{"id":13801,"date":"2012-07-09T09:01:01","date_gmt":"2012-07-09T07:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13801"},"modified":"2015-03-07T14:22:36","modified_gmt":"2015-03-07T13:22:36","slug":"hofberichterstattung-im-sommerloch-der-bundesprasident-als-der-standige-vertreter-der-politik-gegenuber-der-bevolkerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13801","title":{"rendered":"Hofberichterstattung im Sommerloch \u2013 Der Bundespr\u00e4sident als der \u201est\u00e4ndige Vertreter der Politik gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dass es Sommer geworden ist, merkt man nicht am Wetter, sondern am &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland. Die &bdquo;Sommerinterviews&ldquo; m&uuml;ssen wieder einmal das Sommerloch stopfen. Die Rundfunkanstalten &uuml;berbieten sich geradezu: Gabriel in der ARD, Gauck im ZDF. Die Erfahrung zeigt, wenn es nicht gerade gegen die Linkspartei geht, dann geraten die &bdquo;Sommerinterviews&ldquo; zur reinen Hofberichterstattung. Passend dazu hat Bettina Schausten das Interview mit dem Bundespr&auml;sidenten auch im Schloss Bellevue gef&uuml;hrt. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Interview selbst &ndash; das beweist auch die Vorberichterstattung in den Nachrichtensendungen &ndash; hatte wenig Nachrichtenwert. Man bescheinigte im Vorspann dem Bundespr&auml;sidenten nach &uuml;ber hundert Tagen Amtszeit, dass er bei den B&uuml;rgern &bdquo;eine gute Bilanz&ldquo; aufweise. Er habe reparieren m&uuml;ssen, was sein Vorg&auml;nger &bdquo;zerst&ouml;rt&ldquo; habe und das gelinge ihm scheinbar m&uuml;helos. Er sei den Menschen immer ganz nah, ja geradezu ein echter Menschenfreund, er sei immer mittendrin, statt nur dabei. So wird eingangs der Sendung gelobhudelt. <\/p><p>Gauck durfte unter anderem seinen Fauxpas ausr&auml;umen, dass er sich bei seinem Antrittsbesuch in Br&uuml;ssel &bdquo;spontan&ldquo; die Freiheit nahm, der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/antrittsbesuch-in-bruessel-gauck-erwartet-ja-aus-karlsruhe-zum-rettungsschirm-1.1334745\">Euro-Rettungsschirm und den Fiskalpakt vorzugreifen<\/a>. Er versage sich der Pr&uuml;fung, ob ihm hier nur ein St&ouml;ckchen hingehalten worden sei, verteidigte er sich. Er werde jedoch nicht ein zweites Mal dar&uuml;ber springen, er sei schlie&szlig;lich auch in seinem Alter immer noch lernf&auml;hig. Doch wenige S&auml;tze danach springt er schon wieder ganz ohne St&ouml;ckchen und greift dem Urteil der Richter in Karlsruhe ein weiteres Mal vor: Im Moment sei bzw. bleibe die Kanzlerin &bdquo;voll auf der Ebene&hellip;die unser Grundgesetz errichtet hat&ldquo;, bescheinigt er der Regierung und nimmt sein Urteil vorweg. <\/p><p>Gauck sagt zwar, dass dem Bundespr&auml;sidenten politische Bewertungen nicht zust&uuml;nden, doch wenige S&auml;tze danach ergreift er Partei und schlie&szlig;t sich hinsichtlich der Beschl&uuml;sse des j&uuml;ngsten Br&uuml;sseler Gipfels der Bewertung der Bundesregierung an, dass &bdquo;rote Linien nicht &uuml;berschritten&ldquo; und dass &bdquo;deutsche Interessen voll inhaltlich&ldquo; gewahrt worden seien.  <\/p><p>Bei seiner Nominierung durch die Regierungskoalition ist ja der Eindruck entstanden, als sei Merkel erst durch die FDP gezwungen worden, ihn als Kandidaten f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten zu akzeptieren. Gauck scheint sich deshalb wohl verpflichtet zu f&uuml;hlen, der Kanzlerin seine unbedingte Loyalit&auml;t zu bekunden. &bdquo;Ich k&ouml;nnte nicht, was sie kann und was sie gerade leistet&ldquo;. Im Vergleich mit anderen F&uuml;hrungskr&auml;ften in der Welt und in Europa wachse der Respekt ihr gegen&uuml;ber. Es ist die menschelnden Ebene, auf der auch der &acute;Boulevard` Stimmung f&uuml;r Merkel macht, um damit von ihrer Politik abzulenken.