{"id":137807,"date":"2025-08-22T11:11:06","date_gmt":"2025-08-22T09:11:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137807"},"modified":"2025-08-28T12:24:20","modified_gmt":"2025-08-28T10:24:20","slug":"wasserkraft-superlative-in-tibet-das-chinesische-jahrhundert-nimmt-fahrt-auf-und-in-deutschland-gehen-die-licher-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137807","title":{"rendered":"Wasserkraft-Superlative in Tibet \u2013 das chinesische Jahrhundert nimmt Fahrt auf und in Deutschland gehen die Lichter aus"},"content":{"rendered":"<p>Es sind Zahlen, die man zun&auml;chst gar nicht glauben mag. Vor einem Monat begann China mit dem Bau eines Wasserkraftwerks im tibetischen Hochland, dessen Leistung mehr als der H&auml;lfte der gesamten deutschen Stromerzeugung entspricht. Bereits in f&uuml;nf Jahren soll die Medog Hydropower Station fertiggestellt sein und 2033 ihren kommerziellen Betrieb aufnehmen. In Deutschland droht die Energiewende derweil am Trassenbau zu scheitern. Allein um den Strom des Medog-Wasserkraftwerks in das mehr als 2.500 Kilometer entfernte industriereiche Perlflussdelta zu transportieren, wird China Leitungen bauen m&uuml;ssen, die ungef&auml;hr die zehnfache Kapazit&auml;t der hierzulande bis 2050 projektierten Hochspannungs&uuml;bertragungsleitungen haben. Diese Zahlen sollten verdeutlichen, wo sich die wirtschaftliche Zukunft abspielt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9248\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-137807-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=137807-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250822_Wasserkraft_Superlative_in_Tibet_das_chinesische_Jahrhundert_nimmt_Fahrt_auf_und_in_Deutschland_gehen_die_Lichter_aus_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/flyer\/250822_Wasserkraft_Superlative_Tibet_JB_NDS.pdf\">als gestaltetes PDF vor<\/a>. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Wenn man sich &uuml;ber das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Medog_Hydropower_Station\">Wasserkraftprojekt im tibetischen Medog<\/a> informiert, kommt man aus den Superlativen gar nicht mehr raus. Gebaut wird das Wasserkraftwerk am Oberlauf des Flusses, der in Indien Brahmaputra und in Bangladesch Jamuna genannt wird. Hier im chinesischen Tibet hei&szlig;t er Yarlung Tsangpo, kurz Tsangpo. Das Einzugsgebiet des Tsangpo ist der n&ouml;rdliche Himalaya. Hier verl&auml;uft er auf rund 1.700 Kilometer in West-Ost-Richtung, bevor er auf die Dihangschluchten trifft, die ihrerseits ebenfalls ein Superlativ bilden &ndash; rund 500 Kilometer lang und bis zu 6.000 Meter tief, die mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Schlucht der Welt. Erst 2002 gelang es Abenteurern zum ersten Mal, diesen Abschnitt mit einem Kajak zu befahren, zuvor waren beim Versuch mehrere Abenteurer ums Leben gekommen. 2002 sind auch die ersten Ideen der chinesischen Regierung ans Licht gekommen, in diesem unwirtlichen Gebiet ein Wasserkraftwerk zu bauen.