{"id":1377,"date":"2006-07-03T16:18:08","date_gmt":"2006-07-03T14:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1377"},"modified":"2016-02-04T12:40:46","modified_gmt":"2016-02-04T11:40:46","slug":"weitere-beitrage-zum-dauerbrenner-lohnnebenkosten-senken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1377","title":{"rendered":"Weitere Beitr\u00e4ge zum Dauerbrenner \u201eLohnnebenkosten senken\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In unserer Rubrik Sachfragen finden Sie ab heute weitere lesenswerte Beitr&auml;ge zum Thema Lohnnebenkosten: ein Beitrag von Michael Dauderst&auml;dt, zwei etwas &auml;ltere Beitr&auml;ge von Heiner Flassbeck und mein Eintrag ins <a href=\"?p=1364\">Kritische Tagebuch von 23.6.<\/a>. So verf&uuml;gen Sie geb&uuml;ndelt &uuml;ber hoffentlich n&uuml;tzliche Analysen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Michael Dauderst&auml;dt<\/strong><br>\nLeiter, Internationale Politikanalyse<br>\nFriedrich-Ebert-Stiftung<\/p><p>Lohnnebenkosten:<br>\n<strong>Nicht Besch&auml;ftigungsbremse, sondern Kollektivkonsum<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/fesportal.fes.de\/pls\/portal30\/docs\/FOLDER\/POLITIKANALYSE\/PUBLIKATIONEN\/LOHNNEBENKOSTEN.PDF\" title=\"Externer Link zu http:\/\/fesportal.fes.de\/pls\/portal30\/docs\/FOLDER\/POLITIKANALYSE\/PUBLIKATIONEN\/LOHNNEBENKOSTEN.PDF\">Friedrich-Ebert-Stiftung<\/a><\/p><p>&mdash;<\/p><p>Albrecht M&uuml;ller<br>\nim <a href=\"?p=1364\">Kritischen Tagebuch vom 23.6.2006<\/a>:<\/p><p><strong>Steuerfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme &ndash; auch so ein Glaubenssatz ohne jede Vernunft<\/strong><br>\nDie zu Ende gehende Woche hat es in sich. Immer mehr wird sichtbar, dass auch die Gro&szlig;e Koalition nicht begreift, wie wichtig es w&auml;re, endlich eine richtige Makropolitik zu machen, um unser Land aus der Rezession herauszuf&uuml;hren. Statt dessen verschreiben sie sich mehr und mehr dem &bdquo;Kollektiven Wahn&ldquo;, Reformen seien das Gebot der Stunde. Und noch schlimmer als vor der Gro&szlig;en Koalition: die kritischen Stimmen werden noch leiser. Der Glaube, die Senkung der Lohnnebenkosten und die Steuerfinanzierung der Krankenkassen z.B. sei irgend eine L&ouml;sung, ist fest verankert. Wahnsinn. Albrecht M&uuml;ller.<\/p><p>Die Steuerfinanzierung &auml;ndert nichts an der gesamtwirtschaftlichen Belastung. Das habe ich schon ausf&uuml;hrlich erl&auml;utert z.B. in &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; <a href=\"?p=249\">Denkfehler 22: &ldquo;Die Lohnnebenkosten sind zu hoch.&rdquo;<\/a>.<\/p><p>&mdash;<\/p><p>Heiner Flassbeck<br>\n<strong>Lohnnebenkosten &ndash; ein deutsches Dogma<\/strong><br>\nRheinischer Merkur, 8. 12. 2005<\/p><p>Wenn es eine Einsicht gibt, die der deutsche Wirtschaftspolitiker mit Haut und Haaren verschlungen hat, dann sicher die, dass die Lohnnebenkosten in Deutschland der gro&szlig;e Jobkiller sind. Mehr als 40 %, so die in der gro&szlig;en Koalition vereinten &bdquo;Experten&ldquo; von links bis rechts, d&uuml;rften die Lohnnebenkosten niemals betragen, weil sonst die Besch&auml;ftigung akut gef&auml;hrdet ist.<\/p><p>Warum ist das so? Wieso entscheidet das Verh&auml;ltnis einer bestimmten Kostenart zu den gesamten Arbeitskosten &uuml;ber Jobs? Sind Lohnnebenkosten besonders b&ouml;se oder besonders teuer? Warum ist es f&uuml;r den Arbeitgeber viel ertr&auml;glicher, ein Prozent mehr Lohn direkt an den Arbeiter auszuzahlen als an die Rentenversicherung im Auftrag des Arbeitnehmers? Warum ist es f&uuml;r den Arbeitnehmer so viel angenehmer den einen Prozentpunkt seines Lohnes selbst an die Krankenkasse zu &uuml;berweisen statt seines Arbeitgebers?