik hat f&uuml;r einen Kommentar in der TAZ (&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!96568\/\">Kollegen, ihr habt versagt!<\/a>&ldquo;) den Begriff &bdquo;Gleichschaltung&ldquo; zur Beschreibung der Mediensituation in Deutschland benutzt. Es ist begr&uuml;&szlig;enswert, dass endlich auch ein Journalist einen passenden Begriff, der &uuml;blicherweise der Beschreibung der Verh&auml;ltnisse im Deutschland der Naziherrschaft vorbehalten ist, benutzt. Normalerweise ist die Erinnerung an Nazimethoden dann, wenn man die Verh&auml;ltnisse von heute beschreiben will, tabu. Man darf nicht von &bdquo;Methoden wie bei Goebbels&ldquo; und eben auch nicht von &bdquo;Gleichschaltung&ldquo;, und im Blick auf Sarrazin und andere Politiker und Publizisten auch nicht von &bdquo;Rassismus&ldquo; oder von &bdquo;Volksverhetzung&ldquo; sprechen, u.a.m&hellip; Die Tabuisierung wirkt wie ein Schutz f&uuml;r jene die sich dergleichen Methoden bedienen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><ol type=\"i\">\n<li><strong>Ohne Zweifel gibt es Unterschiede zwischen heute und damals. Aber hier gilt es eben, den Anf&auml;ngen zu wehren.<\/strong><br>\nWir sind Zeuge von Entwicklungen, die uns nicht kalt lassen k&ouml;nnen und deren korrekte Kennzeichnung nicht tabuisiert werden sollte:\n<ul>\n<li>Was wir mit unseren Medien und dem g&auml;ngig gewordenen Kampagnenjournalismus erleben, ist ein Zeichen von Gleichschaltung. &Uuml;brigens nicht erst jetzt. Das ist schon seit l&auml;ngerem zu beobachten. Wir haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht. (Zur Gleichschaltung siehe unten unter II. mehr)<\/li>\n<li>Die herablassende und aggressive Art des Umgangs mit anderen V&ouml;lkern. Die faulen Italiener, die Pleitegriechen, usw. &ndash; wie soll man das bezeichnen? Es ist v&ouml;lkischer Gr&ouml;&szlig;enwahn. Hier ein Beispiel aus einer kleinen Zusammenstellung, die einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13144\">NDS-Beitrag vom 8.5.<\/a> entnommen ist.<br>\n<img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120508_kampagne_02.jpg\">\n<\/li>\n<li>Wenn wir die Methoden der Bild-Zeitung nicht deutlich kennzeichnen, dann sch&uuml;tzt das Tabu die St&uuml;rmer-Methoden dieses Mediums und es passiert genau das, was wir am 8. Mai kritisiert haben: BILD bekommt den anerkannten Henri-Nannen-Preis, BILD wird von anderen Journalisten zitiert, als w&auml;re es ein seri&ouml;ses demokratisches Blatt und der Leiter der Berliner Redaktion dieser Zeitung, Blome, bekommt einen festen Platz in einer Sendung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Senders Phoenix.<\/li>\n<li>Wenn in einer amtlichen Brosch&uuml;re des Bundeswirtschaftsministeriums, wie 2005 geschehen, im Blick auf Hartz IV-Empf&auml;nger von &bdquo;Abzocke&ldquo; die Rede ist, wenn es heute Usus geworden ist, den Beitrag der weniger Begabten zum Bruttoinlandsprodukt quasi als unbedeutend und das Auseinanderdriften der Einkommensverteilung gar als etwas Segensreiches darzustellen, wenn die Schwachen quasi ausgegliedert und gesellschaftlich stigmatisiert werden, dann erinnert mich das an faschistisches Denken. Welchem Geist entspringt eigentlich die Lobeshymne auf den Ausbau des Niedriglohnsektors? Ist das nur &ouml;konomisches Zweckdenken oder steckt dahinter auch eine ganz andere Geisteshaltung?<\/li>\n<li>Die Tabuisierung hat all jene gesch&uuml;tzt, die Anfang der Neunzigerjahre mit Hetze und dramatisierenden Bildern von heranst&uuml;rmenden &bdquo;Asylanten&ldquo; Fremden- und Menschenfeindlichkeit gesch&uuml;rt haben.<\/li>\n<li>Darf man einen der Grund&ldquo;gedanken&ldquo; von Herrn Sarrazin Rassismus nennen? Das Tabu sch&uuml;tzt auch seine Methoden und &ouml;ffnet ihm die Tore der Talkshows.