{"id":138063,"date":"2025-08-28T09:00:43","date_gmt":"2025-08-28T07:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138063"},"modified":"2025-08-28T16:28:45","modified_gmt":"2025-08-28T14:28:45","slug":"s-bahn-vorm-kollaps-und-ausverkauf-das-ganze-ist-eine-privatisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=138063","title":{"rendered":"S-Bahn vorm Kollaps und Ausverkauf: \u201eDas Ganze ist eine Privatisierung!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Berliner S-Bahn rauscht von einer Krise in die n&auml;chste. Diesmal herrscht Chaos, weil die Infrastruktur marode und Jahrzehnte alt ist. Die Ausschreibung zweier Teilnetze mit dem angestrebten Zuschlag f&uuml;r einen DB-Konkurrenten sollte eigentlich alles besser machen, macht aber alles noch schlimmer, meint <strong>Carl Wa&szlig;muth<\/strong> vom B&uuml;ndnis &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo;. Im Interview mit den <em>NachDenkSeiten<\/em> gei&szlig;elt er neoliberale Ideologen, gierige Manager und Politiker, die heute dies sagen und morgen das Gegenteil machen. Sein Rezept zur Rettung: Rekommunalisierung. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7828\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-138063-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=138063-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250828_S_Bahn_vorm_Kollaps_und_Ausverkauf_Das_Ganze_ist_eine_Privatisierung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person<\/strong><\/em><\/p><p>Carl Wa&szlig;muth, Jahrgang 1969, ist Bauingenieur, Infrastrukturexperte und Sprecher bei &bdquo;<a href=\"https:\/\/bahn-fuer-alle.de\/\">Bahn f&uuml;r alle<\/a>&ldquo; unter dem Dach des Vereins &bdquo;Gemeingut in B&uuml;rgerInnenhand (GiB)&ldquo;, den er mitgegr&uuml;ndet hat. Dieser setzt sich f&uuml;r die Demokratisierung der Daseinsvorsorge und f&uuml;r die gesellschaftliche Verf&uuml;gung &uuml;ber G&uuml;ter wie Wasser, Bildung, Mobilit&auml;t und Gesundheit ein.<\/p><p><strong>Ralf Wurzbacher: Herr Wa&szlig;muth, am vergangenen Donnerstag staunten Fahrg&auml;ste der Berliner S-Bahn-Linie 7 nicht schlecht. Ihre Bahn bef&ouml;rderte sie durch mehrere Bahnh&ouml;fe hindurch ohne Halt und ohne Durchsage <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2025\/08\/berlin-sbahn-s7-versehentlich-auf-abstellgleis-mit-passagieren.html\">auf ein Abstellgleis<\/a>. Nun k&ouml;nnte man dem Zugf&uuml;hrer ein Faible f&uuml;r Symbolik andichten, die Sache war aber profaner: Sein Gef&auml;hrt war defekt, wie aktuell so ziemlich alles bei der S-Bahn. Sie leben selbst in Berlin. Sind Sie bedient?<\/strong><\/p><p><strong>Carl Wa&szlig;muth<\/strong>: Wir waren dieses Jahr in Schweden im Urlaub, mit dem Nachtzug hin und zur&uuml;ck, mit Regionalzug und Bussen vor Ort, und mit U-Bahn und &bdquo;pendelt&aring;g&ldquo; in Stockholm. Das hat alles wunderbar geklappt. Die Ankunft in Berlin war umso h&auml;rter. Die Ringbahn war unterbrochen, und unsere U-Bahn auch. Die Bahnh&ouml;fe waren voller desorientierter Menschen. Letztlich sind wir mit der Stra&szlig;enbahn nach Hause gekommen. Nach ein paar Tagen haben wir verstanden, dass das keine Ausnahme war. Hier f&auml;llt ein Signal aus, da ein Stellwerk, am n&auml;chsten Tag ein anderes Stellwerk. Es ist eine wahre St&ouml;rungskaskade.<\/p><p><strong>Das alles erinnert an die S-Bahn-Krise im Jahr 2009, die &bdquo;gr&ouml;&szlig;te ihrer Geschichte&ldquo;, wie es bis dato immer hie&szlig;. Muss das Geschichtsbuch umgeschrieben werden?