<\/p><p>Und schlie&szlig;lich, warum sollten die Lohnnebenkosten nicht &uuml;ber 40 % steigen, wenn die zus&auml;tzlichen Kosten durch Verzicht auf eine entsprechende Lohnerh&ouml;hung von den Arbeitnehmern selbst &bdquo;verdient&ldquo; worden sind. Warum d&uuml;rfen wir nicht mehr als zehn Prozent unseres Einkommens f&uuml;r die Krankenversicherung bezahlen, wenn uns das wichtig ist?<\/p><p>Hinzu kommt, dass die H&ouml;he der Arbeitskosten insgesamt, also L&ouml;hne und Lohnnebenkosten zusammen, in allen L&auml;ndern der Welt nur beurteilt werden kann, wenn man wei&szlig;, wie hoch die Produktivit&auml;t der Arbeit ist? Wenn die Produktivit&auml;t aber um 2 % steigt und die Arbeitnehmer davon nur einen Prozentpunkt als reinen Lohn beanspruchen, wieso kann der Rest dann nicht vollkommen besch&auml;ftigungsunsch&auml;dlich in die Lohnnebenkosten flie&szlig;en, ganz gleich, ob die insgesamt erst bei 39 % oder schon bei 40 % liegen?<\/p><p>Offenbar sind all diese Fragen vom herrschenden 40 Prozent-Dogma in keiner Weise zu beantworten. Deutschlands Wirtschaftspolitik hat sich in einer f&uuml;r die Gesellschaft zentralen Frage eingemauert und total den &Uuml;berblick verloren. Selbst f&uuml;r die konservativsten unter den &Ouml;konomen ist die Entscheidung eines Unternehmens, einen Mitarbeiter einzustellen, nicht davon abh&auml;ngig, ob die Lohnnebenkosten in Relation zu den &uuml;brigen Arbeitskosten steigen, sondern ob die Arbeitskosten insgesamt zu stark steigen im Verh&auml;ltnis zur Produktivit&auml;t.<\/p><p>Dass die Arbeitskosten in Deutschland insgesamt zu stark gestiegen sind oder noch steigen, kann aber niemand im Ernst behaupten. Seit 25 Jahren schon bleiben die Zuw&auml;chse der Reall&ouml;hne tendenziell hinter den Zuw&auml;chsen bei der Produktivit&auml;t zur&uuml;ck, wobei in den letzten Jahren sogar eine starke Beschleunigung dieser Tendenz festzustellen ist. Das gilt auch im Vergleich zum Ausland, wo es nur in wenigen L&auml;ndern eine &auml;hnliche Zur&uuml;ckhaltung gibt. Damit f&auml;llt der letzte Verteidigungswall f&uuml;r das Lohnnebenkostendogma: Wenn die gesamten Arbeitskosten nicht zu hoch sind, kann &ndash; logischerweise &ndash; nicht ein Teil derselben zu hoch sein.<\/p><p>&mdash;<\/p><p>Heiner Flassbeck<br>\n<strong>Deutschland von au&szlig;en<br>\nLohnnebenkosten und andere Konfusionen<\/strong><\/p><p>WuM, Februar 2003<\/p><p>Woran leidet Deutschland? An zu hohen Kosten? An mangelnder Nachfrage? An zu hoher Regulierungsdichte? An einem inflexiblen Arbeitsmarkt? An zu viel oder an zu wenig Staat? Ich w&uuml;rde, wenn ich einen Strich unter alles, was vorgebracht wird, zu machen h&auml;tte, eine ganz andere Antwort geben: Deutschland leidet vor allem an einer gewaltigen Konfusion in wirtschaftlichen Fragen.