{"id":137919,"date":"2025-08-25T09:00:09","date_gmt":"2025-08-25T07:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137919"},"modified":"2025-08-26T09:48:46","modified_gmt":"2025-08-26T07:48:46","slug":"jeder-hat-die-pflicht-voelkermord-zu-verhindern-interview-mit-ousman-noor-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137919","title":{"rendered":"\u201eJeder hat die Pflicht, V\u00f6lkermord zu verhindern\u201c \u2013 Interview mit Ousman Noor Teil 1"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Lage in Gaza sich weiter zuspitzt, die Hungerblockade der Bev&ouml;lkerung t&auml;glich neue Opfer fordert und die israelische Regierung die vollst&auml;ndige Zerst&ouml;rung von Gaza City und die weitere Vertreibung der kompletten restlichen Bev&ouml;lkerung des Gazastreifens in Camps in den S&uuml;den des Landes beschlossen hat, mehren sich auch die Aktivit&auml;ten und Initiativen, die versuchen, sich sch&uuml;tzend vor die pal&auml;stinensische Zivilbev&ouml;lkerung zu stellen. Eine der radikalsten Ideen kommt dabei von dem britischen Anwalt und Menschenrechtsaktivisten <a href=\"https:\/\/ousmannoor.com\/\"><strong>Ousman Noor<\/strong><\/a>. Er hat die Initiative <a href=\"https:\/\/protect-palestine.com\/\">Protect Palestine<\/a> gegr&uuml;ndet, die f&uuml;r ein internationales milit&auml;risches Eingreifen zum Schutz der Bev&ouml;lkerung und zur Sicherstellung der Hilfslieferungen wirbt. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4103\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-137919-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=137919-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250825_Jeder_hat_die_Pflicht_Voelkermord_zu_verhindern_Interview_mit_Ousman_Noor_Teil_1_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In diesem ersten Teil des Interviews mit den <em>NachDenkSeiten <\/em>spricht Ousman Noor &uuml;ber seine eigene politische Entwicklung, seinen Hintergrund, seine rechtliche Einsch&auml;tzung der Lage und dar&uuml;ber, was ihn zu seiner Initiative motiviert hat &ndash; und auch dar&uuml;ber, was ihn seine klare Stellungnahme gekostet hat.<\/p><p><strong>Maike Gosch: Lieber Ousman Noor, vielen Dank, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erkl&auml;rt haben. Ich w&uuml;rde gerne damit beginnen, dass Sie uns ein wenig &uuml;ber sich selbst erz&auml;hlen, &uuml;ber Ihren Hintergrund, Ihre Qualifikationen, dar&uuml;ber, was Sie gepr&auml;gt hat, und dann &uuml;ber Ihren beruflichen Werdegang.<\/strong><\/p><p><strong>Ousman Noor:<\/strong> Gerne. Ich stamme aus Kaschmir, einer Region, die seit 1947 ebenfalls unter milit&auml;rischer Besatzung lebt. Sie und Pal&auml;stina haben eine &auml;hnliche Geschichte, da beide Gebiete von Kolonialm&auml;chten geteilt und erobert wurden. Ich bin also mit einer Tendenz zum Widerstand und dem Bewusstsein f&uuml;r die Herausforderungen der &Uuml;berwindung kolonialer Strukturen aufgewachsen. In vielerlei Hinsicht wird &uuml;ber Kaschmir vielleicht sogar noch weniger gesprochen als &uuml;ber Pal&auml;stina, aber jedenfalls bin ich in diesem Bezugsrahmen bereits aufgewachsen.<\/p><p>Ich wurde dann Rechtsanwalt mit Spezialisierung auf Asyl- und Fl&uuml;chtlingsrecht. Und im Laufe von etwa zehn Jahren habe ich Menschen aus &uuml;ber 100 verschiedenen Staaten vertreten &ndash; Menschen, die aus politischen Gr&uuml;nden, aus religi&ouml;sen Gr&uuml;nden, wegen ihrer Sexualit&auml;t, ihres Geschlechts, wegen der ganzen Bandbreite von Unterdr&uuml;ckungsformen verfolgt wurden, und ich habe mich vor Gericht f&uuml;r sie eingesetzt. Ich habe mich auf Abschiebehaft spezialisiert, das hei&szlig;t, ich bin in Haftanstalten gegangen und habe versucht, Menschen aus unrechtm&auml;&szlig;iger Haft zu befreien. Es handelte sich um Migranten, nicht um Straft&auml;ter.