<\/strong><\/p><p>Vielleicht zur &bdquo;unendlichen&ldquo; S-Bahn-Geschichte. Ab 2009 war es eine Krise des Wagenmaterials infolge verschleppter Instandhaltung, die S-Bahn Berlin war finanziell ausgepresst worden in Vorbereitung auf den angestrebten B&ouml;rsengang der Deutschen Bahn AG. Die gro&szlig;e Instandhaltung ist alle f&uuml;nf Jahre vorgeschrieben, pl&ouml;tzlich musste fast die H&auml;lfte der Wagen in einem Jahr auf die B&uuml;hne. Und so hatten wir 2015 auch wieder zu wenige Fahrzeuge und 2020 und 2025 &hellip; Wie ein unrundes Rad rumpelt es bei jedem Umlauf. Jetzt kommt dazu, dass auch die Infrastruktur kaputt geht. Mitte der 1990er-Jahre hatte man auf elektronische Stellwerkstechnik umgestellt. Die Kabel und vieles von der Technik sind 30 Jahre alt, und da gibt es eben Kunststoff, elektrische Kontakte und so weiter, das ist entweder anf&auml;llig oder schon hin&uuml;ber.<\/p><p><strong>Das hei&szlig;t also, die Probleme von heute sind im Grunde die alten?<\/strong><\/p><p>Mehr als das. Wir haben einen Teil der alten Probleme bei den Wagen und neue Wagenprobleme, weil die Ausschreibung f&uuml;r neue Wagen sage und schreibe 25 Mal verschoben und damit sechs Jahre verz&ouml;gert wurde. Und dann eben das zunehmend marode Netz. Das Netz geh&ouml;rt der DB InfraGO, einer DB-Tochter. F&uuml;r die Nutzung zahlt die S-Bahn Berlin die h&ouml;chsten Trassenpreise im Regionalverkehr. Das sollte also ein Premiumprodukt sein, vergleichbar mit einer ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke. Aber die InfraGO kassiert nur und macht keinerlei Anstalten, auch nur das N&ouml;tigste zu tun. Ihre Ansage &bdquo;Gemeinwohlorientierung&ldquo; ist nur Folklore, man f&uuml;hrt knallhart die Gewinne an die DB AG ab, deren Manager wollen schlie&szlig;lich ihre Boni. Und so stellt die InfraGO zu wenig Personal bereit. Ein Stellwerker wird krank, deswegen liegt die Stadtbahn still. So eine Abh&auml;ngigkeit gibt es in keiner anderen Metropole der Welt.<\/p><p><strong>Zum besseren Verst&auml;ndnis: Die S-Bahn Berlin GmbH ist selbst auch eine Tochter der DB &hellip;<\/strong><\/p><p>Genau, wie die InfraGO. Beide f&uuml;hren ihre Gewinne ab, aber als Firmen funktionieren sie v&ouml;llig getrennt. Der Gedanke entspringt der neoliberalen Ideologie der 1990er-Jahre. Das war auch das fatale Prinzip der Privatisierung von British Rail und der Londoner Metro. Wenn Netz und Betrieb getrennt werden, kann man verschiedene Betreiber konkurrieren lassen. Und dann spart man angeblich Geld, weil die sich unterbieten. Aber das funktioniert nicht ansatzweise.<\/p><p><strong>Sondern?<\/strong><\/p><p>Auf den Teilstrecken entstehen ja doch Monopole auf 15 Jahre. Und obendrein bekommt man viele problematische Schnittstellen. Gerade kam heraus, dass die S-Bahn <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/mussen-die-bahnstrecken-so-lange-gesperrt-sein-berliner-professor-kritisiert-deutsche-bahn-fur-schienenschaden-durch-falsche-rader-14165966.html\">billige R&auml;der verwendet<\/a>, die die Schienen auf der Stadtbahn sch&auml;digen, sodass die nach acht statt nach 20 Jahren saniert werden muss. InfraGO r&uuml;gt das nicht und holt sich das Geld f&uuml;r die Sanierung einfach vom Bund.