<\/p><p>Man kann viele unterschiedliche Positionen mit guten Gr&uuml;nden vertreten, man kann sich f&uuml;r das Eine oder das Andere stark machen, man kann links oder rechts sein, man kann verschiedene Wertsysteme haben. Niemals aber kann man mit schlichten Verst&ouml;&szlig;en gegen die Logik auf Dauer Erfolg haben. Wer sich fortw&auml;hrend in Widerspr&uuml;che verwickelt, mu&szlig; am Ende scheitern, weil nur Konsistenz im Denkansatz den effizienten Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente erlaubt. <\/p><p>Eines der am meisten beeindruckenden Beispiele f&uuml;r diese Konfusion betrifft die sog. Lohnnebenkosten. Das ist der Teil der Arbeitskosten, der nicht direkt dem Portemonnaie des Arbeitnehmers zugute kommt, sonder von ihm selbst und von seinem Arbeitgeber f&uuml;r alle Arten von sozialer Absicherung gezahlt werden. Seit Jahren, eher seit Jahrzehnten sind sich alle Kritiker des deutschen Systems und alle Bundesregierungen darin einig, da&szlig; in den &ldquo;ausufernden&rdquo; Lohnnebenkosten einer der Haupt&uuml;belt&auml;ter f&uuml;r Arbeitslosigkeit und Wachstumsschw&auml;che zu sehen ist. Der Ministerpr&auml;sident von Niedersachsen, Sigmar Gabriel, hat in diesen Tagen die allgemeine Kritik auf den Punkt gebracht, wenn er feststellt, &ldquo;die parit&auml;tische Finanzierung der Sozialsysteme habe ihre Grenze erreicht, weil die Arbeit sonst zu teuer werde. Deshalb m&uuml;sse man Schritt f&uuml;r Schritt davon wegkommen&rdquo; (zitiert nach Handelsblatt vom 7. 1. 2003)<\/p><p>Selbst die Gewerkschaften haben sich dem allgemeinen Lamento &uuml;ber die Belastung des Faktors Arbeit durch sachfremde Leistungen angeschlossen. Auch sie beklagen, wie wenig vom Lohn dem Arbeiter zur freien Verwendung zur Verf&uuml;gung steht, und da&szlig; die Lohnnebenkosten einem Abbau der Arbeitslosigkeit im Wege stehen. Gleichzeitig beharren sie aber auf der parit&auml;tischen Finanzierung m&ouml;glichst vieler Sozialleistungen, um auch die Arbeitgeber bei dieser scheinbar solidarischen Aufgabe angemessen in die Pflicht zu nehmen. <\/p><p>Das ist bemerkenswert verquere Logik auf allen Seiten. Ich hatte schon im letzten Beitrag (WuM, Januar 2003) erw&auml;hnt, da&szlig; es keinen Hinweis darauf gibt, die gesamten Arbeitskosten in Deutschland seien zu hoch. Der Zuwachs der realen L&ouml;hne und der Lohnnebenkosten zusammen hat den realen Verteilungsspielraum, gemessen in Form des Produktivit&auml;tsfortschritts, in den letzten zwanzig Jahren praktisch nie ausgesch&ouml;pft. &Uuml;ber den gesamten Zeitraum gesehen sind die Arbeitskosten um fast 15 Prozentpunkte hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckgeblieben, hat sich also die Verteilung der Einkommen zugunsten der Arbeitgeber verbessert (Abbildung). In den USA und in Gro&szlig;britannien etwa hat sich in diesem Zeitraum die Verteilung fast nicht ver&auml;ndert, sind die Arbeitskosten also n&auml;her an der Produktivit&auml;t geblieben, obwohl es viel weniger Lohnnebenkosten gibt.<\/p><p>Wieso folgt also aus der Tatsache, da&szlig; es eine Aufteilung der Arbeitskosten in L&ouml;hne und Lohnnebenkosten gibt, da&szlig; Arbeit in Deutschland zu teuer ist oder es leichter werden k&ouml;nnte als in anderen L&auml;ndern? Was &auml;ndert sich, wenn in jedem Jahr der Zuwachs der Produktivit&auml;t in Land A durch die Arbeitgeber vollst&auml;ndig in Form von L&ouml;hnen verteilt wird, in Land B aber zum Teil in L&ouml;hnen und zum Teil in Beitr&auml;gen f&uuml;r die Sozialversicherungen von Seiten der Arbeitgeber? Vielleicht haben die Menschen in Land A andere Pr&auml;ferenzen als die Menschen in Land B? Vielleicht zahlen in Land A die Arbeitnehmer aber auch mit ihren h&ouml;heren L&ouml;hnen h&ouml;here Sozialbeitr&auml;ge selbst, ohne den Umweg &uuml;ber die Unternehmen. Die Kosten der Arbeit und die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Volkswirtschaften bleibt davon unber&uuml;hrt.