<\/p><p>Es scheint typisch f&uuml;r Joachim Gauck, dass er &uuml;berall dort, wo er mit seinen Worten anst&ouml;&szlig;t, einen m&ouml;glichen Ansto&szlig; wieder wortreich zur&uuml;cknimmt oder als konform mit der offiziellen Regierungslinie uminterpretiert.  <\/p><p>Wer etwa dachte, Gauck habe mit seinem Abr&uuml;cken von Merkels Formel vom Existenzrecht Israels als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article106389740\/Gauck-rueckt-von-Merkels-Staatsraeson-Formel-ab.html\">Teil der deutschen Staatsr&auml;son<\/a>&ldquo;, darauf aufmerksam machen wollen, dass damit Deutschland bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost in &bdquo;enorme Schwierigkeiten&ldquo; gebracht werden k&ouml;nne, dass n&auml;mlich damit eine Verpflichtung zu milit&auml;rischem Beistand verbunden sein k&ouml;nne, muss ihn wohl gr&uuml;ndlich missverstanden haben. &bdquo;Ich werde der letzte deutsche B&uuml;rger sein, der die Auffassung der Bundeskanzlerin negiert&ldquo;, ruderte er unterw&uuml;rfig zur&uuml;ck. Seine &Auml;u&szlig;erungen seien eine &bdquo;Ann&auml;herung auf einem etwas anderem Wege, die zu demselben Ergebnis f&uuml;hrt&ldquo; gewesen. <\/p><p>Wo Gauck in seiner bisherigen Amtszeit angeeckt ist, relativiert er seine &Auml;u&szlig;erungen. So auch von seiner Distanzierung von dem einzigen in Erinnerung gebliebenen Satz seines Vorg&auml;ngers im Amt, Christian Wulff, der offen aussprach &bdquo;Der Islam geh&ouml;rt zu Deutschland&ldquo;. Er k&ouml;nne diesen Satz so nicht &uuml;bernehmen sagte er in einem Gespr&auml;ch mit der Wochenzeitung &acute;Die Zeit`: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/integration-gauck-distanziert-sich-von-wulffs-islam-rede-a-836241.html\">Ich h&auml;tte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, geh&ouml;ren zu Deutschland<\/a>&ldquo;. Er begab sich damit auf die populistische Linie des Fraktionsvorsitzenden der CDU Volker Kauder, der meinte, der Islam sei eine der Religionen, die in Deutschland ausgelebt werde, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article106201159\/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Deutschland.html\">der Islam geh&ouml;re aber nicht zu Deutschland<\/a>. <\/p><p>Kurze Zeit vor diesem ZDF-Interview hatte seine Glaubensschwester Margot K&auml;&szlig;mann Gaucks Distanzierung von Wulff als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/newsticker\/news3\/article107925605\/Kaessmann-kritisiert-Gauck.html\">eine intellektualistische Unterscheidung, die eigentlich niemand versteht<\/a>&ldquo; kritisiert. Gauck wehrte diese Kritik ab, indem er absch&auml;tzig darauf verwies, dass er die Vorbehalte gegen seine Formulierung aus einem &bdquo;bestimmten Milieu&ldquo; kenne, er berufe sich lieber auf die Stimme des Volkes: &bdquo;Interessanterweise sei es nicht niemand, sondern die Mehrheit, die meine Formulierung versteht&ldquo;. <\/p><p>Denkt er nun an die H&auml;lfte der Deutschen, die meinen, dass der Islam nicht zu Deutschland geh&ouml;rt oder an die andere H&auml;lfte, die der Ansicht sind, <a href=\"http:\/\/www.rtl.de\/rtl-nachrichtenarchiv\/1091584\/rtl-umfrage-deutsche-haben-keine-angst-vor-dem-islam.html%20\">dass der Islam Teil der deutschen Gesellschaft ist<\/a>? Von einem Bundespr&auml;sidenten h&auml;tte man erwarten d&uuml;rfen, dass ihm die &ndash; auch durch Sarrazin &ndash; um sich greifende Islamfeindlichkeit bewusst ist. Die gut vier Millionen in Deutschland lebenden Menschen, die sich zum Islam als Religion bekennen, h&auml;tten von einem Bundespr&auml;sidenten mehr erwarten d&uuml;rfen, als den Hinweis, dass seine Formulierung nicht als &bdquo;Abschied um die Bem&uuml;hungen zur Integration und von einem offenen Deutschland&ldquo; verstanden werden d&uuml;rften. <\/p><p>Gauck, der sich doch bei seiner Kandidatur zum Bundespr&auml;sidenten zur Hauptaufgabe gemacht hatte, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2012-03\/gauck-wahl-kommentar\">Politik und B&uuml;rger einander wieder n&auml;her zu bringen<\/a>, will