<\/p><p><strong>Das war in Gro&szlig;britannien, richtig?<\/strong><\/p><p>Ja, in Gro&szlig;britannien. Diese Arbeit hat mir ein gro&szlig;es Gesp&uuml;r f&uuml;r die Parallelen zwischen verschiedenen Formen der Unterdr&uuml;ckung und den Beweggr&uuml;nden von Menschen vermittelt, die vor Unterdr&uuml;ckung fliehen, um Sicherheit und Geborgenheit zu finden. Und das galt unabh&auml;ngig davon, ob es sich um einen Vietnamesen, einen Kolumbianer oder jemanden aus Namibia handelte. Was wir sahen, war ihr gemeinsamer Wunsch, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die das menschliche Verhalten wirklich antreibt. Ich habe sie dabei vertreten, sich durch die verschiedenen Ebenen der Unterdr&uuml;ckung durchzuk&auml;mpfen, denen Migranten auf ihrem Weg in die Sicherheit ausgesetzt sind. Das hat mir auch ein gesteigertes Bewusstsein daf&uuml;r vermittelt, wie Kolonialismus und Imperialismus das Leben und die Familien der Menschen direkt beeinflussen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Es geht nur darum, wer die Macht hat.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Dann bin ich nach Genf gezogen. Dort habe ich bei einer internationalen Kampagne gegen den Einsatz von Killerrobotern gearbeitet. Sie hei&szlig;t <a href=\"https:\/\/www.stopkillerrobots.org\/\">&bdquo;Stop Killer Robots&ldquo;<\/a>. Ich war ihr Verantwortlicher f&uuml;r Regierungsbeziehungen dort und hatte meinen Sitz bei den Vereinten Nationen. Ich fungierte im Wesentlichen als ihre Verbindungsperson zur diplomatischen Gemeinschaft. Dadurch konnte ich mit einer Vielzahl von Regierungsvertretern, vor allem Diplomaten, aber manchmal auch mit Personen aus den Hauptst&auml;dten, &uuml;ber das Thema autonome Waffensysteme sprechen, und wir waren nat&uuml;rlich dagegen. Aber dadurch habe ich ein wirklich tiefes Verst&auml;ndnis f&uuml;r internationale Diplomatie und Macht gewonnen; wie wenig die Formulierung eines Gesetzes wirklich z&auml;hlt, wenn es um tats&auml;chliche Beziehungen geht. Es geht nur darum, wer die Macht hat. Und oft war das Gesetz nur ein irrelevanter, ein v&ouml;llig irrelevanter Faktor daf&uuml;r, wer diese Waffen nutzt, wer sie testet oder wer sie einsetzt. Tats&auml;chlich ist Israel f&uuml;hrend in der Entwicklung solcher Waffensysteme. Und wir wussten schon lange, dass sie in Gaza und im Westjordanland eingesetzt wurden. Aber lassen wir das beiseite, denn das ist eine sehr interessante und separate Geschichte.<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Netanjahu sagte, er werde &sbquo;Gaza in eine W&uuml;ste verwandeln&lsquo; &ndash; das waren seine Worte, und das hat er getan.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Dann im Oktober 2023 war ich in New York, um mich f&uuml;r eine Resolution zu autonomen Waffensystemen einzusetzen. Ich kam tats&auml;chlich genau am 8. Oktober 2023 dort an. Und die Stimmung, wenn Sie sich an diese Tage erinnern k&ouml;nnen, war f&uuml;r uns alle sehr, sehr be&auml;ngstigend, denke ich, denn wir erhielten nicht nur die Berichte &uuml;ber die Taten der Hamas, sondern es wurde auch sehr lautstark und in sehr deutlichen Worten zu Vergeltung und Rache aufgerufen. Das war nicht zweideutig. Netanjahu sagte, er werde &bdquo;Gaza in eine W&uuml;ste verwandeln&ldquo; &ndash; das waren seine Worte, und das hat er getan. Als ich also in dem Raum der UNO sa&szlig;, konnten wir beobachten, wie Staaten wie Deutschland, Gro&szlig;britannien und Frankreich, die die Fassade aufrechterhalten, das V&ouml;lkerrecht wirklich wichtig zu nehmen, wenn es um die Wahrung ihrer Interessen geht, nicht nur das V&ouml;lkerrecht mit F&uuml;&szlig;en treten, sondern sogar an der vollst&auml;ndigen Vernichtung einer gefangenen, belagerten Bev&ouml;lkerung mitwirkten.