<\/p><p>Um die gewaltige Konfusion bez&uuml;glich der Lohnnebenkosten zu beenden, sollte man in Deutschland das System in der Tat radikal &auml;ndern. Man sollte die parit&auml;tische Finanzierung der Sozialversicherungen total abschaffen und damit den Tatbestand der Lohnnebenkosten schlechthin. Dazu m&uuml;&szlig;ten die Arbeitnehmer lediglich einmal ihre monatlichen Zahlungen umstellen: Statt an die Sozialversicherungen wird auch der Teil, der jetzt Lohnnebenkosten hei&szlig;t, direkt an die Arbeitnehmer &uuml;berwiesen. Die Arbeitnehmer zahlen in der Folge alle ihre Beitr&auml;ge selbst, die Unternehmensvertreter verschwinden aus den zigtausenden von Aufsichtsr&auml;ten und Kuratorien der Sozialversicherungen und das Problem ist ein f&uuml;r allemal gel&ouml;st. In Zukunft wird in den Lohnverhandlungen immer nur &uuml;ber die L&ouml;hne diskutiert; alle zus&auml;tzlichen Belastungen durch Sozialversicherungen sind zwischen dem Staat als Tr&auml;ger der meisten dieser Versicherungen und den Arbeitnehmern auszuhandeln. Die gesamten Kosten der Arbeit spielen dabei keine Rolle.<\/p><p>Die parit&auml;tische Finanzierung der Sozialsysteme hat, wie Herr Gabriel zu Recht feststellt, eine Grenze erreicht. Aber nicht, wie er meint, weil dadurch &ldquo;Arbeit zu teuer w&uuml;rde&rdquo;, sondern nur deswegen, weil die Konfusion in der Politik und bei den Interessenvertretern zu gro&szlig; ist. Die Bundesregierung betreibt inzwischen in vielen Bereichen eine vollkommen ineffiziente und unintelligente Reformpolitik, weil jeder Reformschritt unter die Vorbedingung gestellt wird, da&szlig; die Lohnnebenkosten auf keinen Fall &uuml;ber 40 % (Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen) steigen. Die Arbeitgeber blockieren ihrerseits mit Erfolg viele wichtige Vorhaben, weil sie auf die damit verbundenen Folgen bei den Lohnnebenkosten hinweisen. Die Gewerkschaften schlie&szlig;lich unterst&uuml;tzen indirekt diese Blockadehaltung von Staat und Arbeitgebern, weil sie kompromi&szlig;los auf der parit&auml;tischen Finanzierung beharren. <\/p><p>W&uuml;rde der gordische Knoten bei den Lohnnebenkosten mit dieser einfachen L&ouml;sung durchtrennt, w&auml;re zwar in Sachen Arbeitslosigkeit und Wachstum noch nichts passiert, der Weg w&auml;re aber frei f&uuml;r eine unideologische Debatte &uuml;ber ein besseres Gesundheitssystem, &uuml;ber den Generationenkonflikt bei der Rente und &uuml;ber die Finanzierung von Sonderlasten wie die aus der deutschen Einigung. Viele &ouml;ffentliche Aufgaben, die heute &ndash; wegen der Schim&auml;re der parit&auml;tischen Finanzierung &ndash; dem sozialen System auferlegt sind, w&uuml;rden zur&uuml;ckfallen in den allgemeinen Staatshaushalt und m&uuml;&szlig;ten &uuml;ber Steuern finanziert werden. Das h&auml;tte mehrere positive Effekte: Erstens, es w&uuml;rden aber auch jene gleichberechtigt zur Solidarit&auml;t herangezogen, wie Beamte und Selbst&auml;ndige, die bisher immer durch die Maschen der parit&auml;tischen Finanzierung fallen und dadurch systematisch zu wenig beitragen. Zweitens, der Staat w&uuml;rde bei einer solchen Konstruktion von vorneherein nicht mehr in Versuchung kommen, den Sozialversicherungen sachfremde Leistungen aufzuladen, w&auml;re andererseits aber auch weniger in der Pflicht, etwaige Defizite in diesem Bereich durch direkte Zusch&uuml;sse auszugleichen. Der Verteilungskampf w&uuml;rde offener gef&uuml;hrt