<\/p><p>Es gibt wohl kaum ein Gebiet auf dem Planeten, das sich zumindest von den Daten her besser dazu eignen w&uuml;rde. Bevor der Tsangpo die indische Grenze erreicht, durchl&auml;uft er in den Dihangschluchten eine 50 Kilometer lange Biegung, &uuml;ber die er ganze 2.000 H&ouml;henmeter verliert &ndash; und dies bei einem Durchfluss, der dem des Rheins an der M&uuml;ndung in die Nordsee entspricht. F&uuml;r einen klassischen Staudamm w&auml;re dies nicht h&auml;ndelbar. Daher gehen die Chinesen auch einen anderen Weg. Das Konzept des Medog-Wasserkraftwerks sind vier jeweils 20 Kilometer lange gigantische Rohre, die in den Berg gebaut werden und &uuml;ber die die 50 Kilometer lange schleifenf&ouml;rmige Passage durch die Schlucht samt ihrer 2.000 Meter H&ouml;henunterschied abgek&uuml;rzt wird. Entlang der Rohre wollen die Chinesen dann in Kaskaden f&uuml;nf gigantische Turbinenkraftwerke bauen, die j&auml;hrlich stolze 300 Terawattstunden Strom generieren k&ouml;nnen.<\/p><p>300 Terawattstunden? In ganz Deutschland wurden im letzten Jahr 431 Terawattstunden Strom erzeugt. Umgerechnet auf die Kraftwerksleistung entspricht dies 34,3 Gigawatt und damit mehr als 22 Atomkraftwerken von dem Typ, die in Deutschland 2023 abgestellt wurden. Das Medog-Wasserkraftwerk wird bei Inbetriebnahme das mit gro&szlig;em Abstand gr&ouml;&szlig;te Kraftwerk der Welt sein &ndash; mehr als dreimal so leistungsstark wie der bisherige Spitzenreiter, der Dreischluchtendamm, der im Westen Chinas den Yangtze staut.<\/p><p>Man sollte das Medog-Projekt trotz seiner Superlative aber nicht isoliert betrachten. Seit der Jahrtausendwende hat China in Tibet ganze 193 Wasserkraftprojekte gestartet. Wenn diese Projekte erst einmal alle am Netz sind, sprechen wir &uuml;ber eine Gesamtleistung von &uuml;ber 500 GW, also mehr als 300 Atomkraftwerken. Das erkl&auml;rt vielleicht auch die strategische Wichtigkeit Tibets f&uuml;r China. Ohne diese gigantischen Kapazit&auml;ten w&auml;re es wohl auch unm&ouml;glich, China bis zum Jahr 2060 CO2-neutral und unabh&auml;ngiger von importierten Energietr&auml;gern zu machen, wie es die Regierung in Peking geplant hat.<\/p><p>Eine Mammutaufgabe stellt jedoch nicht nur der Bau, sondern auch der Transport der gewonnenen Energie innerhalb Chinas dar. Allein f&uuml;r das Medog-Wasserkraftwerk ist ein rund zehnmal so leistungsstarkes Hochspannungs&uuml;bertragungsnetz notwendig, wie es Deutschlands Energiewende bis 2050 f&uuml;r das gesamte Land geplant hat und an dessen Umsetzung man zurzeit wegen der Kosten und Planungsfragen zu scheitern droht. W&auml;hrend es hierzulande nahezu unm&ouml;glich scheint, den Strom der Windr&auml;der aus dem Norden &uuml;ber wenige hundert Kilometer zu den Gro&szlig;abnehmern im Westen und S&uuml;den zu transportieren, scheint es in China kein Problem damit zu geben, die zehnfache Menge zu den Gro&szlig;abnehmern in die tausende Kilometer entfernten Industrieregionen im Osten des Landes zu transportieren. Um es klar zu sagen: Wenn wir von der Energiewende sprechen, spielt China in der Champions League und Deutschland bestenfalls in der Kreisklasse.<\/p><p>Hierzulande mag die Energiewende zwar ein vieldiskutiertes Thema sein, konkret passiert jedoch vergleichsweise wenig. Dazu nur eine Zahl: In China wird derzeit <a href=\"https:\/\/www.pv-magazine.de\/2023\/12\/04\/china-hat-mehr-als-14-terawatt-leistung-fuer-erneuerbare-energien-installiert\/\">pro Jahr (!)<\/a> mehr als doppelt so viel regenerative Energie ans Netz genommen, wie es in Summe &uuml;berhaupt in Deutschland gibt. Zurzeit sind mehr als 35 Prozent der weltweit installierten Gesamtleistung der regenerativen Energien in China, beim Zubau betr&auml;gt der chinesische Anteil fast 50 Prozent. Deutschland liegt beim Zubau bei mageren 3,2 Prozent, das ist weniger als der deutsche Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt. Beim Zubau regenerativer Energien ist Deutschland also im globalen Ma&szlig;stab kein Vorreiter, sondern schlicht und einfach unterdurchschnittlich, Kreisklasse halt.