<\/p><p>Wissen Sie, manchmal denke ich, wenn wir im Voraus gewusst h&auml;tten, dass die Hamas das tun w&uuml;rde, was sie am 7. Oktober getan hat, w&uuml;rde ich hoffen, dass sich viele Menschen dagegen ausgesprochen und gesagt h&auml;tten, dass sie das nicht tun sollten. Aber wir wissen, dass Israel jeden Tag das Gleiche tut wie die Hamas am 7. Oktober. Und tats&auml;chlich wird das von Staaten wie Deutschland sehr unterst&uuml;tzt. Und leider denken sie, wie ich durch den deutschen Botschafter erfahren habe, dass sie das Richtige tun. Das ist es, was wir beobachtet haben: Es spielt keine Rolle, wie viele Pal&auml;stinenser massakriert werden, es gibt einfach uneingeschr&auml;nkte, bedingungslose Unterst&uuml;tzung daf&uuml;r.<\/p><p>Was meine Karriere angeht, kann ich hier in diesem Interview nicht dar&uuml;ber sprechen, aber es gibt viele Informationen dar&uuml;ber, wie ich meinen Job bei &bdquo;Stop Killer Robots&ldquo; in Folge verloren habe, die Sie gerne nachlesen k&ouml;nnen. (Anm. d. Red.: Siehe zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.middleeastmonitor.com\/20240424-lawyer-fired-from-anti-war-ngo-for-gaza-tweet\/\">hier<\/a>.)<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Wir haben es mit einem Staat, einer Ideologie zu tun, die v&ouml;llig &uuml;ber dem Gesetz steht.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Und seitdem bin ich wirklich Tag und Nacht als Aktivist f&uuml;r Pal&auml;stina t&auml;tig. Das umfasst viele verschiedene Arten von Aktivismus. Aufgrund meiner Erfahrung und meines Einflusses innerhalb der UNO nutzte ich zun&auml;chst weiterhin das UN-System, um mich f&uuml;r Ver&auml;nderungen einzusetzen, um eine Waffenresolution und ein Waffenembargo zu erreichen und um &uuml;ber den Einsatz k&uuml;nstlicher Intelligenz im milit&auml;rischen Bereich und dar&uuml;ber zu sprechen, wie Israel diese f&uuml;r V&ouml;lkermord einsetzt. Und ich glaube, es war, als Israel vom Internationalen Gerichtshof eine rechtsverbindliche Anordnung erhielt, Rafah nicht zu betreten &ndash; das war im Mai 2024 &ndash; und den ungehinderten Fluss von Hilfsg&uuml;tern zuzulassen und Netanjahu dies eindeutig missachtete, da wurde mir wirklich klar: Wir haben es mit einem Staat, einer Ideologie zu tun, die v&ouml;llig &uuml;ber dem Gesetz steht. Wenn der Internationale Gerichtshof eine rechtsverbindliche Anordnung erl&auml;sst, nicht nach Rafah vorzudringen, ist das der Gipfel der weltweiten Rechtsprechung. Es handelt sich um eine rechtsverbindliche Anordnung des h&ouml;chsten Gerichts der Welt.<\/p><p>Und wenn es dann einen Staat gibt, der sich einfach nicht darum schert, wurde mir klar, dass wir es mit einem Staat zu tun haben, der das Recht seinem ultimativen Ziel der Ausl&ouml;schung unterordnet. Und unter diesen Umst&auml;nden, wenn man logisch denkt, wie kann man das verhindern? Wenn Advocacy <em>(Anm. d. Red.: Interessenvertretung und Einsetzen f&uuml;r eine Sache gegen&uuml;ber Regierungsvertretern und internationalen Organisationen)<\/em> nicht funktioniert hat, diplomatische und juristische Mechanismen nicht funktioniert haben, hat man zwei M&ouml;glichkeiten: Entweder man sieht zu, wie die Vernichtung stattfindet, was wir getan haben und weiterhin tun, oder man stoppt sie.