und der Staat m&uuml;&szlig;te offensiver die von ihm f&uuml;r richtig gehaltenen Umverteilung von Einkommen auch gegen allf&auml;llige Steuersenkungsw&uuml;nsche verteidigen. <\/p><p>Doch wie es derzeit aussieht, ist mit einer solchen Wende hin zu mehr Rationalit&auml;t in der Wirtschaftspolitik nicht zu rechnen. Da die vordringlich notwendige makro&ouml;konomische Wende, also mehr Zinsssenkung durch die Europ&auml;ische Notenbank und eine expansive Finanzpolitik ebensowenig am Horizont auftauchen, ist der Ausblick insgesamt d&uuml;ster. Wie schlimm mu&szlig; es noch werden, bevor es besser wird? Die Schl&uuml;sselrolle f&auml;llt hier den Unternehmen und ihren Verb&auml;nden zu. Solange das Management der meisten gro&szlig;en Unternehmen, die bedeutenden Pers&ouml;nlichkeiten im Unternehmerlager und die drei gro&szlig;en Verb&auml;nde unisono jede wirtschaftspolitische und vor allem jede makro&ouml;konomische Kehrtwende ablehnen, ist ein Umschwenken der Regierung nicht zu erwarten. <\/p><p>Ich habe im zweiten Teil dieser Serie beschrieben, wie sehr sich die Unternehmen mit ihrer derzeitigen Haltung selbst schaden und wie wenig sie aktiv zu einer &Uuml;berwindung der Krise in der Gesamtwirtschaft mit ihrer eigenen Aktivit&auml;t beitragen k&ouml;nnen. Setzt sich die Einsicht nicht rasch durch, da&szlig; nur von au&szlig;en, von der Wirtschaftspolitik also, ein einmal ins Trudeln geratenes marktwirtschaftliches System wieder zu stabilisieren ist, sind gr&ouml;&szlig;ere Sch&auml;den nicht mehr auszuschlie&szlig;en. Die historische Erfahrung macht hier allerdings wenig Hoffnung auf baldige Einsicht. Der Historiker Hans Mommsen schrieb vor einigen Wochen &uuml;ber die gro&szlig;e Depression, die dem B&ouml;rsenkrach von 1929 folgte: &ldquo;Die historische Analogie zur Konstellation der Jahre 1930 bis 1932 l&auml;sst die Rolle der gro&szlig;agrarischen- und industriellen Interessengruppen in den Blick treten. Seinerzeit verwandten sie sich nachdr&uuml;cklich f&uuml;r die Fortsetzung der Deflationspolitik auf Kosten der Sozialleistungen, und erst, als ihnen das Wasser bis zum Halse reichte, pl&auml;dierten sie f&uuml;r Ma&szlig;nahmen zur Ankurbelung der Konjunktur und zur k&uuml;nstlichen Kreditsch&ouml;pfung.&rdquo; (S&uuml;ddeutsche Zeitung, 27. 11. 2002, S.13)<\/p><p>So ist am Ende vielleicht alles ein gro&szlig;es Mi&szlig;verst&auml;ndnis: Die Unternehmen sind prinzipiell gegen den Staat, weil er ihr nat&uuml;rlicher Widersacher zu sein scheint. Die Unternehmen als Ganzes k&ouml;nnen aber nicht wissen, da&szlig; ihnen in bestimmten Situationen nur der Staat helfen kann, weil ihre Bordmittel systematisch versagen. Wer sich nicht wie M&uuml;nchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, braucht jemanden mit einer langen Rettungsleine. Man mag dann immer noch darauf beharren, da&szlig; der Retter nur gebraucht wird, wenn man im Sumpf steckt. Wenn man aber nicht ausschlie&szlig;en kann, da&szlig; das eines Tages passiert, dann sollte man den Retter mit der Leine nicht prinzipiell zum Feind erkl&auml;ren und ihn jeder Handlungsf&auml;higkeit berauben. <\/p><p>Schlimm wird es aber erst, wenn auch der potentielle Retter &ndash; und seine wissenschaftlichen Berater &ndash; glauben, die vorhandene Leine sei auf jeden Fall zu kurz oder zu schwach, um zu helfen. Dann wird es Opfer geben. Es ist nicht erstaunlich, da&szlig; heute, wie in den 20er und in den 30er Jahren die gro&szlig;e