<\/p><p>Trotz dieser Erfahrungen hat man in Berlin den S-Bahn-Verkehr 2016 in zwei Teilen vergeben, die Ringbahn und den Rest. Beides macht noch die S-Bahn Berlin GmbH, aber die Trennung von Netz und Betrieb hat man schon mal. Jetzt wird seit Jahren die weitere Aufsplitterung vorangetrieben. Das gr&ouml;&szlig;ere Teilst&uuml;ck wird noch mal halbiert, das erfordert, dass neue Werkst&auml;tten gebaut werden, obwohl es ja schon welche gibt. Den Wagenfuhrpark kann im Rahmen einer &ouml;ffentlich-privaten Partnerschaft (&Ouml;PP) f&uuml;r 30 Jahre noch einmal jemand ganz anderes bekommen. Zu all dem l&auml;uft seit 2019 die Ausschreibung. Es ist, glaube ich, das komplizierteste Vergabeverfahren, das Deutschland je hatte, und das unsinnigste obendrein.<\/p><p><strong>Wir beide hatten uns &uuml;ber dieses Thema, also die Ausschreibung der Teilnetze Nord-S&uuml;d und Stadtbahn, schon einmal vor &uuml;ber f&uuml;nf Jahren im <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60747\">NachDenkSeiten-Interview<\/a> unterhalten. Damals war das Projekt, dessen erste Vorbereitungen sogar bis 2016 zur&uuml;ckreichen, endg&uuml;ltig auf die Spur gesetzt worden, von einem rot-rot-gr&uuml;nen Senat. In den kommenden Wochen, vielleicht auch Tagen, werden der oder die Sieger des Auswahlprozesses bekannt gegeben. Dabei h&auml;tte alles viel schneller gehen und das neue Zugmaterial schon 2023 rollen sollen, nun wird das Jahr 2031 gehandelt. Woran hakt es so?<\/strong><\/p><p>Das Ganze ist eine Privatisierung! Wir haben 2019 einen SPD-Abgeordneten gesprochen, Sven Heinemann, der Mann schreibt B&uuml;cher zur S-Bahn und ist Landesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer der SPD Berlin. Der sagte uns sinngem&auml;&szlig; zwei Dinge: Die Ausschreibung abzubrechen ginge nicht, da w&uuml;rde man zu viel Zeit verlieren, wir br&auml;uchten die neuen Wagen dringend. Jetzt sieht man, dass mit dem Nichtabbruch viel mehr Zeit verloren wurde &ndash; das haben wir &uuml;brigens vorausgesagt. Dann meinte Heinemann noch, man wolle nicht wirklich privatisieren, nur der DB eine Drohkulisse aufbauen, um sie zu disziplinieren nach dem S-Bahn-Chaos von 2009. Am Ende entscheide das Abgeordnetenhaus, da k&ouml;nne man bei einem falschen Ausgang der Vergabe noch die Notbremse ziehen. Was ist heute ein &bdquo;falscher Ausgang&ldquo;? Die S-Bahn Berlin ist ein Konsortium mit Siemens und Stadler eingegangen. Beide Konzerne interessiert Berlin nicht, die interessiert nur die Rendite.<\/p><p><strong>Die immerhin w&uuml;rde ja stimmen, wenn alles irgendwann einmal in Sack und T&uuml;ten w&auml;re.<\/strong><\/p><p>Dazu sage ich nachher noch etwas. Zun&auml;chst aber das: CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde lud in diesen Tagen zum Krisengipfel. Da kamen Vertreter der beiden DB-T&ouml;chter S-Bahn Berlin GmbH und DB InfraGO. Bonde durfte mit dem Zeigefinger drohen, dann wurde ausgemacht: Auf der Stadtbahn wird jetzt <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/spitzengespraech-im-senat-mit-ute-bonde-die-s-bahn-berlin-soll-mit-mehr-putzen-aus-der-krise-kommen-li.2350637\">mehr geputzt<\/a>. Das ist zwar l&auml;cherlich, alte Technik braucht Wartung und Instandhaltung und nicht nur ein bisschen Sp&uuml;li.<\/p><p>Aber wir werden uns diese Posse noch zur&uuml;ckw&uuml;nschen. Nach der Vergabe werden Krisengipfel ganz anders ablaufen. Jeder bringt da seine Anw&auml;lte mit, die fordern von den anderen ein paar Millionen Euro Entsch&auml;digung. Da kommen dann noch Alstom dazu oder Siemens\/Stadler und der &Ouml;PP-Wagenvermieter auch noch. Da ist das Anw&auml;ltedutzend schnell voll. Und Berlin kann die Faust bestenfalls in der Tasche ballen, denn die landeseigene Briefkastenfirma, die eigens f&uuml;r die Privatisierung geschaffen wurde, soll dann zahlen statt kassieren. Derweil steht der Verkehr still, denn alle weisen ja die Verantwortung von sich &ndash; und das alle zwei Wochen neu.