{"id":138,"date":"2004-09-23T11:38:08","date_gmt":"2004-09-23T10:38:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=138"},"modified":"2016-03-26T15:26:14","modified_gmt":"2016-03-26T14:26:14","slug":"einheitsfront-der-reformer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138","title":{"rendered":"Einheitsfront der Reformer"},"content":{"rendered":"<p>Wer den Sozialstaatsumbau ablehnt, hat im Bundestag und in der politischen Elite keine wirkungsvolle Stimme mehr &ndash; also gibt er sie Au&szlig;enseitern \/ Von Franz Walter \/ Quelle: S&uuml;ddeutsche Zeitung \/ Nr.220, Mittwoch, den 22. September 2004 , Seite 15<br>\n<!--more--><br>\nNat&uuml;rlich war nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg in den Schlagzeilen wochenanfangs aufgeregt und alarmistisch von einem &cedil;&cedil;Erdbeben&rdquo; die Rede. Und doch wusste man zugleich, dass das politische Establishment keinen Moment wirklich ersch&uuml;ttert war. Der Verlust von 7,4 Prozentpunkten galt ihnen schon als triumphale Best&auml;tigung f&uuml;r einen Ministerpr&auml;sidenten. Und die Eliten in diesem Land &ndash; von der Politik bis zur Wirtschaft, von der taz bis zur FAZ &ndash; zogen daraus die Schlussfolgerung, dass es mithin einzig darauf ank&auml;me, standfest zu bleiben, unbeirrt am Kurs der &cedil;&cedil;Reformen&rdquo; festzuhalten. <\/p><p>Einen solchen Elitenkonsens hat es in diesem Land noch nie gegeben. Der Begriff &cedil;&cedil;Reformen&rdquo; ist bei denen, die dominierend wirtschaften, deuten, administrieren, nachgerade sakrosankt. Er steht axiomatisch f&uuml;r das Gute, das unzweifelhaft Notwendige, f&uuml;r den einzigen Weg zum Heil aus dem Jammertal der viel zitierten &cedil;&cedil;deutschen Krankheit&rdquo;. Allein mit dem Bekenntnis zur &cedil;&cedil;Reform&rdquo; verschafft man sich daher Zugeh&ouml;rigkeit zu denen, auf die es in diesem Land ankommt. Wer auch nur ein vorsichtiges Fragezeichen setzt, wird meist schnell und scharf exkludiert, gilt wom&ouml;glich als tumber Bsirskeist, als sozialstaatlicher Ewiggestriger, in der mildesten Version: als Leugner der Wirklichkeit. <\/p><p>Eben das aber ist die Ausgangslage f&uuml;r die Verwerfungen, die sich zuletzt an einigen Montagabenden entluden und an Wahlsonntagen &auml;u&szlig;erten, und &uuml;ber die dann die Eliten dieser Republik ihre sorgenvollen Klagelieder anstimmen. Denn wer die Reformen nicht goutiert &ndash; und das sind seit Jahren hartn&auml;ckig und st&ouml;rrisch gro&szlig;e Teile dieser Gesellschaft &ndash; sieht sich politisch auf au&szlig;erparlamentarisches Terrain abgestellt. Im nationalen Parlament jedenfalls, im Berliner Reichstag, hat er keine Repr&auml;sentanz mehr. <\/p><p>Dort teilen alle Fraktionen im Kern eine identische Reformphilosophie, von den Gr&uuml;nen bis zur CSU, von den Sozialdemokraten bis zu den Liberalen. Ein bisschen polemisch gewiss, aber gar nicht sonderlich &uuml;bertrieben m&ouml;chte man sagen: Eine solche politische Einstimmigkeit hat man in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus allein am 4. August 1914 erlebt. Im &uuml;brigen aber gab es davor und danach, bis in das Jahr 2002 hinein, noch ausreichend politische Differenz, gen&uuml;gend elementaren Streit &uuml;ber verschiedene politische L&ouml;sungswege, auch &uuml;ber grundlegende gesellschaftliche Alternativen. <\/p><p><strong>Die andere deutsche Krankheit<\/strong><\/p><p>Eben diese konstitutive Kontroverse zwischen verschiedenen Deutungen, Philosophien, Interessen und Entw&uuml;rfen ist das Elixier der Politik, die eigentliche Begr&uuml;ndung und Legitimation f&uuml;r den Parteienstaat und den Parlamentarismus. Parteien haben die Aufgabe, die unterschiedlichen