<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>So einfach ist das. Um sie zu stoppen, muss man die Bomben stoppen. Das bedeutet eine Flugverbotszone.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>So einfach ist das. Um sie zu stoppen, muss man die Bomben stoppen. Das bedeutet eine Flugverbotszone. Wir haben Hunderte von Lastwagen mit Lebensmitteln und Hilfsg&uuml;tern rund um Gaza und ausgemergelte Kinder in Gaza. Ich denke, ein Kind k&ouml;nnte das sehen und sagen: Die Lastwagen m&uuml;ssen zu den Kindern. Aber niemand spricht so klar dar&uuml;ber.<\/p><p>Wir Aktivisten sind meiner Meinung nach immer noch zu sehr der illusorischen Vorstellung verhaftet, dass Israel sich an das Gesetz halten wird oder kann. Dabei ist die Wahrheit doch, auch wenn Staaten nicht genau wie Menschen sind, aber ich denke, man k&ouml;nnte einen Vergleich ziehen: Sie haben einen Serienm&ouml;rder, und Sie schreiben ihm Briefe, in denen Sie ihn bitten: &bdquo;Bitte h&ouml;ren Sie auf mit dem, was Sie tun.&ldquo; Nein, man muss ihn aufhalten. Man muss ihn verhaften.<\/p><p>Das war also der Ausl&ouml;ser. Ich begann dann in meiner Eigenschaft als Privatperson, mich f&uuml;r eine milit&auml;rische Intervention einzusetzen. Ich war sehr allein und wurde innerhalb der pal&auml;stinensischen Aktivistengemeinschaft als Radikaler stigmatisiert, gemieden und isoliert. Aber mein Wunsch nach einer milit&auml;rischen Intervention entspringt tats&auml;chlich pazifistischen Idealen. Ich m&ouml;chte nicht mit ansehen, wie Menschen abgeschlachtet werden. Und ich wei&szlig;, dass es weiter geschieht, wenn wir kein Mittel finden, sie aufzuhalten.<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Ich kann das unm&ouml;glich fordern, sie w&uuml;rden mich t&ouml;ten.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Jedenfalls begann ich, selbst viel dar&uuml;ber zu sprechen, und war frustriert, weil mir klar wurde, dass ich nur eine Einzelperson war und auch allein dastand. Damals habe ich monatelang die pal&auml;stinensische Zivilgesellschaft dazu ermutigt, sich daf&uuml;r einzusetzen. Aber mir wurde klar, dass sie das nicht tun &ndash; nicht unbedingt, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie Angst vor den Folgen haben. Viele Menschen, mit denen ich in Gaza gesprochen habe, sagen: &bdquo;Ich bin zu 100 Prozent auf deiner Seite, Bruder, aber ich kann das unm&ouml;glich fordern, sie w&uuml;rden mich t&ouml;ten.&ldquo; Angesichts meiner Erfahrungen mit Kampagnen und internationaler Diplomatie entschied ich, dass es richtig w&auml;re, die &bdquo;Protect Palestine&ldquo;-Kampagne zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Seit einem Jahr schlafe, tr&auml;ume und atme ich nur noch daf&uuml;r. Und jetzt kommen wir an einen Punkt, an dem es zu einer Bewegung wird. Ich glaube, wir haben jetzt 8.000 einzelne Mitglieder und 90 Organisationen, die mitmachen, und es gibt eine sehr spannende Veranstaltung am Samstag mit einem &ouml;ffentlichen Workshop zu diesem Thema, die hoffentlich ein entscheidender Moment sein wird, in dem die Menschen erkennen, dass die einzige M&ouml;glichkeit, das T&ouml;ten zu beenden, darin besteht, das T&ouml;ten zu beenden.