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu auch die Artikel: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=55851\">&bdquo;Die Energiewende stockt &ndash; dies ist ein politisches Versagen und &ouml;kologisches sowie &ouml;konomisches Desaster&ldquo;<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107851\">&bdquo;Deutschland will &bdquo;die Energiewende in die Welt tragen&ldquo;? Schuster, bleib bei deinem Leisten&ldquo;<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=127923\">&bdquo;Zur&uuml;ck zum Atom? Energiepolitische Tagtr&auml;umereien im Wahlkampf&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p>Wenn wir &uuml;ber Stromerzeugung sprechen, sollte es jedoch nicht &bdquo;nur&ldquo; um die vorhandene Industrie oder auch Klimafragen gehen. Die Welt &ndash; also die Welt au&szlig;erhalb Deutschlands &ndash; steht gerade eben am Beginn einer neuen technischen Revolution. Das KI-Zeitalter ist eingel&auml;utet. Alleine in den USA werden in diesem Jahrzehnt Rechenzentren entstehen, die mehrere hundert Terawattstunden Energie ben&ouml;tigen. Aktuell plant die Trump-Regierung daf&uuml;r <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/fact-sheets\/2025\/05\/fact-sheet-president-donald-j-trump-reinvigorates-the-nuclear-industrial-base\/\">den Bau von zehn gro&szlig;en Atomkraftwerken<\/a> und auch die AI-Konzerne selbst <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/energie\/meta-atomstrom-100.html\">investieren derzeit in die Atomkraft<\/a>. Man munkelt &uuml;brigens, dass dies auch einer der Gr&uuml;nde f&uuml;r Donald Trump sei, gute wirtschaftliche Beziehungen zu Russland aufzubauen, hat Russland &ndash; zumindest in diesen Kapazit&auml;ten &ndash; doch derzeit ein Monopol bei der Uranaufbereitung f&uuml;r Atomkraftwerke. <\/p><p>Im Wettbewerb um die Zukunft der K&uuml;nstlichen Intelligenz liefern sich die USA und China ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Wie viel zus&auml;tzliche Energie China f&uuml;r KI-Rechenzentren ben&ouml;tigt, ist nicht &ouml;ffentlich bekannt, es d&uuml;rfte sich jedoch auch hier um einen Bedarf im dreistelligen Terawattstundenbereich pro Jahr handeln. Und hier schlie&szlig;t sich der Kreis. Auch wenn es dazu keine Quellen gibt, liegt es auf der Hand, dass Tibet ein idealer Standort f&uuml;r chinesische KI-Rechenzentren sein k&ouml;nnte. Anders als traditionelle Industriestandorte sind Rechenzentren vergleichsweise unabh&auml;ngig von normalen Standortfaktoren. Was z&auml;hlt, ist einzig und allein sehr viel g&uuml;nstige Energie. Und die scheint Tibet ja zuhauf zu besitzen. Vielleicht muss China den Strom von Medog und Co. also gar nicht tausende Kilometer weit in die &bdquo;alten&ldquo; Industriezentren transportieren?<\/p><p>Aber auch solche Fragen spielen in &bdquo;Old Europe&ldquo; keine Rolle. KI ist hier kein gro&szlig;es Thema. Deutschland baut ja Autos. Wie lange noch? Nun, dies w&auml;re gen&uuml;gend Stoff f&uuml;r einen weiteren Artikel. Begr&uuml;&szlig;en wir also das chinesische Jahrhundert. Z&agrave;i ji&agrave;n.<\/p><p><small>Titelbild: ZCOOL HelloRF\/shuttestock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7fe64bc3123147e29b15a186e4f9856e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind Zahlen, die man zun&auml;chst gar nicht glauben mag. 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