Einstellungen, sozialen Lagen, werteorientierten Postulate der einzelnen Bev&ouml;lkerungsteile aufzunehmen, zu b&uuml;ndeln, zu strukturieren und in eine zivilisierte, aber scharfe Auseinandersetzung in die Arena des Parlaments zu tragen. Darin liegt die integrative, infolgedessen friedensstiftende Funktion des parteienstaatlichen Parlamentarismus. <\/p><p>Aber diese Funktion wird nicht mehr wahrgenommen. Weit &uuml;ber die H&auml;lfte der Deutschen hat, wie wir laufend aus unz&auml;hligen Befragungen erfahren, Einw&auml;nde gegen eine rein markt- und rentabilit&auml;tsorientierte Revision der &uuml;berlieferten sozialen Sicherungssysteme. Das mag konservativ begr&uuml;ndet sein, sozialsentimental, linksprogressiv, christlich-n&auml;chstenliebend oder einfach nur dumpf sicherheitsorientiert. Es ist jedenfalls eine legitime Grundmentalit&auml;t, die in einigen L&auml;ndern dieser Welt nicht ohne Erfolg zu eher etatistischen, transferorientierten L&ouml;sungen wohlfahrtlicher Aufgaben gef&uuml;hrt hat. <\/p><p>Aber in Deutschland hat diese Mentalit&auml;t im Bundestag keine Repr&auml;sentanz mehr. Keine Partei nimmt im Parlament die wohlfahrtsstaatliche Stimmung auf, artikuliert sie, gibt ihr politische Richtung und Rationalit&auml;t. Bis in den September 2002 haben Gr&uuml;ne und Sozialdemokraten noch anderes versprochen und wurden durch diese Mentalit&auml;t schlie&szlig;lich auch ein zweites Mal in das Kanzleramt und in die Bundesministerien getragen. Nach dem Agenda- und Richtungswechsel der rot-gr&uuml;nen Regierung siedelte sich ein Teil dieser nun frustrierten Mentalit&auml;t zun&auml;chst hoffnungsvoll bei den Unionsparteien an. <\/p><p>Doch in der neu-verb&uuml;rgerlichten Union gab es daf&uuml;r erst recht keinen sozialkulturellen Raum oder gar eine politische Vertretung. Und so wurde diese wohlfahrtliche Stimmung und Schichtung gleichsam in die au&szlig;erparlamentarische Randzone weggesto&szlig;en. &Uuml;berwiegend dr&uuml;ckte sich das in elektorale Enthaltung aus, neuerdings aber eben auch in der Wahl von populistischen oder extremistischen Parteien. Deren Charakter und politisch-sozialer Ort kann gegens&auml;tzlicher oft kaum sein, kann von weit links bis extrem rechts reichen: Aber in ihrer Wahl schwingt die elementare, von den Bundestagsparteien allerdings fundamental entt&auml;uschte Erwartung mit, dass Politik auch anders sein kann, dass Alternativen m&ouml;glich und legitim sind, dass Wirklichkeit verschieden gedeutet werden darf, dass es auch Blockaden oder Transformationen von Reformen geben sollte. <\/p><p>Kurz: Die eigentliche deutsche Krankheit ist, dass keine Partei im Bundestag mehr diese genuine, geradezu klassische Erwartung an Politik in sich tr&auml;gt. Die weltanschaulichen Interpretationen haben sich eingeebnet, die politischen Perspektiven sind nivelliert. Es herrscht eine verbl&uuml;ffende Einheitsfront der &cedil;&cedil;Reformer&rdquo;. Historisch ist diese Einheitsfront, ist dieser nachgerade sakrale Dogmatismus der &cedil;&cedil;Reform&rdquo; neu. Warum auch sollten Reformen f&uuml;r alle gut sein? Die Geschichte kennt viele Reformperioden. Aber sie kennt keine Reform&auml;ra, aus der alle Menschen und Klassen als Gewinner hervorgegangen w&auml;ren. <\/p><p>Am Ausgang von Reformprozessen stehen Verlierer und Gesch&auml;digte, stehen h&auml;ufig tiefe Einrisse und schwere Tr&uuml;mmer. Doch mehr noch: Es gibt kein Reformprojekt in der Weltgeschichte, dass nicht am Ende auch das Gegenteil von dem schuf, was es urspr&uuml;nglich beabsichtigte. Es gab gen&uuml;gend Reformvorhaben, die mehr Schaden als Nutzen stifteten &ndash; und dadurch Voraussetzung f&uuml;r eine n&auml;chste, nun gegenteilig begr&uuml;ndete