<\/p><p><strong>Sie haben bereits dar&uuml;ber gesprochen, was &bdquo;Protect Palestine&ldquo; ist, aber k&ouml;nnen Sie unseren Lesern die rechtliche Situation erkl&auml;ren? Denn wenn man &bdquo;milit&auml;rische Intervention&ldquo; h&ouml;rt, fragt man sich nat&uuml;rlich sofort: Mit welcher Armee?<\/strong><\/p><p>Ja, lassen Sie uns dar&uuml;ber sprechen. Wir k&ouml;nnen das in zwei Teilen besprechen: ob es richtig ist und ob wir es tun k&ouml;nnen. Also zuerst: ob es richtig ist.<\/p><p>Es gibt keine Konvention auf der Welt, die von so vielen Staaten ratifiziert wurde wie die V&ouml;lkermordkonvention (Anm. d. Red.: <a href=\"https:\/\/www.uni-marburg.de\/de\/icwc\/zentrum\/pdfs\/voelkermordkonvention.pdf\">&bdquo;Konvention &uuml;ber die Verh&uuml;tung und Bestrafung des V&ouml;lkermordes&ldquo;<\/a>), die das v&ouml;lkerrechtliche Verbot des V&ouml;lkermords kodifiziert und die Staaten verpflichtet, ihn zu verhindern. Staaten haben also eine rechtliche Verpflichtung, die klarste rechtliche Verpflichtung, die Staaten haben k&ouml;nnen, eine Verpflichtung, die &uuml;ber allen anderen steht: Sie m&uuml;ssen die Ausl&ouml;schung von Menschen verhindern, einfach weil sie sind, wer sie sind. Richtig? Das ist ihre rechtliche Verpflichtung. Welche Mittel haben sie, um das zu verhindern? Nun, sie haben: Verurteilung durch die Vereinten Nationen. Davon hatten wir schon viele. Israel hat nicht aufgeh&ouml;rt, es hat den V&ouml;lkermord nicht verhindert. Wir haben verschiedene Arten von Konsumboykotten, an denen sich meiner Meinung nach die ganze Welt beteiligt hat, aber sie haben den V&ouml;lkermord nicht gestoppt. Wir haben gerichtliche Mechanismen wie den IGH und den IStGH sowie nationale Justizmechanismen, die den V&ouml;lkermord nicht gestoppt haben.<\/p><p>Und im Jahr 2005 hat sich die ganze Welt, jeder einzelne Staat der Welt, zusammengeschlossen, um das Prinzip der <a href=\"https:\/\/www.un.org\/en\/genocide-prevention\/responsibility-protect\/about\">&bdquo;Responsibility to Protect&ldquo;<\/a> (Anm. d. Red.: &bdquo;Schutzverantwortung&ldquo;) zu verabschieden. Und was steht darin? Jeder hat die Pflicht, V&ouml;lkermord zu verhindern. Und es wird auch klar gesagt, dass als letztes Mittel milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen ergriffen werden m&uuml;ssen.<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Es gibt eine rechtliche Verpflichtung f&uuml;r Staaten, milit&auml;risch einzugreifen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Es ist also nicht nur nicht umstritten, &uuml;ber eine milit&auml;rische Intervention zu sprechen, sondern es ist f&uuml;r Staaten nicht einmal eine Option, milit&auml;risch einzugreifen: Es gibt eine rechtliche Verpflichtung f&uuml;r Staaten, dies zu tun. Jeder Staat, der von der Bedeutung des Rechts oder der Rechtsstaatlichkeit spricht, kann sich also nicht der Verpflichtung entziehen, eine milit&auml;rische Intervention zu unternehmen, um V&ouml;lkermord unter genau diesen Umst&auml;nden zu verhindern. Das sollte also nicht umstritten sein. Es ist eine rechtliche Verpflichtung.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen auch &uuml;ber die moralische Verpflichtung sprechen. Wollen wir wirklich zusehen, wie das Gemetzel weitergeht? Ich denke, die &ouml;ffentliche Meinung weltweit dr&uuml;ckt die moralische Emp&ouml;rung &uuml;ber das Geschehen aus. Es gibt eine humanit&auml;re Verpflichtung. Wie ich bereits sagte, herrscht in ganz Gaza Hungersnot der Stufe f&uuml;nf, und Hunderte von Lastwagen mit Lebensmitteln stehen bereit. Ich denke, jeder humanit&auml;re Helfer w&uuml;rde sagen, dass die Lebensmittel und die Hilfe dort ankommen m&uuml;ssen. Und deshalb haben UNICEF, das Weltern&auml;hrungsprogramm, Oxfam und Dutzende andere &ndash; also diejenigen, die tats&auml;chlich Experten f&uuml;r die Verteilung von Hilfsg&uuml;tern sind &ndash; dies auch so gesagt. Es gibt also moralische, rechtliche und humanit&auml;re Gr&uuml;nde, die f&uuml;r eine milit&auml;rische Intervention sprechen.