<\/li>\n<li>Das Tabu, v&ouml;lkisches Denken nicht v&ouml;lkisches Denken nennen zu d&uuml;rfen, hat auch jene gesch&uuml;tzt, die seit einigen Jahren wieder vom &bdquo;sterbenden Volk&ldquo; sprechen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Noch einige Anmerkungen zum Thema Gleichschaltung<\/strong><br>\nDem zitierten Autoren der TAZ ist die Gleichschaltung beim Umgang mit der Finanzkrise, mit Finanzpakt und den Auflagen zum Sparen aufgefallen. Er kritisiert mit Recht den erkennbar weit verbreiteten Chauvinismus. Auf bedr&uuml;ckende Beispiele daf&uuml;r hatte ich am 19. Juni hingewiesen: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13573\">Der Niedergang von Moral und Verstand bei unseren Meinungsf&uuml;hrern ist beeindruckend<\/a>&ldquo;. Sie k&ouml;nnen den kritisierten Zustand unserer Medien fast jeden Tag beobachten. \n<p><strong>Gleichschaltung ist nichts Neues<\/strong><\/p>\n<p>Neu ist diese Entwicklung allerdings nicht. Kennern der NachDenkSeiten wird aufgefallen sein, dass in diesem Medium schon seit langem der Begriff &bdquo;Gleichschaltung&ldquo; &ndash; unter Missachtung des &uuml;blichen Denk- und Nutzungsverbotes &ndash; benutzt wird. Siehe hier die Sammlung von Beitr&auml;gen, die bei der Suche nach &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?s=Gleichschaltung&amp;Submit.x=34&amp;Submit.y=9\">Gleichschaltung<\/a>&ldquo; erscheinen. Am ersten Eintrag wird sichtbar, dass es in unserer kleinen Redaktion zumindest im Blick auf das Fahnenschwenken anl&auml;sslich von Fu&szlig;ballereignissen einen Dissens gibt. Nach meiner Einsch&auml;tzung ist auch die harmlose, aber massenhafte Nutzung von Fahnen und Nationalfarben wie mit kommunizierenden R&ouml;hren mit der Entwicklung zu schlimmeren Ausw&uuml;chsen des Nationalismus verbunden. Man kann es auch deutlich ausdr&uuml;cken: der R&uuml;ckfall auf nationale Symbole bereitet emotional und unterschwellig auch den Weg zum Beispiel f&uuml;r den viel zu schnellen Gebrauch milit&auml;rischer Gewalt. Klar, nicht unmittelbar.<\/p>\n<p>Die Konzentration im Medienbereich, die Kommerzialisierung der elektronischen Medien, der Ausbau der PR-Gesch&auml;fte, die krakenhafte Ausbreitung von Kampagnen der Meinungsbeeinflussung aus politischem Interesse und aus Gesch&auml;ftsinteresse, die Vorherrschaft der finanziell und publizistisch M&auml;chtigen in der Meinungsbildung und damit der politischen Entscheidungsfindung &ndash; dies alles sind keine neuen Entwicklungen. Der Mit-Herausgeber der FAZ Paul Sehte sprach 1965 davon, die Pressefreiheit sei die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Inzwischen sind es weniger als 200 und die Absprache dar&uuml;ber, welche Botschaften unters Volk m&uuml;ssen, ist ziemlich einfach. Eines Berlusconis mit seiner speziellen Art von Gleichschaltung bedarf es in Deutschland nicht.<\/p>\n<p>Neu, in gewisser Weise neu k&ouml;nnten die Massivit&auml;t der Gleichschaltung und die Folge, der erkennbare Ausfall der gr&ouml;&szlig;eren Oppositionsparteien und damit die Alternativlosigkeit sein. Das gibt es jedenfalls in dieser Form, wie wir das bei Fiskalpakt und ESM wie auch schon bei der Bankenrettung erlebt haben, noch nicht lange. Ich korrigiere mich: auch schon die Durchsetzung der  Schr&ouml;derschen &bdquo;Reformen&ldquo; war gekennzeichnet von der Gleichrichtung nahezu aller Parteien und sehr vieler Medien und damit von angeblicher Alternativlosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Die Bedeutung der Public Relations<\/strong><\/p>\n<p>Nach meiner Einsch&auml;tzung ist die Lage durch die Entwicklung der Public Relations massiv versch&auml;rft worden. &Uuml;ber Kampagnen, die Public Relations Agenturen entwickeln und auf der Basis der Auftr&auml;ge ihrer Auftraggeber finanzieren, spricht man nicht. Deshalb wissen wir wenig. Vermutlich wei&szlig; man auch innerhalb der Redaktionen nicht alles &uuml;ber die laufenden Kampagnen. Wenn man aber genau beobachtet, dann findet man eine Menge von Indizien und Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Die gro&szlig;en Kampagnen zur Demographie und zur Privatvorsorge im Bereich von Alter, Gesundheit und Pflege sind deutlich zu erkennen.