Reformsequenz wurden. Soziologen sprechen in solchen F&auml;llen von nichtintendierten Folgen gut gemeinter Absichten. Mit anderen Worten, Reformen stiften keineswegs per se Gl&uuml;ck, Wohlfahrt, Befreiung; sie produzieren oft genug neue, andere Formen von Abh&auml;ngigkeiten, Ungleichheiten, Begrenzungen und Bedr&uuml;ckungen. <\/p><p><strong>Heftige Nebenwirkungen<\/strong><\/p><p>Gerade die Sozialdemokraten m&uuml;ssten das wissen. Ihre Agenda 2010 bedeutet im Kern schlie&szlig;lich die Generalrevision ihres vorangegangen gro&szlig;en Reformprojekts aus den 1970-er Jahren. Das Reformmodell in der &Auml;ra Brandt setzte auf den kr&auml;ftigen Ausbau des Sozialstaats als grundlegende Voraussetzung f&uuml;r Freiheit, Partizipation, Gerechtigkeit und Emanzipation. In der Logik der Agendareformer von heute aber ist dieser Sozialstaat, den man selber vor 30 Jahren etablierte, mittlerweile entschieden zu teuer, zu parasit&auml;r, zu leistungshemmend, zu wachstumsfeindlich, zu paternalistisch. Er ist die Quelle des &Uuml;bels, das man gegenw&auml;rtig bek&auml;mpft. Die Sozialdemokraten reformieren sich also gewisserma&szlig;en selbst. Und eben das sollte misstrauisch machen. <\/p><p>Die Willy-Brandt-Sozialdemokraten waren 1972 ebenso felsenfest vom historischen Fortschritt ihres Reformismus &uuml;berzeugt wie Kanzler Schr&ouml;der jetzt im Jahr 2004 von der Alternativlosigkeit seiner Agendareformen. Im Jahr 2004 aber plagen sich die Reformer in erster Linie mit den Folgen der Reformen von 1972 im Hochschulbereich, im Schulwesen, in den Gemeinden, in der Sozialpolitik und der Wirtschaft. Es spricht angesichts der Dialektik von Reformen also viel daf&uuml;r, dass wir sp&auml;testens im Jahr 2036 schwer unter der dr&uuml;ckenden Last Reformen des Jahres 2004 &auml;chzen und leiden werden, die r&uuml;ckblickend dann als verfehlt, &uuml;berdreht, vereinseitigt gelten werden. <\/p><p>Ein bisschen haben uns die Vorboten verfehlter Reformen schon jetzt erreicht. Und damit spannt sich der Bogen wieder zur&uuml;ck zum Ausgang der letzten Landtagswahlen. Denn am Ende des marktzentrierten, antietatistischen Reformprozesses wird nat&uuml;rlich eine massive Entinstitutionalisierung stehen: Wir werden weniger Staat, weniger Solidargemeinschaften, weniger Gro&szlig;organisationen, weniger kollektive L&ouml;sungen haben. Die integrativen Strukturen werden dezimiert, die sozialen R&auml;ume von koh&auml;renten Normen, Einrichtungen und Assoziationen entleert sein. <\/p><p>Aber exakt das, die Entleerung und Entinstitutionalisierung, ist, wenn andere zivilgesellschaftliche Vernetzungen und Kulturen nicht in ausreichendem Ma&szlig;e entstanden sind, die Voraussetzung f&uuml;r Populismus und Extremismus, zuweilen auch von j&auml;her Militanz. Wo die Puffer von Strukturen, Institutionen, Repr&auml;sentanz und kollektiven sozialmoralischen Verbindlichkeiten fehlen, entl&auml;dt sich Unmut, artikulieren sich Stimmungen unmittelbar, ungefiltert, aggressiv &ndash; ziellos. Wir beklagen das in diesen Tagen pathetisch und &uuml;bersehen doch, dass dies auch Folgen, heftige ungewollte Nebenwirkungen der &ldquo;Reformen&rdquo; sind. Und dieser Reformprozess, so dozieren es die Eliten der Republik tagt&auml;glich, ist l&auml;ngst noch nicht zu Ende. <\/p><p>Der Autor lehrt Politikwissenschaften an der Universit&auml;t G&ouml;ttingen. <\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Sozialstaatsumbau ablehnt, hat im Bundestag und in der politischen Elite keine wirkungsvolle Stimme mehr &ndash; also gibt er sie Au&szlig;enseitern \/ Von Franz Walter \/ Quelle: S&uuml;ddeutsche Zeitung \/ Nr.220, Mittwoch, den 22. 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