<\/p><p><strong>Sprich, es wird noch lange weiter haken?<\/strong><\/p><p>Die n&auml;chsten Tage soll verk&uuml;ndet werden, wer die Ausschreibung gewonnen hat. Wer denkt, dass das ein Ende mit Schrecken wird, den muss ich entt&auml;uschen. Denn wenn einer gewinnt, verliert ein anderer. Und diese Ausschreibung ist so anf&auml;llig, dass ein kommerziell aufgestellter Verlierer mit dem Klammerbeutel gepudert w&auml;re, wenn er nicht klagen w&uuml;rde. Schon zwischendrin hat der franz&ouml;sische Bahntechnikkonzern Alstom geklagt, und das Gericht hat deutlich gemacht, dass da vieles im Argen liegt. Es winken viele Millionen, wenn nicht Milliarden Euro an Entsch&auml;digung, und zwar f&uuml;rs Nichtstun.<\/p><p><strong>Und deswegen ist es auch ziemlich egal, wer gewinnt?<\/strong><\/p><p>Ja, einer wird klagen. Das k&ouml;nnen auch Siemens\/Stadler sein, wenn Alstom den Zuschlag bekommt. Und dann dauert es wieder drei Jahre, bis die Gerichte entschieden haben. Wir haben im Jahr 2021 einen Anwalt beauftragt, der hat uns in einem <a href=\"https:\/\/www.gemeingut.org\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Benno_Reinhardt_Positionspapier_Vergabe_S-Bahn_Berlin.pdf\">juristischen Positionspapier<\/a> erkl&auml;rt, dass man die Ausschreibung nat&uuml;rlich wieder aufheben kann und dass das noch nicht einmal so teuer w&auml;re, solange mehrere im Rennen sind. Steht allerdings der Gewinner endg&uuml;ltig fest, und man will dann erst die Notbremse ziehen, muss man den f&uuml;r entgangene Gewinne entsch&auml;digen. Insofern ist die Klage Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck, es w&auml;re n&auml;mlich die letzte Chance, mit einem blauen Auge aus dem Schlamassel herauszukommen.<\/p><p><strong>Die Spatzen pfeifen von den D&auml;chern, dass die S-Bahn Berlin GmbH, die das Gesamtnetz seit 30 Jahren bespielt, das auch weiterhin tun wird, wenngleich im Verbund mit Siemens und Stadler Rail, die die Z&uuml;ge und Waggons beisteuern m&uuml;ssten. Das w&auml;re ulkig, weil die damalige gr&uuml;ne Verkehrssenatorin Regine G&uuml;nther die Ausschreibung mit der klaren Zielstellung angeleiert hatte, mehr &bdquo;effektiven Wettbewerb&ldquo; bei &bdquo;vern&uuml;nftigen Preisen&ldquo; und &bdquo;dauerhaft guter Qualit&auml;t&ldquo; auf die Schiene zu bringen. H&auml;tte man sich den ganzen Aufriss nicht sparen k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Ulkig, nun ja. Ich f&uuml;rchte, in Berlin wird es am Ende wenig zu lachen geben. G&uuml;nther versprach 2019, mit der Ausschreibung 800 Millionen Euro zu sparen. Damals wurden die Gesamtkosten auf acht Milliarden gesch&auml;tzt, G&uuml;nther ging also von 8,8 Milliarden f&uuml;r den Fall einer in &ouml;ffentlicher, also in DB-Hand verbleibenden S-Bahn aus. Kurze Zeit sp&auml;ter hie&szlig; es, es kostet doch elf Milliarden Euro. Aus G&uuml;nthers 800 Millionen Einsparung waren 2,2 Milliarden Verluste geworden. Haftet sie daf&uuml;r?