<\/p><p>Nun, wer w&uuml;rde das tun? Ich glaube, einer der Irrt&uuml;mer, in dem Menschen im Westen sich befinden, ist, zu glauben, dass sich die Welt nur um die NATO dreht. Das ist keineswegs die Sichtweise des Globalen S&uuml;dens. Staaten wie S&uuml;dafrika, Malaysia, Indonesien, Kolumbien, Kuba, Algerien &ndash; die Bev&ouml;lkerung dieser Staaten und sicherlich auch die Staaten selbst sind tief gepr&auml;gt von ihrer Erfahrung, sich von der westlichen imperialistischen Herrschaft befreit zu haben, und das hat auch ihr Selbstverst&auml;ndnis geformt.<\/p><p>Denken Sie einmal dar&uuml;ber nach, wor&uuml;ber wir hier sprechen: Wir sprechen davon, dass Schiffe der Seestreitkr&auml;fte dieser Staaten Hilfsg&uuml;ter liefern. Das ist heute machbar. Wenn die Freedom Flotilla mit Greta Thunberg und anderen nach Gaza fahren, obwohl sie mit hoher Wahrscheinlichkeit entf&uuml;hrt, festgenommen und ausgewiesen werden, wenn andere, mittlerweile Hunderte von Schiffen, das tun werden, dann verstehe ich einfach nicht, warum eine staatliche Marine, die gesetzlich dazu verpflichtet ist, das nicht tun kann.<\/p><p>Wir sprechen also hier davon, dass Marinen Hilfsg&uuml;ter nach Gaza liefern. Das ist doch das Mindeste. Das ist eine milit&auml;rische Intervention. Es ist milit&auml;risch, weil die Marine es tut, und es ist eine Intervention, weil man einen V&ouml;lkermord verhindert. Das ist keine Kriegserkl&auml;rung.<\/p><p>Dazu noch ein wichtiger Punkt: Eines der Dinge, die deutsche und US-amerikanische Politiker ganz bewusst getan haben, ist, die Menschen glauben zu machen, dass es sich hier um einen Krieg handelt. Lassen Sie uns einen Vergleich anstellen: Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, den man als Krieg bezeichnen k&ouml;nnte, ist meiner Meinung nach kein V&ouml;lkermord. Ich glaube nicht, dass Russland bewusst V&ouml;lkermord an der ukrainischen Bev&ouml;lkerung begeht. Ich halte es f&uuml;r eine ganz klassische kriegs&auml;hnliche Situation, in der es um Territorium, Souver&auml;nit&auml;t und Ressourcen geht. Als internationale Gemeinschaft sollten wir versuchen, einen Waffenstillstand zu erreichen, wir m&uuml;ssen versuchen, diesen Krieg zu beenden. Und wenn man sich diesen Krieg ansieht, sind 0,3 Prozent der Get&ouml;teten Kinder. Das ist tragisch. Kein Kind sollte jemals sterben, aber es entspricht dem, was man in einem Krieg erwarten w&uuml;rde. Und das liegt daran, dass der Gro&szlig;teil der K&auml;mpfe von Kombattanten ausgetragen wird. Ja, sie greifen zivile Gebiete an, und Kinder sind gestorben. Das ist tragisch und abscheulich, und wir m&uuml;ssen das stoppen. Aber es sind 0,3 Prozent. In Gaza sind es 37,7 Prozent Kinder.