<\/li>\n<li>Auch die massive Agitation im Vorfeld und w&auml;hrend der milit&auml;rischen Intervention von NATO einschlie&szlig;lich der Bundeswehr im Kosovo Krieg 1999 ist ohne intensive PR Arbeit nicht vorstellbar. Die deutschen Medien waren nahezu ausnahmslos einer Meinung. Das ist auf die t&auml;gliche Medienarbeit des deutschen Verteidigungsministers Scharping und des Pressesprechers der NATO Shea zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, aber nicht nur. NATO und Europ&auml;ische Union verf&uuml;gen &uuml;ber viel PR-Kraft.<\/li>\n<li>Die Entscheidung, jede Bank zu retten, einschlie&szlig;lich der Erfindung des Begriffs &bdquo;systemrelevant&ldquo; ist ohne die massive PR Arbeit der Finanzwirtschaft nicht vorstellbar. Ich weise in diesem Zusammenhang zum wiederholten Mal auf das leider ziemlich vergessene Buch von McChesney, &bdquo;Rich Media Poor Democracy&ldquo;. Er hat darin das Zusammenspiel von Wallstreet und Madison Avenue (der Stra&szlig;e der Werbe- und PR-Agenturen) beschrieben.<\/li>\n<li>Die Umdeutung der Finanzkrise in eine Staatsschuldenkrise und die massenhafte Verbreitung und wirkliche Gleichschaltung bei diesem Thema sind ohne Aktivit&auml;t von PR Agenturen nicht vorstellbar. Wo man auch hinschaut und hinh&ouml;rt, man findet kaum ein Medium, das nicht den gleichen Jargon benutzt: ZDF, Stern, Spiegel online, ARD, Bild-Zeitung, &uuml;ber all das gleiche, Diese Gleichschaltung kann nicht zuf&auml;llig sein. Robert Misik hat mit Recht den Begriff &bdquo;Schuldenland Spanien&ldquo; aufgespie&szlig;t und darauf hingewiesen, dass die Schuldenquote Spaniens mit 68 % einiges unter der Schuldenquote von Deutschland mit 81 % liegt. (Siehe dazu auch eine Folie aus einem Vortrag von mir vom April 2012): <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/120704_schuldenstaende.jpg\" alt=\"\">\n<\/li>\n<li>Fakten spielen bei der Gleichschaltung keine Rolle. Die totale Manipulation ist bei dieser Art von Vereinheitlichung m&ouml;glich, auch wenn die Wirklichkeit anders aussieht.<br>\nAuch die Tatsache, dass wir mit der Regulierung der Finanzm&auml;rkte allenfalls st&uuml;ckchenweise voran kommen, ist ohne gezielte PR nicht denkbar.<\/li>\n<li>Sowohl die Wahl des Bundespr&auml;sidenten, sein hohes Ansehen wie auch jenes der Bundeskanzlerin sind ohne massive PR Arbeit nicht denkbar.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Erg&auml;nzungen zur Differenzierung:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die gezielt betriebene und klug eingef&auml;delte Personalpolitik der herrschenden politischen Gruppierung, konkret der CDU und CSU, bei den &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien wie auch die Kooperation mit den Eigent&uuml;mern und Machern der privaten Medien hat eine helfende, gro&szlig;e Rolle bei der Gleichschaltung gespielt.<\/li>\n<li>Die einzelnen Medien sind nicht homogen. Es gibt kritische Stimmen auch beim Spiegel, auch im ZDF, auch in vielen Regionalzeitungen. Das Entscheidende ist jedoch, dass zur &Uuml;bermittlung der &bdquo;wichtigen&ldquo; Botschaften und bei den gezielt gemachten Kampagnen der Meinungsbeeinflussung alle diese Medien auf einer Linie liegen. Die kritischen Kolleginnen und Kollegen sind sozusagen der Zierrat und die St&uuml;tzen der Glaubw&uuml;rdigkeit.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Misik hat f&uuml;r einen Kommentar in der TAZ (&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!96568\/\">Kollegen, ihr habt versagt!<\/a>&ldquo;) den Begriff &bdquo;Gleichschaltung&ldquo; zur Beschreibung der Mediensituation in Deutschland benutzt. Es ist begr&uuml;&szlig;enswert, dass endlich auch ein Journalist einen passenden Begriff, der &uuml;blicherweise der Beschreibung der Verh&auml;ltnisse im Deutschland der Naziherrschaft vorbehalten ist, benutzt. Normalerweise ist die Erinnerung an Nazimethoden dann,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13764\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,159,123,41],"tags":[835],"class_list":["post-13764","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","tag-nationalismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13764"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13767,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13764\/revisions\/13767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}