<\/p><p>Aber damit war das Ende der Fahnenstange bei den Kosten noch nicht erreicht. Und Kosten bedeuten hier Profite der k&uuml;nftigen Betreiber. Im Herbst 2023 gestand der schwarz-rote Senat ein, dass die Gesamtausgaben 20 Milliarden betragen w&uuml;rden &ndash; also zw&ouml;lf Milliarden mehr. Am Ende werden es vermutlich 25 Milliarden sein, also 16,2 Milliarden mehr statt Einsparungen von 800 Millionen. Das in einer Stadt, die wegen angeblichem Geldmangel soziale Einrichtungen und Projekte schlie&szlig;t, Kulturschaffenden R&auml;ume und F&ouml;rderungen wegnimmt, die Hochschulen werden ausgeblutet, Verkehrswende und Klimaschutz ausgebremst; alles wegen einer politisch gewollten Privatisierung. Und f&uuml;r das viele, viele Geld bekommt Berlin keine Super-S-Bahn, die Privatisierung garantiert, dass das S-Bahn-Chaos die n&auml;chsten Jahrzehnte zur festen Institution wird. Es lachen also Banken, die zwingend in die komplexen Kreditvertr&auml;ge eingebunden sind, und ein Gro&szlig;konzern.<\/p><p><strong>Aber inwiefern w&auml;re es eine Privatisierung, wenn die S-Bahn Berlin GmbH den Zuschlag bek&auml;me?<\/strong><\/p><p>Es ist eine funktionale Privatisierung, eine Privatisierung der Finanzierung und eine Kapitalprivatisierung. Funktional hei&szlig;t: Der Staat, in diesem Fall das Land Berlin, macht aus einer Daseinsvorsorgeleistung, dem S-Bahn-Verkehr, ein Finanzprodukt. F&uuml;r 15 Jahre bekommen Private in diesem Bereich das Sagen, bezogen auf die Wagen sogar f&uuml;r 30 Jahre, der Staat steuert nicht mehr, er zahlt nur noch. Zur Finanzierung: Jeder Bieter verschuldet sich f&uuml;r das Projekt am Kapitalmarkt. Als Sicherheit f&uuml;r die geliehenen Milliarden bietet man den Vertrag an. Die Zinsen von gesch&auml;tzt acht Milliarden Euro zahlt das Land Berlin. Geht ein Bieter pleite, bekommt die Bank die Insolvenzmasse. Und eine Kapitalprivatisierung ist es, weil kein &ouml;ffentlicher Anbieter mehr im Rennen ist. Die S-Bahn Berlin GmbH tritt mit Siemens und Stadler als Konsortium auf. Einer oder alle drei k&ouml;nnen ihre Anteile an BlackRock verkaufen, wenn sie wollen.<\/p><p><strong>Vielleicht ein Wort zum politischen Personal, das so etwas zu verantworten hat.<\/strong><\/p><p>Das fing mit dem fr&uuml;heren SPD-Regierungschef Michael M&uuml;ller an. Wo ist der jetzt, haftet er? Die Gr&uuml;nen haben das auch ganz eifrig betrieben. Die sind so in der Wolle der Wettbewerbsideologie gef&auml;rbt, dass sie reale Zahlen offenbar gar nicht mehr interessieren. Nach G&uuml;nther kam Bettina Jarasch als gr&uuml;ne Verkehrssenatorin. Der haben wir pers&ouml;nlich 10.000 Unterschriften gegen die S-Bahn-Privatisierung &uuml;bergeben. Sie hat uns versprochen, bei der DB anzufragen, was es Berlin kosten w&uuml;rde, ihr die S-Bahn abkaufen. Sie hat es nie getan.<\/p><p><strong>Und die neue Regierung aus CDU und SPD?<\/strong><\/p><p>Der heute Regierende B&uuml;rgermeister Kai Wegner hat vor der Wahl viel versprochen. Ich zitiere ihn w&ouml;rtlich: &bdquo;Die Ausschreibung ist viel zu umst&auml;ndlich, kleinteilig und langwierig&ldquo;, zudem berge sie die Gefahr der &bdquo;S-Bahn-Netz-Zerschlagung&ldquo; und einer &bdquo;Zerst&ouml;rung des bestehenden einheitlichen Berlin-Brandenburger S-Bahn-Netzes&ldquo;. Es drohe die Entlassung Tausender Mitarbeiter, was zu Fachkr&auml;ftemangel, insbesondere im Fahrdienst, f&uuml;hren k&ouml;nne. Es sei zu bef&uuml;rchten, &bdquo;dass sich die Arbeitsbedingungen durch Tarifflucht, massive Erschwerung zur Durchsetzung gewerkschaftlicher Rechte sowie diverse M&ouml;glichkeiten zum Aufbau von Subunternehmerpyramiden deutlich verschlechtern&ldquo;. Wegners Fazit: &bdquo;Das Einheitsnetz der S-Bahn Berlin GmbH und die S-Bahn Berlin m&uuml;ssen erhalten werden.&ldquo; Noch Fragen? Nein, Wegner hat die Ausschreibung nicht gestoppt.<\/p><p><strong>Es stellt sich eine weitere Frage: Was bringen die neuesten Z&uuml;ge und Waggons, wenn die denn irgendwann einmal startklar sind, bei einer komplett heruntergewirtschafteten Bahninfrastruktur?