Mehrheit der Unternehmer, der Wissenschaftler und der Politiker fest von der Richtigkeit ihrer Position &uuml;berzeugt waren und nur wenige sich davon l&ouml;sen konnten. Das einzelwirtschaftliche Denken ist immer und &uuml;berall dominant, wenn die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft nicht ein starkes Gegengewicht dazu schafft. Das tut sie aber in der Regel nicht, weil das Dogma des sich selbst regulierenden Marktes stark und der immerw&auml;hrende Widerstand gegen unternehmerisches Denken sehr schwierig ist. Wilhelm Lautenbach, der in der zwanziger und drei&szlig;iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der wenigen &Ouml;konomen war, der die Irrt&uuml;mer der herrschenden Lehre durchschaute, schrieb 1945: &ldquo;Es hat des &ouml;konomischen Erdbebens, das 1929 &uuml;ber die ganze wirtschaftliche Welt hereinbrach, bedurft, um wenigstens einige Theoretiker aus dem dogmatischen Schlummer zu wecken, der die ganze &ouml;konomische Wissenschaft fester umfangen hielt als der Zauber, der Dornr&ouml;schen und seine ganze Umgebung bannte.&rdquo; Schon jetzt ist das Beben gewaltig, wollen wir hoffen, da&szlig; es nicht noch heftigerer Eruptionen bedarf, um den Dornr&ouml;schenschlaf zu beenden.<\/p><p><strong>Kommentar Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>So sehr ich Heiner Flassbeck sch&auml;tze, sein Vorschlag<\/p><blockquote><p>Um die gewaltige Konfusion bez&uuml;glich der Lohnnebenkosten zu beenden, sollte man in Deutschland das System in der Tat radikal &auml;ndern. Man sollte die parit&auml;tische Finanzierung der Sozialversicherungen total abschaffen und damit den Tatbestand der Lohnnebenkosten schlechthin. Dazu m&uuml;&szlig;ten die Arbeitnehmer lediglich einmal ihre monatlichen Zahlungen umstellen: Statt an die Sozialversicherungen wird auch der Teil, der jetzt Lohnnebenkosten hei&szlig;t, direkt an die Arbeitnehmer &uuml;berwiesen. Die Arbeitnehmer zahlen in der Folge alle ihre Beitr&auml;ge selbst, die Unternehmensvertreter verschwinden aus den zigtausenden von Aufsichtsr&auml;ten und Kuratorien der Sozialversicherungen und das Problem ist ein f&uuml;r allemal gel&ouml;st.<\/p><\/blockquote><p>klingt prima, ist aber meines Erachtens auch nicht voll durchdacht. Wer sorgt zum Beispiel daf&uuml;r, dass nicht zu viele vergessen, die Sozialversicherungsbeitr&auml;ge zu zahlen, also vorzusorgen. Das bisherige System hatte seinen Vorteil doch auch darin, dass die Mehrzahl der Menschen versichert wurden, ohne selbst initiativ zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer Rubrik Sachfragen finden Sie ab heute weitere lesenswerte Beitr&auml;ge zum Thema Lohnnebenkosten: ein Beitrag von Michael Dauderst&auml;dt, zwei etwas &auml;ltere Beitr&auml;ge von Heiner Flassbeck und mein Eintrag ins <a href=\"?p=1364\">Kritische Tagebuch von 23.6.<\/a>. So verf&uuml;gen Sie geb&uuml;ndelt &uuml;ber hoffentlich n&uuml;tzliche Analysen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,13,145],"tags":[522,364,319,300,487],"class_list":["post-1377","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-sozialstaat","tag-fes","tag-flassbeck-heiner","tag-lohnentwicklung","tag-mueller-albrecht","tag-produktivitaet"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1377"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30880,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1377\/revisions\/30880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}