nun nur noch helfen, &bdquo;dass wir einander besser verstehen&ldquo;. Er sei &bdquo;eben auch der st&auml;ndige Vertreter der aus&uuml;benden Politik gegen&uuml;ber der Bev&ouml;lkerung&ldquo;. Er schiebt jedoch den Schwarzen Peter der Kanzlerin zu. &ldquo;Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet, auch fiskalisch bedeutet. Ich habe diese Aufgabe nicht&ldquo;. Sie m&uuml;sse die Energie aufbringen der Bev&ouml;lkerung sehr offen zu sagen, was eigentlich geschehe. Er sei zwar wie Angela Merkel auch der Meinung, dass wir &bdquo;mehr Europa wagen&ldquo; m&uuml;ssten, aber die Kanzlerin m&uuml;sse &bdquo;sehr detailliert erkl&auml;ren&ldquo; was diese Formulierung bedeute. Beim zentralen Thema Europa l&auml;sst der Pastor also seine Herde orientierungslos und sucht das schwarze Schaf in der Politik. <\/p><p>Immer dann, wenn sich die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger von der Regierung im Stich gelassen f&uuml;hlen, geh&ouml;rt der Appell, dass die Politik besser vermittelt werden m&uuml;sse, zur g&auml;ngigen Ausrede. Das war schon so, als Gerhard Schr&ouml;der seine Agenda-Politik nicht &bdquo;vermitteln&ldquo; konnte und das wiederholt sich jetzt im Hinblick auf die Europapolitik der Kanzlerin wieder. Statt sich auf ein F&uuml;r und Wider einzulassen und statt eine offene Debatte zu f&uuml;hren, geht es angeblich nur darum die derzeitige Politik zu &bdquo;erkl&auml;ren&ldquo;, gerade so als g&auml;be es keine Alternative dazu. <\/p><p>Bettina Schausten arbeitete leider nur ihren Fragekatalog ab, sie stellte keine Nachfragen und sie lie&szlig; es zu, dass Gauck sich wie eine Seife in ihren H&auml;nden ihrem fragenden Zugriff entzog. <\/p><p>P.S.: Auch Sigmar Gabriel half im Sommerinterview bei der Hofberichterstattung mit: &ldquo;Merkel macht ja nicht alles falsch&rdquo;. Sie sei bereit, &ldquo;sozialdemokratische Antworten&rdquo; zu geben, &ldquo;wenn sie merkt, ihre Politik geht schief&rdquo;, sagte er mit Blick auf die Euro-Rettung.<\/p><p>Zuschauerfrage: Unterscheidbarkeit zur CDU?<br>\nDie Positionen von SPD und CDU sind in vielen Politikbereichen nicht weit auseinander. Beispiel Energiewende. Da liegt die Frage nahe, wie sich die SPD denn wieder unterscheidbar machen, von Merkels CDU abgrenzen will. Das fragten sich auch viele Zuschauer und Leser von tagesschau.de und Bericht aus Berlin. Gabriels Antwort: Nur weil die Kanzlerin einige sozialdemokratische Positionen &uuml;bernehme, &auml;ndere dies nichts daran, &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gabrielinterview102.html?r=&amp;lid=184442\">dass die Unterschiede dramatisch gro&szlig;e sind<\/a>&ldquo;. <\/p><p>Doch woran sollte man diese &bdquo;dramatischen Unterschiede&ldquo; erkennen k&ouml;nnen?  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es Sommer geworden ist, merkt man nicht am Wetter, sondern am &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland. Die &bdquo;Sommerinterviews&ldquo; m&uuml;ssen wieder einmal das Sommerloch stopfen. Die Rundfunkanstalten &uuml;berbieten sich geradezu: Gabriel in der ARD, Gauck im ZDF. Die Erfahrung zeigt, wenn es nicht gerade gegen die Linkspartei geht, dann geraten die &bdquo;Sommerinterviews&ldquo; zur reinen Hofberichterstattung. Passend<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13801\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[207,96,183],"tags":[764,1349,752,1540],"class_list":["post-13801","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-islamismus","category-bundespraesident","category-medienkritik","tag-gauck-joachim","tag-sommerinterview","tag-wulff-christian","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13801","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13801"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25329,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13801\/revisions\/25329"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}