<\/p><p>Und das liegt daran, dass es kein Krieg ist. Es ist die absichtliche Ausl&ouml;schung einer gefangenen Bev&ouml;lkerung. Und es schockiert mich, dass die Deutschen das nicht sehen. Ich war schon mehrere Male in Deutschland und habe die Holocaust-Gedenkst&auml;tte in der N&auml;he der Hannah-Arendt-Stra&szlig;e in Berlin besucht, die sehr sch&ouml;nen und sehr beeindruckenden Skulpturen, die dort stehen. Hannah Arendt, deren Wissen &uuml;ber V&ouml;lkermord und die Nazis wohl un&uuml;bertroffen ist, <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/reference\/archive\/einstein\/1948\/12\/02.htm\">sagte 1948 ausdr&uuml;cklich<\/a>, dass die Freiheitspartei, Vorl&auml;uferin der heutigen Likud-Partei, in ihrer Ideologie, Methodik und Philosophie den Nazis sehr &auml;hnlich sei. Und es schockiert mich einfach, dass die Deutschen, die eine Stra&szlig;e nach ihr benannt haben, nicht auf sie h&ouml;ren. Ich glaube nicht, dass die deutsche Bev&ouml;lkerung insgesamt in der Lage ist, die Pal&auml;stinenser als Menschen mit den gleichen Rechten und dem gleichen Wert wie sie selbst zu sehen.<\/p><p><em>Den zweiten Teil dieses Interviews k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137974\">hier nachlesen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: lev radin \/ Shutterstock und Ousman Noor<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137786\">&bdquo;Amnesty ist ein terrorverherrlichendes Hamas-Outlet&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137684\">&bdquo;Unsere Reise ist aber nicht nur humanit&auml;r &ndash; sie ist eine &ouml;ffentliche Lektion im Recht.&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137711\">&bdquo;Wir k&ouml;nnen die unfassbar barbarischen Zust&auml;nde nicht mehr hinnehmen.&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137472\">Der Globale S&uuml;den gegen Waffenlieferungen an Israel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137344\">Zionismus im Endstadium &ndash; Ein Mythos zerbricht an der Realit&auml;t<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137268\">Pal&auml;stina: Der Westen fl&uuml;chtet sich in die Fantasie eines &bdquo;virtuellen Staates&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137102\">Einsch&uuml;chterungskampagne gegen ICC-Chefermittler Khan wegen Haftbefehl gegen Netanjahu &ndash; Welche Rolle spielt Deutschland?<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Lage in Gaza sich weiter zuspitzt, die Hungerblockade der Bev&ouml;lkerung t&auml;glich neue Opfer fordert und die israelische Regierung die vollst&auml;ndige Zerst&ouml;rung von Gaza City und die weitere Vertreibung der kompletten restlichen Bev&ouml;lkerung des Gazastreifens in Camps in den S&uuml;den des Landes beschlossen hat, mehren sich auch die Aktivit&auml;ten und Initiativen, die versuchen, sich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137919\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":18,"featured_media":137920,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,171],"tags":[1055,1917,2222,2392,1557,930,1792,303,1703,3154],"class_list":["post-137919","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-fluechtlinge","tag-genozid","tag-humanitaere-hilfe","tag-internationaler-gerichtshof","tag-israel","tag-justiz","tag-kolonialismus","tag-palaestina","tag-voelkerrecht","tag-waffenembargo"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/250824-Ousman-Noor-interview.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/18"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=137919"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137919\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":137991,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137919\/revisions\/137991"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/137920"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=137919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=137919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=137919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}