<\/strong><\/p><p>Die S-Bahn-Infrastruktur ist technisch ein Solit&auml;r, und das macht sie teuer und anf&auml;llig. Auch die Wagen sind ja so teuer, weil sie nur f&uuml;r Berlin entwickelt werden, und man kann sich bei Knappheit von anderswo keine ausleihen. Seit 2011 wird die sogenannte Zugbeeinflussung S-Bahn, kurz ZBS, eingebaut. Das ist eine Modernisierung, was gut ist, aber eine Siemens-L&ouml;sung nur f&uuml;r Berlin, was schlecht ist, weil man abh&auml;ngig wurde. Vor allem ist das nicht wirklich modern, was da verbaut wird. Im Berliner &Ouml;PNV sanken die Kapazit&auml;ten zwischen 2023 und 2025 bereits um sieben Prozent. Dabei m&uuml;ssten wir Z&uuml;ge dichter fahren lassen, wenn mehr Verkehr auf die Schiene soll. Das geht, die M&uuml;nchner S-Bahn erreicht 30 Zugpaare pro Stunde, technisch m&ouml;glich w&auml;ren dort sogar 37. Berlin schafft maximal 21, und das bleibt so bis 2050. Ernsthaft.<\/p><p><strong>Die Krise der S-Bahn ist ja im Wesentlichen die Krise der Deutschen Bahn. Und die ist neuerdings <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=137741\">praktisch f&uuml;hrungslos<\/a>, seit ihr Chef Richard Lutz zum Entlassungskandidaten erkl&auml;rt wurde. Was tun?<\/strong><\/p><p>Es ist eine tiefe Krise der Politik. SPD und CDU haben das begonnen, SPD, Gr&uuml;ne und Linke haben es fortgef&uuml;hrt. Die CDU hat es in der Opposition kritisiert, wieder in der Regierung macht sie weiter. Auf Bundesebene versagen CDU und SPD seit Jahrzehnten bei der Steuerung der Deutschen Bahn. Notwendig sind grundlegende Schritte. Wer geht die an? Die DB macht, was sie will, weil sie vor 30 Jahren als privatrechtliche Aktiengesellschaft aufgestellt wurde, der niemand reinredet. Die S-Bahn-Ausschreibung wurde gestartet, und es wurde so aufw&auml;ndig, hat sich derart verz&ouml;gert und wurde so teuer, dass niemand noch sagen kann, das ist die beste L&ouml;sung.<\/p><p><strong>Und stattdessen?<\/strong><\/p><p>Die L&ouml;sung w&auml;re, dass Berlin die S-Bahn rekommunalisiert: Wagen, Betrieb und Netz. Das kostet bei Weitem nicht so viel wie die 20 Milliarden dieser Ausschreibung, und man muss den Erwerb noch nicht einmal auf die Schuldenbremse anrechnen, weil man gleichzeitig ja sein Verm&ouml;gen vergr&ouml;&szlig;ert. Gerade sind in Bund und in Berlin Schwarz-Rot an der Regierung, die m&uuml;ssten sich doch einig werden k&ouml;nnen. Eine S-Bahn in Berliner Hand k&ouml;nnte so geplant werden, dass sie w&auml;chst und es leicht macht, das Auto immer &ouml;fter stehen zu lassen. Man braucht keine Wagenausschreibungen mit Neuentwicklungen. Es gibt einen neuen Wagentyp von Stadler, von dem kann man einfach sukzessive so viel bestellen, wie die bauen k&ouml;nnen. Wenn die S-Bahn wieder &ouml;ffentlich ist, kann da auch die EU nicht reinreden. Man kann auch Stadler Pankow kaufen, das w&uuml;rde sich sicher rechnen.<\/p><p>Die Politik z&ouml;gert nicht, gro&szlig; Geld auszugeben, 20 Milliarden Euro, ohne sich Gedanken zu machen, was man damit alles gestalten k&ouml;nnte. Gro&szlig; zu denken, das muss erst noch kommen.<\/p><p><strong>Herr Wa&szlig;muth, vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Mo Photography Berlin\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/24a0bf01dc174fd2a4c691f022ccb6ce\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berliner S-Bahn rauscht von einer Krise in die n&auml;chste. Diesmal herrscht Chaos, weil die Infrastruktur marode und Jahrzehnte alt ist. 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